Können geistig Behinderte wirklich nicht wissen, was ihre sexuelle Orientierung ist?

Fragen und Erfahrungsaustausch über sexuelle Problembereiche wie Sexualstörungen, rund um gleichgeschlechtliche Sexualität und sexuelle Identität, den Umgang mit sexuellen Neigungen wie Fetischismus, S/M usw. - ausser Aufklärungs-Fragen.
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Kimba&Blacky
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Können geistig Behinderte wirklich nicht wissen, was ihre sexuelle Orientierung ist?

Beitrag Do., 11.01.2018, 10:13

Hallo,

ich bin irritiert über eine Aussage von jemandem, der meinte, geistig behinderte Menschen können nicht wissen, was ihre sexuelle Orientierung ist.

In dem Fall ging es um eine junge Frau mit mittelgradiger geistiger Behinderung (ungefähr auf Grundschulniveau), die erzählte, dass sie auf Frauen steht.
Jemand anderes ohne geistige Behinderung meinte daraufhin zu mir: "Das könne sie doch gar nicht wissen, sie ist geistig behindert, da weiß man nicht, was sowas bedeutet!" Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte.

Eigentlich denke ich nicht, dass die Aussage zutrifft.


Was denkt die Allgemeinheit darüber?

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RoboCat
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Beitrag Do., 11.01.2018, 12:07

Hallo Kimba&blacky,

ich persönlich finde das eine sehr anmaßende Aussage. Umgekehrt ließe sich ja auch das gleiche bei einer heterosexuellen Orientierung fragen: Wie kann sie wissen, dass sie auf Männer steht?

Kinder, die sich mit 12-15 Jahren outen, kennen derlei Vorbehalte übrigens mitunter auch. "Wie kannst du denn wissen, dass du nicht mit einem Jungen zusammen sein möchtest? Du hast es doch noch nie versucht!". Niemand würde umgekehrt die Frage stellen, woher sie denn wüsste, dass sie sich nicht auch in ein Mädchen verlieben könnte.

Hinter diesen Gedanken bezüglich Behinderten steckt meiner Ansicht nach ganz hochvermutlich ein gewisses Unvermögen nachzuvollziehen, dass auch Behinderte sexuelle Wesen sind und Wünsche und Bedürfnisse haben. Mehr nicht.
:axt:

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Kimba&Blacky
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Beitrag Do., 11.01.2018, 12:16

Danke für deine Antwort.
Ich fragte deshalb, weil das meiner ehemaligen besten Freundin unterstellt wurde und ich nicht wusste, was ich dem entgegensetzen sollte.

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Möbius
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Beitrag Sa., 13.01.2018, 19:34

Ich hoffe, man wird mir die cochonerie verzeihen können: der Mensch weiß idR schon mit der geistigen Ausstattung eines Neugeborenen, daß er auf Nippel, Lutschen und Schlucken steht, auch wenn er unendlich weit davon entfernt ist, dieses Bedürfnis verbal und politisch korrekt zu artikulieren, geschweige denn zur Diskussion zu stellen oder sich gar an einem öffentlichen Diskurs darüber zu beteiligen.


Pfefferraupe
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Beitrag So., 28.01.2018, 19:17

Aus meiner früheren Erfahrung in der Arbeit mit geistig beeinträchtigen Menschen habe ich bemerkt, dass sehr viel gleichgeschlechtliche Liebe vorkommt. Sexualität wird oft aufgrund der Rahmenbedingungen gar nicht ausgelebt. Oft auch gar nicht erwünscht. Oft erwünscht, aber von Institutionen oder Eltern verhindert. Beziehungen haben stattgefunden indem sich täglich durch zusammensitzen und Händchen halten dieses Glück geteilt wurde. Die Neigungen wechselten eigentlich nicht. Kann nicht behaupten, dass geistig beeinträchtigte Menschen nicht wissen, was sie wollen. Überhaupt sind viele von ihnen sehr stur und unflexibel. (ist nicht negativ gemeint, ist mir nur über die Jahre hinweg aufgefallen).

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Kimba&Blacky
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Beitrag So., 28.01.2018, 21:58

Also könnte man sagen, ein geistig behinderter Mensch kann durchaus ein "richtiger" sexueller Mensch sein?

Weil das nämlich bei meiner ehemaligen Freundin belächelt wurde.


