Hashimoto und Depression / Angst

Die Psyche spielt eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung des körpereigenen Abwehrsystems: immer mehr Krankheiten werden heute als 'psychosomatisch' und damit ggf. psychotherapeutisch relevant betrachtet.
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Mondmann
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Hashimoto und Depression / Angst

Beitrag Do., 23.07.2020, 21:41

Kennt sich hier zufällig jemand aus (und ist das hier das richtige Unterforum?)?

Kürzlich wurde bei mir Hashimoto diagnostiziert; es war ein Zufallsbefund, weil wegen "Kribbeln" in den Armen die Halsschlagadern angeschaut wurden und der Arzt mich dann zum Nuklearmediziner geschickt hat. Den Verdacht hatte ich (bzw. die bisherigen Ärzte) schon seit 20 Jahren - immer, wenn ich unklare Beschwerden hatte (wie eigentlich immer), dachte man an die Schilddrüse, aber die Werte waren immer im Normbereich.

Der Nuklearmediziner hat sofort 1 +1 zusammengezählt, und seine erhobenen Laborbefunde bestätigten lediglich den Verdacht.

Nun soll ich Hormone nehmen (und Vitamin D; der Vitamin D - Mangel war bekannt, ich hab den aber nicht ernstgenommen).

Die eigentliche Frage ist: Wie ist das mit den psychischen Symptomen bei Hashimoto? Verschwinden die, wenn man die Hormone nimmt? Ich leide - und das auch noch vor allem vor der Regelblutung - an Ängsten und "Niedergedrücktsein" (ich möchte das Wort "Depression" nicht als Diagnose verwenden, weil mir die nie jemand so mitgeteilt hat); teilweise sind die Zustände kaum auszuhalten, und nach einem privaten Schicksalsschlag vor wenigen Monaten wurde alles umso schlimmer.

Psychotherapie (bzw. Analyse) - ja, klar, aber der Ansatz ist ja irgendwie ganz anders als "nehmen Sie mal was ein, und dann wird es Ihnen besser gehen". Gerade vor wenigen Wochen (vor der Diagnose) habe ich den Analytiker gefragt, ob ich vielleicht Psychopharmaka einnehmen sollte, wozu mir einige Ärzte immer mal geraten haben.

Er rät mir ab, grundsätzlich, aber auch, weil er meint, ich sei "kurz davor", entscheidende Veränderungen zulassen zu können (das Gefühl teile ich, und klar, dass da die Ängste stärker werden, ist mir irgendwie auch klar), und wenn ich Psychopharmaka nehme, dann würde ich damit meine Ängste "unterdrücken", und es könnte sich nichts ändern.

Einerseits habe ich genau dieselbe Einstellung dazu, andererseits frage ich mich nun aber, wie das mit den Schilddrüsenhormonen ist (dass ich die nehme, ist klar; der Therapeut hat gerade Urlaub, sodass ich ihm davon noch nicht berichten konnte).

Ich frag mich also, welchen Anteil die Schilddrüsenkrankheit an meinen Ängsten hat - und welchen Anteil meine Biographie. Vermutlich ist die Antwort: Es ist beides - aber irgendwie verstehe ich das nicht so ganz bzw. ich kann mir die "Verbindung" zwischen beidem nicht vorstellen.

Ich hatte schon den hobbypsychologischen Verdacht, dass Autoimmunerkrankungen (ich hab noch Lupus) für bestimmte Individuen ein "Weg" sind, das durch die Eltern vorgegebene Drehbuch, nicht existieren zu dürfen, "in die Tat umzusetzen": Der Körper zerstört sich selbst, ganz automatisch. - Wenn schon Seele und Geist rebellieren.

