Vertrauen zum Therapeuten / analytische Therapie

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Psychotherapie (von der es ja eine Vielzahl von Methoden gibt) gesammelt? Dieses Forum dient zum Austausch über die diversen Psychotherapieformen sowie Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Therapie.
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Schnabeltier
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Vertrauen zum Therapeuten / analytische Therapie

Beitrag Mi., 21.10.2020, 11:51

Hallo liebes Forum,

ich bin neu hier, habe ein paar Zweifel zur Therapie und würde mich über einen Austausch freuen. Werde meine Sorgen natürlich auch der Therapeutin nochmal mitteilen nächste Woche. Ich bin seit einem knappen Jahr in analytischer Therapie. Die fand bisher nur als Gespräche im Sitzen 1x pro Woche statt, aber gestern hat sie gemeint, wir könnten das nächste Mal im Liegen probieren.

Ich glaube, ich vertraue der Therapeutin nicht (mehr?) so richtig. Ich merke, dass ich vermeide, schmerzhaftere Sachen/Gedanken zu erzählen und an der Oberfläche bleibe. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich mich zwar im Laufe der bisherigen Therapie sehr viel überwinden musste, aber es mir oft so vorkommt, dass wir diese Dinge aus der Vergangenheit ausgraben, sie auch aktiv danach fragt, und dann fällt das in ein schwarzes Loch und verschwindet in einem staubigen Aktenordner und wird nicht wieder aufgegriffen. Stattdessen hat sie eine Deutung zur frühen Kindheit entwickelt und auch schon mehrmals vorgebracht. Dabei gäbe es viel greifbarere Erlebnisse, an denen man ansetzen könnte.
Außerdem das grundsätzliche Problem der Therapie: dass ich nach 50 min wieder gehe und selbst gucken kann, wie ich die nächste Woche mit der Scham und der Traurigkeit umgehe, die in der Stunde ausgelöst werden. Auch wenn ich schon Neues über mich gelernt habe und manches auch besser geworden ist, habe ich doch oft das Gefühl, alles alleine zu machen, das aus-dem-Loch-Kriechen, aktiv werden, mir viele Gedanken machen, und dass die Therapie mich eher daran hindert und mir wahnsinnig viel Energie raubt... Gehalten fühle ich mich auch nicht bei ihr; als hätten wir gar keine Beziehung zu einander, die mich auffangen könnte, wenn es mir schlecht geht. In der Folge habe ich auch Angst, schwierige Themen zu besprechen und wieder von meinem Drahtseil zu fallen. Meine ganzen Bemühungen, dass es mir besser geht, können so einfach wieder zunichte gemacht werden, ohne dass ich einen Sinn darin sehe. Ein bisschen wie Sisyphos irgendwie. Macht mich auch oft sehr wütend, auf mich, auf die Therapeutin.

Hat jemand vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht? Ist es normal, dass die Therapie nur anstrengend ist und so viel Energie raubt? Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht, solche Schwierigkeiten mit der Beziehung zum Therapeuten anzusprechen, und was hat da am besten geholfen?
Ich frage mich außerdem, wie das generell ist mit der therapeutischen Beziehung in der Analyse. Ich stelle es mir im Liegen noch schwieriger vor, eine Verbindung zu der Therapeutin aufzubauen. Kann das überhaupt funktionieren: eine gute Beziehung zwischen Analysand und Analytiker? Ich höre oft, dass eigentlich die Beziehung zwischen Patient und Therapeut das Entscheidende ist. Gilt das auch für die Analyse? Und falls sich herausstellt, dass das Therapieverfahren mir wirklich gar nicht liegt, kann man einen Wechsel auch zu einer anderen Therapieform machen?
Ich überlege außerdem, wie ich das am besten ansprechen soll nächste Woche. Sollte ich das schon auf der Couch liegend machen, oder werden solche Themen besser gegenüber sitzend besprochen? Hat jemand ein "best practice" dazu?

Vielen Dank für Lesen bis hierhin und einen schönen Mittwoch!
Schnabeltier

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chrysokoll
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Beitrag Mi., 21.10.2020, 13:52

leider habe ich viele (zu viele !) Stunden und Jahre in einer Analyse verbracht.
Mit genau den von dir geschilderten Problemen, ich fühle mich da direkt erinnert.
Und ich dachte immer und immer wieder es liegt an mir, ich dachte tatsächlich immer ich sei nicht genug geeignet.
Mein Analytiker (der übrigens lieb, warmherzig und durchaus gesprächsbereit war) tat nicht viel um das aufzulösen.

