Wenn das Glauben durch die Therapie abhanden kommt

Fragen und Gedanken rund um Spiritualität und Religionen, alternative Behandlungsmethoden, den üppigen Garten sonstiger "Therapie"-Formen, Esoterik ... und ihre Berührungspunkte mit Psychotherapie bzw. psychologischen Problemen.

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Wenn das Glauben durch die Therapie abhanden kommt

Beitrag Mo., 02.11.2020, 22:44

Hallo,

vorher sehr gläubig, heute glaube ich an mich und den Zufall. Ich mache Psychoanalyse.
Therapie; Suche nach Wahrheit. Religion; Suche nach Glauben.
Ängste, Schuldgefühle, Scham durch Glauben hervorgerufen, sind bei mir weg. Aber auch die Zuversicht, dass der Gott das schon richten wird. Denn den Gott gibt es nicht. Es gibt ja das Unterbewusstsein, das uns steuert.
Hmmmmm.... habt ihr euren Glauben (egal welche REligion) beibehalten? Wenn ja, wie gelingt euch das?

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saffiatou
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Beitrag Mo., 02.11.2020, 23:01

Ich denke nicht, dass die Therapie der Grund war, es sei denn, der Therapeut hätte nur dir deine glauben ständig diskutiert und ihn dir ausreden wollen. Sondern durch die Therapie sind viele, Dinge die du vorher als gegeben hingenommen hast, in Frage gestellt worden. Vielleicht sind ein paar Dinge hochgekommen, die du verdrängt hast und da kann es sein, dass du deinen Glauben und was damit zusammenhängt nicht mehr als sicher annehmen kannst.

Meine Therapie hat meine Glauben nicht verändert, den habe ich vorher durch das Verhalten der Menschen mit gegenüber verloren, was ich bedauere, aber annehme.

Ich finde es hörst sich gut an, wenn Ängste, Schuld und Scham die alleine durch den Glauben hervorgerufen wurden, nicht eher vorhanden sind, weil da der alleine strafende Gott nicht mehr so beängstigt. Zuversicht, dass es Gott richtet? Nein, du kannst es richten, du hast es in der Hand, das ist doch eine Befreiung!
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Philosophia
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Beitrag Di., 03.11.2020, 06:35

Ich war auch christlich geprägt und habe mich in der Analyse endlich aus der Kirche austragen lassen. Und ich bin null traurig darüber. Aber ich habe wirklich eh nie daran geglaubt, dass irgendwer was für mich richtet. Ich finde, dass der Gedanke viel Verantwortung einfach einer höheren Instanz übertragen wird - was oft genug dafür sorgt, dass die Menschen ihre Taten nur teilweise angucken - man kann ja immer beichten. Klimawandel? - Na, Gott wirds schon richten. Pff, nee. Wobei, vielleicht doch, und zwar in dem Sinne, dass er uns Menschen von dem Planeten räumt und die Natur wieder atmen lässt. Wäre nur fair. Ich glaube an die Natur - das hat für mich auch etwas übergordnetes, aber eben nichts übernatürliches. Ich finde, wenn ich mal etwas Kontrolle abgeben möchte, weil ich selbst bin ja auch in der Tat nicht für alles verantwortlich - dann denke ich, dass die Sonne auch am nächsten Tag noch da sein wird, und das auch ohne mein Zutun. Ich habe letztens gelesen, dass viele doch tatsächlich Moral an Glauben knüpfen - das fand ich echt traurig. Glauben verbockt zudem auch noch so viel - viele der Verschwörungstheoretiker sind megagläubig und meinen, Gott sorgt schon dafür, dass mir nix passiert - aber sie nehmen sich dann aus der Verantwortung, selbst etwas zu tun, zu verzichten, Regeln einzuhalten, weil Gott sie ja retten wird... pfff... ja, genau... aber dass sie andere in Gefahr bringen, macht ihnen nix, ja, wahrhaft gute Menschen. Aber sie kommen ja in den Himmel, weil sie glauben.
Glauben kann sicher erstmal viel Halt geben, das glaube ich, aber das können imaginäre Freunde von Kindern auch...
"Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen." - Albert Schweitzer


Jenny Doe
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Beitrag Di., 03.11.2020, 06:51

