Schwester ruft nach Hilfe und ich kann nichts tun

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Chamomile
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Schwester ruft nach Hilfe und ich kann nichts tun

Beitrag So., 24.01.2021, 00:55

Guten Abend allerseits,

wie dem Threadtitel zu entnehmen ist, geht es um meine Schwester, die seit einiger Zeit im Ausland bei ihrem Freund lebt. Sie ist jünger als ich und wir hatten nie besonders engen Kontakt, dafür aber herzlich, wenn wir uns doch mal gesehen haben. Umso mehr bin ich aus den Wolken gefallen, als sie sich doch von sich aus an mich wendete und mir als einzige aus der Familie gestand, große Probleme mit ihrem Freund zu haben.

Vor allem in der Kommunikation hapert es, gelinde gesagt. Er redet sie klein, drängt sie verbal gegen die Wand, verbietet ihr Freundschaften und Umgang zu in seinen Augen ihm feindlich gesinnte Menschen (das sind vor allem seine Freunde, die gesehen haben, wie er mit ihr umgeht). Er erpresst sie emotional ("Ich hänge mich auf und zwar so, dass alle es sehen können und wissen, dass es deine Schuld ist, wenn du mich verlässt und den Hund mitnimmst"), die Beziehung sei eine Hölle trotz seiner gelegentlichen Einsichten und Momente, in denen er sich liebevoll verhalte.

Zurück in die Heimat will sie auf gar keinen Fall, zu Freunden in der Gegend, wo sie wohnt und die sie aufnehmen würden, will sie auch nicht. Auch nicht vorübergehend. Sie ist finanziell von ihm abhängig und sucht jetzt verzweifelt nach Arbeit und einer Unterkunft im nächsten Ausland.

Heute hat sie mich um Mitternacht wieder verzweifelt angeschrieben, dass ich ihr doch dabei helfen soll. Klar, ich helfe ihr gerne, aber bei diesem Thema habe ich absolut keine Ahnung oder Mittel ihr zu präsentieren. Ich konnte auch bisher nichts weiter tun als ihr zuzuhören, sie zu trösten, ihr nahezulegen, sich einen Rettungsplan zu machen, wie sie am besten für sich aus der Sache herauskommt.

Ich darf auch nicht (auf ihr Verlangen hin) mit unserer Mutter darüber reden, die noch immer fest davon überzeugt ist, dass meine Schwester sich ihren Lebenstraum erfüllt hat und nun glücklich ist. Habe auch derzeit keinen Therapeuten, bei dem ich das alles lassen kann, nur meinen Mann, mit dem ich bröckchenweise darüber reden kann, wenn unser Kind gerade nicht anwesend ist. Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll und fühle mich inzwischen selbst schon ausgebrannt.

Wie gehe ich mit dieser Situation am besten um und auch mit dem Gefühl der Hilflosigkeit? Denn ich kann nicht einfach zu ihr hinfahren und sie da rausziehen, auch wenn ich das so gerne möchte.

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Nico
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Beitrag So., 24.01.2021, 07:33

Mir scheint deine Schwester möchte es sich möglichst leicht machen. Sie weiß ganz genau was sie alles nicht machen möchte ( bei Freunden unterkommen etc) aber sie hat keine Idee was sie wirklich machen möchte/kann.
Das würde sie am liebsten an dich delegieren.

Lass dich nicht instrumentalisieren, mach ihr klar, dass sie sich für einen Weg entscheiden muss und diesen auch gehen soll, du kannst sie dann nur im Rahmen deiner Möglichkeiten unterstützen.
Wenn ich alt bin, möchte ich nicht jung aussehen, sondern glücklich!