Heute weiss ich: Wenn ein Patient sich anfängt zu fragen ob er für die Therapie geeignet ist, dann ist es höchste Eisenbahn. Dann muss der Therapeut intervenieren, da ist nicht der Patient zuständig.

Ich kann nicht liegen, ich will nicht liegen, ich kann nicht mit jemand sprechen den ich nicht sehe.

Ich würde dir raten genau das was du hier schilderst in wichtigen Punkten zusammenzufassen, aufzuschreiben, in die nächste Stunde mitzubringen. Und das im sitzen (!!) klar zu benennen und abzusprechen.

Und ja, ich hab nochmal eine andere Therapieform (VT) angefangen und bereue nur das nicht viel früher getan zu haben


ziegenkind
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Beitrag Mi., 21.10.2020, 15:19

Schnabeltier, ich habe eine lange Analyse hinter mit, in deren Verlauf es mir auch oft nicht gut ging. Ich habe mich endlos geschämt, ich habe meine eigene Beziehungsunfähigkeit im Kontakt mit der Therapeutin gespürt, die Therapeutin als kalt und höhnisch über mich lachend erlebt, fürchterliche Angst gehabt aus dem Horror nicht mehr herauszukommen.

ABER: Es gab gleichzeitig IMMER einen Teil in mir der wusste, ich mache das, ich mache meine Therapeutin zu einem mich verfolgenden Monster. Weiterhin gab es immer auch ganz berührende und warme Momente in der Analyse, in denen ich mich das erste Mal in meinem Leben gesehen und gehalten fühlte. Dass ich genau solche Momente im Nachhinein oft kaputt machen musste, weil ich sie nur schwer aushielt, ist eine andere Sache.

WILL SAGEN: Bei mir hing es mit traumatischen Erfahrungen und daraus resultierenden Störungen zusammen, dass ich während der Therapie immer wieder auch ins Wanken und an den Rand kam. Ich glaube, bei mir konnte das nicht ausbleiben, weil wir ja Sachen berührt haben und berühren mussten, die ich mir Jahrzehnte vom Leib gehalten habe mit allen möglichen destruktiven Mechanismen. Außerdem habe ich über die Jahre deutliche Fortschritte gemerkt. Zuerst kam ich schneller aus schmerzhaften Phasen raus, auch weil ich gelernt hatte, klarer darüber zu sprechen. Und dann wurden sie nach und nach weniger.

Jetzt ist die Analyse seit mehr als 6 Jahren vorbei und mit geht es so gut, wie noch nie zuvor im Leben. Leben ist leichter und lebendiger, keine Angst mehr, keine Selbstverletzung mehr, Freude und Leichtigkeit im Kontakt mit anderen. Alles undenkbar für mich lange Zeit. Für mich hat es sich also gelohnt.

Mir sind zwei Sachen bei Dir aufgefallen:

1. Du sagst, Du spürst die Beziehung zu Deiner Therapeutin nicht. Das ist ein Problem. Das solltest Du immer und immer wieder mit ihr ansprechen. Ich hab das hin und wieder gespürt, nicht immer, nicht wenn ich im Film war. Aber die vielen Male, in denen ich abbrechen wollen, hab ich in mich rein gespürt und gemerkt, ganz tief in mir ist die Gewissheit, dass sie mir wohlwollend begegnet und mir helfen kann. Wenn Du das nicht hast, wird es schwer.

2. Du fragst, wer Dich nach den Stunden auffangen kann. Ich verstehe die Frage und die Sorge dahinter. Aber: das kann und wird eine ambulante Therapie nicht leisten. Du hast zwei Möglichkeiten: a. Überlege möglichst mit der Therapeutin zusammen , was Du tun kannst, um Dich aufzufangen b. erst in eine Klinik gehen und genau das lernen.
Die Grenzen meines Körpers sind die Grenzen meines Ichs. Auf der Haut darf ich, wenn ich Vertrauen haben soll, nur zu spüren bekommen, was ich spüren will. Mit dem ersten Schlag bricht dieses Weltvertrauen zusammen.

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Marlena
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Beitrag Mi., 21.10.2020, 17:26

Liebes Schnabeltier!

Ich befinde mich seid 2 Jahren in einer analytischen Psychotherapie, aber nur 1 max 2 mal die woche.

