Abneigung gegen Job/Studium

Das Leben ist wesentlich durch unsere Arbeit geprägt. Der Job kann jedoch auch Quelle von Ärger und Frustration sein, oder persönliche Probleme geradezu auf die Spitze treiben...

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PeterTTT31
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Abneigung gegen Job/Studium

Beitrag So., 13.10.2019, 08:48

Hallo zusammen,

ich bin jetzt seit ca. 3,5 Jahren in einer Unternehmensberatung und frage mich ob ich alleine bin mit dieser Meinung oder ob der Großteil meiner Kollegen auch so denkt, nur können wir es alle unheimlich gut verstecken. Übrigens, ich arbeite ca. eine 40-45 Stunden Woche.

Was ist jetzt beschreibe, ist ein Zustand der schon immer besteht, also seit Beginn des Studiums (da war ich noch nicht depressiv/von Zwängen geplagt). Das ist nicht das Resultat einer Depression. Vielmehr die Ursache... viellicht? Depression/Zwänge habe ich zwar auch, aber hier soll es um den Beruf gehen. Natürlich frage ich mich immer, ob ich Depression/Zwänge auch entwickelt hätte, wenn ich einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen hätte. Mache aktuell eine Psychoanalyse.
Es ist 0,0 Interesse an den Themen da, es ist eher so, dass ich eine Abneigung habe und dass ich krass genervt werde wenn ich Begriffe höre wie Mandant, Entscheidungsvorlage, Benchmarking, Cashflow, SSC, usw. Ich gehe nie gerne auf die Arbeit. Nichts finde ich spannend/aufregend. Ich bin genervt wenn mir jemand Arbeit gibt. Wenn mir jemand was erklärt oder ich in einer Besprechung bin fange ich an zu Gähnen, ich kann es einfach nicht unterdrücken. Das ist schon fast lustig wie mein Körper deutlich zu mir spricht. Schulungen will ich keine machen. Interessiert mich nicht. Ich will nur in Ruhe gelassen werden. Im Großen und Ganzen fällt es nicht zu krass auf, denke ich, und ich erledige meine Arbeit. Ich bin ein großartiger Schauspieler. Unter großem seelischen Schmerz jedoch. Das ist für mich normal. Ich kenne es nicht anders. Ich weiß nicht wie es ist, wenigstens ein bisschen der Arbeit abgewinnen zu können. Abends dann Pizza und Chips um den Schmerz nicht zu fühlen. Sport auch, also werde ich wenigstens nicht fett. Mit vielen Kollegen verstehe ich mich gut. Das ist der einzige positive Aspekt.

Habe mich während der Jobsuche bei großen Unternehmen wie BMW, Infineon und Siemens beworben, damit ich wenigstens relativ geregelte (wenig) Arbeitszeit in einem Industriejob habe. War aber erfolglos und der einzige Grund wieso ich in die Beratung bin ist folgender: das ist der einzige Job den ich bekommen hab.

Ist das normal? Geht es anderen auch so? Haben die, die genauso denken&fühlen wie ich vielleicht einfach ein ausgeprägteres Privatleben (Familie, Freunde, Beziehung, Hobbies, etc.) was sie eher auffangen kann, wodurch die 8 bis 9 oder 10 Stunden erträglicher werden? Mein Privatleben ist auch verbesserungswürdig. Aber da bin ich dabei.

Alternativen innerhalb meines Bereichs (BWL) also Unternehmenswechsel? Weiß ich nicht, ist doch alles (inhaltlich) ungefährt das Selbe.
Komplette Neuorientierung? Wie mit 31? Neues Studium? Ausbildung? Parallel zum Job?

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Zum Hintergrund:
Ich war immer unsicher was ich studieren soll, mein risikoaverser Vater hielt BWL schon immer für eine gute Idee. Mein Bruder, an dem ich mich stark orientierte, studierte das Gleiche. Die Weichen waren gestellt. Ich persönlich hatte kein Interesse daran. Wirklich 0. Ich kann gar nicht in Worte fassen wie wenig Interesse ich daran hatte, ich glaube es gibt nichts auf der Welt was mich weniger interessiert. Mich interessiert nicht wie ein Unternehmen gesteuert wird, was ein Unternehmen erfolgreich macht, Wirtschaftsnews, Aktienhandel, Wirtschaftspolitik, Marketing, Controlling, Rechnungswesen, Produktion. Ich kann dem Ganzen wirklich 0,0 abgewinnen.

