Schwester in der Akutklinik

Hier haben Sie die Möglichkeit, anderen Ihre Erfahrungen zur Verfügung zu stellen - oder sie nach deren Erfahrungen im Kontext von klinischer Psychotherapie, Psychiatrie und Neurologie zu fragen.

Candykills
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Re: Schwester in der Akutklinik

Beitrag Do., 09.01.2020, 22:19

Es macht natürlich Sinn alles zu erzählen, was deine Schwester sagt. Aber dir sollte halt klar sein, dass die Ärzte nichts machen können, wenn sie nicht freiwillig da bleibt. Bisher habt ihr ja mit keinem Arzt gesprochen, somit weißt du also auch nicht, was die Ärzte bereits wissen.

Ich flüstere auch immer in der Psychose, schon weil ich Angst habe, dass meine Stimmen mithören. Trotzdem ist es noch ein Unterschied, wenn man sich völlig gesund gegenüber allen anderen Menschen benehmen kann. Ich glaube da nicht so dran, wenn es wirklich so schlimm ist, wie du beschreibst.

Sie hat ein Recht auf ihre Psychose...so fies wie das klingt. Sie darf krank sein, wenn sie krank sein will und das ist auch einerseits gut, dass das in Deutschland so geregelt ist, für Angehörige ist das aber oft sehr schwierig, weil sie völlig hilflos zusehen müssen, wie der Mensch sich ruiniert.

Vielleicht könnt ihr sie im Arztgespräch dazu bewegen, dass sie noch ein bisschen bleibt. Verhandeln...
Ärzte sind auch darauf angewiesen, dass die Angehörigen mitarbeiten und nehmen deren Hilfe da auch gerne in Anspruch. Aber du wirst eben akzeptieren müssen, wenn sie im Moment keine Hilfe will. Trotzdem könntet ihr vielleicht aushandeln, dass sie Medikamente versucht. Duw eißt ja auch nicht, inwieweit die Ärzte da nicht schon was angeordnet haben, und sie diese einfach nicht nehmen will.
Ich weiß, dass ich in der Psychose auch oftmals keine Medikamente nehmen wollte, weil ich dachte, das wäre Gift. Da wurde halt verhandelt mit mir und das hat eigentlich im Nachhinein gesehen ganz gut immer geklappt.
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stern
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Beitrag Do., 09.01.2020, 22:26

Krankheitseinsicht scheint Fehlanzeige zu sein. ::? Ich halte es unter den Umständen vertretbar, mit den Ärzten zu reden, auch wenn sie das ablehnen würde. Nur wenn sie auf Entlassung besteht, aber nicht selbst- oder fremdgefährdend ist, wird man wenig dagegen tun können. Aber wenn die Ärzte davon wissen, besteht zumindest die theoretische Möglichkeit, dass die Klinik verbal etwas Einfluß nimmt. Doof, dass die Klinik insgesamt den Eindruck macht, sich so wenig zu kümmern und den Wahn nicht peilt (das glaube ich dir durchaus). ::? Dass Menschen im psychotischen Zustand komplett verändert sein können, ist klar. Aber die Handhabe ist schwer. Vielleicht wäre es möglich, euch vom sozialpsychiatrischen Dienst beraten zu lassen, wie ihr weiter vorgehen könnt?
Liebe Grüsse
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alatan
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Beitrag Do., 09.01.2020, 23:02

Die juristischen Bedingungen sind extrem eng geworden, was dazu führt, dass zunehmend unbehandelte psychotische Menschen Gewalttaten in der Gesellschaft verüben, wie in letzter Zeit häufig zu lesen war (die Forensiken werden ausgebaut). Auch werden Schwerdepressive bei entsprechender Verfügung im Suizid sterben gelassen, obwohl sie behandelbar wären. Die Gesellschaft will es so, also muss sie mit den Konsequenzen leben. Für Profis in der Psychiatrie (wo es unter Ärzten leider viele Schwachköpfe gibt, die tatsächlich nicht merken, was abgeht), ist das schwer erträglich.

