Und wo bleibt der 'Rettungsschirm' für psychisch Kranke?

Spezielle Fragen zur Lage in Deutschland
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Sommerkind09
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Und wo bleibt der "Rettungsschirm" für psychisch Kranke?

Beitrag Sa., 28.11.2020, 00:14

Ich weiß nicht genau, ob es hier 100% passt, einfach bei der allgemeinen Corona-Diskussion schien es mir aber auch unpassend und zwar geht es sicher nicht nur mir so wie hier im (leider nicht frei zugänglichen) Artikel geschildert:
Sabine Köhler: Mindestens 90 Prozent der uns bekannten Patientinnen und Patienten sind durch Corona und die Kontaktbeschränkungen enorm verunsichert. Besonders jene, die schon länger wegen einer Depression, einer Angststörung oder einer Suchterkrankung bei uns in Behandlung sind. Die Ausnahmesituation, in der wir alle uns befinden, wird für sie zur Gefahr – und bei Menschen, die durch Medikamente oder Psychotherapie auf einem guten Weg waren, läuft die Erkrankung wieder aus dem Ruder. Sie erleben Rückfälle.
https://www.spiegel.de/psychologie/depr ... 4029cfc89f

Also bei mir ist es konkret so, dass die VT im letzten Spätherbst einigermaßen plangemäß (es waren noch wenige Stunden, und am Ende verfiel 1, die man über Quartale hätte "strecken" können offen, was mir auch wohl gutgetan hätte, aber wegen ihrem anstehenden Mutterschutz und Jobwechsel nicht möglich war), danach sollte es nach langem Ringen mit mir selbst mit ner RPK weitergehen.

Da diese Entscheidung in den 1.Lockdown fiel, erstmal warten, verändertes (über Video-oder normale Telefonie) "Kennenlernen" der Einrichtung und alles etwas verzögert. Dann sollte die Reha etwa zum Jahreswechsel losgehen, ich hab aber aus Sorge vor Corona vorzeitig eine Verlängerung der Kostenzusage (läuft über die KK) erwirkt.
Je weiter aber jetzt die Reha (und die vergangene Therapie) weg ist, desto mehr kehren, natürlich auch aufgrund der heftigen "2.Welle" die Probleme (Ängste, Selbstunsicherheit, vermeidendes Verhalten) zurück und die phasenweise begleitende Depression verschlimmert sich auch auf ein gefühlt schlimmstes (Winter-)Level, der Sommer war soweit recht unbeschwert.

Nun wäre das doch eigentlich ein Punkt wo man sagen würde, wieder über eine Therapie nachzudenken, aber da hätte ich ja noch ein Jahr Pause und damit komme ich zum Gedanken des Titels des Threads.

Es gibt Soforthilfen, vereinfachten Zugang zu Hartz 4 usw., wäre es da nicht eigentlich nur fair und sinnvoll, zumindest für bereits (mittelerfolgreich) therapierte, aber natürlich auch akut (wieder)erkrankte diese blöde "Sperrfrist" zu lockern?

Auch psychisch Erkrankte brauchen doch Hilfe wenn sie alleine nicht die Pandemiebedingte Krise bewältigen können, oder?
Zuletzt geändert von Tristezza am Sa., 28.11.2020, 08:15, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Betreffzeile "Wo bleibt der 'Rettungsschirm'" zum besseren Verständnis präzisiert.


pandas
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Beitrag Sa., 28.11.2020, 00:31

Wenn gravierende Gründe vorlagen, hatte die Sperrfrist in Bezug auf PT noch nie Wirkung.
Schwieriger ist meist, dass viele Therapeut*innen Wartelisten führen und sich dadurch auch bei Bedarf oft keine unmittelbare Therapiemöglichkeit finden lässt.
Wenn Du bei Deiner letzten Therapeutin weitermachen möchtest, so musst Du mit ihr darüber sprechen, dass sie aufgrund eines Rückschlages neue Stunden beantragt.
Reicht mir das: Milchkaffee, ein gutes Buch und Natur.

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Anna-Luisa
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Beitrag Sa., 28.11.2020, 08:39

Sommerkind09 hat geschrieben: Sa., 28.11.2020, 00:14 Es gibt Soforthilfen, vereinfachten Zugang zu Hartz 4 usw., wäre es da nicht eigentlich nur fair und sinnvoll, zumindest für bereits (mittelerfolgreich) therapierte, aber natürlich auch akut (wieder)erkrankte diese blöde "Sperrfrist" zu lockern?
Ich finde die "Sperrfrist" richtig. Jeder Mensch wird in seinem Leben voraussichtlich noch viele Krisen erleben. Es würde etwas Falsches signalisiert werden, wenn man ehemaligen Patienten weismacht, die wären in dieser Zeit besser damit beraten zum ehemaligen Therapeuten zu gehen.