Da ich aber keine wirklichen Alternativen hatte (mich hat das andere auch nicht wirklich interessiert) und ich selbst sehr risikoavers war/bin, entschied ich mich für BWL. Ich glaube manchmal, dass ich durch die Aussagen und das Beobachten meines Vaters und meines Bruders niemals die Eier gehabt hätte mich mit 19 Jahren damals für etwas anderes als BWL zu entscheiden. Ich konnte gar keine anderen Interessen entwickeln, weil ich wusste, dass ich mal BWL studieren “muss”. Wie naiv und unreflektiert man doch ist mit 19.

Das Studium war geprägt von massivem Motivationsmangel, Hass, Trauer, sozialem Rückzug, Zwangsstörung, Depression. Ich zog es trotzdem durch, da ich es für eine gute Idee hielt eine abgeschlossene Ausbildung zu haben und etwas womit man Geld verdienen kann (da stimmt auch, ich habe jetzt einen sicheren Job und verdiene ok).

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Assassin
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Beitrag So., 13.10.2019, 09:36

Du schreibst schon im ersten Satz, dass dich das Studium 0 interessiert.

Also ist das Problem doch bereits voll erkannt. Du kannst jetzt so weiter machen und den Großteil deiner Lebenszeit mit etwas verbringen, auf das du überhaupt keine Lust hast, oder du machst etwas anderes, was dich reizt.

Ein bisschen Risiko gehört vielleicht dazu, aber man kann eben nicht alles haben. Gerade in Deutschland oder Österreich ist das sog. Risiko ja doch sehr überschaubar und eigentlich gar nicht vorhanden.

Und nein, ich finde das nicht normal. Es ist aber eine große Crux unserer Gesellschaft, dass jeder meint er müsse unbedingt studieren und unbedingt einen "guten Job" haben. Tatsächlich stehen dir in unserer heutigen Zeit alle Tore offen, bei wie angesprochen beinahe zu vernachlässigendem Risiko. Du wirst niemals Hunger leiden, obdachlos werden oder sonstwas, egal welchen beruflichen Weg du einschlägst.
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theweirdeffekt
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Beitrag So., 13.10.2019, 11:00

Das seh ich auch so. Die Frage ist: Traust du dich hinzusehen was DU willst, was DIR gefällt und nicht deinem Vater oder sonst irgendwem?

Alles Gute
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leonidensucher
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Beitrag So., 13.10.2019, 16:12

na, wenn du es von Anfang an gehasst hast, wundert es mich nicht, dass Dir die Arbeit keinen Spaß macht.

Ich musste auch erst x lernen, weil sich das meine Inkarnationsvermieser (hier nochmal danke an die Wortschöpferin) so eingebildet haben, Absicherung fürs Alter und mich schön klein halten. Habe es *GEHASST!* und zwar jede Sekunde.

Jetzt mache ich etwas kaufmännisches, hab nochmal studiert und bekomme leuchtende Augen bei Liquidität I/II/III ROI, EK -quote....

Mach was neues, sonst wird das nicht besser. Wir haben eh das Zeitalter der Patchwork-Erwerbsbiographie

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nulla
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Beitrag So., 13.10.2019, 18:31

Mir ist es zwar glücklicherweise nicht ganz so schlecht ergangen wie dir, also meine Mutter hat mich in keine Ausbildung getrieben. Aber ich konnte nach der Matura aus anderen faniliembedingten Gründen nicht studieren und habe dann eine Kompromisslösung in Form einer anderen Ausbildung gewählt. Ich habe den Job viele Jahre lang gerne gemacht, aber es war immer ein Kompromiss. Vor ca. 5 Jahren habe ich beschlossen, mich nicht länger damit abzufinden und habe mit 40 ein Studium begonnen, das meine wahren Interessen widerspiegelt. Ich muss mich sehr anstrengen, um alles irgendwie hinzubekommen, Studium, Beruf und Familie, und ich werde vermutlich mit 47 Jahren auch nicht mit offenen Armen am Arbeitsmarkt empfangen werden, aber dennoch war das die beste Entscheidung meines Lebens.
Du bist noch viel jünger. Finde dich nicht damit ab. Informiere dich, probiere etwas anderes aus.
Auch wenn am Anfang nicht alles klappt, du wirst sehen, die Welt geht nicht unter.