Angehörigen kann man nur raten, gegenüber Patienten Bedingungen aufzustellen (wenn keine Behandlung, dann....), denn auf Dauer ist der quasi Terror durch psychisch so schwer Kranke nicht unbedingt der Gesundheit von Angehörigen zuträglich.

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stern
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Beitrag Fr., 10.01.2020, 06:10

Recht auf Psychose, hmm. Aber in der Tat gibt kein Recht, das Angehörige sich kümmern, wenn jemand die Behandlung ablehnt. Dass das hochgradig belastend ist, ist klar.

Ich schätze, über die Feiertage war die Personaldecke zusätzlich eng (hier muß man auch teils betr. Körperkliniken hoffen, dass man nicht krank wird). Das effektivste und wichtigste im Moment wäre ein passendes und antipsychotisches Medikament (wenn es sich um eine Psychose handelt). Das wäre noch ein Ansatzpunkt: Wenn sie etwas erhält, dass einigermaßen zeitnah wirkt, dass vielleicht kleine Moment entstehen, in denen sie ansprechbar ist und zum Bleiben bewegt werden kann. Ich habe es auch schon mal erlebt: Jemand ist hochgradig psychotisch, konnte sich aber beim Arzt verstellen... und insgesamt waren die psychotischen Phasen immer mal wieder von (nur) kurzen Momenten durchbrochen, wo "relativ normal" auf Fragen eingegangen wurde. Fühlte sich teils wie Verarsche an, die es aber in dem Fall sicherlich nicht war. Sagt erstmal nur etwas darüber aus, wie jemand auf Frage eingeht, aber nicht, wie es mit dem Wahn innen aussieht. Psychose ist nicht Psychose (es können verschiedene Störungen zugrunde liegen). Mit Glück wirkt ein passendes Mediment (in einem noch einigermaßen frühen Stadium) einigermaßen zeitnah antipsychotisch.
Liebe Grüsse
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Anna-Luisa
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Beitrag Fr., 10.01.2020, 09:02

Schwester86 hat geschrieben:
Sa., 04.01.2020, 16:46
Das größte Problem liegt jedoch darin, dass sie uns, der Familie ganz psychotische Gedanken mitteilt (im Flüsterton sagt sie, sie gehöre da gar nicht hin, sei nur ein Simulant, sie habe das Leben von sich und ihrem Mann zerstört, sie würde für immer in der Klinik bleiben müssen, Flüsterton - damit es niemand mitbekommt).
(...)
Dabei sind das ganz schlimme Wahngedanken die sie da hat.

Bist du da denn ganz sicher, dass es sich um schlimme Wahngedanken handelt? Oder hat sie noch etwas anderes erzählt?

Sie könnte ja auch (als Beispiel) ihren Mann betrogen haben und sie droht aufzufliegen. Daraufhin könnte jemand mit Hang zur Dramatik schon sein Leben als zerstört ansehen - oder meinen, er wäre am tiefen Unglück des Partners schuld.

"Ich gehöre für immer hier her" ist durchaus ein Satz den ich von (nicht psychotischen) Patienten auch schon gehört habe. Oft als "Bestrafung" für sich selbst geäußert, weil sie der Ansicht waren, kein schönes selbstbestimmtes Leben (mehr) zu verdienen. Auch das als-Simulant -fühlen fände ich jetzt nicht sooo bedenklich. Es empfinden sich oft auch Menschen als Simulant, wenn sie meinen an ihrer Situation selber schuld zu sein - sie meinen, sie hätten sich die Situation auch ersparen können.
Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen. So wird dir Ärger erspart bleiben.
(Konfuzius)

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stern
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Beitrag Fr., 10.01.2020, 11:02

Es gibt auch Beziehungswahn. Als Patient oder Angehöriger kann man die Symptome schildern, die man glaubt wahrzunehmen. Das kann ein Arzt eh nicht ungeprüft übernehmen (wenn er denn seriös ist). Gerade wenn es nicht sofort ins Auge springt, kann das wertvoll sein. Insofern muss man nicht sicher sein. Denn dass ordnet dann eh der Arzt ein.

