Sich den Bedarf zugestehen

Erfahrungsaustausch zur Begleitmedikation zur Psychotherapie (Psychopharmaka und pflanzliche Mittel). Achtung: dient nicht zur gegenseitigen Medikamentenberatung, die ausschließlich Fachärzten vorbehalten ist. Derartige Beiträge werden aus dem Forum entfernt.
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Fairness
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Re: Sich den Bedarf zugestehen

Beitrag Mo., 14.09.2020, 18:18

Grow hat geschrieben:
Mo., 14.09.2020, 18:05
Kannst du das genauer erläutern? Das wäre ja genau das Gegenteil was gesagt wird „der Angst stellen“
Lieber Grow, ich kann es probieren. :) Sich der (alten) Angst zu stellen, bedeutet für mich mehr: mutig eine Änderung vollziehen, welche gegen solche Angst steuert und mit der Zeit ihre positiven Effekte zu merken... Und weniger das Aushalten der belastenden Angst an sich.

Außer des Gefühls, welches man dabei wahrnimmt, gibt es auch körperliche Mechanismen, welche mit häufiger Wiederholung, so wie ich das verstehe, sich zu einer Art 'Standardprogramm' entwickeln können. Man sagt auch, je früher man problematische Themen und Ängste angeht, desto schneller kann man sie wieder loswerden... Ich verstehe das so, dass sie sich in dem Menschen weniger verfestigen konnten.
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Candykills
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Beitrag Mo., 14.09.2020, 18:29

Ich denke auch, dass da was dran ist, dass die Angst irgendwann einfach Programm ist, wenn man sie immer gewähren lässt.
Leider habe ich das Gefühl, dass genau das bei mir jetzt so ist.

Heute stand ich wieder vor der Frage "nehme ich was, lass ich es". Ich nahm nix und mir geht's inzwischen von selbst wieder besser, auch wenn die Angst nicht ganz weg ist.

Aber die Meinungen sind hier ja auch unterschiedlich. Und ich kann beide Seiten nachvollziehen. Das Argument, dass man einem Diabetiker ja auch nicht das Insulin verweigert und gleichzeitig, dass man auch mal aushalten muss.
Aber ich habe schon das Gefühl, dass durch das immerwährende Aushalten, meine Angst inzwischen ein Selbstläufer ist.
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Kaonashi
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Beitrag Mo., 14.09.2020, 19:06

Grow hat geschrieben:
Mo., 14.09.2020, 18:05
Das wäre ja genau das Gegenteil was gesagt wird „der Angst stellen“
Wenn man sich bewusst der Angst stellt, dann macht man das optimalerweise so, dass man am Ende ein Erfolgserlebnis hat. Also merkt, es ist eigentlich gar nichts Schlimmes passiert.

Aber ich habe auch schon gehört, dass die Amygdala, wo die Angst wohl entsteht, trainierbar ist, also wenn man immer wieder in Situationen gerät, die Angst auslösen, dann reagiert die Amygdala beim nächsten Mal noch schneller und stärker. Das sind dann wohl Situationen, die man nicht bewusst bis zu einem guten Ende führt, sondern wo einfach Angst oder Panik entsteht, ohne dass es eine richtige Auflösung gibt.

So irgendwie vielleicht.

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Grow
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Beitrag Di., 15.09.2020, 07:14

Interessante Ansätze, welche ich so noch nie überlegt habe.

Ich habe nun seit vielen Jahren ein verfestigtes Programm mit welchem ich mich abgefunden habe. Es ist natürlich nicht mehr ganz so intensiv wie früher da ich viel Therapie gemacht habe.

Gestern war auch ein "soll ich oder soll ich nicht" Tag. Zur Erklärung: ich habe meistens ein paar Tage Angst und dann rutsche ich irgendwann in eine Disso und die ist ätzend..ich bin dann völlig verkrampft..naja das war gestern wieder so und ich habe mich trotzdem entschieden ein Xanax zu nehmen, also ne halbe und dann 3 h später noch einmal ne halbe. und ich habe mich wirklich gut gefühlt. Klar es war alles überdeckelt aber kein Vergleich. Heute ist es weg und ich fühle mich auf dem Weg der Besserung. Bis zum nächsten Mal...