Das was du beschreibst kenne ich ganz gut. Es ist bei mir dasselbe, ich gehe raus, bin tief drin, kann meine Emotionen nicht regulieren und fühle mich dann alleine gelassen von ihm. Dann kommt die Wut auf ihn, dann auf mich, warum ich denn immer noch zu blöd bin alleine zurecht zu kommen und in so eine Abhängigkeit gekommen bin.
Ich kann dir nur sagen was er zu mir sagt, denn seid Wochen ist das immer Thema bei uns. Es geht in 1 Linie um die therapeutische Beziehung (Hauptpunkt bei analy. T) und er meint, dass ich ein Nähe und Distanz Problem habe. Ich will nämlich immer die Therapie abbrechen, früher gedanklich weil ich mich so alleine gelassen fühlte und jetzt setze ich es immer wieder um und nach ein paar Stunden entscheide ich mich doch um. Das brauche ich um mich abzugrenzen.
Das was du beschreibst ist eben auch typisch für eine Traumaaufarbeitung. Ich finde sehr wohl dass der TherapeutIn dafür zuständig ist und dir hilft und Sicherheit gibt. Ich durfte mich immer melden und bekam noch eine zusätzliche Stunde oder durfte eine Mail schreiben. Um Zusatzstunden bitte ich ihn jetzt nicht mehr. Aber wirkich besser ist das auch nicht geworden.
Er meinte dass das mein Muster in einer Beziehung ist (vl bei dir auch so?) und dass ich das mit ihm aufarbeiten muss.
Fühlst du dich sonst nicht wohl oder gut aufgehoben m gewärmt und gehalten? Ich finde wenn du gar nix spürst ist das bedenklich. Könnte auch ein Schutz von dir sein, weil du Angst hast verletzt und allein gelassen zu werden!

Du musst das unbedingt alles ansprechen. Ich glaube so Analysen gehen ziemlich oft sehr tief und sind super anstrengend. Manchmal frage ich mich, obs nicht gescheit wäre die klienten vorher zu stabilisieren. Ich bin sehr instabil seid über einem Jahr wegen der Therapie und dem aufarbeiten!
Alles Gute und schreib dann was sie gesagt hat :)

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Pianolullaby
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Beitrag Mi., 21.10.2020, 18:14

Nein, ich finde nicht dass ein Therapeut eine Zwischenstunde einschieben sollte.
Es geht darum zu lernen ohne einen Therapeuten sich regulieren zu lernen, und das lernt man nicht,
in dem man einen Termin einschiebt. Was tut ihr, wenn er im Urlaub ist, krank usw. dann sollte man gelernt haben, sich regulieren zu können.
Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum

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Pinguin Pit
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Beitrag Mi., 21.10.2020, 18:17

Warum hast Du denn nur eine Wochenstunde?
Für eine Analyse ist das zu wenig. Kann ich mir gut vorstellen, dass Du verunsichert bist und schwierige Themen vermeidest, eine Woche warten ist zu lang.
Die Vergangenheit ist nicht tot - sie ist nicht einmal vorbei. (William Faulkner)

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Marlena
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Beitrag Mi., 21.10.2020, 18:41

Pianolullaby hat geschrieben:
Mi., 21.10.2020, 18:14
Nein, ich finde nicht dass ein Therapeut eine Zwischenstunde einschieben sollte.
Es geht darum zu lernen ohne einen Therapeuten sich regulieren zu lernen, und das lernt man nicht,
in dem man einen Termin einschiebt. Was tut ihr, wenn er im Urlaub ist, krank usw. dann sollte man gelernt haben, sich regulieren zu können.
Naja wie hast du das gelernt? Ganz alleine drauf gekommen? Mein Thera gibt mir da leider keine Tips und meint es ist ok wenn ich in der Phase öfter komme. Ich würde echt gern mal wissen wies in anderen Therapien ist, bei mir ists die erste ich kenne nix anderes.

