Inhalt: EinführungWahrnehmung und Diagnose "sexueller ProblemeDie häufigsten BeschwerdenUrsachen für sexuelle ProblemeAblauf einer SexualtherapieKostenNachwort

Sexualstörungen und Sexualtherapie

"Den Körper lustvoll zu erleben stärkt das Selbstbewusstsein und erhöht die Lebensqualität.
Niemand soll davon ausgeschlossen sein." (Quelle: Alphanova.at)

Sexualstörungen sind nach heutiger wissenschaftlicher Auffassung Ausprägungen des Sexualverhaltens bzw. des sexuellen Erlebens, die durch die Betroffenen selbst als "Störung" empfunden werden. Es kann vorkommen, dass eine derartige Störung von Betroffenen gar nicht als solche erkannt wird, da sie sich der möglichen Qualität sexueller Entfaltung gar nicht bewusst sind (also ihr verhältnismäßig eingeschränktes sexuelles Erleben als "normal" empfinden). Die große Bandbreite dessen, was grundsätzlich als "normal" titulierbar ist, führt ferner dazu, daß selbst fundamentale Zustände wie Partnerlosigkeit sowohl als Leidenszustand (wenn ungewollt) als auch als neutral oder sogar positiv (z.B. wenn "freiwillig" gewählt) empfunden werden können. Wenn der Betroffene seine sexuellen Neigungen bzw. das daraus resultierende Verhalten nicht als Störung empfindet, aber Partner bzw. Gesellschaft diese Vorlieben anders bewerten, so kann dieser Konflikt dennoch als Störung wahrgenommen werden. Insgesamt also ist es schwierig, die Randbereiche sexueller Störungen allgemeingültig und wissenschaftlich exakt zu definieren.

Häufige Ursachen für diagnostizierbare sexuelle Störungen sind frühkindliche Störungen, verletzende Erfahrungen im Lebensverlauf, Beziehungsprobleme in der Partnerschaft, körperliche Probleme oder innerpsychische Konflikte im Spannungsfeld zwischen Ansprüchen, Wünschen und realen Möglichkeiten.

Wahrnehmung und Diagnose "sexueller Probleme"

Bei allen Schwierigkeiten, sexuelle "Störungen" als solche zu erfassen: wirklich zufrieden mit ihrem sexuellen Leben sind nur wenige Menschen, und die Zahl der Unzufriedenen oder Enttäuschten nimmt tendentiell zu. Menschen, die längere Zeit hindurch keine oder nur defizitäre Sexualkontakte haben, empfinden i.a. weniger Lebensqualität, häufig geht sexuelle Unzufriedenheit auch mit Depressionen oder anderen psychischen Belastungen einher. Letztlich liegt es aber in den meisten Fällen an den Betroffenen, ob sie sich professionelle Unterstützung für ihre sexuellen Probleme suchen oder nicht. Da diese Probleme immer noch als "peinlich" empfunden werden, passiert dies jedoch verhältnismäßig selten: die überwiegende Mehrheit der Betroffenen leidet folglich jahrelang, ohne daß eine nachhaltige Veränderung erreichbar wäre.

Jene, die aber eine Sexualtherapie bei professionell arbeitenden SexualtherapeutInnen in Anspruch nehmen, erfahren zunächst eine diagnostische Abklärung der jeweiligen Beschwerden. Bleibt es lediglich beim Abfragen der Erscheinungsform(en), wie es mitunter bei nicht oder unzureichend ausgebildeten Sexualtherapeuten vorkommt, greift dies häufig zu kurz - und kann folglich zu ausbleibendem Therapieerfolg führen, da die eigentlichen Ursachen ggf. weitgehend unberührt bleiben. Häufig zeigt sich dies, wenn aufgrund einer rein psychischen Ursachensuche (=häufig bei BeraterInnen, PsychologInnen oder PsychotherapeutInnen) allzu schnell irgendwelche "Tipps" oder trickreich wirkende "Aufgaben" gegeben werden, oder (=häufig bei ÄrztInnen oder HeilpraktikerInnen) sofort Tabletten oder andere Substanzen verordnet werden.

Eine sexualtherapeutische Diagnose besteht aus

 

Sexualtherapie / Sexualberatung

Sexuelle Probleme in der PartnerschaftEs ist ganz normal, die Freude am Sex zu verlieren, wenn sich im Bett zunehmend Frust statt Lust breitmacht. Eine Sexualberatung hilft dabei, den psychischen Ursachen auf den Grund zu gehen und diese nach Möglichkeit zu beseitigen. Aufgrund der starken Wechselwirkungen zwischen unserer Sexualität und der Psyche können Sexualtherapie und Psychotherapie häufig sogar bei rein organischen Beschwerden im Sexualbereich eine Verbesserung der Symptomatik erreichen.