Hallo Bilderbuch
Aber auch die Zuversicht, dass der Gott das schon richten wird.
Ja, die Erfahrung habe ich auch gemacht. Die erste Zeit war ich traurig darüber, dass mir mein Glaube abhanden gekommen ist. Er gab mir Hoffnung. Mit dem Verlust meines Glaubens verlor ich auch die Hoffnung. Doch im Lauf der Zeit erkannte ich, wie viel ich gewonnen habe.
Als ich noch gläubig war, da fühlte ich mich davon abhängig, dass Gott das schon richten wird. Ich war somit vom anderen (Gott) abhängig. Dinge, die ich aus eigener Kraft schaffte schrieb ich nicht mir und meiner eigenen Kraft zu, sondern dankte Gott dafür, dass er das gerichtet hat.
Ich brauchte damals den Glauben, dass Gott das schon richten wird. Heute habe ich den Glauben an mich selbst. Ich warte nicht mehr, bis Gott es richtet, sondern richte es selbst. Und ich spüre heute, dass ich das selber gerichtet und geschafft habe, dass ich selber Kraft habe, mir selber helfen kann, … und nicht darauf warten muss, dass andere (Gott) das für mich richten. Heute denke ich nicht mehr „der andere hat das für mich gerichtet“, sondern weiß, dass ich es selber war, die es gerichtet hat.
Ich habe den Glauben an Gott inzwischen gänzlich verloren, aber dafür den Glauben an mich selbst gewonnen.
Wir müssen das Leben loslassen, das wir geplant haben, damit wie das Leben leben können, das uns erwartet (Joseph Campbell). Manche Leute glauben, Durchhalten macht uns stark. Doch manchmal stärkt uns gerade das Loslassen (Hermann Hesse).

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Philosophia
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Beitrag Di., 03.11.2020, 07:25

Awww, Jenny, das hast du so schön geschrieben, ich war leider zu gefrustet und konnte nicht so wohlwollend schreiben, aber du hast das gemacht! Danke. Denn darauf kommts an, was du geschrieben hast. Mein Geschimpfe nützt da ja nix.
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Jenny Doe
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Beitrag Di., 03.11.2020, 07:34

Den Glauben zu verlieren, kann ganz schön weh tun. Man verliert ja was. Auch zu Gott kann man eine Beziehung aufbauen. Man verliert ja jemanden (wenn auch Unsichtbar), dem man vertraut hat, den man geliebt hat, auf den man gebaut hat, zu dem man eine Beziehung aufgebaut hat, dem man seine tiefsten Geheimnisse anvertraut hat. Plötzlich ist derjenige weg, "tot", ... und man ist plötzlich auf sich gestellt. Das kann weh tun.
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Beitrag Di., 03.11.2020, 07:36

Hallo Bilderbuch,
vermisst du Gott denn?
Wenn ja, dann kannst du doch jetzt hergehen und ihn mal so kennenlernen wollen, wie er als "er selber" ist.
Mal ohne, dass du ihn dir vorweg "zurechtdenken" musst oder jenseits dessen, was andere über Gott sagen oder ihn erleben und erlebt haben oder dazu meinen etc.
Mal von deiner Seite her offen und neugierig.
Jede Liebe, die von einer Sache abhängig ist, hört auf, wenn die Sache aufhört; die aber, die von keiner Sache abhängig ist, hört niemals auf.
Talmud

Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch
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Beitrag Di., 03.11.2020, 07:43

Waldschratin, das ist eine schöne Anregung, finde ich. Zusagen, den selbstbestimmten Zugang finden, oder?
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Beitrag Di., 03.11.2020, 07:50

Ganz genau so meine ich das, liebe Philosophia. :ja:

Ich bin ja selber gläubig und hab da irgendwann eben so nen Weg gewählt : Gott, wenn es dich tatsächlich gibt und du tatsächlich sogar mit mir persönlich was zu tun haben willst, dann musst du mir schon selber antworten und dich mir "spürbar" machen.

Und mal ehrlich : Wenn Gott tatsächlich Gott ist, dann kriegt er das schon irgendwie hin, dann muss nicht ich die Wege finden und "was tun" oder irgendwie "sein" oder mich passend machen oder oder oder.
Dann brauch ich nur offen sein und neugierig auf sein "Tatsächliches".

Und ja, mich hat er seither immer wieder überrascht, weil er oft so ganz anders ist, als Menschen ihn mir vermittelt haben oder ich selber ihn mir "zurechtdachte", aus Angst vor seiner Göttlichkeit meist.
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Fairness
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Beitrag Di., 03.11.2020, 09:54

Bilderbuch, ich glaube, dass es möglich ist, den Glaube in sich neu zu erfinden. Ich bin atheistisch aufgewachsen, in christlichem Land mit christlicher Moral, aber ungläubig, ohne Gott und im Züge meiner analytischen Therapie bin ich gläubig geworden. Habe eine Reihenfolge von Erfahrungen eines natürlichen Charakters gemacht und danach ging mein Glaube auf.. Fand in mir ein Bild eines fließenden Übergangs zwischen dem Gott und der Natur..