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Schnabeltier
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Beitrag Mi., 21.10.2020, 18:47

Vielen Dank für eure Beiträge! Das tut mir sehr gut, von euren Erfahrungen zu lesen und zu sehen, dass ich nicht allein bin :)

Werde das wohl wirklich alles mal zu Papier bringen, auch wenn die Therapeutin bisher immer eher dafür war, dass ich frei erzähle.
ziegenkind:
Ich habe mich endlos geschämt, ich habe meine eigene Beziehungsunfähigkeit im Kontakt mit der Therapeutin gespürt, die Therapeutin als kalt und höhnisch über mich lachend erlebt, fürchterliche Angst gehabt aus dem Horror nicht mehr herauszukommen.
Auch darin erkenne ich mich total wieder. Auch bei mir passiert sehr viel davon in mir, glaube ich. Das finde ich sehr schwer auszuhalten. Vielleicht wird es im Liegen ja angenehmer, weil ich nicht mehr wie ein Bazillus unter dem Mikroskop vor ihr sitze, aber ich habe Angst, dass sich das Ganze in ein "gegen die Wand-Reden" verwandelt. Das stelle ich mir irgendwie lächerlich vor... Aber das muss ich vielleicht einfach ausprobieren.
ziegenkind:
Bei mir hing es mit traumatischen Erfahrungen und daraus resultierenden Störungen zusammen, dass ich während der Therapie immer wieder auch ins Wanken und an den Rand kam.
Hmm. Hatten diese Erfahrungen selbst auch Raum in der Therapie? Denn das irritiert mich: dass sie Erlebnisse, die ich einschneidend fand und auch schwierig finde, darüber zu reden, viel weniger Beachtung schenkt als ich erwarten/wünschen würde. Stattdessen eine Deutung über die frühe Kindheit, die ich irgendwie weit hergeholt (und auch unnötig?) finde. Ich weiß nicht, ob man meine Erlebnisse als "traumatisch" klassifizieren kann, aber sie haben mich ziemlich aus der Bahn geworfen damals und beeinflussen mich glaube ich noch. Finde es sehr verunsichernd, wenn ich mich überwinde, davon erzähle, es aber nicht wieder aufgegriffen wird. Aber glaube, diesen Zweifel konnte ich letztes Mal schon im Ansatz zumindest rüberbringen.
ziegenkind:
1. Du sagst, Du spürst die Beziehung zu Deiner Therapeutin nicht. Das ist ein Problem. [...] Aber die vielen Male, in denen ich abbrechen wollen, hab ich in mich rein gespürt und gemerkt, ganz tief in mir ist die Gewissheit, dass sie mir wohlwollend begegnet und mir helfen kann. Wenn Du das nicht hast, wird es schwer.
Hmm, irgendwie glaube ich das doch auch, dass sie mir wohlwollend begegnet. Bestimmt kann sie mir auch helfen. Keine Ahnung. Ich habe keine Wörter, wenn ich da bin, habe wahnsinnige Angst, sie an mich ranzulassen, entweder ich schwimme panisch Smalltalk-Stil an der Oberfläche oder verwandle mich in ein ertrinkendes Gefühlsknäuel... Das ist ziemlich quälend, muss eigentlich immer direkt schon am Anfang weinen und fühle mich dann so entblößt und überflutet... Hoffe, ich schaffe es, verständlich darüber zu reden nächstes Mal. Geht nur so schlecht, wenn ich weinen muss und mich zu Tode schäme. Das, was mir helfen soll, ist das, wobei ich Hilfe brauche... Das ist so verkorkst :alien:
ziegenkind:
2. Du fragst, wer Dich nach den Stunden auffangen kann.
Eigentlich ging es mir mehr darum, in den Stunden aufgefangen zu werden, wenn mich starke Gefühle überkommen oder ich verzweifelt bin oder so. Aber das liegt vielleicht an mir, dass ich das nicht spüren kann/will... Hoffe außerdem, dass es mir mit der Zeit besser gelingt, meine Gedanken/Gefühle direkt in der Stunde unterzubringen, damit die mich danach nicht als Grübelschwarm überkommen.
Marlena:
Ich durfte mich immer melden und bekam noch eine zusätzliche Stunde oder durfte eine Mail schreiben.
Puh das habe ich noch nie versucht... darüber haben wir auch nicht gesprochen. Ein Mal war ich ganz aufgelöst in einer Stunde, da wollte sie, dass ich sie am nächsten Tag anrufe, aber sonst keine Ahnung. Wäre mir auch irgendwie voll unangenehm bzw. würde mich das nicht trauen... und wüsste nicht, was mir das helfen soll in dem Moment.
Marlena:
Fühlst du dich sonst nicht wohl oder gut aufgehoben m gewärmt und gehalten? Ich finde wenn du gar nix spürst ist das bedenklich. Könnte auch ein Schutz von dir sein, weil du Angst hast verletzt und allein gelassen zu werden!
Ja, bin mir ziemlich sicher, dass das ein Schutz ist. Gewärmt und gehalten nein; aber das habe ich eigentlich nie so wirklich bei anderen. Bezweifle, ob das bei einem*r anderen Therapeut*in wirklich anders wäre...