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Chamomile
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Beitrag So., 24.01.2021, 10:13

Nico hat geschrieben:
So., 24.01.2021, 07:33
Mir scheint deine Schwester möchte es sich möglichst leicht machen. Sie weiß ganz genau was sie alles nicht machen möchte ( bei Freunden unterkommen etc) aber sie hat keine Idee was sie wirklich machen möchte/kann.
Das würde sie am liebsten an dich delegieren.
Das befürchte ich auch, auch wenn ich glaube, dass ihr das gar nicht so bewusst ist. Macht es zwar nicht besser, aber naja..
Nico hat geschrieben:
So., 24.01.2021, 07:33
Lass dich nicht instrumentalisieren, mach ihr klar, dass sie sich für einen Weg entscheiden muss und diesen auch gehen soll, du kannst sie dann nur im Rahmen deiner Möglichkeiten unterstützen.
Danke für deine Worte, Nico. Wirklich!

Habe heute morgen einen Anruf von ihr bekommen und ca. 40 Minuten Streit mitgehört. Er gibt ihr schon die Möglichkeit, zurück zu ihrer Familie zu kehren, aber nein, sie will nicht. Wenn wir dann doch mal geredet haben (sie hat dann mitten in ihrem Streit aufgelegt), ging es nie darum, was sie jetzt tun kann, um dem zu entkommen, auch nicht, wenn ich sie in diese Richtung lenken wollte. Sie liebe ihn, wolle mit ihm zusammen sein und mir sagt sie am Telefon, sie kann nicht mehr und weint nur noch.

Hätte ich einfach auflegen sollen, als sie wieder beim Streiten waren, um klar zu machen, dass ich nicht sofort zur Stelle ihr Blitzableiter in dieser Situation bin, in der ich eh nix machen kann außer dabei zuzuhören, wie sie sich gegenseitig Vorwürfe machen und im Kreis drehen?

(Und jetzt bin ich hier schon am Jammern :roll: Aber gut, irgendwo muss es hin.)

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leuchtturm
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Beitrag So., 24.01.2021, 11:19

Hätte ich einfach auflegen sollen, als sie wieder beim Streiten waren, um klar zu machen, dass ich nicht sofort zur Stelle ihr Blitzableiter in dieser Situation bin, in der ich eh nix machen kann außer dabei zuzuhören, wie sie sich gegenseitig Vorwürfe machen und im Kreis drehen?
##

Ich würde ihr in einer ruhigen Minute sagen, dass du nicht als Blitzableiter dienen kannst. Ich würde ihr erklären, dass du ihr damit nicht helfen kannst, dass du keine Therapeutin bist und dass du ihr ihre üble Situation auch glaubst, ohne sie live am Telefon mitzuerleben, und dass du in Zukunft solche Anrufsituationen, die niemandem etwas bringen, nicht mehr mitmachen wirst.

Weiter würde ich ihr anbieten, dass du bei konkreten Hilfsvorschlägen von seiten deiner Schwester Hilfe leistest: Auszugspläne, Therapiesuche u.Ä.

Dann würde ich beim nächsten Mal, wenn sie dich wieder in eine Streit hineinziehen will, ganz ruhig sagen: "Du weißt, ich möchte diese Situation nicht mehr miterleben. Ich lege jetzt auf" und das dann auch tun.

Übrigens würde ich mir nicht verbeiten lassen, mit Dritten, z.B. eurer Mutter über das Problem zu reden, wenn du meinst, dass der/die Dritte da helfen kann oder ideen haben könnte. Diese Vorgabe à la "rede aber nicht Mama darüber" gehört eindeutig zur Instrumentalisierung dazu und hält dich in einer kleingemachten Rolle. Du darsft also jur "springen", wenn deine Schwester es möchte, aber selbst Hilfe zu suchen soll dir nicht "erlaubt " sein?
Weil es ein schlechtes Licht auf deine Schwester werfen würde?
Weil dann ihre Situation publik würde?
Weil vll jemand eingeweiht ist, der sich nicht so benutzen lässt wie du?

Den Schuh würde ich mir nicht anziehen.


Ich wünsche dir viel Durchsetzungskraft!


