moderne und klassische Analyse

Hier können Sie Ihre Fragen rund um die Rahmenbedingungen von Psychotherapie (Methoden, Ablauf usw.) anbringen.
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minds
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moderne und klassische Analyse

Beitrag So., 14.10.2018, 06:32

Liebe Forumsmitglieder,

in letzter Zeit interessiert mich die Frage, was der Unterschied zwischen moderner und klassischer Analyse ist. Soweit ich weiß, sitzt bei der klassischen Analyse der Therapeut hinter dem liegenden Klienten und der Klient assoziiert frei.
Dagegen sitzen sich Therapeut und Klient bei der modernen Analyse gegenüber.
Aber worin unterscheiden sich die beiden Methoden sonst?
Ist moderne Analyse einfach eine Art Tiefenpsychologie nur mit mehr Stunden?

Danke

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spirit-cologne
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Beitrag So., 14.10.2018, 13:34

Hallo minds, eine "moderne" Analyse gibt es so als Begriff nicht. Es wird unterschieden zwischen Psychoanalyse (das ist die "alte" Form der nahezu-endlos-Analyse, die nicht zwangsläufig der Heilung von Krankheiten dienen muss, sondern auch nur der Selbsterkenntnis oder Selbstoptimierung dienen kann und daher auch nicht von Krankenkassen finanziert wird) und analytischer Therapie (so nennt man die kassenfinanzierte Form der Psychoanalyse, für die eine ICD-Diagnose notwendig ist und die vom Umfang her begrenzt und auf das Ziel der Heilung oder Linderung von psychischen Störungen ausgerichtet ist). Die analytische Therapie unterscheidet man wiederum in die klassische und die modifizierte (nicht "moderne") analytische Therapie.

Die klassische analytische Therapie findet i.d.R. im Liegen statt und bedient sich tatsächlich in erster Linie der freien Assoziation. Ziel ist die sogenannte "therapeutische Ichspaltung" und eine "partielle Regression". Damit ist gemeint, dass der Patient in der Therapie einerseits alte Muster durch Regression auf frühere Entwicklungsstufen aktiv erleben, aber anschließend auch die Regression wieder begrenzen und im Erwachsenenmodus auf einer Metaebene mit dem Therapeuten besprechen soll. Der Fokus liegt dabei auf den bereits in der Kindheit entstandenen Grundkonflikten. Damit Regression entstehen kann, ist das Setting so, dass der Patient liegt und den Therapeuten nicht sieht, damit also ganz bei seinen eigenen Gedanken- und Gefühlsmustern bleibt. Weiterhin gehört zu dem klassischen Setting eine hohe Sitzungsfrequenz von 2 - 3 Stunden (die Psychoanalyse macht auch mehr Stunden pro Woche, aber in der kassenfinanzierten Therapie ist das nicht vorgesehen) und ein starke Abstinenz bzw. technische Neutralität des Analytikers, der sich weitgehend auf Klären, Konfrontieren und Deuten beschränkt.

Die Modifizierte analytische Therapie wurde entwickelt, weil man feststellte, dass nicht alle Patienten die Voraussetzungen für solch ein therapeutisches Setting mitbringen. Vor allem strukturell gestörte Patienten ( z.B. mit Persönlichkeitsstörungen) können die therapeutische Ichspaltung nicht leisten und bleiben in einer sogenannten malignen Regression "hängen", was zur Verschlechterung der Symptomatik bis hin zu suizidalen Krisen oder "Kurzschlussreaktionen" führen kann. Deshalb arbeiten die Analytiker mit diesen Patienten in einem abgewandelten Setting, sie begrenzen die Regression stärker, die sitzende Position mit Augenkontakt hält den Patienten im hier und jetzt und wirkt Dissoziationen entgegen. Der Therapeut ist aktiver und übernimmt teilweise sogenannte "Hilfs-Ich-Funktionen". Die Deutungen sind weniger genetisch (= auf Kindheit/Familiengeschichte bezogen), sondern haben mehr Aktualbezug. Trotzdem bleibt es von Umfang und Zielsetzung her eine analytische Therapie. Das Ziel einer analytischen Therapie ist die Bearbeitung der Basiskonflikte (z.B. Versorgung vs. Autarkie) und ggf. auch eine Änderung von Persönlichkeitsmerkmalen des Patienten. Daher braucht sie auch so viele Stunden.

Die tiefenpsychologisch fundierte Therapie dagegen konzentriert sich auf den im hier und jetzt auftretenden aktualisierten Konflikt und setzt einen fest umgrenzten Behandlungsfokus. Hier soll die Regression begrenzt und die alltägliche Funktionsfähigkeit des Patienten voll erhaltenen bleiben und nur ganz bestimmte für den Patienten störenden oder belastende Themenbereiche bearbeitet und nicht an der Grundpersönlichkeit gearbeitet werden, deshalb auch ein auf max. 100 Stunden begrenztes Therapiekontingent und i.d.R. nur einmal wöchentliche Sitzungsfrequenz. Gearbeitet wird vor allem mit und in der Übertragungsbeziehung.

Das ist jetzt grob verallgemeinert dargestellt, wenn dich das näher interessiert, wirst du nicht darum herum kommen, dir mal ein Fachbuch zu dem Thema zu greifen. Aber ich hoffe, deine grundlegenden Fragen sind halbwegs beantwortet, vor allem die Frage, ob modifizierte analytische Therapie nur eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie mit mehr Stunden ist, kann klar mit nein beantwortet werden.
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ENA
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Beitrag So., 14.10.2018, 15:21

Analytische und tiefenpsychologische Therapie gehen beide in die Tiefe, nur die eine mehr, als die andere und mit mehr Verbindung zum alltäglichen Leben.

Ansonsten: Ich finde die Erklärung von Spirit grade sowas von gut geschildert und zusammen gefasst!!! :respekt:

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minds
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Beitrag Mo., 15.10.2018, 06:05

Ja super. Vielen Dank