Mai 10

Das letzte filmische Werk des kontroversiellen Regisseurs Darren Aronofsky ließ wohl viele Zuseher sprachlos und aufgewĂŒhlt zurĂŒck – nun, wie so manche seiner Filme wie etwa auch ‘Pi‘…

In Black Swan lernen wir zunĂ€chst ein fragiles Doppelgespann kennen: Nina ist Ballett-TĂ€nzerin, und lebt ĂŒberfĂŒrsorglich kontrolliert und von der Außenwelt weitgehend geschĂŒtzt mit ihrer Mutter in New York. Ihr Zimmer wirkt wie ein Kinderzimmer, und sie selbst wie ein Teenager im Körper einer jungen Frau. Ihre Mutter ist selbst Ex-Ballerina, und versucht ihre Tochter “mit Zuckerbrot und Peitsche” bei ihrer Karriere im New York City Ballet zu unterstĂŒtzen. Emotionen bleiben dabei weitgehend unterdrĂŒckt und werden der Leistung und harten Arbeit untergeordnet sowie der Angst der Mutter, ihre Tochter könnte unter dem Druck der bevorstehenden Herausforderung – der Hauptrolle in einer Neuinszenierung von “Schwanensee” – in frĂŒhere selbstdestruktive Verhaltensmuster (Selbstverletzung) zurĂŒckfallen. Die destruktive Beziehung zwischen beiden wird besonders in einer Szene illustriert, in der Nina’s Mutter zur Feier eine kitschige Torte vorbereitet. Als Nina erklĂ€rt, keinen Appetit darauf zu haben, droht die Mutter in vorwurfsvollem Ton, die Torte wegzuwerfen. Nina lenkt ein – und muß daraufhin ein StĂŒck der Glasur vom ausgestreckten Zeigefinger ihrer Mutter lecken. Die Botschaft: die Mutter hat immer recht, und Nina hat sich gefĂŒgig so zu verhalten, wie “man” (ihre Mutter) das von ihr erwartet.

Nina war offenbar schon vom frĂŒhesten Kindheitsalter an gezwungen, sich an den Erwartungen ihrer Mutter zu orientieren, die identische Berufswahl und die Ausrichtung ihres Alltags am Gelingen der Ballett-Karriere verstĂ€rken diesen Eindruck. Im Zuge der Arbeit am StĂŒck “Schwanensee” wird der Zuseher nun Augenzeuge einer zunehmenden Auflösung der Grenze zwischen dem, was in der kleinen Welt daheim vorzeigbar und “akzeptabel” ist, und den dĂŒnkleren Seiten nicht nur der Welt draußen, sondern auch Ninas. Der Choreograph des StĂŒcks beschleunigt diese Entwicklung durch seine Bemerkung, dass Nina zwar bestens fĂŒr die Rolle des “weißen Schwans” geeignet, aber nicht leidenschaftlich genug sei, den “schwarzen Schwan” glaubwĂŒrdig darzustellen. Vermutlich gefördert durch die Angst, die Hauptrolle zu verlieren, brechen sukzessive die “dunklen”, bisher von Nina in keiner Weise zugelassenen und ungelebten Seiten durch: sie zeigt Aggression, beginnt, ihren Körper zu erforschen (sie beendet dies schockiert, als sie ihre Mutter im Raum erblickt) und sich in einzelnen Bereichen von ihrer Mutter abzugrenzen. Eine Kollegin verfĂŒhrt sie zu einer rauschenden, ja tranceĂ€hnlichen Nacht, von der Nina nach dem Erwachen nicht mehr sicher sagen kann, ob sie dabei tatsĂ€chlich auch erste sexuelle Erfahrungen machte oder nicht. Immer öfter bricht ab diesem Zeitpunkt die “andere” Seite durch: zunĂ€chst flackernd und sekundenlangen Dissoziationen Ă€hnelnd, dann immer hĂ€ufiger und lĂ€nger, wobei Nina zunehmend den Überblick darĂŒber verliert, was noch Phantasie, Wunschdenken und Einbildung, und was RealitĂ€t ist.