Sexuelle Probleme sind in einem typischen Lebensverlauf keineswegs etwas Außergewöhliches: statistische Erhebungen deuten darauf hin, daß jeder Mensch im Verlauf seines Lebens zumindest 1x Schwierigkeiten sexueller Art haben dürfte! Um aber nicht womöglich jahrelang oder das ganze Leben lang darauf warten zu müssen, daß das Problem "wie von selbst" verschwindet, ist es ratsam, es nach einigen Wochen ohne deutliche Verbesserung ernst zu nehmen und sich ggf. Unterstützung durch einen Sexualtherapeuten zu holen.

Die häufigsten Beschwerden

Keine Sexualstörungen im eigentlichen Sinne, aber mitunter damit verbunden:

Weitere sexuelle Variationen:

Homosexualität (erotische Liebe und der sexuelle Kontakt durch Personen des gleichen Geschlechts, vorwiegend verwendet für Männer) bzw. Lesbiertum (Frauen) unterliegt bis heute gesellschaftlichen (d.h. "moralischen") Wertungen, wird in Fachkreisen aber nicht mehr als krankhaftes Verhalten bezeichnet und ist daher auch in den modernen Klassifikationssystemen psychischer Krankheiten nicht mehr enthalten.
Transgender (fehlende Akzeptanz des eigenen Geschlechts, dagegen vollständige Identifikation mit dem anderen), auch bezeichnet als Transsexualismus oder Transsexualität, gilt gemäß dem ICD-10, der Internationalen Klassifizierung von Krankheiten der WHO, als eine Form der Geschlechtsidentitätsstörung. Das Verständnis von Transgendern als Menschen mit einer von der Norm abweichenden sexuellen Präferenz gilt heute als unexakt und wird von den betroffenen Menschen abgelehnt.
Das "Image" beider sexueller Variationen unterlief während der letzten Jahrzehnte eine bedeutende Wandlung, Homosexualität ist heute vor allem in der westlichen Welt weitgehend akzeptiert. Dennoch - beide bedeuten für die betreffenden Menschen meist eine erhebliche psychische Belastung während der Phase des 'coming outs' (zunächst des Sich-selbst-bewußt-Werdens, dann des Sich-Erklärens), was eine psychotherapeutische Begleitung fast immer zu einer wichtigen Unterstützung macht. Bei geplanter operativer Geschlechtsumwandlung von Transgendern ist diese auch gesetzlich vorgeschrieben.
Die Ursachen beider Ausprägungen sind bis heute noch nicht eindeutig abgrenzbar - weder existieren triftige psychokausale Erklärungsmodelle, noch ein Nachweis biologischer bzw. genetischer Ursachenfaktoren.

 

Ursachen für sexuelle Probleme

Körperliche Ursachen

Impotenz ErektionsstörungenMänner erleben üblicherweise ab dem Alter von etwa 30 Jahren ein Abfallen der Intensität ihrer sexuellen Bedürfnisse, spätestens ab 50 Jahren auch ihrer sexuellen Leistungsfähigkeit. Dies sind ganz normale körperliche Prozesse, die durch verschiedenste Faktoren (Umwelt, Psyche, Gene, körperl.Defekte,..) verursacht aber auch schon wesentlich früher auftreten können. Aufgrund der möglichen organischen Ursachen ist eine ärztliche Abklärung beim Urologen bzw. Andrologen daher fast in allen Fällen als erster Schritt anzuraten. Läßt sich auf diesem Weg keine Erklärung für die Beschwerden finden, wäre baldmöglichst eine Sexualtherapie indiziert.
Auch bei rein physiologischen Ursachen aber kann eine Sexualtherapie unterstützen und häufig sogar die Symptomatik lindern, da die psychischen Auswirkungen des Problems dieses häufig zusätzlich verstärken.

Bei Frauen finden sich verhältnismäßig selten körperliche Ursachen für Sexualstörungen - abgesehen von Schmerzen beim Sex oder sonstigen unübersehbar organischen Symptomen ist fast immer eine Sexualtherapie bzw. Psychotherapie indiziert.