Und irgendwie frage ich mich, ob, wenn sich wirklich die Angstsymptomatik verbessert (warum sonst sollte ich die Hormone nehmen; an die anderen Beschwerden habe ich mich nach so vielen Jahren längst gewöhnt), ich dann immer noch derselbe Mensch bin - eine Verbesserung "allein" durch die Therapie erschiene mir irgendwie "stimmiger" - oder ob sich dann ähnliche Effekte einstellen wie bei der Einnahme von Psychopharmaka (ich musste einmal Valium und auch mal Propofol nehmen - und, nein, danke, diese künstlich erzeugte Euphorie und Gleichgültigkeit will ich nicht haben).

Mit anderen Worten: Gibt es jemanden, der Hashimoto hat und bei dem nach der Einnahme von Hormonen die seelischen Beschwerden mehr oder weniger deutlich spürbar besser wurden - und wie wirkte sich das auf die Psychotherapie aus?

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Anti Lope
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Beitrag Do., 23.07.2020, 22:48

Hallo Mondmann,

ich habe auch die Diagnose Hashimoto. Ich weiß gar nicht so genau wo ich anfangen soll. Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu ob die Autoimmunkrankheit die Depression verursacht oder die kranke Psyche die Autoimmunkrankheit.

Viele Hashi-Erkrankte wehren sich extrem dagegen, dass die Krankheit psychosomatisch sein könnte. In einschlägigen Foren lese ich immer wieder, wie gegen Ärzte gewettert wird, die den Vorschlag unterbreiten doch auch mal in Richtung Psychotherapie zu denken.

Ich für meinen Teil bin mittlerweile davon überzeugt, dass es bei mir psychosomatisch ist. Ich bin seit 2017 in Therapie und seitdem habe ich viel über mich, meinen Körper und die Symptome, die ich bis dahin der Autoimmunkrankheit zugeschoben habe, gelernt. Ich weiß jetzt, dass meine persönliche Geschichte zu dieser Krankheit geführt hat und wie sie sich auf mich auswirkt bzw. ausgewirkt hat. Meine Hashi-Symptome sind soweit verschwunden - so wie ich es in meinen schlimmen Hashi-Zeiten nie für möglich gehalten hätte. Ich habe außer der Therapie noch einiges mehr getan und in meinem Leben vieles verändert. All das hat mit sicherheit ebenfalls zu einer positiven Entwicklung geführt. Sowohl auf der körperlichen als auf auf der psychischen Ebene.

Zum Vitamin D kann ich dir nur raten es zu probieren!! Ich nehme es regelmäßig und mir hilft es aus der gedrückten Stimmung rauszukommen.

Was die Hormone angeht. Vor der Hashi-Diagnose wurde eine Unterfunktion der Schilddrüse festgestellt und seither nehme ich Hormone. Ich habe einmal versucht sie langsam auszuschleichen, aber nicht durchgezogen, da ich das Gefühl hatte, es geht mir wieder schlechter. Da ich die Hormone schon vor der Therapie genommen habe, kann ich zur Auswirkung auf die Psychotherapie nichts sagen.

Hashimoto hat so viele unterschiedliche Gesichter und es ist schwer zu unterscheiden, was wirklich ein Symptom dieser Krankheit ist und was nicht. Du wirst es für dich selbst herausfinden (müssen)..

Alles Gute!
Anti Lope
"Vegangenheit ist, wenn es nicht mehr wehtut." Mark Twain

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Mondmann
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Beitrag Fr., 24.07.2020, 10:38

Danke für deine Antwort.
Ich weiß gar nicht so genau wo ich anfangen soll. Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu ob die Autoimmunkrankheit die Depression verursacht oder die kranke Psyche die Autoimmunkrankheit.
Ja, das ist eben so schade, dass "Psychsomatik" eigentlich ganz wichtig ist, dass sich das dann meist aber doch auf "die Seele ist auch wichtig" beschränkt.

Sicher geht es da um Wechselwirkungen, aber irgendwo muss halt der Anfang einer Störung sein, und ich kann mir gut vorstellen, dass der in der Seele ist, jedenfalls gerade bei Autoimmunerkrankungen. Wissen tue ich es aber nicht.