Pfefferraupe
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Beitrag Mo., 29.01.2018, 18:12

Ich denke sexuell sind wir alle, wenn auch manche es durch andere Emotionen oder Probleme vielleicht verdeckt haben. Aber Sexualität ist unsere Natur, nur deshalb sind wir hier! Ich weiß, dass Menschen mit Behinderung Sexualität auch leben wollen und manchmal durch nicht wissen wie es seltsam gebärden. Aber vorhanden ist es bestimmt! Versteh gar nicht welch ahnungsloser Mensch Gegenteiliges behauptet. Er sollte sich lieber weiterbilden, wenn er schon nicht über gesunden Menschenverstand verfügt.

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baobab
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Beitrag Mo., 29.01.2018, 18:38

Studienbegleitend habe ich viel mit geistig behinderten Menschen gearbeitet (Ferienzentrum im Ausland, Tagesförderstätte, Wohnheim) - ich denke, man kann nicht einfach sagen: der geistig behinderte Mensch - als ob alle gleich wären.
Jeder Mensch ist ein Individuum, es gibt ein großes Spektrum von Krankheiten, die als geistige Behinderung eingestuft werden sowie verschiedene Schweregrade.

Es gibt einen Film, ich weiß leider nicht mehr, wie er heißt - über ein junges Paar - beide mit Down-Syndrom -
sehr bewegend, sie haben für ihr Recht gekämpft heiraten zu dürfen und eine eigene Wohnung zu beziehen.
Sie haben sich geküsst, umarmt - ein Liebespaar halt - die sexuelle Seite wurde im Film aber glaub nicht weiter beleuchtet.

In dem Ferienzentrum für geistig Behinderte war ein junger Mann, 18, 19 - mit großer Aggression und großem sexuellen Drang - die sexuelle Aufmerksamkeit richtete sich klar auf Frauen und er hatte die Tendenz mit seiner männlichen Kraft übergriffig zu werden.

Andere haben keine Scham-Grenzen in dem Sinne gekannt und eher Auto-Sexualität gelebt, also vorwiegend wohl masturbiert, aber das - egal, wo sie waren, auch unter Leuten.

Bei anderen war jetzt eher kein direktes Sexualleben für mich ersichtlich, aber das heißt ja erstmal auch nichts.

Ein Paar in einem Wohnheim (man durfte dort die Türen nicht abschließen) wurde öfters beim Sex überrascht, war auch klar männlich und weiblich.

Genauer mit Theorien, usw. kenne ich mich nicht aus - ob es Schwerpunkte gibt - aber meine Meinung wäre momentan, dass man eine pauschale Aussage nicht treffen kann. Sexualität von geistig behinderten Menschen ist da - und wie die sich gestaltet, individuell auch.
- Bitte erstmal keine Antworten in meinem Blog-Thread, weil es mich überfordert -

In Wirklichkeit gibt es nur die Atome und das Leere.
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Pfefferraupe
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Beitrag Mo., 29.01.2018, 21:49

Ja, da hast du vollkommen recht, es ist alles höchst individuell, ganz unabhängig ob beeinträchtigt oder nicht.

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Kimba&Blacky
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Beitrag Mo., 29.01.2018, 22:55

Danke für eure Antworten.

Es ging der Person, die das behauptet hat, speziell darum, dass ein homosexueller geistig Behinderter seine Homosexualität angeblich nicht von gleichgeschlechtlichen Freundschaften unterscheiden könne.


Pfefferraupe
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Beitrag Di., 30.01.2018, 11:27

Ich weiß nicht wodurch diese Person seine Theorie stützt. Mir erscheint es unlogisch und dazu würden mich evidenzbasierte Daten interessieren. Diese wird er aber nicht liefern können, da bin ich mir sicher.

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tief_unten
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Beitrag Di., 30.01.2018, 11:44

Mich würden auch Fälle interessieren, wo 2 offensichtlich geistig Behinderte, ein kind, oder Kinder gezeugt hätten, u. diese sozusagen in Folge sich normal entwickelt hätten.

Aber gut, ich darf dazu nix sagen, für mich sind schon leute geistig behindert, wenn sie sich was ausmachen, nicht erscheinen, u. nicht mal absagen.

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Kimba&Blacky
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Beitrag Di., 30.01.2018, 14:35

Pfefferraupe hat geschrieben: Di., 30.01.2018, 11:27Diese wird er aber nicht liefern können, da bin ich mir sicher.
Ja, da bin ich​ mir auch sicher.

