Ich habe Heimweh?

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Liya1997
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Ich habe Heimweh?

Beitrag Sa., 23.01.2021, 22:41

Hallo zusammen,

ich bin vor ein paar Monaten aus NRW einer kleinen Stadt nach Berlin gezogen. Und habe Heimweh. Ich bin von meinem Elternhaus aufgrund Traumata aufgezogen. Ich fühle mich in Berlin noch nicht Zuhause. In meinem alten Zuhause habe ich mich auch nicht Zuhause gefühlt, aber das lag an meinen Erfolg im Elternhaus. Im Nachhinein seitdem ich in Berlin lebe, merke ich, dass ich mich eigentlich vielleicht doch in meinem alten Wohnort Zuhause gefühlt habe. Die Stadt war überschaubar. Berlin ist ein hartes Pflaster und es ist eine ganz andere Welt.

Mit einer Nachbarin habe ich Kontakt aufgebaut, aber das ändert nichts daran, was ich zu dieser neuen, großen unüberschaubaren Stadt empfinde. Es gibt in Berlin auch tolle Ecken, aber ich fühle mich einfach verloren.

Und vermisse meinen alten Wohnort. Wenn ich hier durch die Straßen laufe, ist es immer noch sehr emotional für mich, weil vieles neu ist und dieses vertraute Gefühl fehlt. Jetzt schätze ich diese Erinnerungen auch anders, den Rhein, das Gefühl durch vertraute Orte zu laufen und sich nicht fremd zu fühlen. Ich bin dort aufgewachsen und habe da meine komplette Kindheit verbracht, die teils ja auch sehr schwierig war, aber ich bin zum ersten mal weggezogen. Und das 571 Km entfernt. Berlin ist eine sehr große Stadt, man kann sich schwer orientieren, weil alles auf einem Fleck ist. Das Zentrum, man kann nichts unterscheiden.

Letztes mal habe ich mit jemandem darüber gesprochen und sie meinte. Berlin ist ein hartes Pflaster. Und sie sagte, sie sind ausgezogen, aber haben gleichzeitig so viel vertrautes hinter sich gelassen.

Manchmal wache ich nachts plötzlich auf und muss einfach weinen. Ich denke, dass ich trotz meinen Erfahrungen im Elternhaus ( Gewalterfahrungen) Heimweh habe. Hier mache ich auch eine Psychotherapie und eine Kunsttherapie beides tiefenpsychologsich und traumaorientiert. Gerade arbeiten wir mit dem inneren sicheren Ort.
Bei beiden Therapeutinnen fühle ich mich sehr wohl und es ergänzt sich wunderbar.

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Hamna
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Beitrag So., 24.01.2021, 00:26

Hallo Liya,

ich selbst habe mal die Erfahrung gemacht, aus einem kleinen Ort in Norddeutschland nach Köln zu ziehen, 500 km weit weg. Ich habe mir die Stadt so nach und nach erschlossen, habe erstmal meinen Stadtteil kennengelernt, bin immer in die gleichen Geschäfte zum Einkaufen gegangen z. B., bis ich mich dort gut auskannte. Zunächst hat mich irritiert, dass ich niemanden kannte und nie einem bekannten Gesicht begegne, alles war freimt, aber so nach und nach wurde es besser und ich habe mir mein kleines Reich erschlossen, bis ich mich schließlich heimisch fühlte. Es dauert, bis man sich an alles gewöhnt, aber es kann gelingen, wenn man will. Geholfen hat mir dabei auch, dass ich sehr nette Kollegen und Kolleginnen hatte, mit denen ich nach Feierabend oft noch was unternehmen konnte, so dass sich nach und nach Freundschaften ergaben. Vier Jahre habe ich in Köln gewohnt und fühlte mich zum Schluss dort total zuhause.