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lisbeth
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Beitrag Fr., 24.07.2020, 10:56

Was ist Henne und was ist Ei?
Dass beides miteinander zusammenhängt und sich gegenseitig beeinflusst, das liegt finde ich auf der Hand.
Dass mit der angemessenen Behandlung körperlicher Beschwerden sich auch die psychische Befindlichkeit bessern kann, habe ich selbst erfahren. In Sachen Schilddrüse aber auch bei anderen somatischen Themen. Gleichzeitig hab ich lange Zeit diese somatischen Baustellen als meine "Schuld" und mein "Versagen" empfunden. Weil ich meine Psyche nicht so weit im Griff hatte, dass meine psychischen Probleme sich nicht länger körperlich auswirken. Und so hat es ziemlich lange gedauert, bis ich dann mal den Entschluss gefasst hatte, mit L-Thyroxin zu substiuieren. Rückblickend hätte ich mir da einiges ersparen können.

Meine Erfahrung ist: Es ist letzten Endes egal, was Ursache ist und was Symptom. Also ob die Psyche die Autoimmunprozesse zuerst beeinflusst hat oder umgekehrt. Für mich steht fest: Beide Systeme beeinflussen sich gegenseitig und viel stärker als uns klar ist. Mir ist es da vor allem wichtig, dass sowohl meine Haus- als auch die entsprechenden Fachärzte den ganzen Menschen im Blick haben, und dass andererseits mein "Psychoteam" (also Therapeutin und auch die Pychiaterin) nicht alle körperlichen Symptome automatisch auf die Psyche schieben, sondern mit mir zusammen versuchen herauszufinden, was abgeklärt gehört, und was dann auch gegebenenfalls behandelt werden sollte.

Und ich betrachte beides, sowohl psychische Erkrankung als auch Autoimmunerkrankung als etwas, was ein Teil von mir und meinem Leben ist. Das wird wahrscheinlich beides nicht mehr komplett verschwinden. Also heißt es, damit einen Umgang zu finden, der es mir ermöglicht, möglichst gut und mit möglichst wenig Einschränkungen damit zu leben.
In dem Maß wie wir anfangen, Fragen anders zu stellen, werden wir auch neue Antworten finden.

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Beitrag Fr., 24.07.2020, 14:03

Hm, ich hatte gedacht, es könnte sich vielleicht um "qualitative" Unterschiede handeln, also dass jemand mit Hashimoto nicht nur "ein bisschen mehr Angst" hat als andere, sondern dass die Art der Angst eine andere ist - schwer zu beschreiben. Oder dass das "Immer-mit-angezogener-Handbremse-Leben" entweder eben durch Hashimoto bedingt ist oder eben nicht. Und ich frage mich, wie psychisch gesunde Menschen Hashimoto erleben, wenn dann allein durch die Medikamente ein "Schleier" verschwindet. Oder ob bei seelisch kranken Menschen dieser Schleier bleibt, auch unter Medikamentengabe.

Wenn ich annehmen könnte, dass die Ursache psychisch bedingt ist, dann würde ich selbst mich gar nicht schuldig fühlen, sondern ich hätte eher das Gefühl, eine gewisse Kontrolle wiedererlangt zu haben: Es fiele dann nicht einfach so vom Himmel, sondern es hätte einen Grund.