Das Thema der Spaltung und DualitĂ€t zieht sich durch den gesamten Film und beklemmenderweise kann schliesslich nicht einmal mehr der Zuseher mit Sicherheit sagen, was denn nun tatsĂ€chlich geschah und ob einige der verdrĂ€ngten Phantasien Nina’s tatsĂ€chlich durchbrachen – oder es bei diesen blieb. An diesen Stellen lĂ€ĂŸt sich ansatzweise der beĂ€ngstigende Zustand einsetzender psychotischer SchĂŒbe und Dissoziationen erfĂŒhlen.

Zunehmend zeigt sich jedoch, dass Nina durch die Integration der “anderen”, abgespaltenen Seite (in der Analytischen Psychologie C.G. Jung‘s: des “Schattens” bzw. des “Schatten-Selbst”)  insgesamt lebendiger und stĂ€rker wird. Nach der Integration der GefĂŒhlsaspekte des “schwarzen Schwans”: Eifersucht, Neid, Hass, Leidenschaft, Erotik und SexualitĂ€t u.dgl., wird Nina “komplett”. Ohne das Ende des Films vorwegzunehmen zeigt sich aber auch, dass das brutale Hineingetrieben-werden in eine solche Erfahrung fĂŒr die Betreffenden mitunter nur schwer verkraftbar ist, da die psychischen Strukturen um die damit verbundenen inneren Konflikte verarbeiten zu können, nur langsam wachsen – was Zeit (und hĂ€ufig auch Psychotherapie) erfordert. Im Film ist jedoch meinem Eindruck nach der Weg das Ziel – die Darstellung eines persönlichen Entwicklungsweges, des in-Erscheinung-Tretens abgespaltener Persönlichkeitsanteile und Triebe, und schließlich die fĂŒr uns alle herausfordernde adĂ€quate Integration dieser Teile in den Alltag.

Insgesamt ein packender und aufwĂŒhlender Film, den sich insbesondere Psychologie-Interessierte nicht entgehen lassen sollten!

Links zu den erwÀhnten Filmen:

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Jun 29

Du hast ja eine Psychose!” Dies ist gewissermaßen die “gebildetere” Form der Floskel “Du bist ja verrĂŒckt!”, die von manchen verwendet wird, wenn sie sich die Handlungen einer Person nicht erklĂ€ren können.

In stark naturverbundenen Kulturen wurden Menschen, deren Verhalten stark von dem abwich, was als “normal” empfunden wurde, durch Magier und Schamanen behandelt. Im Westen dagegen wurden sie frĂŒher in sogenannten “IrrenhĂ€usern” eingesperrt und teils grausam behandelt (-> Artikel: “Geschichte der Psychotherapie“). Erst in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts nahm der Psychiater Karl Birnbaum erstmals eine Abgrenzung des medizinischen Begriffs der sog. “Psychose” vor. Seinem Konzept nach war diese durch eine Wechselwirkung zwischen organischen und psychischen Ursachen bestimmt: die organischen Faktoren definierten den Krankheitstyp, ihre AusprĂ€gung, ihr Beginn und ihr Verlauf wĂŒrden dagegen stark von psychischen Faktoren beeinflusst.

Das VerhĂ€ltnis dieser zwei Einflußfaktoren war geschichtlichen Änderungen unterworfen: vor dem Beginn der Psychiatrie hielt man “Geisteskranke” noch fĂŒr unheilbar, gefolgt von einer HochblĂŒte der Psychotherapie. GegenwĂ€rtig befinden wir uns wieder in einer Phase, in der die körperlichen (neurologischen) Faktoren im Vordergrund stehen. Mitunter werden dann auch ausschließlich diese behandelt – selbst wenn die eigentlich Betroffenen dies als nicht befriedigend und ausreichend erleben. Die erfolgreichsten Modelle bestehen heute aber in Kombinationen aus pharmakologischer, psychotherapeutischer und sozialtherapeutischer Behandlung.

Symptome, die auf eine Psychose hindeuten, sind wiederkehrende akustische oder andere Halluzinationen, wahnhafte Denkinhalte oder Beziehungsideen. Die eigene Person oder die Umwelt wird mitunter entfremdet oder verĂ€ndert wahrgenommen, die Sprache kann verwirrt oder konfus wirken. VerĂ€ngstigte, erregte, gereizte oder getriebene Stimmungen sind hĂ€ufig und oft auch Ă€ußerlich wahrzunehmen, manchmal aber auch “gedĂ€mpftes”, passives und gleichgĂŒltiges Verhalten.

Gar nicht oft genug kann ich auf die Wichtigkeit des sozialen Umfeldes hinweisen: da die Betroffenen selbst hĂ€ufig verĂ€ngstigt sind oder ihre eigene Situation verzerrt wahrnehmen, ist es bedeutsam, daß engagierte Freunde oder Verwandte mit Nachdruck auf Diagnose und Therapie hinarbeiten. Eine möglichst frĂŒhzeitige Behandlung verbessert die therapeutischen Interventionsmöglichkeiten nĂ€mlich deutlich.

Link-Tipp: Selbsttest auf Dissoziation / Dissoziative IdentitÀtsstörung

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:psymantra.com)

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Mrz 14

Cannabis PsychosenWissenschafter haben fĂŒr eine Studie an der UniversitĂ€t von Queensland, Australien, mehr als 3.800 junge Erwachsene um die 20 Jahre zu ihrem Cannabis-Konsum befragt und sie außerdem auf Psychosen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen untersucht. 14 Prozent der Befragten gaben an, schon seit sechs Jahren oder lĂ€nger Haschisch zu rauchen.

Langzeit-Konsumenten hatten der Befragung zufolge offenbar ein doppelt so hohes Risiko, an psychotischen Symptomen wie Schizophrenie zu erkranken als jene Studienteilnehmer, die noch nie mit Cannabis in BerĂŒhrung gekommen waren. Sie waren auch doppelt so anfĂ€llig fĂŒr Halluzinationen und hatten ein vierfach erhöhtes Risiko, unter Wahnvorstellungen zu leiden. Die Gefahr nimmt nach EinschĂ€tzung der Forscher parallel zur Dauer des Cannabis-Konsums zu. Je lĂ€nger der erste Cannabis-Konsum zurĂŒcklag, desto grĂ¶ĂŸer war das Risiko einer Erkrankung. Eine Verbindung mit Depression und Selbstmordneigung sei nicht nachweisbar.

Ob die Erkrankung bei den Psychose-Patienten allein durch den Cannabis-Konsum ausgelöst wurde oder ob sie schon vor dem Drogenmissbrauch anfĂ€llig fĂŒr Geisteskrankheiten waren, ist jedoch unklar. Bei Patienten, die schon in jungen Jahren unter Halluzinationen litten, war es demnach wahrscheinlicher, dass sie eher und öfter Cannabis konsumieren. ErgĂ€nzend ist anzumerken, daß dasselbe PhĂ€nomen beim Konsum von Alkohol, Nikotin auftritt, darĂŒber erhöht frĂŒhzeitiger Konsum von Rauschmitteln auch die AnfĂ€lligkeit fĂŒr spĂ€teres Suchtverhalten.

166 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren oder 4 Prozent dieser Altergruppe haben 2006 zumindest schon einmal gekifft. Cannabis ist die weltweit am meisten von meisten jungen Menschen konsumierte illegale Droge, die sich nun von den reichen LÀndern auch auf die armen ausgebreitet habe. Am stÀrksten wird Cannabis nach Angaben der UN-Drogenbehörde in den USA, Australien und Neuseeland konsumiert, gefolgt von Europa. Prozentual die meisten Cannabis-Konsumenten gibt es aber in Asien.
Der Wirkstoff THC fĂŒhrt zu einem “High”, einer leichten Euphorie und setzt die Reaktionszeit, die Informationsverarbeitung und Koordination herunter. 5-24 Prozent des gerauchten THC erreicht das Gehirn. Der Wirkstoff kann aber auch Ängste, Panikreaktionen oder psychotische Symptome auslösen. Es gibt Hinweise, aber keine Beweise, dass der THC-Gehalt in beschlagnahmten Cannabis-Produkten in den letzten 30 Jahren gestiegen sei.
Nach den ausgewerteten Studien könnten 9 Prozent der Menschen, die Cannabis konsumieren, abhĂ€ngig werden. Das Suchtrisiko ist fĂŒr Nikotin mehr als dreimal so hoch, fĂŒr Kokain doppelt so hoch. Von Alkohol werden 15 Prozent sĂŒchtig, von Amphetaminen 11 Prozent.
WĂ€hrend chronische Bronchitis bei Cannabis-Rauchern hĂ€ufiger auftreten, gibt es noch keine Belege, dass Cannabis trotz der Karzinogene im Rauch zu Lungenkrebs fĂŒhrt. Meist seien regelmĂ€ĂŸige Kiffer auch Tabakraucher. Bei starken Kiffern soll Cannabis zu Aufmerksamkeits-, GedĂ€chtnis- und Lernstörungen fĂŒhren können. Verbunden sei Cannabis-Konsum bei Jugendlichen mit schlechteren Schulleistungen, vermutet wird, dass hier eine Reihe von Ursachen neben den direkten Wirkungen eine Rolle spielen. Unklar ist, ob der Cannabis-Konsum direkt die Neigung steigert, auf hĂ€rteren Drogen umzusatteln, wie man dies in den USA, Australien und Neuseeland beobachten könne, schreiben die Autoren. Es könne auch daran liegen, dass die Kiffer bereits mit dem Drogenmarkt vertraut sein und so leichter an anderen Stoff herankommen.

(Quellen: [1], [2], tp; Photo:zamnesia)

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Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enthĂ€lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensstörungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschließlich psychischer und Verhaltensstörungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verfĂŒgen aber nicht nur ĂŒber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun fĂŒr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: fĂŒr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten EntwĂŒrfe zur Veröffentlichung freigegeben, die endgĂŒltigen Fassungen werden dann fĂŒr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der VorschlĂ€ge fĂŒr den neuen DSM-V veröffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden mĂŒssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal ĂŒberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was ĂŒber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt fĂŒr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “VĂ€ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, daß die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen TĂŒren stattfinden, selbst ihm habe man einschlĂ€gige AuskĂŒnfte verwehrt. Sein Nachfolger fĂŒr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Außerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“BeflĂŒgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard UniversitĂ€t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die große Bedeutung solcher Diagnosemöglichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, hĂ€tten sich diese Erwartungen aber nicht erfĂŒllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverlĂ€ssig feststellen ließen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, PersönlichkeitszĂŒge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche Änderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-MentalitĂ€t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise fĂŒnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgeprĂ€gt sind. Solcherart soll dem hĂ€ufigen Umstand besser gerecht werden, daß viele Patienten nicht nur an einer einzelnen Störung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch könnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgestört und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz könnte auch dazu fĂŒhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert fĂŒr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon fĂŒr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den Ärzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, löst aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

DarĂŒber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingefĂŒhrt, die ebenfalls fĂŒr Diskussionsstoff sorgen dĂŒrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die frĂŒhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das könne zu einer verfrĂŒhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unnötigen Stigmatisierung fĂŒhren, BefĂŒrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit frĂŒher helfen zu könenn.
“Hypersexual disorder” (HypersexualitĂ€tsstörung) ist fĂŒr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den WĂŒnschen Transsexueller dĂŒrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (GeschlechtsidentitĂ€tsstörung) geben.

Statt der bisher zwölf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch fĂŒnf Persönlichkeitsstörungen geben, nĂ€mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische Störung. Damit wĂŒrde auch das frĂŒher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere fĂŒr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “GefĂŒhlsregulationsstörung mit schlechter Stimmung” zu ĂŒbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter GefĂŒhlsausbrĂŒche und negativer StimmungszustĂ€nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll kĂŒnftig von den “Störungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings wĂŒrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger fĂŒr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine VerĂ€nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder AbhĂ€ngigkeit wurde vollstĂ€ndig durch diejenige von Störungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumstörung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (AlkoholabhĂ€ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder AbhĂ€ngigkeit, sondern von substanzbezogenen Störungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollstörungen fĂ€llt. Ein Pendant fĂŒr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man möchte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn genĂŒgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan fĂŒr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, könnte alternative Lösungsmöglichkeiten ins Abseits drĂ€ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen dĂŒrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige RĂ€tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gelöst werden.” (tp)