Doch der Gedanke, dass Gott etwas für mich richtet, im Sinne 'er tut was', ist auch mir fremd. Ich glaube, dass das möglicherweise etwas ist, was Religionen und konkrete Menschen in ihnen so kommunizieren. Ich gehöre zu keiner Religion.. Höchstens im Sinne 'Panta Rhei', interpretiere ich das.
"Man sieht, was man am besten aus sich sehen kann." (C.G.Jung)

"There are only two tragedies in life: one is not getting what one wants, and the other is getting it." (O.Wilde)


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Beitrag Di., 03.11.2020, 10:26

Guten Morgen zusammen
Ich freue mich, dass so viele geschrieben haben. DAnke dafür, für eure Fragen und Hinweise und auch für philos Geschimpfe. Das gehört zum Thema dazu.
Ich bedauere meinen Austritt aus dem Glauben an Gott nicht. Der Gewinn ist die grundsätzliche Freiheit, als Fundament meines Denkens und Tun.
Ich bin in einem fanatischen Umfeld groß geworden. Traumatisch. Insofern war Gott für mich eher ein Feind, der mir meine Liebsten gestohlen hat.
Eine Beziehung zum Gott hatte ich wenn dann eine schlechte und diese habe ich gelebt im Alltag; das ist sehr schädlich für die Gesundheit.
Dank der Therapie bin ich diesen Alptraum los. Was bleibt ist eine Beziehung zu meiner götlichen Kraft; der Beziehung mit der Natur, Therapeutin etc., die die Rolle des heiligen Geistes übernommen haben. Im übertragenen Sinne natürlich und wohlwollend.

Die Kirche stellt eine abstrakte Beziehung her, weil Menschen diese brauchen. Reale Beziehungen sind für Menschen oft traumatisch, ambivalent. Die Verbundenheit durch die Gemeinde ist zusätzlich ein Ankerpunkt für die Gläubigen.
Ich bin mittlerweile vor allem mit mir selbst und meiner Familie verbunden. Zusätzlich mit der Therapeutin im Geiste.

Ihr habt recht; wenn ein Glaube noch kommen mag, so kommt er. Wir müssen nichts tun. Auch sich nicht dagegen wehren, wenn der Glaube nicht an unmenschliche Bedinungen geknüpft ist.

Ich glaube auch, dass die Zuversicht, die ich hatte, an Bedinungen geknüpft war, die schädlich waren. Insofern ist es total gut, dass diese Zuversicht jetzt nach und nach durch andere Verknüpfungen ersetzt und hergestellt ist/wird.

Es gibt nichts wetvolleres, als reine Zuversicht, einfach so, bedinungslos.


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Beitrag Di., 03.11.2020, 11:23

Fairness hat geschrieben:
Di., 03.11.2020, 09:54
Bilderbuch, ich glaube, dass es möglich ist, den Glaube in sich neu zu erfinden. Ich bin atheistisch aufgewachsen, in christlichem Land mit christlicher Moral, aber ungläubig, ohne Gott und im Züge meiner analytischen Therapie bin ich gläubig geworden. Habe eine Reihenfolge von Erfahrungen eines natürlichen Charakters gemacht und danach ging mein Glaube auf.. Fand in mir ein Bild eines fließenden Übergangs zwischen dem Gott und der Natur..
Das bedeutet, durch die Analyse ist bei dir ein komplett neuer Glaube entstanden, einfach aus dir heraus?
Woran glaubst du konkret?


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Beitrag Di., 03.11.2020, 11:28

Waldschratin hat geschrieben:
Di., 03.11.2020, 07:50

Und mal ehrlich : Wenn Gott tatsächlich Gott ist, dann kriegt er das schon irgendwie hin, dann muss nicht ich die Wege finden und "was tun" oder irgendwie "sein" oder mich passend machen oder oder oder.
Dann brauch ich nur offen sein und neugierig auf sein "Tatsächliches".
Schöner Gedanke Waldschratin.

Was ist Gott für Dich?


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Beitrag Di., 03.11.2020, 11:33

Waldschratin hat geschrieben:
Di., 03.11.2020, 07:36
Hallo Bilderbuch,
vermisst du Gott denn?
Wenn ja, dann kannst du doch jetzt hergehen und ihn mal so kennenlernen wollen, wie er als "er selber" ist.
Mal ohne, dass du ihn dir vorweg "zurechtdenken" musst oder jenseits dessen, was andere über Gott sagen oder ihn erleben und erlebt haben oder dazu meinen etc.
Mal von deiner Seite her offen und neugierig.
Ich habe die Frage schon beantwortet aber eins füge ich noch gerne hinzu; nach Überlegung; ich vermisse die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde. Einige Komponente, die dazu gehören, die fehlen manchmal.

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Fairness
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Beitrag Di., 03.11.2020, 11:36

Ich erfasse die Antwort kurz: für mich ist Gott sehr liebevoll und in dieser seinen Art beinhaltet es alles..
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