Psychische Ursachen

Experten sind sich heute einig, daß bei den meisten sexuellen Störungen zwar organische Auffälligkeiten ausgemacht werden können, für diese aber in der überwiegenden Anzahl der Fälle psychische Ursachen zumindest mitverantwortlich sind. Und diese Ursachen sind vielgestaltig: häufig äußern sie sich in Leistungsdruck oder dem Gefühl, bestimmten Erwartungshaltungen oder Normen entsprechen zu müssen - viele Menschen haben verlernt, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu hören oder nehmen diese nicht ernst genug. Besonders Männer haben häufig ein geradezu peinigendes Bedürfnis, daß im Bett alles "funktioniert": so greifen immer mehr von ihnen selbst schon in einem Alter von unter 45 Jahren wiederholt zu erektionsfördernden Arzneimitteln wie Viagra oder Cialis, wodurch sich häufig nach einigen Jahren des Arzneimittelgebrauchs auch noch eine zumindest psychologische Abhängigkeit von der Einnahme entwickelt.
Bei Frauen wiederum sind es häufig Schwierigkeiten rund um allgemeine sexuelle Lustlosigkeit oder sexuelle Höhepunkte zu erreichen, unter denen sie mitunter sogar Jahrzehnte leiden - weil sie das Problem lange nicht wichtig genug nehmen oder aus Hemmung, sich diesbezüglich selbst professionellen Beratern zu öffnen.

Probleme auf Paarebene als Ursache

Wenn Konflikte in der Partnerschaft existieren, bleibt das früher oder später nicht ohne Auswirkung auf das Sexualleben des Paares. Es müssen aber gar keine akuten Konflikte vorliegen - auch ungelöste Probleme, unterschiedliche Auffassungen über die gemeinsame Sexualität (Frequenz, Spielarten, Bedürfnisse) können zu sexuellen Problemen bei einem oder beiden Partnern führen, oder wenn über Sexualität nicht oder nur begrenzt gesprochen werden kann. Hier können gemeinsame Sexualtherapie - Stunden bzw. Paartherapie - Stunden gewissermaßen ein "Forum" dafür darstellen, daß unter professioneller Begleitung und Moderation die schwierigen Themen besprochen und gelöst werden können.

 

Ablauf einer Sexualtherapie

Inhalt und Ablauf einer professionellen Sexualtherapie werden sich immer nach der vorgenommenen Diagnose richten und nur selten in der reinen "Verschreibung" psychologisch ansetzender "Tipps" oder von Arzneimitteln bestehen.
Liegen psychische Ursachen für die sexuellen Störungen nahe (etwa bei frühkindlichen Störungen und Belastungen, Neurosen, psychischer Begleitsymptomatik etc.), ist ein ausschließlich psychotherapeutischer Ansatz der erfolgversprechendeste, wobei eine parallele Behandlung der funktionalen sexuellen Störungen sinnvoll ist. Die angewandte Methode ist dabei von zweitrangiger Bedeutung, wichtig ist vor allem die Wahl des "passenden" Therapeuten. Beim Vorliegen von Traumata ist es zusätzlich wichtig, sich TherapeutInnen zu suchen, die über Erfahrung in Traumatherapie verfügen.
Allgemein wird eine integrative Kombination von angeleiteten verhaltensorientierten (erotische Massage, Verwöhn- und Wunsch-Tage, Phantasien kommunizieren und umsetzen, erotische Filme, Rollenspiele, ungewöhnliche Orte etc. etc.), systemischen (insbesondere bei paralleler Beziehungssymptomatik bzw. Paarkonflikten) und kommunikativen (Gesprächstraining, Kommunikationsübungen, u/o Besuch einschlägiger Seminare) Ansätzen als besonders wirkungsvoll betrachtet. Der Sexualtherapeut oder die Sexualtherapeutin empfehlen die jeweiligen Schwerpunkte aufgrund ihrer Erfahrung und auf Basis der vorgenommenen Diagnose, unterstützen das Paar bei der Überwindung der meist unvermeidlichen Schwierigkeiten am Beginn und bieten einen geschützten Rahmen für den Austausch und die Reflexion des Erlebten. Die meisten Menschen (ob einzeln oder als Paar) empfinden eine Sexualtherapie, sind die von vielen zunächst als "unangenehm" empfundenen ersten Hürden, sich mit den Problemen an jemand Außenstehenden zu wenden, erst einmal überwunden, als spannenden und interessanten, nicht nur das Beziehungsleben, sondern auch das eigene Erleben erweiternden Prozess!

Ansätze abseits integrativer Verfahren

In der Urologie werden Sexualstörungen meist als "Funktionsstörung" betrachtet. Urologen sind spezialisiert auf chirurgische, medikamentöse und Hormon-Behandlung (beispielsweise Prostata-Operation, Sildenafilbehandlung ("Viagra"), Testosteronbehandlung). Sexualtherapie im hier beschriebenen Sinne gehört nur selten zum Angebot des Urologen.

