Viel selbstbewusster als früher - trotzdem Therapie?

Nicht jedem fällt es leicht, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, "einfach" mal jemanden kennenzulernen oder sich in Gruppen selbstsicher zu verhalten. Hier können Sie Erfahrungen dazu (sowie auch allgemein zum Thema "Selbstsicherheit") austauschen.
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Snse
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Viel selbstbewusster als früher - trotzdem Therapie?

Beitrag So., 09.06.2019, 13:29

Hallo,

ich versuche mich kurz zu halten, wird trotzdem etwas mehr.

Ich bin 33 Jahre alt und hatte bis vor kurzem kein Selbstwertgefühl und -vertrauen. Soziale Kontakte habe ich gemieden und wenn nötig überspielt. Zwischenmenschliche Erfahrungen außerhalb der Arbeit im Allgemeinen und im Speziellen hatte ich noch nie. Ich bin anscheinend ein attraktiver Typ und werde daher aktiv von vielen attraktiven Frauen angesprochen, jedoch habe ich bisher jede aus vorgenannten Gründen abgelehnt. Bisher hatte ich mich mit mal mehr, mal weniger depressiver Stimmung damit arrangiert und mich nur auf die Arbeit konzentriert; sozusagen dafür gelebt.

Im Dezember hatte ich ein längeres Kundengespräch bei meiner Hausbank, wobei meine sehr attraktive Beraterin im Monolog mit mir geflirtet und gegen Ende, weil ich nicht darauf einging, sehr direkt wurde, welche ich aber auch wieder zu ihrer Verwunderung ablehnte. Dieses Ereignis war aber auch der Anstoß für eine andere charakterliche Entwicklung meinerseits. Die Anziehung zwischen uns ist beidseitig sehr groß und wir sehen uns aufgrund meiner beruflichen Gründe erst demnächst wieder.

Ich hatte die letzten Monate aufgrund dessen enorm viel Stress empfunden, mit vielen Höhen und Tiefen. Ein Arbeitskollege, der davon nichts wusste - das weiß niemand - überzeugte mich in dieser Zeit mit ihm Ausdauer- und Kraftsport zu machen. Gesagt, getan. Das mache ich jetzt seit drei Monaten und mein Selbstwertgefühl ist wirklich sehr stark gestiegen. Ich bin mittlerweile authentisch offen und, ich würde sagen, sogar mehr als viele andere, selbstbewusster geworden. Ich habe mittlerweile gar keine Probleme mehr authentisch Selbstbewusst in allen möglichen Situationen aufzutreten, wo andere selbstbewusste Menschen halt schon mal schlucken müssen. Ich erweitere meine sozialen Kontakte ständig, weil es sich einfach während meiner Freizeitaktivitäten so ergibt. Ich würde also sagen, dass das im Moment ganz gut läuft.

Dieser gute Lauf hat mich aber vor einer Woche wirklich zum ersten mal zum reflektieren gebracht, warum ich die ganze Zeit so anders war, als ich jetzt bin. Ich bin jetzt kein Fachmann, aber ich denke, dass, wenn einem der leibliche Vater als Kind schlägt und gegen Wände schmeißt und der Stiefvater das Programm leicht modifiziert weiterführt, in dem er mich bis ich 16 Jahre alt war mit Dingen aus der Küche, Gürteln, Schuhen und Inventar aus der Wohnung bewirft und schlägt, einen gewissen Einfluss auf meine charakterliche Entwicklung haben könnte. Ist jetzt aber nur eine schwammige Vermutung. Ich denke, ein Smilie wäre hier trotz Sarkasmus unangebracht.

Ich habe mir darüber niemals Gedanken gemacht, erst als ich gemerkt habe, dass es auch anders geht, ist mir das bewusst geworden. Ist hier professionelle Hilfe ratsam, trotz der doch positiven Entwicklung und konstanten Verbesserung?
Zuletzt geändert von Tristezza am So., 09.06.2019, 15:30, insgesamt 1-mal geändert.

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Schnuckmuck
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Beitrag So., 09.06.2019, 15:20

Hallo,
Klar hinterlässt Gewalt Spuren auf der Seele, aber es kommt darauf an, was du daraus machst. Du hast dich dafür entschieden, für dich zu kämpfen und aktiv zu werden. Gratuliere.

Dann ist doch ein interessanter Weg eingeschlagen. Ich würde es nur nicht an einem Flirt festmachen, sondern daran, dass du gemerkt hast, dass du anders leben willst. Es kam nicht von aussen, es kam von dir!


Malia
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Beitrag So., 09.06.2019, 19:06

Ich würde vielleicht erst einmal die positive Entwicklung genießen und ausbauen, bevor ich - eventuell unnötigerweise - auf die Psychoschiene gehe.
Die bleibt ja für den Fall, dass sich durch die veränderte Lebensweise Herausforderungen ergeben, die zum Leidensdruck führen.
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Beitrag Mo., 10.06.2019, 17:24

Schnuckmuck hat geschrieben:
So., 09.06.2019, 15:20
Ich würde es nur nicht an einem Flirt festmachen, sondern daran, dass du gemerkt hast, dass du anders leben willst. Es kam nicht von aussen, es kam von dir!
Tue ich, ja. Ich definiere meine Entwicklung nicht über ein externes Erlebnis wie diesen Flirt. Dieser hat nur den endgültig Anstoß für eine Veränderung gegeben.