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Beitrag Sa., 25.07.2020, 14:20

https://www.apotheken-umschau.de/Schild ... erfunktion

Der Mangel an Schilddrüsenhormonen wirkt sich auf verschiedenste Körperorgane, auf unser Nervensystem und auf unsere Psyche aus. Typische Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion sind:

Kälteempfindlichkeit
Müdigkeit, erhöhtes Schlafbedürfnis, Antriebslosigkeit, Teilnahmslosigkeit
Verlangsamte Reflexe
Gedächtnisschwäche, depressive Verstimmungen
Gewichtszunahme und erhöhte Blutfettwerte (vor allem Cholesterin, insbesondere das LDL-Cholesterin kann erhöht sein)
Muskelschwäche, Muskelsteifigkeit und Schmerzen
Kühle und blasse trockene Haut
Myxödeme: Teigige Schwellung des Unterhautbindegewebes, vor allem an den Armen und Beinen und im Gesicht. Betroffene wirken "aufgeschwemmt".
Spröde, brüchige Haare, vermehrter Haarausfall
Brüchige Nägel
Heisere, tiefe Stimme, langsame, verwaschene Sprache
Chronische Verstopfung
Eventuell ein Kropf (Struma)
Flüssigkeitsansammlung in den Augenlidern (Lid-Ödeme)
Unregelmäßige Monatsblutung bei Frauen, unerfüllter Kinderwunsch oder reduzierte Empfängnisfähigkeit
Verminderung des sexuellen Lustempfindens und der Potenz bei Männern
Bei schwerer, lang bestehender und unbehandelter Schilddrüsenunterfunktion können verlangsamter Herzschlag, erniedigter und speziell ein erhöhter diastolischer Blutdruck (zweiter Blutdruckwert) auftreten. Die Herzkranzgefäße können verkalken und es kann zu einer Herzmuskelschwäche oder einem Herzbeutelerguss kommen
Eines Tages wirst du aufwachen und keine Zeit mehr haben für die Dinge, die du immer wolltest. Tu sie jetzt.
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Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich versuchen, Fehler zu machen.Ich würde nicht so perfekt sein wollen.
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Beitrag Sa., 25.07.2020, 14:24

Wie sind denn deine Schilddrüsenwerte?

Es gibt auch ein Hashimoto- Forum oder mehrere sogar.

https://www.forum-schilddruese.de/erkra ... yreoiditis
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Beitrag Fr., 31.07.2020, 12:41

Ich hab eine Autoimmunerkrankung (zwar nicht vom Hashimoto Typ) der Schilddrüse mit einer Schilddrüsenunterfunktion, die seit 20 Jahren medikamentös eingestellt ist.
Als psychosomatische Erkrankung mit einem klar kausalen Zusammenhang zur Psyche würde ich sie nicht einordnen. Eher umgekehrt, dass eine Schilddrüsenunterfunktion depressive Symptome auslösen kann, ist belegt. Schilddrüsenwerte sind auch etwas, das Psychiater sehr häufig im Zusammenhang damit abklären lassen, um exogene Ursachen depressiver Symptome auszuschließen. Dauermedikation nehmen und die Symptome bessern sich über mehrere Monate bis die Schilddrüse gut eingestellt ist.
Was aber nicht heißt, dass es nicht auch noch zusätzlich endogene Ursachen für die Symptome geben kann.

Was allerdings auch in Studien festgestellt wurde, ist, dass Personen mit Traumaerfahrungen häufiger Autoimmunerkrankungen als solche ohne entwickeln. Das trifft vor allem für Lupus zu. Bei Hashimoto weiß ich es nicht.

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malerin
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Beitrag Mi., 05.08.2020, 22:14

Ich hab zwar kein Hashimoto aber mir wurde vor 10 Jahren die Schilddrüse wg. Knoten komplett entfernt. Bis zu dieser Op, hatte ich unter anderem starke Depressionen und Magen und Darm- Probleme. Nach der OP waren die natürlich nicht komplett weg aber nachdem ich richtig eingestell wurde doch deutlich besser.

Ich denke, dass der Hormonmangel sicher einen Einfluss auf unseren Körer hat aber natürlich spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle.
Soweit ich weiß, ist die richtige Einstellung der Hormone bei Hashimoto das Problem, weil ja ein Teil der Schilddrüse noch arbeitet. Deshalb ist es auch schwierig zu sagen, wieviel Einfluss die Gabe von Hormonen auf den Körper bzw. Psyche hat.