Vielleicht lernt meine Amygdala in ein paar Jahren dass es gar nichts mehr bringt anzuspringen da ich sowieso mit Chemie alles wegbrenne :pfeifen: :pfeifen: natürlich ist das übertrieben gesagt!

ich habe auch die letzten bald 10 Jahre viel viel psychisches Leid ausgehalten und jetzt habe ich kein Bock mehr. :-((

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Sadako
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Beitrag Di., 15.09.2020, 09:04

Kaonashi hat geschrieben:
Mo., 14.09.2020, 19:06

Wenn man sich bewusst der Angst stellt, dann macht man das optimalerweise so, dass man am Ende ein Erfolgserlebnis hat. Also merkt, es ist eigentlich gar nichts Schlimmes passiert.
Das hab ich früher auch geglaubt. Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass das funktioniert.
Sonst wären Expos bei Trauma und Angst wesentlich erfolgreicher. Sind sind aber nicht, bei mir nicht und bei vielen anderen wohl auch nicht.
Ich denke Angst, also diese überflutende, „gefühlt lebensbedrohliche“ Angst macht normale Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse im Gehirn unmöglich.
Wenn ich diese Art Angst erlebe bin ich innerlich zurück im Trauma. Und es wird eher neuer Schaden angerichtet als dass ich irgendwas daraus lerne. Ich lerne ja nicht: Ich bin in Sicherheit und heute ist alles gut, weil ich in dem Moment wieder überwältigt und hilflos und überflutet bin und damit eher das Gegenteil von in Sicherheit.
Sofern ich in solchen Zuständen noch irgendwie handlungsfähig bin... also etwas tun kann um die Angst zu reduzieren, mich abzulenken,... ist es nicht so kritisch für mich aber wenn das quasi wie eine Welle über mir zusammen schlägt und ich bin nicht fähig etwas zu tun oder dem zu entkommen, da ist für mich der Punkt, wo Medikamente sinnvoll sind. Im günstigsten Fall bekomme ich damit die Atempause um mich wieder aktiver kümmern zu können.
Angst vernebelt mir auch alles so doll. Manchmal verharre ich dann in Situationen wo ich heftig getriggert werde und merke dass nicht mehr. Ich brauche dann einen Break, wo ich mit weniger Angst und damit mehr Anwesenheit die Situation analysieren kann und herausfinden kann, was überhaupt los ist.

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chrysokoll
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Beitrag Di., 15.09.2020, 11:18

Eine Traumakonfrontation in Angst funktioniert nicht. Genauso wenig wie in Dissoziation.

Meine Therapeutin arbeitet da gegenteilig: ERST die Angst reduzieren, erst das Gefühl von Sicherheit herstellen, verankern, immer wieder abrufen können. Das sieht sie als Grundvoraussetzung an.
Und ja, das dauert, das ist mühsam. Lohnt sich aber, finde ich.

Man muss Angst nicht ständig aushalten, schon gar nicht wenn sie unerträglich wird.
Genausowenig wie man Schmerz aushalten muss, es gibt dafür (genauer: dagegen) gute Medikamente.

Mir hat es immer geholfen mich zu fragen ob ich unerträgliche Schmerzen aushalten würde.
Nein, würde ich nicht, schon gar nicht wenn mir der Arzt genau deswegen Medikamente verordnet hat.

Und klar nehm ich nicht beim ersten leisen Zwicken gleich ein Schmerzmittel.
Und bei der ersten kleinen Angst einen Angstlöser. Aber wenns unerträglich wird. Oder schon kurz davor, das ist noch besser.

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Grow
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Beitrag Di., 15.09.2020, 12:52

ich für mich persönlich habe aufgehört nach einer Lösung zu suchen, das Internet ist voll davon. Ich war wirklich wie besessen an mir zu arbeiten um heil zu werden.. Ich merke auch jetzt bei euren Texten, dass ich mir überlege hm da könnte ich noch weiter "arbeiten". Ich bin aber so was von müde von den letzten Jahren, dass ich es doch lasse.. :kopfschuettel:

-> deshalb stimmt dieses "heute hab ich Bedarf" ganz gut und ist stimmig für mich.

einfach alles mit Köpfchen, dann wird das schon.

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Kaonashi
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Beitrag Di., 15.09.2020, 17:21

Sadako hat geschrieben:
Di., 15.09.2020, 09:04
Sonst wären Expos bei Trauma und Angst wesentlich erfolgreicher.
Soviel ich weiß, wird dieses "sich der Angst stellen" auch viel eher bei konkreten Phobien oder sozialen Ängsten angewendet. Also wo man Dinge oder Situationen vermeidet. Dann aber auch in kleinen Schritten, sodass die Angst nie übermächtig wird.