Der wiederum hat vermutlich auch auf lange Sicht Termine an "neue" Patienten vergeben.
Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen. So wird dir Ärger erspart bleiben.
(Konfuzius)

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Kellerkind
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Beitrag Sa., 28.11.2020, 08:58

In letzter Zeit wird ein klein wenig mehr auf die psychische Belastung durch COrona und die Auswirkung auf psychisch Vorerkrankte gesprochen. Hier mal ein kleiner Artikel, da mal ein kleiner Fernsehbericht. Es rückt etwas mehr in den Fokus. Es werden Hotlines, quasi Sorgentelefone, eingerichtet und etwas mehr beworben als damals noch im ersten Lockdown.

Insgesamt kommt mir das Ganze jedoch sehr oberflächlich vor. Das ist eher so auf dem Nivau: "Treiben Sie Sport! Ernähren Sei sich gesund! Bleiben Sie online mit Ihrem Sozialefeld in Kontakt! Sprechen Sie Betroffene an, wenn das nicht hilft, scheuen Sie sich nicht, prof. Hilfe zu suchen!"

Ich krieg da immer einen zu viel. Als ob es sooooo einfach wäre, mit einem Fingerschnippen, sich mal eben funktionoierende psychotherapeutische Hilfe zu suchen!

Anderseits ist es, wie es ist. Das alles war schon VOR Corona so eine Sache, und es für NIEMANDEN leicht. Alle müssen zurückstecken. Es gibt jede Menge psychische Neuerkrankungen und, wenn ich mich richtig erinnere, hieß es im letzten Bericht, den darüber sah, dass 50% durch Corona "psychisch belastet" seien. Was alles und nichts heißen kann.

Leztendlich ist und bleibt es eine weltweite Krise., die jeden betrifft. Da macht "das Leben" leider keine Ausnahmen für die, die es vorher schon nicht leicht hatten. Das psychotherapeutische System hatte schon immer so seine Schwächen. Ich fände es schön, wenn man aus der Krise lernt und sich langfristig was draus lernt, glaube es aber nicht wirklich.

Unter dem Strich bleibt nur eins: mehr an die Eigenverantwortung appelieren. Man kann auch als psychisch erkrankter Mensch sehr viel für die eigene psychische Gesundheit tun. EINE der Tücken des psychotherapeutischen System ist ja, dass viele Patienten sich auf ihre Therapeuten oder Medikamente verlassen, statt dass zu tun, was sie selbst tun könnten. Ja, aber dies... Ja, aber jenes. Ich kann nicht. Ich kann nicht wollen. Ich will nicht können. Jetzt müssen sie. Manch einer wird gestärkt daraus hervorgehen, und feststellen, dass er oder sie stärker ist als man selbst glaubte. Andere werden daran zerbrechen. Ich fürchte, so ist das Leben!
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Scars
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Beitrag Sa., 28.11.2020, 12:45

Anna-Luisa hat geschrieben: Sa., 28.11.2020, 08:39 Jeder Mensch wird in seinem Leben voraussichtlich noch viele Krisen erleben. Es würde etwas Falsches signalisiert werden, wenn man ehemaligen Patienten weismacht, die wären in dieser Zeit besser damit beraten zum ehemaligen Therapeuten zu gehen.
Dem würde ich zustimmen. Finde da zeigt sich nur einmal mehr wie defizitär unsere Gesellschaft im Umgang mit Emotionen ist und wie sozial entfremdet. Sicherlich gibt es eine Grenze und manche Menschen dekompensieren dann in ihre vorher noch händelbare Krankheit hinein, was dann Anlass für eine Therapie wäre aber bei einem „normalen“ Menschen sehe ich überhaupt nichts krankhaftes darin, während einer weltweiten Pandemie und Wirtschaftskrise Angst zu haben, unsicher zu sein, möglicherweise auch depressiv zu reagieren. Das gibt sich dann auch wieder und sollte eigentlich durch die sozialen Strukturen aufgefangen werden können, ist dann eine Frage des Umgangs damit. Ich sehe dann eher die Gefahr, dass als krank eingestuft wird, was gar nicht krank ist. Das erinnert mich an den einen Promi-Psychiater, der meint, wenn man nur die wirklich psychisch kranken Menschen behandeln würde, gebe es auch genügend Therapieplätze... diese Aussage finde ich hart, hat mir aber zu denken gegeben. Die Sperrfrist und Kontingente finde ich dennoch nicht gut, denn der eine Patient braucht 3 Jahre, der andere halt 5. Wenn man von vornherein individuell passend Therapie machen könnte, liessen sich wahrscheinlich einige Rückfälle und stationäre Aufenthalte vermeiden.

@Sommerkind: wenn du Bedarf hast, kannst du trotzdem was beantragen.
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Kellerkind
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Beitrag Sa., 28.11.2020, 16:03

Nicht zu vergessen, dass jetzt die Zeit der SAD- Seasional abhängigen Depression beginnt. Davon soll jeder Vierte (!) betroffen sein.
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malerin
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Beitrag So., 18.07.2021, 14:10

Man kann immer eine Therapie beantragen. Diese Sperrfrist gibt es nicht wirklich.

Ich finde es kommt immer auf die psychische Erkrankung an, wie lange man braucht. Bei leichten Depressionen brauche ich nicht soviele Sitzungen, bei schweren psychischen Erkrankungen, braucht man eben mehr.