Alles Gute,
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(Kafka)


Candykills
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Beitrag So., 13.10.2019, 19:11

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob wirklich jeder in seinem Job aufgeht. Oft sind es vielleicht auch einfach die sozialen Kontakte auf der Arbeit (wenn das Klima stimmt), was Menschen jeden Tag auf's neue zur Arbeit bringt.
Und dann vielleicht ein funktionierendes Umfeld außerhalb des Jobs.

Wie sieht es denn bei dir mit sozialen Kontakten außerhalb der Arbeit aus? Dazu schriebst du gar nicht.

Und ansonsten: du bist ja auch noch relativ jung, noch hast du die Zeit dich völlig umzuorientieren. Allerdings wird das schwer, wenn es so gar nichts gibt, was dich irgendwie interessiert. Ich glaube beim Arbeitsamt kann man so Tests machen, um herauszufinden, welcher Beruf zu einem und den Interessen passen würde.
"Als das Kind Kind war,
wußte es nicht, daß es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins."

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Pianolullaby
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Beitrag Mo., 14.10.2019, 00:52

Ich würde niemals ein Studium, eine Ausbildung machen welche mich Null interessiert, egal was mein Herr Vater, Bruder oder der Heilige Gott meint.
Die Möglichkeit? Nimm die Beine in die Hand, und traue Dich etwas anderes zu erlernen was Dir Freude und Spass macht.
Du bist selber für Dich verantwortlich, und zwar nur für Dich, für niemanden sonst, es dankt es Dir ja auch keiner,
und helfen tut Dir dabei ja anscheinend auch niemand
Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum

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lisbeth
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Beitrag Mo., 14.10.2019, 06:03

PeterTTT31 hat geschrieben:
So., 13.10.2019, 08:48
Komplette Neuorientierung? Wie mit 31?
Du wirst noch fast 40 Jahre berufstätig sein, länger als du überhaupt bisher auf der Welt bist.
Kannst diese fast 40 Jahre natürlich mit etwas zubringen, was du eigentlich hasst.
Oder du kannst dich aufmachen und das entdecken, was DU willst.
Deine Entscheidung. Deine ganz allein. Das Problem: Du wirst weder deinen Vater noch jemand anders dafür verantwortlich machen können.
In dem Maß wie wir anfangen, Fragen anders zu stellen, werden wir auch neue Antworten finden.

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Claude
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Beitrag Di., 15.10.2019, 21:33

PeterTTT31 hat geschrieben:
So., 13.10.2019, 08:48
Komplette Neuorientierung? Wie mit 31? Neues Studium? Ausbildung? Parallel zum Job?
Folgende Fragen stellen sich für dich:
Studium: Was möchte ich lieber arbeiten als das was ich jetzt arbeite? Was möchte ich studieren? Ist das finanziell machbar?
Ausbildung: Was möchte ich lieber arbeiten als das was ich jetzt arbeite? Wird man mich überhaupt nehmen? (Zweite Frage beantwortet sich durch ausprobieren/machen, das heißt Bewerbung abschicken.)
Parallel zum Job: Wie wäre der Workloud tatsächlich? Habe ich dafür die Kraft?

Für die wichtigste Frage halte ich: Was möchte ich lieber tun, als das was ich jetzt tuhe?
Nur unzufrieden sein mit deiner derzeitigen Atbeitsstelle zu sein ist nicht genug. Du musst eine Alternative kennen auf die du wirklich Lust hat.

Die zweitwichtigste Frage ist: Werde ich wirklich zufriedener, wenn ich was anderes arbeite oder kommt mein Gefühl der Unzufridenheit eigentlich wonanders her?