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Beitrag Mo., 10.06.2019, 17:28

Malia hat geschrieben:
So., 09.06.2019, 19:06
Ich würde vielleicht erst einmal die positive Entwicklung genießen und ausbauen, bevor ich - eventuell unnötigerweise - auf die Psychoschiene gehe.
Die bleibt ja für den Fall, dass sich durch die veränderte Lebensweise Herausforderungen ergeben, die zum Leidensdruck führen.
Ich bin jetzt auch nicht gerade dafür, gleich in die Praxis zu rennen. Ich habe mit sowas aber auch keine Erfahrungen und dachte mir einfach mal, ich frage in so einem Forum nach Feedback, ob das in irgendeinem Aspekt auf eine Art hilfreich sein könnte, das ein entsprechendes Vorgehen empfehlen würde. Ich würde mich darin auch nur so sehen, wie ich jetzt bin; ohne das mein Gegenüber irgendwelches Potenzial aus mir rausholen könnte, das ist meiner Meinung nach im Moment sowieso uneingeschränkt gegeben.

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Schnuckmuck
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Beitrag Mo., 10.06.2019, 18:07

Und was willst du an dir durch die Therapie erreichen, Bzw verändern?

Eine Therapie reißt Wunden auf. Immer. Das bleibt nicht aus. Es kann auch deine guten Lauf verändern.

Gewalt ist ja etwas, was viele Menschen erleben, nicht jeder macht Therapie und nicht jedem schadet das. Daher solltest du dir auch Gedanken machen, was du dir von einer Therapie erhoffst.

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Beitrag Mo., 10.06.2019, 20:04

Schnuckmuck hat geschrieben:
Mo., 10.06.2019, 18:07
Und was willst du an dir durch die Therapie erreichen, Bzw verändern?

Eine Therapie reißt Wunden auf. Immer. Das bleibt nicht aus. Es kann auch deine guten Lauf verändern.

Gewalt ist ja etwas, was viele Menschen erleben, nicht jeder macht Therapie und nicht jedem schadet das. Daher solltest du dir auch Gedanken machen, was du dir von einer Therapie erhoffst.
Wie gesagt, nichts Gezieltes, was ich definieren könnte. Mit dem aufreißen habe ich kein Problem. Das Bewusstsein dafür hat mir ja erst zur positiven Entwicklung geholfen, von daher ist die Erinnerung nichts Schlechtes; immer eine Frage, wie man damit umgeht. Hatte halt nur gedacht, dass hier vllt. Input gibt, dass das begleitend doch aus diesem oder jenem Grund sinnvoll wäre. Aber wenn es so gut ist, wie es ist, dann passt das ja. Danke.


Malia
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Beitrag Di., 11.06.2019, 09:16

Ohne Leidensdruck und Ziele wirst du einfach keinen Therapieplatz finden, den die Krankenkasse finanziert.
Wenn du stark interessiert bist an Zusammenhängen, könntest du etwas machen, das du selbst bezahlst.
Du könntest aber auch versuchsweise in die Sprechstunde eines Therapeuten gehen (wenn du in der BRD lebst) und dort über dein Anliegen reden
Dann erhältst du eine professionelle Einschätzung.
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stern
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Beitrag Di., 11.06.2019, 09:50

Aufgrund des biographischen Hintergrundes und der berichteten depressiven Verstimmungen (und wie du damit umgehst) kann eine Therapie indiziert und auch sinnvoll sein. Darüber würde sich ein Therapeut einen Eindruck verschaffen... Man muss dafür auch nicht erst auf dem Zahnfleisch kriegen (um nicht zu sagen: wenn die akute Belastung nicht zu hoch ist, klappt Therapie oft umso besser). User können die Indikation beim besten Willen nicht beurteilen. Die Hemmschwelle ist eh eher groß, also lasse dich davon nicht abbringen, wenn du das als sinnvoll ansiehst. Von Vorteil wäre, wenn du weißt, was du dir davon erhoffst.
Zuletzt geändert von stern am Di., 11.06.2019, 09:59, insgesamt 1-mal geändert.
Liebe Grüsse
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Beitrag Di., 11.06.2019, 09:57

Ich würde jetzt nicht unbedingt eine Therapie beginnen, wenn es dir gerade gut geht und du stabil bist. Eine Therapie kann sehr viel aufwühlen und auch dazu führen, dass es dir erstmal über längere Zeit deutlich schlechter geht. Man muss ja nicht künstlich bohren.

Geht es dir aber schlechter einfach so, würde ich eine Therapie in Betracht ziehen.