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Beitrag Mi., 21.10.2020, 18:50

Pinguin Pit hat geschrieben:
Mi., 21.10.2020, 18:17
Warum hast Du denn nur eine Wochenstunde?
Für eine Analyse ist das zu wenig. Kann ich mir gut vorstellen, dass Du verunsichert bist und schwierige Themen vermeidest, eine Woche warten ist zu lang.
Das kommt mir auch so vor. Nach einer Woche ist irgendwie alles wieder weg. Letztes Mal kam tatsächlich die Idee auf, das zwei Mal wöchentlich zu machen. Finde ich einen guten Vorschlag und werde das ausprobieren, aber wird bestimmt natürlich auch anstrengender dadurch.

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Pianolullaby
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Beitrag Mi., 21.10.2020, 19:21

Marlena hat geschrieben:
Mi., 21.10.2020, 18:41
Naja wie hast du das gelernt? Ganz alleine drauf gekommen? Mein Thera gibt mir da leider keine Tips und meint es ist ok wenn ich in der Phase öfter komme. Ich würde echt gern mal wissen wies in anderen Therapien ist, bei mir ists die erste ich kenne nix anderes.
Mit meiner Therapeutin zusammen, indem wir immer wieder in der Stunde gefragt haben, was bräuchte es jetzt gerade, wie kann ich mich beruhigen. Wer hilft mir, was hilft mir, welche Skills helfen mir usw.

Dann frage ihn halt explizit danach
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ziegenkind
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Beitrag Mi., 21.10.2020, 20:48

Schnabeltier, Analytiker*innen greifen manchmal Themen nicht auf, weil sie zu glauben, dass das zu früh und zu schnell ist und eventuell in krasse Destabilisierung führt. War bei mir so, hab ich unter großen Schmerzen angesprochen und die, wie ich finde, sehr zugewandte Antwort gekriegt, sie fürchte, ich könne das jetzt noch nicht wirklich aushalten und würde durch das Thema dann nur durchheizen. War Nagel auf Kopf. Von daher: sprich es an. ich weiß, ist schwer, aber das sind die Momente, in denen Vertrauen und Bindung entstehen.

Nicht reden können kenne ich auch. Mir hat es geholfen über körperliche Empfindungen zu sprechen: der Stein im Bauch, den ich gefühlt habe, die Verkrampfung in den Schultern. Das war irgendwie nicht so gefährlich, gleichzeitig ehrlich und ich hatte das Gefühl, gesehen zu werden.
Die Grenzen meines Körpers sind die Grenzen meines Ichs. Auf der Haut darf ich, wenn ich Vertrauen haben soll, nur zu spüren bekommen, was ich spüren will. Mit dem ersten Schlag bricht dieses Weltvertrauen zusammen.

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NeverEndingStory
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Beitrag Mi., 21.10.2020, 21:39

ziegenkind hat geschrieben:
Mi., 21.10.2020, 15:19
Schnabeltier, ich habe eine lange Analyse hinter mit, in deren Verlauf es mir auch oft nicht gut ging. Ich habe mich endlos geschämt, ich habe meine eigene Beziehungsunfähigkeit im Kontakt mit der Therapeutin gespürt, die Therapeutin als kalt und höhnisch über mich lachend erlebt, fürchterliche Angst gehabt aus dem Horror nicht mehr herauszukommen.

ABER: Es gab gleichzeitig IMMER einen Teil in mir der wusste, ich mache das, ich mache meine Therapeutin zu einem mich verfolgenden Monster. Weiterhin gab es immer auch ganz berührende und warme Momente in der Analyse, in denen ich mich das erste Mal in meinem Leben gesehen und gehalten fühlte. Dass ich genau solche Momente im Nachhinein oft kaputt machen musste, weil ich sie nur schwer aushielt, ist eine andere Sache.

WILL SAGEN: Bei mir hing es mit traumatischen Erfahrungen und daraus resultierenden Störungen zusammen, dass ich während der Therapie immer wieder auch ins Wanken und an den Rand kam. Ich glaube, bei mir konnte das nicht ausbleiben, weil wir ja Sachen berührt haben und berühren mussten, die ich mir Jahrzehnte vom Leib gehalten habe mit allen möglichen destruktiven Mechanismen.