Was auch noch möglich wäre (was aber Glück erfordert und dass die Schwester mitzieht) Psychiatrien anrufen, ob mit Wartezeit aufgenommen werden kann und wie lange das dauern könnte, ob es Listen gibt, usw. Ggf auch andere Kliniken oder Tageskliniken, die auch akute Psychose behandeln (hiervon wird es aber u.U. nicht so viele geben, weil das oft eine Aufnahme-Kontraindiaktion ist, soweit ich weiß). Dann könnte man eine regulâre Aufnahme anstreben und vielleicht spielt ja auch Mal das Glück in die Hânde. Ich glaube (!), im Akutfall muss nur die Klinik im Einzugsgebiet aufnehmen. Aber das viele weg bei geplanter Aufnahme. Dann ginge es darum, bis dahin zu überbrücken. Ich denke, um die Weihnachtszeit sind die Kliniken umso mehr knallevoll.
Liebe Grüsse
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Schwester86
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Beitrag So., 26.01.2020, 12:10

Hallo ich melde mich einmal kurz,

da ich von euch auch einfach viele Anregungen und Gedanken erhalten habe, wollte ich kurz den aktuellen Stand mitteilen.

Bezüglich des Beitrags, dass sie bspw. ihren Mann betrogen hat etc.. Nein, das wissen wir mit Gewissheit, dass dies kein Gedanke ist, mit dem man sich weiter beschäftigen müsste.
Als Außenstehender versucht man natürlich neuen Input zu liefern, aber ich denke man kann auch darauf vertrauen, dass meine Äußerungen nicht überspitzt sind. Aber - man steckt natürlich nicht drin. Aber gerade dann wäre ich vorsichtig, verharmlosen zu wollen, bezüglich der Wahngedanken.

Der aktuelle Stand: Sie wurde letzte Woche auf eigenem Wunsch entlassen, bis ich wieder von ihr einen Anruf erhielt, mit bedenklichen Aussagen. Wir haben uns am gleichen Tag getroffen und für mich war klar, dass das so nicht funktioniert.
Tatsächlich hab ich mich getraut bei der damaligen Klinik anzurufen und zu erfragen, ob nicht eine Wiederaufnahme möglich wäre. Trotz das die Klinik nicht im Einzugsgebiet liegt. Der Arzt wollte dies in der Visite besprechen und wieder auf mich zukommen.
So, es wurde zugestimmt, dass sie aufgenommen wird. Wir fuhren mit ihr hin und sie wurde direkt aufgenommen.
Wir sind so zuversichtlich - sie fühlt sich dort wohl, nimmt die Therapieangebote an und ich durfte (unter Beachtung ärztlicher Schweigepflicht, klar) auch direkt mit der Psychologin reden. Es gibt sogar Angehörigengespräche und obwohl sie immer sich wieder entlassen wollte, in der Klinik vorher, hören wir endlich von ihr - dass sie Hoffnung hat, sich dort für mindestens 4 Wochen Zeit nehmen/geben möchte.

Danke für den Hieb, nochmal bei der alten Klinik anzufragen =) aber wir sind jetzt vorsichtig optimistischer und ich habe wirklich das Gefühl, dass sie gut aufgehoben ist. Sie ist jetzt auch medikamentös eingestellt.

Vielen Dank euch!


Coriolan
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Beitrag So., 26.01.2020, 12:39

Hey - schön, dass du dich noch einmal gemeldet hast!

Das klingt doch super! Ich drück die Daumen, dass es jetzt aufwärts geht, wobei das ja deutlich besser klingt, was du nun geschrieben hast.

Hattest du denn noch das Arztgespräch in der vorherigen Klinik? Ist jetzt zwar nicht mehr so wirklich relevant, aber interessiert mich dann doch.
Behinderung/Erkrankung ist eine Erklärung für Vieles, aber keine Entschuldigung für Alles.