Für Klienten ohne Partner oder ohne Sexualpartner arbeiten einzelne Sexualtherapeuten mit Prostituierten mit therapeutischer Kompetenz als Ersatzpartner zusammen. Insbesondere beim Vorliegen sexueller Störungen oder aufgrund von Schüchternheit bzw. durch soziale Ängste mitbedingte Partnerlosigkeit stellt das bloße Aufsuchen von Prostituierten (wie es häufig von gutmeinenden Freunden oder auf manchen Internetseiten empfohlen wird) aber erfahrungsgemäß nur in den seltensten Fällen eine Lösung dar, oder kann die zugrundeliegende Problematik sogar noch verstärken - etwa, wenn dadurch der sexuelle Druck oder der Wunsch nach einer(m) "wirklichen" PartnerIn noch erhöht wird oder zusätzliche Frustrationserlebnisse gesammelt werden. Frauen fällt es i.d.R. leichter, SexualpartnerInnen zu finden - dies allein aber löst, langfristig gesehen, jedoch auch ihre Probleme nicht, wirklich befriedigende und sexuell erfüllende Beziehungen aufzubauen. Somit erweist es sich längerfristig meist als sinnvoller, zumindest parallel das Problem auf Beziehungsebene (z.B. "warum finde ich keine Freundin, keinen Freund?") zu bearbeiten.

Abschließend sei der Vollständigkeit halber angemerkt, daß jegliche Formen von sexuellem Kontakt zwischen Psychologen, PsychotherapeutInnen und (professionell ausgebildeten und nach wissenschaftlichen Standards arbeitenden) SexualtherapeutInnen und deren KlientInnen von allen etablierten Standesorganisationenen als Missbrauch verurteilt werden und in vielen Ländern strafbar sind2. Körperlichkeit kann in der Psychotherapie in bestimmten Bereichen eine sehr hilfreiche Ergänzung oder Methodik darstellen (körperorientierte Ansätze in der Psychotherapie wie z.B. Bioenergetik oder Holotropes Atmen), nicht aber solche sexueller Natur.

 

Abschließende Betrachtungen

Zufriedenstellendes SexuallebenSexuelle Störungen oder sexuelle Probleme in der Partnerschaft sind nicht lebensbedrohlich - prinzipiell könnte man mit ihnen das ganze Leben verbringen. Allerdings beeinträchtigen sie die Lebensqualität zumindest in bestimmten Lebensphasen erheblich. Betroffene erzählen von sich, daß sie sich enorm anstrengen und mitunter schon viel über ihr Problem gelesen haben, mit nur geringem oder kurzfristigem Erfolg. Häufig entsteht der Eindruck, als wollten sie sich gleich der Sage von Münchhausen am "eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen". Ganz besonders häufig ist dies bei Männern der Fall, da es dem klassischen Männerbild entspricht, seine Probleme allein zu lösen.

Auch eine Sexualtherapie ist häufig ein komplexer Prozess, der nicht immer gleich im Zuge der ersten Stunden Erfolg verspricht - zu lange schon tragen Klienten häufig das Problem mit sich herum, und zu tief sind die Problemursachen im Organismus 'verdrahtet'. Lassen sich die Betroffenen aber ernsthaft auf eine Sexualtherapie ein und halten sie diese einige Stunden lang durch, wird sich häufig nach etwa 3-5 Stunden eine Verbesserung einstellen.

Link-Tipp: Leitfaden zum Scheitern einer Sexualtherapie

 

DSP Richard L. Fellner ist Psychotherapeut, Sexualtherapeut und Coach in Wien.
Nachdruck gerne gesehen, aber nur mit korrekter Quellenangabe.
Bei Volltext-Übernahme zusätzlich auch Genehmigung des Verfassers erforderlich.

1 "Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht die bloße Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen." (offizielle Definition von Gesundheit gemäß der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom 22. Juli 1946)
2 Österreich: § 212 Abs. 2 StGB, Schweiz: Art. 193 Abs. 1 StGB, Deutschland: § 174 c StGB

Artikelbezogene Themenbereiche und verwandte Begriffe: Sexualtherapie, Sextherapie, Sexualstörungen, sexuelle Probleme, sexuelle Lustlosigkeit, Orgasmusprobleme, Orgasmusstörungen, vorzeitige Ejakulation, Ejaculatio praecox, Vaginismus, Beratung, Supervision, Therapie

Anhang: weitere Literatur zum Thema, mit Leserrezensionen: