Dec 18

Dies ist ein “Sammeleintrag” ähnlich meinen Blog-Einträgen zu den Themen “Partnersuche“, “Suizid” oder “Autismus“, in denen ich Forschungsergebnisse zum persönlichen, gesellschaftlichen oder sozialversicherungsmäßigen Gewinn durch Psychotherapie sammle. Falls Ihnen einschlägige Studien bekannt sind, die hier noch nicht gelistet sind, füge ich sie nach einer kurzen E-Mail gerne hinzu.

  • Rund 20% der Kinder und Jugendlichen in Europa leiden an psychischen Erkrankungen, die einschränkend wirken und daher als krankheitswertig und behandlungsbedürftig zu bezeichnen sind (WHO 2005). Man darf auf Basis des heute verfügbaren Wissens über Ätiologie, therapeutische Beeinflussbarkeit und den Verlauf psychischer Störungen jedoch davon ausgehen, dass der Großteil dieser psychischen Störungen erfolgreich psychotherapeutisch behandelbar wäre (Mattejat F (2004): Perspektiven einer entwicklungsorientierten Psychotherapie. In: Lehmkuhl U, Lehmkuhl G (Hrsg). Frühe psychische Störungen und ihre Behandlung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen; Schmidt MH (2004) Verlauf psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Deutsches Ärzteblat 101: 38)
  • 1 Euro für Therapie = 4 Euro “Gewinn”: jeder Euro, der in die Behandlung von Depression und Angststörungen fließt, stehen 4 Euro “Gewinn” durch die Aufrechterhaltung der Erwerbsfähigkeit und Vermeidung von Folgekosten (von Arbeitsplatzverlust über physiologische Erkrankungen, Gewalt, Drogenmißbrauch etc.) gegenüber. In der Lancet-Studie (04/2016) wurden unter “Therapie” alle Maßnahmen von ausschließlich medikamentöser Behandlung über psychosoziale Maßnahmen bis Psychotherapie zusammengefaßt.
  • Frühe Psychotherapie wirkt im “Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology” publizierten Studien zufolge besser als Medikamente für Kinder, die an ADHS leiden (Details, Studie 1, Studie 2).
  • Die meisten psychischen Störungen sind wiederkehrend und chronifizieren, wenn sie unbehandelt bleiben (Baltesberger C., Grawe K (2001): Psychotherapie unter gesundheitsökonomischem Aspekt. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 30 (1): 10-21, Hogrefe-Verlag, Göttingen). Margraf fasst die epidemiologischen Daten v.a. der Angststörungen und Depressionen mit den Kostendaten in Deutschland und der Schweiz so zusammen: “Statt früh, ambulant und kostengünstig werden psychische Störungen spät, stationär und teuer behandelt.”
  • Die Nicht-Durchführung bzw. Nicht-Miteinschließung von Psychotherapie im Versorgungssystem kommt teuer: den Milliardenkosten (geschätzt 2,8 Mrd. Euro laut Arbeiterkammer (Juli 2008), die in Österreich durch psychische Störungen jährlich verursacht werden, stehen Aufwendungen für Psychotherapie von rund 45 (!) Millionen Euro gegenüber.
  • Laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger sind die Verschreibungen für Antidepressiva für die Alterstruppe von 5-19 Jahren allein vom Jahr 2006 bis 2007 um 11.461 gestiegen, auch im Bereich der Anxiolytika (Angst-Medikamente) war in dieser Altersgruppe ein Anstieg innerhalb nur eines Jahres um 1.916 Verschreibungen zu verzeichnen. Eine psychotherapeutische Behandlung würde in vielen dieser Fälle nicht nur eine Alternative zur rein psychopharmakologischen Behandlung darstellen, sondern sie wäre, da in der Psychotherapie grundlegend an der Problemanalyse, -bewältigung und Verbesserung der Entwicklungsbedingungen gearbeitet wird, auch aus ethischen Gesichtspunkten vorzuziehen. Auch ein “Immunisierungseffekt” gegen psychische Störungen gelingt in aller Regel deutlich besser über Psychotherapie denn über die symptombezogene Einnahme von Medikamenten.

Falls Sie evt. relevante Studienergebnisse über den Nutzen von Psychotherapie fanden, die hier noch nicht angeführt sind, wäre es im Sinne der allgemeinen Nützlichkeit dieses Artikel nett, wenn Sie auf diese im Kommentarbereich hinweisen könnten. Danke!

 

Apr 10

In meiner Praxis habe ich sehr häufig mit KlientInnen zu tun, die in irgendeiner Weise darunter leiden, nicht den geeigneten Partner oder die geeignete Partnerin zu finden. Dies hat natürlich fast immer psychische Gründe – auf die eine oder andere Weise sabotierten sie sich selbst, sie leiden an Formen sozialer Ängste oder (meiner Erfahrung nach der häufigste Grund) an zu geringem Selbstwertgefühl.

Image source: imhomir.com

Die Probleme rund um Partnersuche, Attraktivität und sexuelle Anziehungskraft beflügeln Forscher und Künstler schon seit Menschengedenken. Unter diesem – eher ironisch gemeinten – Blogtitel möchte ich die Ergebnisse einschlägiger Studien und Forschungsergebnisse zusammenfassen – diese Sammlung wird laufend erweitert und aktualisiert.

Doch Achtung: Garantie für Plausibilität oder gar Erfolg übernehme ich keine! 😉

Attraktivität und Partnerwahl

  • “Attraktive Körper und Gesichter sind symmetrisch” – bei der Partnerwahl springen wir auf ästhetische Eindrücke an, die indizieren, dass es um die Gesundheit und Fitness, also auch um Reproduktionsfähigkeit, gut bestellt ist (Quelle)
  • Menschen mit symmetrischem Körperbau kommen beim Tanzen besser an und haben bei der Partnerwahl die Nase vorn.” (Quelle)
  • Frauen ohne Idealmaße sind stärker, robuster und krisenresistenter” – im Westen gelten Frauen mit einer größeren Waist-Hip-Ratio (Taille-Hüft-Verhältnis) als 0,7 als weniger attraktiv als in anderen Weltregionen, sind für Krisenzeiten aber besser gerüstet (Quellen: [1],[2],[3])
  • Östrogen macht Frauengesichter attraktiver.” – während der fruchtbaren Tage wirken die Gesichter von Frauen offenbar attraktiver (Link)
  • Testosteron macht Männergesichter attraktiver.” – hohe Testosteronwerte in Kombination mit wenig Stresshormonen stärken die Abwehrkräfte und lassen das Gesicht eines Mannes in den Augen von Frauen attraktiv erscheinen (Link zu Markus J. Rantala et.al., “Evidence for the stress-linked immunocompetence handicap hypothesis in humans”)
  • Frauen werden eher gewählt, wenn sie schön sind, Männer eher, wenn sie dominant wirken“- dies bezieht sich auf politische Wahlen ..aber vielleicht nicht nur, wenn man die weiter unten angeführten Forschungsergebnisse liest (Quelle)
  • Schönheit verunsichert.” – dies, und daß es attraktive Frauen und Männer bei der Partnersuche schwerer haben als durchschnittlich attraktive Personen, wäre eine mögliche Schlußfolgerung aus dem sog. “Gehwegexperiment” von James Dubbs u. Neil Stokes (“Beauty is Power: The Use of Space on the Sidewalk”, 1975): auf einem Gehweg änderten Fußgänger ihre Gehrichtung, um mehr von Männern als Frauen auszuweichen, mehr von 2 als von 1 Person, und weiter von einer hübschen als von einer unattraktiven Frau. Ihre Theorie war, daß Attraktivität, Gruppengröße und Geschlecht Aspekte von Macht sind, die territorialen Anspruch und damit das genannte Ausweichverhalten begründeten (Quelle).
  • Von der Attraktivität der Kleidung wird auf andere Attraktivitäts-Attribute geschlossen.” – attraktiv gekleidete Testpersonen wurden kompetenter und sozialer eingeschätzt als nicht attraktiv gekleidete, und, wie die Forscher vermuteten, wohl auch als physisch attraktiver (Quelle).
  • Große Männer kommen sexuell und sozial besser weg.” – Männer haben mit starken, attraktiven und reichen Konkurrenten ihre größten Schwierigkeiten, mit zunehmender Körpergröße scheint die Beeindruckung von Konkurrenten abzunehmen. Kleine Männer sind tendenziell am eifersüchtigsten. Bei Frauen hingegen sind die kleinen und die großen eifersüchtiger als die durchschnittlich großen. Allerdings werden die durchschnittlich großen Frauen am ehesten von großen und sozial dominanten Konkurrentinnen beeindruckt (Link)
  • Frauen ziehen ältere Männer und diese jüngere Frauen vor.” – Eine Erklärungsmöglichkeit für die biologischen Ursachen dieses Phänomens lieferte eine Studie, die herausfand, daß  Frauen mit einem vier Jahre älteren Partner und Männer mit einer sechs Jahre jüngeren Partnerin den größten Reproduktionserfolg haben (Quelle)
  • Der Mensch verlor vielleicht seine Körperbehaarung, da dies sexy auf das andere Geschlecht wirkte.” – eine Hoffnung für Glatzenträger? (Quelle)
  • Ergebnisse einer ökonometrischen Analyse von Online-Dating-Verhalten: Männer, die angaben, sie seien auf der Suche nach einer langfristigen Beziehung, schnitten sehr viel besser ab als jene, die lediglich auf eine Affäre aus waren. Für Männer ist das Aussehen der Frauen von herausragender Bedeutung, für Frauen das Einkommen eines Mannes von größter Wichtigkeit: je reicher der Mann ist, desto mehr Mails erhält er. Die Attraktivität einer Frau wächst für Männer zwar auch mit dem Einkommen, aber nur bis zu einer bestimmten Höhe. [..] Männer fühlen sich angezogen von Studentinnen, Künstlerinnen, Musikerinnen, Tierärztinnen, und Berühmtheiten, sie meiden Sekretärinnen, Rentnerinnen sowie Frauen, die beim Militär oder der Polizei arbeiten. Frauen bevorzugen Soldaten, Polizisten und Feuerwehrmänner, außerdem Rechtsanwälte und Finanzexperten in leitender Position. Frauen meiden Arbeiter, Schauspieler, Studenten [..]. Die Analyse der Daten von etwa 30.000 Nutzern ergab weiterhin, dass Männer vor allem erhebliche Nachteile haben, wenn sie klein sind. Für Frauen hingegen ist Übergewicht tödlich. Deswegen wird in diesen Bereichen offenbar häufig auch etwas nachgeholfen: der interessierte Online-Dater ist z.B. etwas größer als der Durchschnittsmann und die typische Online-Daterin 10 kg leichter als ihre reale Kollegin. Im Buch “Freakonomics“, in dem die Ergebnisse komplett nachzulesen sind, beschrieben die Autoren ihre durch mathematische Methoden gewonnenen Erkenntnisse so: “In der Welt des Online-Dating ist ein Kopf voller blonder Haare für eine Frau ungefähr so viel wert wie ein College-Abschluss.
  • In Partnerbörsen, speziell solchen in Dating-Apps, waren als Ersteindruck Fotos, die eine offene, gestreckte Körperposition zeigten, am erfolgreichsten – und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen (Quelle).
  • “”Fiese” Männer bekommen die meisten und schönsten Frauen ab” – in den meisten einschlägigen Studien zu diesem Thema wiesen die betreffenden Männer eine (auch unterschiedlich ausgeprägte) Kombination aus Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus auf (Quellen: [1], [2], [3])
  • Männer sollten nicht “hingerissen” wirken: Ungewissheit über die Gefühle des Gegenübers erhöht dessen Attraktivität (Quelle: E. Whitchurch et.al in: “Uncertainty Can Increase Romantic Attraction”, Psychological Science, 01/2011).


Sexualität

  • “Schon die bloße Anwesenheit einer Frau erhöht den Testosteronspiegel” – unabhängig vom Aussehen einer im gleichen Raum befindlichen Frau steigt der Testosteronspiegel von Männern innerhalb von 300 Sekunden um 8% an ([1],[2])
  • Die Häufigkeit weiblicher Orgasmen steigt mit dem Einkommen ihrer Partner” – Sex mit wohlhabenden oder mächtigen Männern wird von Frauen womöglich als besser erlebt, weil sie sich damit einen Zugang zu Reichtum und Macht verschaffen und diesen erhalten wollen (Quellen: [1], [2], [3])
    Nachtrag 04/2010: Hierzu existiert allerdings nun eine andere Ergebnisse zeigende Gegenstudie.
  • Je attraktiver sich Frauen finden, desto höhere Ansprüche stellen sie an ihren Sexualpartner” – bei Männern gibt es diese Korrelation nicht, was heißen könnte, daß sie weniger wählerisch oder auch weniger geneigt sind, dauerhafte Beziehungen zur Reproduktion einzugehen (Quellen: [1], [2])
  • (indirekter) “Zusammenhang zwischen Stimme und sexueller Aktivität” – Probanden mit als attraktiv empfundener Stimme hatten an ihren beiden Händen ungefähr gleich lange Finger (Hinweis auf Zusammenhang mit Attraktivität durch Symmetrie, siehe oben), eher in jüngerem Alter Geschlechtsverkehr, mehr Sexualpartner und mehr außerpartnerschaftliche Affären (Quellen: [1], [2])
  • Frauen reagieren unterschiedlich auf männlichen Schweißgeruch.” – ihr Hirn kann normalen von unter sexueller Erregung entstandenen Schweißgeruch von Männern unterscheiden (Quelle)
  • Frauentränen wirken “abtörnend” auf Männer, sie reduzieren den Testosteronspiegel. Quelle: Shani Gelstein et.al, “Human tears contain a chemosignal” in: Science 01/2011, DOI: 10.1126/science.1198331)
  • Zählt “die Größe”? Ja.” – Befragungen, denen zufolge die Penisgröße für Frauen keine Rolle spiele, waren angeblich häufig “zu direkt”; beurteilen Frauen dagegen ohne Wissen um den eigentlichen Inhalt der Befragung Computer-generierte Gestalten, bei denen sich u.a. die Penisgrößen unterscheiden, werden jene mit größerem Penis als mehr attraktiv eingestuft (Quellen: [1], [2])

Familie / Kinder / Fertilität (Fruchtbarkeit)

  • Korrelation zwischen Wohlstand und Reproduktionserfolg“: bei reichen britischen Männern wurde in einer Studie höherer Reproduktionserfolg nachgewiesen, bei Frauen sinkt mit zunehmender Bildung und zunehmenden Einkommen die Zahl der Kinder (Quelle)

Dieser Artikel wird laufend erweitert und mit neuen Forschungsergebnissen ergänzt (Erstveröffentlichung: 01/2009; zuletzt aktualisiert: 04/2016)

Weiterer Artikel zum Thema “Partnersuche”:
Partnersuche – wie der Ausbruch aus dem Teufelskreis gelingen kann

Mar 18

Gastbeitrag von Mag. Karin Steiner

z.B. Reizdarm, Reizmagen

Magen- und Darmbeschwerden stellen häufige körperliche Symptome dar, die oft mit einem erheblichen Leidensdruck einhergehen.
15-30% der Bevölkerung sind davon betroffen. Frauen doppelt so häufig als Männer.
Eine Reizdarmsymptomatik führt oft zu schweren Beeinträchtigungen der sozialen und beruflichen Funktionsfähigkeit, da die Angst vor einer körperlichen „Unpässlichkeit“ (wie bspw. Durchfall) die gesamte innere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.

Was ist ein Reizdarm?

Ein Reizdarm macht sich bemerkbar mit wiederkehrenden Bauchschmerzen bzw. chronischem Unbehagen der Bauchregion über einen längeren Zeitraum hinweg (seit mindestens 6 Monaten). Zusätzlich können Blähungen, Schleimbeimengungen im Stuhl und auch das Gefühl der inkompletten Stuhlentleerung auftreten.

Das Reizdarmsyndrom kann vorwiegend eher mit Verstopfung, oder eher mit Durchfall, bzw. mit beiden Beschwerden einhergehen.

Was ist ein Reizmagen?

Beim Reizmagen treten dauerhafte oder wiederkehrende Schmerzen/Brennen bzw. Beschwerden im Oberbauch auf. Begleitet können die Schmerzen durch ein Völlegefühl bzw. ein frühes Sättigungsgefühl nach der Mahlzeit werden. Manchmal kann es auch zu einem vermehrt auftretenden Übelkeitsgefühl und Erbrechen kommen.

Ursachen

Häufige Entzündungsbereiche (Bild: kompetenznetz-ced.de)

Das enterale Nervensystem ist ein komplexes Geflecht aus Nervenzellen, das nahezu den gesamten Verdauungstrakt durchzieht. Es spielt bei der Kontrolle der Verdauungsvorgänge eine wesentliche Rolle. Es funktioniert wie ein Gehirn im Darm und kommuniziert mit dem zentralen Nervensystem (Hirn-Darm-Achse). Diesbezügliche Erkenntnisse lassen vermuten, dass neben biologischen Prozessen auch die psychische Situation einen wesentlichen Einfluss auf Entstehung und Aufrechterhaltung der Magen-Darm-Beschwerden ausübt.
PatientInnen mit funktionellen gastrointestinalen Störungen spüren ihre normale Verdauung als Schmerz. Sie reagieren mit einem gesteigerten Schmerzempfinden auf die Dehnungsreize im Darm.
Diese Überempfindlichkeit kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden. Neben Infektionen des Magen-Darm-Trakts, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, spielen auch psychische Ursachen eine Rolle. Stress und belastende Lebensereignisse haben einen direkten Einfluss auf das Verdauungssystem. Mittels funktionellem Magnetresonanz-Imaging (=bildgebendes Verfahren) von Hirnfunktionen konnten Nachweise für die enge Verbindung zwischen Gehirn und dem Verdauungstrakt unter Stress erbracht werden.
Auch eine familiäre Häufung der Beschwerden konnte nachgewiesen werden. Dies kann sowohl durch eine erbliche Vorbelastung erklärt werden, als auch als Verhalten (Kinder beobachten ihre Eltern, übernehmen deren Klagen und Beschwerden) kopiert werden.

Die Mehrzahl der Betroffenen leiden auch an psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, Angst- und somatoforme (= körperliche Symptome ohne ausreichende organische Ursachen) Störungen.

Wodurch können Symptome ausgelöst werden?

Nahrungsmittel sind häufig Auslöser von Symptomen. Die Mehrzahl der PatientInnen
(50-70%) leiden auch an Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Nahrungsmittelbestandteile, ob natürlich oder künstlich hergestellt, können bei vielen Menschen Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfälle auslösen.
Milch (-zucker), Kaffee (Coffein), fettreiche Nahrung, Alkohol, zuckerfreier Kaugummi (Sorbitol), gasproduzierende Mahlzeiten (Müsli, Hülsenfrüchte, Zwiebel, etc.), aber auch eine hastige Nahrungsaufnahme und Essen unter psychisch belastenden Umständen (Zeitdruck oder bei gleichzeitiger Problembesprechungen usw.) können Magen-Darmbeschwerden hervorrufen.

Behandlungsmöglichkeiten

Viele Betroffene haben bereits eine Odyssee an verschiedenen Behandlungen hinter sich, die häufig wenig Verbesserung der Symptomatik brachten. Dementsprechend können auch Folgesymptome wie bspw. depressive Verstimmungen oder Angstzustände (Angst vor einer Tumorerkrankung) auftreten.

Eine Krankheitsbehandlung, die all den Erkenntnissen über die Zusammenhänge gerecht werden will, muss dementsprechend weit gefasst sein. Das heißt, dass körperliche und psychosoziale Faktoren gleichermaßen in der Behandlung berücksichtigt werden.
Somit ist die Kombination von medikamentöser Behandlung der körperlichen Symptome einerseits, und Psychotherapie, um die psychosozialen Leiden der betroffenen Personen zu mildern, andererseits, die wirkungsvollste Methode.

Nach Univ. Prof. Dr. Gabriele Moser (AKH Wien) sollte die Therapie – abgestuft nach Schweregrad – folgendermaßen erfolgen:

  • Medizinische Abklärung (Anamnese) und Ausschluss anderer Erkrankungen
  • Aufklärung über Symptome und mögliche Ursachen sowie auslösende Wirkung verschiedener Faktoren (Nahrungsmittel, Hormonveränderung beim Menstruationszyklus, Stress etc.)
  • Führen eines Symptomtagebuchs über 4 Wochen: Herausfiltern von auslösenden oder verstärkenden Reizen, Aufzeichnung der Symptomstärke (mit Schweregraduierung von 1-10), hinzukommende Faktoren (Ernährung, körperliche Aktivität, belastende Situation, Stress, etc.), Emotionen (traurig, ängstlich, wütend,…) und Gedanken („bin zuversichtlich/hoffnungslos“, „halte das nicht mehr aus“ etc.)
    Dies ist zumeist der erste Schritt, Kontrolle über die körperlichen Beschwerden zu erlangen, da von den Betroffenen Zusammenhänge erkannt werden können.
  • Symptomorientierte Medikation durch die Gabe von Antidepressiva
    Gerade bei chronischen und kaum beeinflussbaren Schmerzen haben Antidepressiva gute Erfolge erzielt. Diese werden nicht primär wegen der antidepressiven Wirkung verabreicht, sondern um das Schmerzempfinden zu vermindern. Über Nebenwirkungen müssen die Patienten aufgeklärt werden, da die eigentliche Wirkung erst ab der 3. Behandlungswoche einsetzt.
  • Psychotherapie/Hypnose
    Psychotherapie zählt zu den wirkungsvollsten Behandlungsmethoden, vor allem bei jenen, denen bisher nicht anders geholfen werden konnte.
    Dies konnte auch wissenschaftlich nachgewiesen werden. In den meisten Studien wurde Psychotherapie mit „herkömmlichen“ Methoden (=medikamentöser Behandlung) verglichen und zeigte sich meist deutlich wirksamer.
    Vor allem die Hypnosetherapie zählt mittlerweile beim Reizdarmsyndrom zu den Standardtherapien.

Verdauungstrakt-gerichtete („gut-directed“) Hypnose

Der Einsatz einer spezifisch auf den Bauch gerichteten Hypnose zur Behandlung von Reizdarm- oder Reizmagenbeschwerden wurde erstmals von einer Arbeitsgruppe um Prof. Peter Whorwell in Manchester entwickelt. Mit dieser Methode wird den Patienten im Rahmen von 12 Hypnosesitzungen unter anderen suggeriert, dass ihr Magen-Darm-Trakt ruhig und rhythmisch funktioniert und die Betroffenen wieder die Kontrolle über diese Körperregion übernehmen. Dadurch werden nicht nur die Schmerzüberempfindlichkeit des Magen-Darm-Traktes, sondern auch die Darmbewegungen positiv beeinflusst und beruhigt.
Auch im AKH Wien wurde diese Methode erfolgreich als Gruppenhypnose (bis zu 8 Personen) eingesetzt.

Ablauf der Einzelhypnosen

12 Sitzungen zu je einer Stunde einmal wöchentlich, über einen Zeitraum von zirka 3 Monaten, gelten als erfolgreichste Dauer dieser Kurzzeittherapie, damit der gewünschte Langzeiterfolg erzielt werden kann.

In der ersten Stunde werden die individuelle Situation und die genauen Beschwerden erfragt, damit die Hypnose genau an die betroffene Person angepasst werden kann. Ab der zweiten Sitzung wird mit einem psychotherapeutischen Gespräch (zirka 20 Minuten) die aktuelle Situation erfasst und dann eine Hypnose durchgeführt.
Neben dem Effekt einer tiefen Entspannung, werden durch das Erzeugen von inneren Bildern ein Gefühl von Ich-Stärkung herbeigeführt, sowie die Vorstellung einer Normalisierung der Funktionen des Verdauungstraktes mit Verminderung der Schmerzen.

Ab der zweiten Sitzung sollen zu Hause Entspannungsübungen (zumindest 10-15 Minuten) durchgeführt werden, die durch eine von mir aufgenommenen CD unterstützt werden.
So wird den Betroffenen durch das Üben wieder mehr Selbstkontrolle über ihre körperlichen Empfindungen verliehen. Das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber den Symptomen vermindert sich schrittweise.

Nach Bedarf können ein oder mehrere Sitzungen zum Auffrischen der eingeübten Entspannungstechniken ein halbes bis ein Jahr nach Beendigung der Hypnoseeinheiten durchgeführt werden, um einen noch besseren Langzeiterfolg zu gewährleisten.

Verfasserin des Textes:
Mag. Karin Steiner, Psychotherapeutin (www.reizdarm.cc)

Jan 20

Burnout oder Boreout – im letzten Blog-Eintrag habe ich bereits erwähnt, dass Menschen, die an chronischer Unterforderung leiden, ähnliche Symptome entwickeln können wie solche, die mit Überlastung im Job zu kämpfen haben. Interessanterweise zeigen sich bei beiden Problemkreisen sehr ähnliche neurologische und hormonelle Veränderungen, und leider ähneln sich auch deren Konsequenzen: chronische Unterforderung und Langweile kann ebenso wie Burnout zu Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems und des  Verdauungsapparates führen und das Risiko für Autoimmunerkrankungen erhöhen.

Hier sind 3 typische Anzeichen für eine Burnout- oder Boreout-Dynamik:

  • Körperliche, geistige und/oder emotionale Erschöpfung: Freizeit existiert nicht oder vergeht mit einem “Wimpernschlag” ohne jedes Gefühl von Erholung (Burnout) oder sie fühlt sich unendlich lange an, wobei zunehmend Essen oder Trinken zum Höhepunkt jedes Tages wird (Boreout).
  • Depersonalisation / Zynismus: grobe, unfreundliche oder abweisende Reaktionen anderen gegenüber, besonders jenen Leuten, mit denen man regelmäßig zu tun hat. Das Ziel dieses Verhaltens kann als Versuch gesehen werden, eine Distanz zu jenen Leuten herzustellen, die man subjektiv als Auslöser der eigenen Unwohlgefühle empfindet.
  • Reduzierte Fähigkeit zur Selbsteinschätzung: die Betroffenen haben das Gefühl, nichts weiterzubringen, ihre Zeit zu vergeuden oder zu versagen (Burnout) oder sinnlos vor sich hinzuleben (Boreout). Ein Gefühl des Versagens und der Ineffektivität der Lebensgestaltung ist beiden gemein und zeigt einen zunehmenden Verlust an Vertrauen in unsere Fähigkeiten.


Das Hauptproblem im Umgang mit fortgeschrittenen Formen von Boreout und Burnout ist, dass man keinen Zugang zu den üblichen Ressourcen von Energie, Kreativität und positiver Lebenseinstellung mehr hat, die dabei helfen könnten, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Häufig wird statt dessen die Situation sogar noch verschlimmert, indem die Betroffenen sich nur noch mehr anstrengen, um die Kontrolle wiederzuerlangen. Doch jede Strategie, um einem Burnout-Prozess wirkungsvoll zu begegnen, muss im Endeffekt eine Reduktion der Belastungen und das Wiederfinden von Balance zum Inhalt haben. Dafür sind allerdings mitunter drastische Schritte erforderlich, wie z.B. in Extremfällen sogar ein vorübergehender Ausstieg aus der “Tretmühle Job”. Auch organisatorische Veränderungen oder eine Änderung des “Selbst-Managements” kann nötig sein, um sich nicht nach kurzer Zeit (etwa nach einem Kurzurlaub) wieder in derselben Situation wiederzufinden. Es nützt auch nichts, sich über die Firma oder “die Situation” zu beklagen – denn zu einem hohen Grad ist es letztendlich unsere eigene Psyche, die unsere Grenzen setzt – und manche von uns anfälliger dafür macht, irgendwann “auszubrennen” oder zu “verlangweilen” – insofern liegt es auch sehr stark an uns selbst, die nötigen Schritte zu setzen, die uns wieder zurück zu Glücklichkeit und innerer Balance führen können.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2012. Image src:blogwallet.com
Eine umfangreichere Version dieses Artikels finden Sie hier: “Burnout oder Depression)

Jan 17

Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum Psychotherapie “funktioniert” und dass viele unserer kleinen und größeren Schwächen stärker veränderbar sind, als wir das zu hoffen wagten.

Eine der faszinierendsten Forschungsbereiche der Neurobiologie ist jene zur so genannten “Neuroplastizität” oder “neuronalen Plastizität“. Darunter versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abhängigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu verändern. Je nach betrachtetem System spricht man auch von synaptischer Plastizität oder kortikaler Plastizität. Die Grundlagen für diese Entdeckung der Anpassungsfähigkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.

Forscher an der Universität Zürich wiesen beispielsweise nach, dass sich bei jemandem, der nach einem rechten Oberarmbruch nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische Veränderungen in bestimmten Hirngebieten zeigen: die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergrößern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung kompensieren. Auch die Feinmotorik der kompensierenden Hand verbessert sich deutlich.

Andere einfache, aber in ihren Resultaten erstaunliche Tests bestätigen, dass schon die bloße Vorstellung Hirnreale vergrößern lässt: Der Hirnforscher Pascual-Leone etwa ließ Freiwillige ein simples Klavierstück üben und untersuchte anschließend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher für die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergrößerte sich. In gewissem Sinne stimmt also der bei Lehrern beliebte Vergleich mit dem Gehirn als Muskel: werden bestimmte Areale durch steten Gebrauch stärker genutzt, entwickeln sich diese offenbar stärker – unsere Fähigkeiten und die speicherbare Information nehmen zu.

In einem anderen Experiment sollten sich Versuchspersonen nur im Geiste vorstellen, das Klavierstück zu spielen. Die erstaunliche Erkenntnis: hier veränderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tatsächlich Übenden. Allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings können also offenbar physiologische Veränderungen des Gehirns durch Veränderungen der beteiligten neuronalen Schaltkreise bewirkt werden.
Verblüffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, der von Geburt an blind ist. Trotzdem ist er fähig, realistische Bilder von Gebäuden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt. Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist der zugeordnete Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden: allein durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder.

Die blosse Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes, und wir kennen ähnliche Effekte auch aus der Psychotherapie. Bei dieser werden letzlich in der therapeutischen Praxis neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte “ausprobiert” – und können zunehmend auch im Leben “draussen” umgesetzt werden. Stück für Stück werden alte und hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt, die uns zufriedener, selbstsicherer und hinsichtlich der Erreichung unserer ganz persönlichen Ziele und Bedürfnisse “erfolgreicher” machen. Dies erklärt, warum Psychotherapie sogar bei schweren psychischen Erkrankungen und neurologischen Störungen unterstützende Effekte erzielen kann.

In der Meditation erfahrenen Buddhisten ist all dies ohnehin nicht neu: ist man imstande, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, können auch negative Gedanken gezielt überwunden werden können. Werden jene Gedanken überwunden, die einen bestimmten psychischen Leidenszustand hervorrufen, kann über die Funktion der Neuroplastizität eine physiologische Änderung jener Schaltkreise im Gehirn bewirkt werden, die diese negativen Gedanken laufend hervorriefen. Was also in der Psychotherapie durch externe und professionelle Begleitung erreicht wird, erreichen buddhistische Mönche durch jahrelange Meditationspraxis auch alleine.

Dokumentiert sind heilende Effekte der Neuroplastizität auch nach Schlaganfällen, in der Schmerzbehandlung, beim Autismus, bei Lähmungserscheinungen, Lernschwierigkeiten, bei Phantomschmerzen und vielen mehr (viele davon sind im unten erwähnten Video und in der Literaturliste detailliert vorgestellt). Die Neuroplastizität scheint ein Evolutionsfaktor zu sein, mittels dessen sich Menschen den Anforderungen der Umwelt sukzessive anpassen können.

Link-Tipps:
Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie von Hilarion G. Petzold (Hrsg.) und Johanna Sieper (Hrsg.)
Neustart im Kopf von Norman Doidge
Neue Gedanken – Neues Gehirn von Sharon Begley
weitere Bücher zum Thema Neurobiologie

Videos:
Neustart im Kopf – TV-Dokumentation; der kanadische Psychiater und Psychoanalytiker Norman Doidge schildert sehr anschaulich die Erforschung der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns.
NeuroplasticityTraumata, Kultureinflüsse, aber auch Jonglieren verändert das Gehirn
Norman Doidge – The Brain that Changes – (Vortrag; am Rande: über Psychoanalyse als erster Ansatz, das Denken gezielt zu verändern)

(Quellen: N. Langer et.al, Effects of limb immobilization on brain plasticity in: Neurology, Jan 17, 2012; Image sources: psychofonie.ch, persoenlichkeits-blog.de)
Hinweis: dieser Blog-Eintrag wird laufend aktualisiert; Erstveröffentlichung: 08/2010; letztes Update: 18.12.2015
Images: Mihalov

Jan 15

Ein Test, der auf Kriterien und Anzeichen für die folgenden Persönlichkeitsstörungen prüft, wurde von mir nun auch auf meiner deutschsprachigen Website online gestellt:

  • Psychopathie / Antisoziale Persönlichkeitsstörung
  • Narzissistische Persönlichkeitsstörung
  • Histrionische Persönlichkeitsstörung

Sogar bei manchen Fachleuten besteht Verwirrung über die genauen Unterschiede und Bedeutungen zwischen Psychopathie (“antisozialer Persönlichkeitsstörung”), Soziopathie, Narzissmus und histrionischer Persönlichkeitsstörung – und mehr noch gerade bei jenen Personen, die Probleme in ihren Beziehungen zu anderen wahrnehmen und Orientierung benötigen würden, um dem Ursprung dieser Probleme auf den Grund zu gehen. Dieser Selbsttest versucht dabei zu helfen, indem auf typische Symptome und Wesenszüge jeder einzelne der genannten Störungen geprüft und dann eine separate Auswertung zur Verfügung gestellt wird.

http://www.psychotherapiepraxis.at/surveys/test_psychopathie.phtml

Um so zuverlässige Resultate zu ermöglichen wie möglich, kombiniert dieser Selbsttest Screening-Methoden, die auf der Hare Psychopathie-Checkliste (welche in der klinischen Forschung und Praxis angewendet wird, um Psychopathie festzustellen) mit klinischen Markern für narzisstische Persönlichkeiten und histrionische Persönlichkeitsstörungen, basierend auf den Diagnoseschemata DSM-IV and ICD-10. Der Test hat daher ein vergleichsweise hohes Potential, verläßliche Resultate sogar über das Internet zu erzielen. Es muß jedoch korrekterweise darauf hingewiesen werden, dass die Qualität der Testergebnisse geringer ausfallen kann, wenn die Fragen unehrlich beantwortet werden oder die betreffende Person unter verzerrter Wahrnehmung leidet – gerade diese beiden Persönlichkeitsfaktoren jedoch sind potenzielle Züge von Menschen mit diversen Persönlichkeitsstörungen. Im Unterschied zu den meisten anderen Tests auf meiner Website kann es also sinnvoll sein, sich die Antworten genau zu überlegen und sie ggf. sogar im Beisein des Partners oder eines nahestehenden Vertrauten durchzuführen.

(Image source: 2.bp.blogspot.com)

Nov 18

Die meisten Betroffenen gestehen sich selbst viel zu spät ein, ‘burned out’ zu sein.
(Photo credit: Flickr/Zach Klein)

Burnout” ist eines der diagnostischen Modeworte der letzten Jahre, und von daher nicht ganz überraschend stiegen die Zahlen der entsprechend diagnostizierten Patienten exorbitant an –  deutlich stärker, als Faktoren wie “schwierige Wirtschaftslage” oder “gestiegener Druck am Arbeitsplatz” dies erwarten lassen würden. Dies läßt die Vermutung zu, dass es sich häufig um Verlegenheitsdiagnosen handelt, welche dann gegeben werden, wenn die vorliegenden Symptome von Patienten nicht eindeutig einem physiologischen Krankheitsbild zuzuordnen sind oder eine “problematischer” klingende Diagnose – und das ist z.B. “Depression” für die meisten immer noch – vermieden werden soll.

Doch worum handelt es sich tatsächlich bei diesem Diagnose-Begriff “Burnout” und was beschreibt er genau? Wie kann man feststellen, ob man selbst an “Burnout” leidet?

Während der letzten Jahre wurde von Psychologen, Ärzten und Therapeuten für die Diagnosestellung, Präventions- und Therapieansätze des “Burnout-Syndroms” eine ganze Fülle an Publikationen herausgebracht. Im Wesentlichen wird das Burnout-Syndrom dabei als Resultat einer chronischen Arbeits- oder interpersonellen Stressbelastung beschrieben, die sich in den drei Dimensionen emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung  / Zynismus und subjektiv empfundene reduzierte Leistungsfähigkeit äussert (Maslach, C., 1976):

  • Emotionale Erschöpfung wird als der wesentlichste Aspekt des Syndroms betrachtet und zeigt sich als emotionale und körperliche Kraftlosigkeit.
  • Depersonalisation/Zynismus beschreibt eine gefühllose, abgestumpfte Reaktion auf Klienten wie z.B. Schüler, Patienten, Kunden oder Mitarbeiter. Dieses Verhalten wird als Versuch interpretiert, Distanz zu schaffen.
  • Verminderte subjektive Leistungsbewertung beschreibt Gefühle des Versagens und Ungenügens, den zunehmenden Verlust des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten.

Der in der Psychologie verwendete und dort noch etwas genauer spezifizierte  Begriff, der den prozesshaften Verlauf des Burnout-Zustandes (im Unterschied zum Burnout-Syndrom) beschreibt, wird auf den in Frankfurt geborenen US-Psychologen Herbert Freudenberger zurückgeführt, der diesen im Jahre 1974 auf der Basis persönlicher Überlastungs-Erfahrungen in seinem Buch “Staff Burnout” geprägt (und selbst vermutlich einer Novelle von Graham Greene entliehen) hat. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gail North definierte er 12 sogenannte “Burnout-Phasen”, die im Gesundheitswesen bis heute häufig zum Zweck der Diagnose herangezogen werden. Die Symptome müssen allerdings weder in der beschriebenen Reihenfolge auftreten noch alle vorhanden sein, damit man laut H. Freudenberger / G. North1 von “Burnout” sprechen kann:

Die 12 Burnout-Phasen

  • Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen
  • Extremes Leistungsstreben, um besonders hohe Erwartungen zu erfüllen
  • Überarbeitung mit Vernachlässigung anderer persönlicher Bedürfnisse und sozialer Kontakte
  • Überspielen oder Übergehen der inneren Probleme und Konflikte
  • Zweifel am eigenen Wertesystem und ehemals wichtigen Dingen wie Hobbys und Freunden
  • Verleugnung entstehender Probleme, zunehmende Intoleranz und Geringschätzung Anderer
  • Rückzug und Vermeidung sozialer Kontakte auf ein Minimum
  • Offensichtliche Verhaltensänderungen, fortschreitendes Gefühl der Wertlosigkeit, zunehmende Ängstlichkeit
  • Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu anderen, das Leben verläuft zunehmend „mechanistisch”
  • Innere Leere und verzweifelte Versuche, diese Gefühle durch Überreaktionen zu überspielen (Sexualität, Essgewohnheiten, Alkohol und Drogen)
  • Depression mit Symptomen wie Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Perspektivlosigkeit
  • Erste Selbstmordgedanken als Ausweg aus dieser Situation; akute Gefahr eines mentalen und physischen Zusammenbruchs.

Zu diesen psychischen Anzeichen kommen meist nach einiger Zeit des Leidens auch noch körperliche. Abgesehen von der reduzierten Performance und Effektivität im Beruf wird bei “Burnout”-PatientInnen meist auch eine erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen festgestellt. Die Betroffenen werden dadurch deutlich anfälliger für Erkrankungen des Herz-/Kreislaufsystems und zahlreiche andere psychosomatische und rein somatische (sind es diese dann noch?) Erkrankungen, aber auch Depression.

Und hier liegt das Schlüsselwort, denn “Burnout” ist tatsächlich (zumindest derzeit) gar kein wissenschaftlich anerkannter Diagnosebegriff, weder im Klassifikationsschema ICD-10, noch im aktuell gültigen und vor allem im angloamerikanischen Raum häufig eingesetzten DSM-IV. Und es sieht auch nicht danach aus, dass sich das in den derzeit in Begutachtung befindlichen nächsten Versionen dieser Manuals, dem ICD-11 und DSM-V ändern würde. Wie also lässt sich “Burnout” medizinisch korrekt definieren und wie ist es von anderen Störungsbildern abzugrenzen?

Emotionale Erschöpfung: es gibt starke Parallelen zwischen dem Auftreten beider Störungsbilder, auch kann emotionale Erschöpfung unbehandelt in Burnout münden.

– Auch zwischen Schlafstörungen und Burnout bestehen Zusammenhänge und Wechselwirkungen: der Schlaf wird von vielen Burnout-Patienten als mangelhaft und nicht erholsam beschrieben, tagsüber besteht häufig Schläfrigkeit und mentaler Energiemangel. Umgekehrt können Schlafprobleme einen Risikofaktor für späteres Burnout darstellen.

Stress und Psychosomatik: akuter Stress kann kardiale Störungen, Herzinfarkte und Diabetes Typ-2 auslösen. Chronisch höhere Spannungen in der Arbeit wiederum führen zu erhöhter Kortisol-Ausschüttung, die ihrerseits die Bildung des metabolischen Syndroms mit Hyperlipidämie und arterieller Hypertonie begünstigt. Die häufig stressbedingten gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen, etwa erhöhter Nikotin- oder Alkoholkonsum und schlechte Planung körperlicher und psychischer Erholung, dürften nach einiger Zeit auch ohne körperliche Stressreaktionen massivste Auswirkungen zur Folge haben. Bemerkenswerterweise scheinen Frauen vor allem auf muskuloskelettaler und Stoffwechselebene zu reagieren, Männer dagegen nahezu ausschließlich auf kardiovaskulärer Ebene.

Depression: Die häufigsten Fehldiagnosen finden vermutlich im vielen Ärzten und Therapeuten nur vage bekannten Graubereich zwischen Depression und “Burnout” statt. Ahola und Hakanen (2007) schlussfolgern auf Basis ihrer Untersuchungen, dass Burnout und Depressionen nicht gleichzusetzen sind, dass aber chronische Stressbelastungen über Burnout-Zustände in Depressionen münden können. So steigt bei zunehmendem Schweregrad von Burnout die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, auf bis zu 50% an (Ahola, Honkonen et al., 2005). Iacovides et al. (2003) betrachten Burnout und Depression jedoch als zwei separate Phänomene und Krankheitskonzepte, die aber gemeinsame Charakteristika aufweisen. Auch ihnen zufolge mündet unbehandeltes Burnout in seiner schwersten Stufe letztlich häufig in Verzweiflung und Depression.

Zum Vergleich mit den oben beschriebenen Spezifika von “Burnout” hier die Merkmale einer depressiven Episode gemäß ICD-10:

“Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden, leidet der betroffene Patient unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt. Sogar bei der leichten Form kommen Schuldgefühle oder Gedanken über eigene Wertlosigkeit vor. Die gedrückte Stimmung verändert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf Lebensumstände und kann von sogenannten “somatischen” Symptomen begleitet werden, wie Interessenverlust oder Verlust der Freude, Früherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. Abhängig von Anzahl und Schwere der Symptome ist eine depressive Episode als leicht, mittelgradig oder schwer zu bezeichnen.”

Es ist also davon auszugehen, dass ein beträchtlicher Teil der Menschen, die wegen „Burnout” eine längere Auszeit nehmen, de facto an einer depressiven Erkrankung leiden (wobei diese durchaus auch mit beruflichen Problemen in Zusammenhang stehen kann) – nämlich dann, wenn alle für die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen vorliegen. Zur Depression gehört immer auch das Gefühl tiefer Erschöpftheit, welches so manchen Arzt, Coach oder Therapeuten zur vorschnellen Diagnose “Burnout” verleiten dürfte, da dieser Zustand Selbstüberforderung oder Überforderung durch außen als Ursache suggeriert. Doch fatalerweise ist nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tatsächliche Überforderung der Auslöser der Erkrankung, was dann zu Fehlbehandlungen führen kann. Viele depressiv Erkrankte etwa fühlen sich in einer schweren depressiven Episode zu erschöpft, um ihrer Arbeit nachzugehen, ja um sich selbst zu versorgen; doch nach erfolgreicher Behandlung und Abklingen der Depression empfinden sie die zuvor als völlige Überforderung wahrgenommene berufliche Tätigkeit wieder als befriedigenden und sinnvollen Teil ihres Lebens. Das ist bei Burnout jedoch nicht so: hier wird als Teil der Behandlungsstrategie häufig empfohlen, langsamer zu treten, länger zu schlafen und Urlaub zu machen. Liegt jedoch tatsächlich eine depressive Erkrankung vor, wären dies zumeist keine empfehlenswerten oder sogar gefährliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf längeren Schlaf und eine längere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und weiterer Stimmungsverschlechterung. Auch sind Urlaube oder Krankschreibungen etwas, von dem vielen depressiv Erkrankten abgeraten wird, da man die Depression “mitnimmt” und der eigene Zustand mit Antriebsstörung, Grübeln und der Unfähigkeit, irgendeine Freude zu empfinden, allein daheim oder im Urlaub in fremder Umgebung als besonders bedrückend und schmerzlich erlebt wird. Nicht selten treten gerade in solchen Situationen dann erste Suizidgedanken auf. Aus diesem Grund ist eine fachkundige Diagnose, idealerweise durch Ärzte, Psychologen oder Psychotherapeuten, die sowohl im Feld der Depressions- als auch der Burnout-Betreuung Erfahrung haben, dringend anzuraten. Nur eine korrekte Diagnose ermöglicht einen adäquaten Therapieansatz sowie ein möglichst rasches Greifen des therapeutischen Angebots!

Therapieansätze bei Burnout-Symptomatik

Aufgrund der Komplexität der möglichen Ursachen und Zusammenhänge, aber auch aus Gründen der häufig schwierigen Abgrenzung der Ätiologie und gegenüber anderen Störungsbildern steht am Beginn einer erfolgreichen Therapie eine sorgfältige medizinische und psychotherapeutische oder psychiatrische, sowie ggf. eine schlafmedizinische Diagnose. Die Therapie richtet sich dann naturgemäß nach den Erkenntnissen dieser Diagnosestellung.

Bei leichteren Beschwerden ohne Depression genügen mitunter geringe Interventionen wie die Ausarbeitung alternativer Strategien für das Arbeitsumfeld, Entspannungsverfahren und Stressbewältigungs-Techniken. Dies kann direkt am Arbeitsplatz (z.B. Arbeitspsychologe oder Coach) oder privat (Kurzzeit-Psychotherapie oder Coaching) geschehen.

Entspricht die Symptomatik jedoch einer depressiven Episode oder bestehen körperliche Symptome, die direkt oder indirekt mit einer Burnout-Symptomatik im Zusammenhang stehen, ist adäquate und regelmäßige Psychotherapie, nötigenfalls mit pharmakologischer Unterstützung, bis zum völligen Abklingen der Symptome über einen Zeitraum zumindest mehrerer Wochen indiziert. Ziel dieser Maßnahmen ist verbesserte Stressbewältigung (Coping) und Prävention (Coaching). Die Prognose ist i.d.R. gut; in Einzelfällen jedoch – etwa, wenn die Arbeitsstrukturen nicht adäquat verändert werden können und eine positive Arbeitsatmosphäre nicht erreichbar scheint – kann aber auch eine radikale berufliche Veränderung oder ein vorübergehender Berufsausstieg (Krankenstand, Sabbatical,..) erforderlich sein, um eine vollständige Regeneration bzw. Rehabilitation zu erreichen.

Literatur zum Thema:
Depression
Burnout

Quellen:
Ahola K, Hakanen J. Job strain, burnout, and depressive symptoms: A prospective study among dentists. J Affect Disord. 2007;104:103-10.
Ahola K, Honkonen T, Isometsä E, Kalimo R, Nykyri E, Aromaa A et al.: The relationship between job-related burnout and depressive disorders – results from the Finnish Health 2000 Study. J Affect Disord. 2005;88: 55-62.
Iacovides A, Fountoulakis KN, Kaprinis S, Kaprinis G. The relationship between job stress, burnout and clinical depression. J Affect Disord. 2003;75:209-21.
Maslach, C. Burned-out. Hum Behav. 1976;5:16–22.
Freudenberg HJ. Staff burnout. J Soc Issues. 1974;30:159–64.
Nil R, Jacobshagen N, Schächinger H, Baumann P, Höck P, Hättenschwiler J, Ramseier F, Seifritz E, Holsboer-Trachsler E. Burnout – an analysis of the status quo. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 2010;161(2):72–7.
Bildquelle: timsstrategy.com

Nov 06

Hatten Sie kürzlich mit jemandem Kontakt, der völlig die Kontrolle über sich verlor?

Bei Kindern und Jugendlichen werden Verhaltensmuster, die die sozialen Normen oder die Grenzen der anderen verletzen, als “Verhaltensstörungen” bezeichnet. Ich halte diese Begriffswahl an sich für problematisch, denn denn wer dürfte sich schon anmaßen, “korrektes” Verhalten zu definieren? In der Fachwelt jedoch werden unter diesem Begriff konkret Aggressivität, Bullying, Lügen, grausames Verhalten anderen Menschen oder Tieren gegenüber, destruktives Verhalten, Vandalismus und Diebstahl verstanden – und das gibt dann vermutlich doch einen ganz guten Eindruck darüber, was gemeint ist.

Die betreffenden Minderjährigen kommen meist aus problematischen Verhältnissen, haben Mißbrauchs-, Gewalterfahrungen oder einen Elternteil mit einem Suchtproblem. Werden ihre damit verbundenen Probleme nicht gelöst, können sich bei ihnen Persönlichkeitsstörungen entwickeln, wie die sogenannte “antisoziale Persönlichkeitsstörung”, bipolare Störungen oder Psychopathie. Diesen ist gemein, dass sie das Risiko für eigene oder fremde körperliche Verletzungen, Depressionen, Suchtverhalten, Gefängnisstrafen, Mord oder Suizid stark erhöhen, unter anderem deshalb, weil die Betroffenen Konflikten nicht aus dem Weg gehen und häufig auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zurückschrecken. Häufig besteht auch nur eine geringe Hemmung, andere zu betrügen, zu bestehlen und das Eigentum anderer zu zerstören. Paradox ist, dass das Verhalten dieser Personen äußerlich zwar sehr bestimmt und selbstbewußt wirken mag, sie sich im Grunde aber meist sehr allein, ängstlich und hoffnungslos fühlen, was nicht selten zu Alkoholmißbrauch, Depressionen und anderen Folgeproblemen führt.

Am besten kann das Verhalten antisozialer Personen psychologisch erklärt werden. Mediziner suchen nach rein körperlichen (z.B. genetischen) Erklärungen, lassen dabei aber häufig außer Acht, dass für viele Betroffene ihr aggressives Verhalten zum Selbstschutz und als Ventil für emotionale Spannungen dient. Diese Spannungen existieren nicht nur in ihnen selbst, sondern entstehen übermäßig schnell auch im Kontakt mit anderen. Bei psychopathischen Persönlichkeitszügen mangelt es zusätzlich an Empathie und Verständnis für die Situation der anderen, was die Hemmung für Aggression und illegale Handlungen noch weiter herabsetzt

Es ist deshalb normalerweise empfehlenswert, offene Konflikte mit aggressiven oder antisozialen Personen zu vermeiden: nicht nur würden diese Leute im Konfliktfall unfähig sein, sich in Ihre persönliche Situation hineinzuversetzen, sondern auch dazu, den Konflikt auf Gesprächsebene zu klären, geschweige denn, auf konstruktive Weise. Besser ist es, zunächst auf Abstand zu gehen, um das Gegenüber emotional “abkühlen” zu lassen, und es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmals zu versuchen.

Die Betroffenen selbst können mit psychologischer Hilfe bzw. Psychotherapie nach einiger Zeit zu deutlich besserer Selbstkontrolle und Lebenszufriedenheit finden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle:willow-park.co.uk)

Oct 30

Eine Schwäche ist besonders unter den Menschen, die in Helfer- und Service-Berufen arbeiten, häufig: das sogenannte “Helfer-Syndrom“. Der starke Impuls, anderen Menschen zu helfen, sich wohler zu fühlen, ist dabei unbewußt mit dem Ziel verbunden, das auch selbst zu tun und sich von eigenen Leeregefühlen abzulenken. Wenn die Betroffenen dabei jedoch laufend über die eigenen Grenzen gehen, sind Burnout und Depression nicht mehr weit – nicht ganz zufällig sind Angehörige dieser Berufssparten (z.B. Ärzten, Therapeuten oder anderer Sozialberufe) überaus häufig davon betroffen.
Doch man kein professioneller Helfer sein, um ein “Helfer-Syndrom” zu entwickeln: genauso gut kann es auch ein Nachbar, ein Freund, ein Mitarbeiter oder Sie selbst sein, der dazu neigt, Verantwortungen und Aufgaben zu übernehmen, um die andere instinktiv einen weiten Bogen machen würden.

Doch das ist nicht alles: das Helfer-Syndrom kann zu regelrecht mißbräuchlichen Beziehungs-Konstellationen führen. Der “Helfer” auf der einen Seite mag zunehmend Burnout-Symptome entwickeln und sich ausgebeutet fühlen, wenn seine Anstrengungen als selbstverständlich betrachtet werden und ihm wenig Dankbarkeit erwiesen wird. Nicht und nicht scheint er den Punkt zu erreichen, an dem jeder zufrieden ist.
Doch es existieren auch mißbrauchende bzw. narzißtische Helfer: das mangelnde Gefühl für die eigenen Grenzen führt bei ihnen indirekt auch dazu, auf die Verantwortung dem anderen gegenüber zu “vergessen”. Während ein verantwortungsvoller Helfer seine eigenen Grenzen kennt und den anderen dabei unterstützen wird, stärker zu werden und sich nach Möglichkeit professionelle Hilfe zu suchen, möchte der narzißtische Helfer ihn nicht aus seinem Einfluß entlassen – er kann nicht loslassen, bevor jene Ziele erreicht sind, von denen er selbst überzeugt ist.

Unabhängig davon, ob die Motive für das Helfer-Verhalten altruistisch (“Ich möchte etwas zurück geben”, “…verhindern, dass er/sie dieselben Fehler wie ich macht!”, “Ich möchte etwas weitergeben” oder “Ich kann es schaffen!”‘) oder neurotisch motiviert sind: es ist immer ein Zeichen emotionalen Ungleichgewichts, wenn jemand die eigenen Grenzen ignoriert und versucht, alle Probleme im Alleingang zu lösen.

Typische Formen ungesunder “Helfer-Beziehungen” sind Beziehungen mit wiederkehrenden emotionalen Wechselbädern, häufig mit einem abhängigen (“süchtigen”) Partner, Partnerschaften mit selbstbezogenen, kontrollierenden oder gewalttätigen Personen oder Beziehungen mit einem starken Ungleichgewicht an Macht, Bildung oder Geld. Derartige Beziehungsformen können für beide Partner zwar “funktionieren”, sie sind aber zumeist veränderungsresistent oder gar -feindlich und verlieren die künstliche Stabilität der gegenseitigen Abhängigkeit, sobald sich etwas am besagten Ungleichgewicht zu verändern beginnt. Persönliche Weiterentwicklung ist in ihnen nur schwer möglich, und aufgrund der inneren Zwänge leider häufig auch das Erreichen wirklichen Lebensglücks. Für professionelle Helfer existiert deshalb in vielen Ländern eine Verpflichtung zur Supervision, um ihr berufliches Verhalten zu reflektieren. Für Laienhelfer bleibt häufig nur die Möglichkeit, gut auf sich aufzupassen um uns nicht mehr als es uns und den anderen gut tut, in destruktiven “Helfer”-Ambitionen zu verstricken.

(Bildquelle: westallen.typepad.com)

Oct 09

Die Partnersuche gehört für viele Menschen zu den schwierigsten und nicht selten auch frustrierendsten Herausforderungen im Lebensverlauf. Tausende Bücher und Websites widmen sich folglich diesem Thema, und ebenso viele Partnervermittlungsagenturen und Internet-Singlebörsen suchen nach immer neuen Wegen, Männer und Frauen dabei zu unterstützen, die richtige Partnerin oder den richtigen Partner zu finden.

Doch was macht diese Suche zu einem solch schwierigen Unterfangen, an dem selbst hochintelligente Menschen immer wieder scheitern? Im Zuge meiner Unterstützung zahlreicher Klienten bei ihrer Partnersuche zeigten sich häufig folgende Grundprobleme:

Das Gefühl, man/frau müsse allein aufgrund ihres “Wertes” geliebt werden

Gerade leistungsorientierte Menschen erleben während ihrer Ausbildungszeit, dass ihnen harte Arbeit auch Erfolg bringt (und intelligente Menschen, dass sie sich dafür womöglich nicht einmal besonders anzustrengen brauchen). Erfolge bringen uns Anerkennung, Respekt und positive Verstärkung. Doch die Annahme, dass dies wohl auch beim Kennenlernen gilt, dürfte sich häufig als Trugschluss herausstellen: denn bei den ersten Dates geht es so gut wie ausschließlich darum, wie sich der andere fühlt. Man kann einen potenziellen Partner nicht für sich “gewinnen”, sondern in gewissem Sinne geht es darum, sich von ihm “entdecken” zu lassen – wobei jedoch weniger leistungsbezogene Attribute zählen (wie auch wissenschaftliche Untersuchungen immer wieder belegen), sondern vielmehr emotionale Attribute wie das Erzeugen einer positiven, ja spielerischen Atmosphäre, ein kommunikatives Eintauchen-können in die Welt des anderen und das Vermitteln eines Gefühls, dass der andere Bedeutung für einen hat. Eine Bedeutung, für die man auch etwas zu tun bereit ist – ohne jedoch “bedürftig” zu wirken. Dies sind jedoch Fähigkeiten, die man in der Universität, wenn überhaupt, dann eher während der Pausen als den Vorlesungen erwerben kann…

Conclusio: vergiß’ das, was du kannst oder darstellst. Verschaffe dem anderen eine gute Zeit, und er/sie wird sich daran erinnern – und mit ein bißchen Glück mehr davon wollen.

Mangel an Erfahrung

Den vorigen Gedanken aufgegriffen, sind wir bereits bei einem weiteren häufigen Grund für langfristige Partnerlosigkeit: Zeit, die man für das Studium, die Arbeit, im Fitness-Studio oder vor dem Fernseher verbringt, ist auch Zeit, die einem für wichtige andere Dinge abgeht – etwa das Kennenlernen potenzieller Partner. Ungünstigerweise führen Enttäuschungen bei der Partnersuche aber bei vielen Menschen dazu, sich nur noch stärker in ihre Arbeit, den Computer oder ihren Sport zu vertiefen. Deshalb steht bedauerlicherweise sogar eine sehr hohe Zahl von Menschen, die sich bereits in ihrer Lebensmitte befinden, hinsichtlich ihres Beziehungslebens noch ganz am Anfang – trotz oder gerade wegen großen beruflichen Erfolgs oder höchst aktiver Freizeitgestaltung.

Entfremdung von der Identität als Mann oder Frau

Gerade arbeitsbezogene und intelligente Menschen haben häufig noch mit einem zusätzlichen Problem zu kämpfen: ihr Selbstbild als erfolgreiche und intelligente Person, die sich vor allem mit ihren mentalen Fähigkeiten im Leben durchsetzen kann, führt zu einem eher ungeeigneten Auftreten bei der Partnersuche, bei der völlig andere Prioritäten gelten. Viele dieser Menschen legen zu wenig Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild oder dieses wirkt kühl und zu förmlich – auf Kosten der sinnlichen Ausstrahlung bei Frauen und sexuellem “Prickeln” der Männer. Es mögen sich dann interessante Diskussionen zwischen zwei Dating-Partnern entwickeln, aber, wie man so schön sagt: “der Funke springt nicht über”. Denn die Energien sind gewissermaßen im Kopf konzentriert, aber vom Herz und dem Rest des Körpers abgeschnitten – auf Kosten einer klar männlichen bzw. weiblichen Ausstrahlung.

Das mag zunächst ein wenig “esoterisch” klingen, als professionell eingestellter und sich der Wissenschaftlichkeit verpflichtet fühlender Psychotherapeut und Paartherapeut aber möchte ich sagen: niemand von uns sollte meinen, sich über zehntausende Jahre lange “Programmierungen” einfach hinwegsetzen zu können. Auch am Beginn moderner und gleichberechtigter Partnerschaften steht “das gewisse Kribbeln” … und gar nicht selten auch die eine oder andere sexuelle Idee! Die Fähigkeit zu entwickeln, diese Signale zu induzieren – oder zumindest nicht zu verhindern – kann jedoch gerade in unserer leistungsbezogenen Informationsgesellschaft eine ernstzunehmende Herausforderung darstellen.

Häufig läuft diese darauf hinaus, unsere “wilde Seite”, unsere Urinstinkte wieder stärker zuzulassen. Stellten wir unser hochkomplexes (und gerade im Beziehungsbereich häufig von Verboten, Regeln und gut gemeinten “Tipps” überfrachtetes) Denken einmal für einige Minuten zurück, würde mancher Mann wohl eher den richtigen Zeitpunkt finden, eine Offensive zu wagen, oder eine Frau, ihr Haar zurückzuwerfen und dem Mann ihres Interesses ein klares Signal zu senden.

Zu hohe Selektivität

Unsere Kultur, unsere Medien machen uns zu Konsumenten: wir sind es gewohnt, zu selektieren und darin trainiert, uns nur “das Beste zu gönnen”. Jeder von uns kann auf Abruf zumindest 5 Eigenschaften unseres gewünschten Traumpartners definieren, zu denen häufig auch die einen oder anderen körperlichen Charakteristika zählen. Das Problem ist nur: jede “Muss-Eigenschaft”, die wir an potenzielle Partner anlegen, schließt hunderttausende mögliche “Zukünftige” über unseren Suchfilter von vornherein aus. Lebt man zu allem Überfluß womöglich noch in einer kleineren Stadt, verbleibt häufig nur die Möglichkeit, die Suche entweder auf den gesamten Kontinent auszudehnen (und dann womöglich eine Beziehung auf Distanz führen oder großräumig übersiedeln zu müssen), das Thema “Partnerschaft” völlig abzuschreiben – oder aber auch: etwas gelassener und offener zu werden!

Jede dieser Möglichkeiten ist legitim – doch die zuletzt genannte hat meiner Ansicht nach einen gewissen Charme: realistisch betrachtet nämlich würde es ohnehin schwierig sein, einen perfekten Partner zu finden. Viel eher wird sich bei ihm oder ihr spätestens nach einem genaueren Kennenlernen der eine oder andere “Schönheitsfehler” enthüllen. Weiten wir hingegen unseren Blick, so wird sich herausstellen, dass es auch ganz generell eine schöne und befriedigende Erfahrung sein kann und unsere Beziehungen belebt, wenn wir Menschen für das wertschätzen, was sie sind, statt uns darauf zu konzentrieren, was ihnen fehlt.

Wahre Liebe ist, jemanden für das zu lieben, was er ist. Das bedeutet keineswegs, dass wir uns mit dem Mittelmaß zufriedengeben sollten. Sehr wohl aber ist es sinnvoll, hohe Standards gelegentlich auf ihre Nützlichkeit für das reale Leben hin zu überprüfen. Häufig läuft die Entscheidung nämlich gerade im Bereich der Partnersuche ultimativ auf die Wahl hinaus, entweder mit den eigenen Idealen jeden Abend alleine daheim zu sitzen oder sich für die Möglichkeiten zwischenmenschlicher Erfahrungen und auch Überraschungen zu öffnen – ja dabei vielleicht sogar von uns selbst überrascht zu werden…

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(Image src: answersfrommen.com)

01.09.19