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stern
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Beitrag Di., 11.06.2019, 10:09

Snse hat geschrieben:
So., 09.06.2019, 13:29
Das mache ich jetzt seit drei Monaten und mein Selbstwertgefühl ist wirklich sehr stark gestiegen. Ich bin mittlerweile authentisch offen und, ich würde sagen, sogar mehr als viele andere, selbstbewusster geworden. Ich habe mittlerweile gar keine Probleme mehr authentisch Selbstbewusst in allen möglichen Situationen aufzutreten, wo andere selbstbewusste Menschen halt schon mal schlucken müssen. Ich erweitere meine sozialen Kontakte ständig, weil es sich einfach während meiner Freizeitaktivitäten so ergibt. Ich würde also sagen, dass das im Moment ganz gut läuft.
Ein guter Lauf, na klar... das gibt es. Etwa stutzig werde ich aber bei der 180-Grad-Drehung des Selbstbewusstsein in 3 Monaten. Kommt das aus dem Inneren und ist das jetzt zu einer bleibenden Ressource geworden? Wie kam's?
Liebe Grüsse
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Beitrag Di., 11.06.2019, 10:47

Wenn du traumatische Dinge in der Kindheit erlebt hast, die dich aktuell nicht belasten, und das schilderst du ja, dann solltest du schlafende Hunde nicht wecken.
Vielleicht unterschätzt du, was losbrechen kann. Das hat nichts it vorhandener Stärke zu tun, sondern damit, dass die Gefühle von früher einen echt lähmen und fertig machen können.

Leidensdruck sehe ich gerade nicht bei dir. Aber vielleicht ist das Selbstschutz und du machst dir was vor?

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Beitrag Di., 11.06.2019, 10:58

Traumata müssen doch nicht direkt (d.h. traumatherapeutisch-konfrontativ) bearbeitet werden... und können x Folgen haben. Der gute Lauf geht mir ein, aber an eine wundersame Auflösung von Belastungen wie depressive Verstimmungen mit Flucht in die Arbeit, Selbstwertthemen, etc. glaube ich nicht. Sondern sehe eher, dass eh eine Hemmung besteht, sich zu offenbaren:
Ich hatte die letzten Monate aufgrund dessen enorm viel Stress empfunden, mit vielen Höhen und Tiefen. Ein Arbeitskollege, der davon nichts wusste - das weiß niemand - überzeugte mich in dieser Zeit mit ihm Ausdauer- und Kraftsport zu machen.
Solche und andere Einschränkungen im Leben (das werden nicht diejenigen sein, weswegen du über eine Therapie nachdachtest?) können dann eben der Preis sein, wenn es wie gehabt weiter geht.
Liebe Grüsse
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Beitrag Di., 11.06.2019, 11:08

Um nicht zu sagen:
Snse hat geschrieben:
So., 09.06.2019, 13:29
geworden. Ist hier professionelle Hilfe ratsam, trotz der doch positiven Entwicklung und konstanten Verbesserung?
Besser geht es eigentlich nicht... In einer Therapie wäre eher problematisch, wenn kein Potential zur Veränderungen vorhanden ist. Als von "trotz" kann keine Rede sein. Therapeuten müssen neuerdings telefonische Sprechstunden anbieten. Dort kannst du dich auch zunächst unverbindlich und direkt informieren.
Liebe Grüsse
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Beitrag Di., 11.06.2019, 22:46

stern hat geschrieben:
Di., 11.06.2019, 10:58
Traumata müssen doch nicht direkt (d.h. traumatherapeutisch-konfrontativ) bearbeitet werden... und können x Folgen haben. Der gute Lauf geht mir ein, aber an eine wundersame Auflösung von Belastungen wie depressive Verstimmungen mit Flucht in die Arbeit, Selbstwertthemen, etc. glaube ich nicht. Sondern sehe eher, dass eh eine Hemmung besteht, sich zu offenbaren:
Ich hatte die letzten Monate aufgrund dessen enorm viel Stress empfunden, mit vielen Höhen und Tiefen. Ein Arbeitskollege, der davon nichts wusste - das weiß niemand - überzeugte mich in dieser Zeit mit ihm Ausdauer- und Kraftsport zu machen.
Solche und andere Einschränkungen im Leben (das werden nicht diejenigen sein, weswegen du über eine Therapie nachdachtest?) können dann eben der Preis sein, wenn es wie gehabt weiter geht.
Bitte nicht falsch verstehen, meine Worte, dass das niemand weiß, bedeuten nicht, dass ich mein Bewusstsein dafür nicht offenbaren wollte, sondern es lediglich nicht hatte. Ich kann jetzt, da ich es weiß, uneingeschränkt darüber reden, das ist für mich kein Problem. Ich weiß, dass es für andere seltsam klingen mag, tut es für mich ja im nachhinein auch, wie man dafür kein Bewusstsein haben kann; ich habe wirklich nur sehr, sehr selten in meinem Leben daran gedacht, geschweige denn, meinen Zustand damit assoziiert. Ich kannte nun mal keinen anderen Zustand als den ohne Selbstwertgefühl.