Ziegenkind, vielen Dank dafür. Ich finde mich so sehr wieder.

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Mondmann
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Beitrag Fr., 23.10.2020, 20:29

habe ich doch oft das Gefühl, alles alleine zu machen
Auch wenn du es vielleicht nicht so meinst: Das ist eigentlich gut. Oder: Es ist eine gute Basis - viel besser, als wenn du dächtest: "Ohne Therapeutin schaffe ich gar nix".
dass ich nach 50 min wieder gehe und selbst gucken kann, wie ich die nächste Woche mit der Scham und der Traurigkeit umgehe, die in der Stunde ausgelöst werden
Das ist sicher nicht ideal, und wenn die Therapie von der Kasse finanziert wird, ist es auch nicht so vorgesehen, weil Analyse offiziell mehr Wochenstunden beinhaltet, weil einstündige Analysen zwar möglich sind (ich mache auch eine, die ich aber selbst zahle), aber es ist sehr schwierig, finde ich jedenfalls, das richtige Maß zu finden aus "Spannung halten" und "Spannung aushalten". Wenn es also irgendwie möglich ist, 2 oder 3x zu kommen (erst recht im Liegen), dann würde ich das tun. Es ist viel "sprudelnder" als eine Wochenstunde, die dazu führen kann, dass es manchmal nur sehr "zäh" vorangeht.
Gehalten fühle ich mich auch nicht bei ihr
Das kann - muss aber nicht - ein Missverständnis sein: Ich habe viele Jahre und zwei Therapeuten gebraucht, um das Gehaltenwerden als etwas Produktives empfinden zu können, was ich mitgestalte - anstatt als etwas, was der Andere mir geben müsse.
ich vertraue der Therapeutin nicht (mehr?) so richtig
Das wird vielleicht dein Thema sein; wenn das so ist, dann wird dich das Misstrauen bzw. die Ambivalenz vermutlich die gesamte Therapie über immer mal begleiten, mal mehr, mal weniger, und, noch schlimmer: häufige Einbrüche in aus dem Nichts heraus. Genau daran, am Gefühl, dem Anderen nicht vertrauen zu können, kannst du in der Therapie arbeiten. Dazu gehört dann aber eben auch, dass das Misstrauen da sein darf und das Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit. Das gehört dann angeschaut.
als hätten wir gar keine Beziehung zu einander
Vielleicht könntest du das mit deiner Therapeutin genauer aufbröseln: was wäre für dich "Beziehung"; wie würde sich das in den Stunden anfühlen?
so viel Energie raubt?
Es kostet viel Energie, ja. Von "rauben" würde ich nicht sprechen: Wenn du es durch "kosten" ersetzt, wird es kostbar, und gute Dinge kosten häufig viel. Etwas, was dich nicht viel kosten würde, wäre schon allein dadurch weniger wertvoll, weil durch die Mühe eben auch etwas entsteht, was nicht entstehen würde, wenn du meist "entspannt und lässig" aus den Stunden rausspaziertest: Du sollst ja gerade alte Muster hinterfragen, und das ist mühsam.
Ich stelle es mir im Liegen noch schwieriger vor, eine Verbindung zu der Therapeutin aufzubauen
Im Liegen wurde alles entspannter, auch der Therapeut, und das konnte ich spüren. Es war anders als "normale" Gespräche, und das gemeinsame Schweigen kann vieles auslösen: Angst, aber auch starke Verbundenheit.

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Beitrag Di., 27.10.2020, 11:35

Marlena hat geschrieben:
Mi., 21.10.2020, 17:26
Alles Gute und schreib dann was sie gesagt hat :)
Ich habe das heute angesprochen und das war wirklich gut. Ich hatte ein paar Notizen dabei und hatte ziemlich Angst vor der heutigen Stunde, aber jetzt wo ich mich überwunden habe bin ich sehr erleichtert und froh. Ich hatte total das Gefühl, dass sie das ernst nimmt und versteht und gut findet, dass ich darüber rede, und meine Gedanken/Gefühle nachvollziehen kann und berechtigt findet. Und einen zweiten Termin haben wir jetzt auch. Reden hilft ;-)
ziegenkind hat geschrieben:
Mi., 21.10.2020, 20:48
Von daher: sprich es an. ich weiß, ist schwer, aber das sind die Momente, in denen Vertrauen und Bindung entstehen.
Danke, ich stimme zu!