(Quellen und AuszĂŒge aus: tp, Science 02/2010)

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Jul 30

Wurden Menschen als Kinder gemobbt, haben sie in der frĂŒhen Jugend doppelt so hĂ€ufig mit psychotischen Symptomen zu kĂ€mpfen als diejenigen, die nicht gemobbt wurden. Das Risiko steigt dabei mit der Dauer und der Schwere des Mobbings, wie eine Langzeitstudie mit 6.437 Kindern an der Warwick Medical School in Coventry, England, ergab.

Sowohl Kinder als auch Erwachsene hĂ€tten “hĂ€ufig” psychoseartige Symptome oder Erlebnisse (z.B. visuelle oder auditive Halluzinationen bzw. Dissoziationen, die Wahnvorstellung, bespitzelt zu werden oder die Überzeugung, ihre Gedanken an andere ĂŒbertragen zu können), ohne eine ausgewachsene psychische Erkrankung zu haben. Kleine Kinder, die diese Symptome hĂ€tten, erkrankten mit höherer Wahrscheinlichkeit als junge Erwachsene an Schizophrenie und Ă€hnlichen psychischen Störungen, ergĂ€nzen die Forscher, wĂ€hrend Traumata in der Kindheit ebenfalls mit dem Psychoserisiko im Erwachsenenalter in Zusammenhang gebracht worden seien.

Fast 14 Prozent der Kinder hatten definitive oder vermutliche psychotische Symptome, auch wenn dies Symptome einschloss, die auftraten, wenn die Kinder einschliefen oder aufwachten, Fieber hatten oder unter dem Einfluss von Medikamenten standen; 11,5 Prozent zeigten intermediĂ€re Symptome, das heißt sie hatten mindestens ein vermutliches oder definitives Symptom, das nicht im Zusammenhang mit Schlaf, Fieber oder Medikamenten auftrat; 5,6 Prozent hatten mindestens ein definitives Psychosesymptom. 46 Prozent dieser Kinder gaben an, im Alter von acht oder zehn Jahren schon einmal von Kameraden gemobbt worden zu sein – entweder durch direktes Mobbing oder durch “relationale” Viktimisierung, zum Beispiel ausgeschlossen zu werden -, wĂ€hrend 54 Prozent zu keinem der beiden Zeitpunkte viktimisiert worden waren. Kinder, die angaben, in einer der beiden Altersstufen gemobbt worden zu sein, hatten etwa mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit psychotische Symptome – unabhĂ€ngig von anderen psychischen Problemen, der Familiensituation oder dem IQ.

Wenn Kinder in beiden Altersstufen gemobbt wurden oder das Mobbing sehr schwerwiegend war (d.h., sowohl offen als auch relational), dann war ihr Risiko fĂŒr psychotische Symptome um das 4,6-fache erhöht. Auch wenn Kinder, die gemobbt werden, oft weniger durchsetzungsfĂ€hig und leichter mitgenommen seien als ihre Kameraden, welche nicht viktimisiert werden, schreiben die Forscher, deute die Tatsache, dass die Ergebnisse eine “Dosis-Response-Beziehung” zwischen Mobbing und psychotischen Symptomen zeigten, darauf hin, dass das Mobbing tatsĂ€chlich dazu beitrage, psychotische Symptome bei diesen Kindern zu verursachen – und nicht umgekehrt.

Um psychische Erkrankungen und Psychosen frĂŒhzeitig entgegenzuwirken, wĂ€re es daher ein lohnendes Ziel fĂŒr die öffentliche FĂŒrsorge, die Viktimisierung durch Kameraden und den daraus resultierenden Stress fĂŒr die Opfer zu reduzieren.

(Quellen: Reuter’s Health Jul 2009,  Archives of General Psychiatry; 2009, 66: 527-536, MedAustria. Photo Credit: Words Hurt/Concerned Children Adv.)

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29.10.14