Hast du denn einen Job, so dass sich vielleicht mit Kolleginnen mal was ergibt? Ich kenne auch Berlin, von Besuchen, und finde die Stadt total cool und hätte mir auch vorstellen können, dort mal zu wohnen. Gib der Stadt eine Chance und wie gesagt, mach kleine Schritte, erstmal in deinem Stadtteil.
Und wenn Du Dich getröstet hast, wirst Du froh sein,
mich gekannt zu haben.

aus "Der kleine Prinz"

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Miss_Understood
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Beitrag So., 24.01.2021, 01:21

Ja, Berlin heißt einen nicht so unbedingt willkommen. Es ist schier unübersichtlich als Ganzes. Das bedeutet auch: es gibt immer neues zu entdecken! Und zugleich wirst du Schritt für Schritt deinen Kiez kennenlernen. Und die sind sehr unterschiedlich. Berlin hat für jeden Geschmack, jedes Interesse seine Szene, seine Gruppen.
Kennst du meetup und eventbrite? Ask Helmut?
Schau mal, ob du da was findest, was deinen Interessen entspricht.
Und ich kann es gut verstehen, so sehr ich Berlin liebe - und die letzten Jahre auch wochenweise da verbracht habe, so sehr geht mir die Stadt nach vier oder mehr Wochen am Stück auf die Netven.
Gib dir und Berlin noch Zeit.
ch-ch-ch-chaaaaaaange

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Joa
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Beitrag So., 24.01.2021, 10:26

Hey Liya,

ich denke es gibt kaum jemanden der weiter von zu Hause wegzieht, und sich schon nach ein paar Monaten am neuen Ort heimisch fühlt. Das dauert eine Weile - wenn es passt. Kann natürlich auch sein, dass es letztendlich nicht passt. Ich würde mir noch ein wenig Zeit geben um das rauszufinden.

Bin in ein anderes Land gezogen und es hat bestimmt ein Jahr gedauert, bis ich mich halbwegs heimisch gefühlt habe. Das Gleiche ist es noch immer nicht, will aber trotzdem nicht mehr zurück.

Gruß Joa

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chrysokoll
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Beitrag So., 24.01.2021, 11:42

es ist natürlich im Moment alles viel schwieriger mit Corona, sehr vieles, eigentlich fast alles was man in einer Stadt machen könnte ist derzeit unmöglich.
Aber das wird sich irgendwann ändern!

Man kann bis dahin sich bewusst z.B. den eigenen Stadtteil erschliessen, Spaziergänge machen, bestimmte Punkte, Gebäude erkunden, verschiedene Wege gehen etc.
Einfach um da ein wenig Heimatgefühl langsam wachsen zu lassen
Und ganz wichtig: Sich Zeit lassen !!

Erstmals von daheim weg ziehen IST eine große Veränderung
Und Umzüge gehen an niemand ganz spurlos vorüber

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Fairness
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Beitrag So., 24.01.2021, 18:23

Hallo Liya,

auch ich sehe das so, wie du es beschriebst, Ortswechsel ist eine Herausforderung... Mensch zieht um und hat vor Ort noch kein oder eher kleines eigenes soziales Umfeld. Sucht seinen Platz, erkundet die Gegend, Kultur ist eventuell anders, die Gebräuche und die Lebensweisen sind anders. Es ist eine Herausforderung, welche mit keiner gewöhnlichen Reise verglichen werden kann, wenn die verschiedenen Themen einem alltäglich begegnen. Mit der Zeit kennen-lernt man es, das Neue zu lieben, das Umfeld wächst.. es ist dann zweites zu hause, auf eine andere Art und Weise.

Und im Heimatort lässt man gefühlt vieles zurück. Ich glaube aber, dass es vielen so geht, welche freiwillig und in Friedenszeiten weiter weg umziehen: dass die nahen Menschen und vertraute Gegenden da bleiben, vielleicht verändern sie sich, jedoch bleibt die Bindung gleich stark mit denen, mit welchen es eine solche gegeben hat. Dort liegen die eigenen Wurzel und das, was man auch schätzt und was früher so selbstverständlich zu sein schien. Man kann zu dem zurückkehren... im Kontakt bleiben.

Wie chrysokoll schrieb, das Ankommen an einem neuen Lebensort ist vielerorts aufgrund der Corona komplizierter geworden, ohne Zweifel. Würde dir empfehlen, die Gründe für deinen Umzug zu reflektieren und überlegen, ob nachdem die schwierige Zeit vorbei wird, es dort doch für dich eine Zukunft geben könnte, welche in deinem Sinne ist. Und ob du so diese Zeit gut überstehen kannst, was du tun brauchst, damit das klappt. Vielleicht wirst du nach den Überlegungen auch herausfinden, dass du lieber zurück möchtest. Solche Möglichkeit hast du.

Viel Mut dir.
Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist Gestern, der andere Morgen. Dies bedeutet, dass heute der richtige Tag zum Lieben, Glauben und in erster Linie zum Leben ist. Dalai Lama