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Chamomile
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Beitrag So., 24.01.2021, 18:36

leuchtturm hat geschrieben:
So., 24.01.2021, 11:19

Ich würde ihr in einer ruhigen Minute sagen, dass du nicht als Blitzableiter dienen kannst. Ich würde ihr erklären, dass du ihr damit nicht helfen kannst, dass du keine Therapeutin bist und dass du ihr ihre üble Situation auch glaubst, ohne sie live am Telefon mitzuerleben, und dass du in Zukunft solche Anrufsituationen, die niemandem etwas bringen, nicht mehr mitmachen wirst.

Weiter würde ich ihr anbieten, dass du bei konkreten Hilfsvorschlägen von seiten deiner Schwester Hilfe leistest: Auszugspläne, Therapiesuche u.Ä.

Dann würde ich beim nächsten Mal, wenn sie dich wieder in eine Streit hineinziehen will, ganz ruhig sagen: "Du weißt, ich möchte diese Situation nicht mehr miterleben. Ich lege jetzt auf" und das dann auch tun.
Danke, leuchtturm, für deine ehrlichen und gleichsam sensiblen Worte! Ich werde sie mir aufschreiben, um sie mir beim nächsten Gespräch merken zu können. Ich muss meine eigenen Grenzen deutlicher ziehen, nur bin ich so ein "people pleaser", der es allen recht machen will. Da muss ich drüber hinweg, um ich nicht weiter selbst zu belasten.
leuchtturm hat geschrieben:
So., 24.01.2021, 11:19
Übrigens würde ich mir nicht verbeiten lassen, mit Dritten, z.B. eurer Mutter über das Problem zu reden, wenn du meinst, dass der/die Dritte da helfen kann oder ideen haben könnte. Diese Vorgabe à la "rede aber nicht Mama darüber" gehört eindeutig zur Instrumentalisierung dazu und hält dich in einer kleingemachten Rolle. Du darsft also jur "springen", wenn deine Schwester es möchte, aber selbst Hilfe zu suchen soll dir nicht "erlaubt " sein?
Weil es ein schlechtes Licht auf deine Schwester werfen würde?
Weil dann ihre Situation publik würde?
Weil vll jemand eingeweiht ist, der sich nicht so benutzen lässt wie du?

Den Schuh würde ich mir nicht anziehen.
Das Problem mit unserer Mutter ist leider, dass diese tatsächlich recht labil ist, auch durch die Corona-Situation. Ich hatte mal in einem Gespräch angemerkt, dass mir die Abhängigkeit meiner Schwester von ihrem Freund große Sorgen bereitet ... was sie dann aber schnell abgetan hatte von wegen sie möchte doch daran glauben, dass es das ist, was meine Schwester will und dass sie glücklich ist.

Für meine Schwester stellt es einen riesigen Rückschritt dar, wieder zurückkehren zu müssen (auch wenn die erwachsene Variante ist, dass man einsieht, dass das mit dem Lebenstraum verwirklichen eben so nicht geklappt hat und man sich eben anders und neu orientiert). Auch und deswegen will sie nicht wieder in die Heimatstadt zurück oder sonst wohin in unsere Heimat. Ich glaube, sie braucht eine Lösung auf dem Silbertablett, die ihr gefällt und nicht damit einhergeht, dass sie sich in die Nesseln gesetzt hat.

Aber gut, warum auch immer sie sich nun weigert, meine direkte Hilfe zurückzukehren (oder auch sein Wunsch, dass sie zurück zu ihrer Familie geht) anzunehmen ... ich muss mich da zurückhalten. Beide drohen mit Selbstmord, auf meine Nachrichten, dass ich mir Sorgen mache nach dem abrupten Ende des Telefonats und dass sie sich doch bitte melden soll, reagiert sie nicht. Wenn ich wüsste, wo sie wohnt, ich würde ihr die Polizei vorbei schicken. Aber vielleicht sind sie ja auch schon wieder auf Versöhnungskurs? Ich weiß es nicht und so langsam will ich es auch nicht mehr wissen.

Und das fühlt sich schrecklich an, so als Schwester zu denken.
leuchtturm hat geschrieben:
So., 24.01.2021, 11:19
Ich wünsche dir viel Durchsetzungskraft!
Vielen Dank, leuchtturm! Ich werde das brauchen.