@tief_unten: Ich kannte mal einen jungen Mann, von dem ich später erfahren habe, dass seine Mutter geistig behindert ist. Er selbst war auch intelligenzgemindert, aber nicht so stark wie seine Mutter.
Sein Bruder war durchschnittlich intelligent.

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Aragorn II
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Beitrag Di., 30.01.2018, 19:35

Kimba. Kimba, Kimba ... nach deinen Beiträgen suche ich mittlerweile wahrlich gerne, denn da wird einem nie langweilig :lol: ;-)

Also eine gute Bekannte von mir (man könnte auch sagen: sehr gute :red: ) arbeitet im Behindertensektor; oft schon haben wir über derartige Themen diskutiert: Laut ihr spielt Sexualität gerade bei solchen Menschen eine wahnsinnig große Rolle - und ebenso wie bei uns, wo wir eben "Menschen ohne besonderer geistiger Bedürfnisse" sind :roll: , experimentieren diese genauso ... und entwickeln ebenso ihre Neigungen.

Und genau das ist aber auch der springende Punkt - besonders wenn es dann um "Streitfälle" geht: Sage ich zB "die war betrunken und wollte den Sex mit mir", wird einen vermutlich jeder Richter (sofern keine Gewaltspuren o.ä. im Spiel sind) mit einem blauen Auge davonkommen bzw. die Anzeige fallen lassen - handelt es sich jedoch um eine "geistig beeinträchtigte Person", so (vor)urteilt jeder Richter automatisch über diese Person als "nicht zurechnungsfähig im Bezug auf die eigenen Sexualität" ...
baobab hat geschrieben: Mo., 29.01.2018, 18:38 Ein Paar in einem Wohnheim (man durfte dort die Türen nicht abschließen) wurde öfters beim Sex überrascht, war auch klar männlich und weiblich.
Zuerst mal: Danke baobab, dass du uns an deinen Erfahrungen teilhaben lässt :thumbsup:

Was das obige angeht: POAH, wenn ich sowas höre, da werde ich sowas von :evil: :evil: :evil:
Wieso bitte dürfen die zwei keinen Schlüssel haben? Wieso dürfen die zwei keine Sexualität ausleben ???

Immer mehr erkenne ich, dass REICH sowas von Recht hat wenn er meint: Alles im Leben besteht aus Sexualität ...
MACHT ist nämlich auch eine Form der Sexualität und genau das wird hier wieder angewendet: Lustempfindung am Ausüben von Macht - ich/wir verbieten diesen Individuen Sex zu haben ... wir aberkennen ihnen das Recht auf Privatsphäre ...
Und selbiges gilt auch für deinen Bekannten Kimba: Wieso sollte er nicht wissen, dass er sich im Bezug auf Sexualität bei gleichgeschlechtlichen Partnern wohler fühlt !?!

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baobab
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Beitrag Di., 30.01.2018, 22:14

Aragorn II hat geschrieben:Was das obige angeht: POAH, wenn ich sowas höre, da werde ich sowas von :evil: :evil: :evil:
Wieso bitte dürfen die zwei keinen Schlüssel haben? Wieso dürfen die zwei keine Sexualität ausleben ???
Ich kann's dir nicht sagen. Die Situation, von der ich erzählte, das war ich nur Tagespraktikantin, noch zu Schulzeiten. Später als Aushilfe während dem Studium erinnere ich mich aber auch nicht an verschließbare Türen. Das war Anfang der 90er.
Geistig behinderte Menschen haben keine große Lobby, denke ich, können sich selbst meist nicht adäquat schützen oder vertreten, können leicht zum Opfer werden, zum Sündenbock der Familie, usw..

Damals war das für mich einfach Alltag, ich erinnere mich an keine Diskussionen zu dem Thema - ob da teils Schutz auch mit reinspielt, weiß ich nicht - das sich eingeschlossen wird, jemand bei Feuer nicht rauskommt oder oder ...
Sind vielleicht nicht nur gewaltvolle Gründe. Einer Mitarbeiterin ist auch von einem Bewohner eine Flasche über den Kopf gezogen worden. Es gab auch viel Eingriff in die Privatsphäre, teils dann einfach auch weil sich Bewohner alleine nicht richtig duschen konnten oder Schränke in Ordnung halten konnten.

Gab aber auch Bemühungen, Engagement, auch fittere Bewohner aus dem Werkstattrahmen heraus zu vermitteln.
Zuletzt geändert von baobab am Di., 30.01.2018, 22:34, insgesamt 1-mal geändert.
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