Missglückte Abnabelung oder normale Empathie?

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Elliminelli
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Missglückte Abnabelung oder normale Empathie?

Beitrag Do., 01.04.2021, 18:18

Hallo Ihr Lieben!

Ich brauche mal ein bisschen Starthilfe um ein Problem anzugehen, welches mich schon echt lange beschäftigt, gerade aber sehr akut ist.Ich vermute, es hat was mit mangelnder Abnabelung vom Elternhaus zu tun, und dieses Problem scheint mir generationenübergreifend.

Es ist so, dass ich seit Jahren sehr doll mit meiner Mutter mitleide.Sie ist ein sehr labiler Mensch und ich vermute, dass sie auch eine Angststörung hat.Mit Problemen kann ich nicht wirklich zu ihr kommen, das würde sie nur noch mehr belasten und anstatt mir eine Hilfe zu sein, muss man sie dann eher aufbauen.Sie macht sich wirklich um alles total übersteigerte Sorgen, kann nachts schlecht schlafen und ist eigentlich immer wegen irgendwas beunruhigt, nervös, deprimiert.
Momentan dreht sich die Hauptsorge um meine Großeltern.Die beiden sind biblisch alt und bauen momentan sehr ab.Ihr Lebenswille lässt auch sehr nach.Ich kann das total verstehen, dass nach fast hundert erfüllten Jahren voller Leben und Tatendrang irgendwann mal der Akku leer ist und man, wenn dann körperliche und geistige Kräfte schwinden, eigentlich nicht mehr mag.Doch meine Mutter scheint in totale Panik deswegen zu verfallen.Das Ganze zerfrisst sie schon wieder total und sie schläft kaum noch.Klar, es sind ihre Eltern und es ist natürlich traurig, wenn sie gehen.Aber mir kommt es so vor, als hätte sie sich in ihren fast 70 Lebensjahren nicht eine Sekunde darauf vorbereitet.
Kurz:sie ist überhaupt nicht belastbar und leidet wirklich wegen allem.Dazu kommt, dass die Ehe meiner Eltern seit Jahren in meinen Augen sehr lieblos läuft.Sie spricht oft schlecht über meinen Vater (als er aber länger im Krankenhaus war, ist sie natürlich wieder täglich durchgedreht vor Angst, die total unbegründet war), und das mit Vorliebe auch mir gegenüber.Ich weiß nicht, warum, aber für all ihre Ängste, Sorgen und ihren Greuel meinem Vater gegenüber scheine ich ihre erste Anlaufstelle zu sein.

Mich belastet das sehr.Ich beobachte an mir, dass ich bei Telefonaten mit ihr schon ganz hellhörig werde nach angespannten Untertönen und quasi permanent wieder auf eine schlechte Nachricht warte.Gerade jetzt, wo es den Großeltern nicht gut geht, denke ich den ganzen Tag an meine Mutter, dass sie ja zuhause jetzt zwischen den lebensmüden, kranken Alten und eine glücklosen Ehe sitzt und ihr Leben doch eigentlich gerade total traurig ist.Das macht mich wiederum so traurig und bereitet mir ein schlechtes Gewissen, dass ich so glücklich bin.Ich habe einen tollen Freund, lebe in einer wunderbaren Stadt(100km von meinem Elternhaus entfernt), liebe meine Arbeit, mein Umfeld und jetzt bekommen wir auch noch unser erstes Wunschkind nach zwei Fehlgeburten.Oft wache ich morgens mit einem Lächeln auf und dann fällt mir wieder ein, wie es meiner Mutter wohl gehen muss und sofort schäme ich mich für mein Glück.

Meine Mutter konnte sich vermutlich selber nie von ihren Eltern abnabeln, da sie Zeit ihres Lebens unter einem Dach gelebt haben und meine Großeltern auch in meinen Augen oft die Privatsphäre meiner Eltern nicht geachtet haben (am Samstag Abend einfach zu ihnen ins Wohnzimmer latschen wegen nem Stück Butter oder so, anstatt mal kurz anzurufen).Meinen Vater hat das oft gestört, wodurch er wieder der Buhmann bei Mutter und Großeltern war.Naja, sie ist halt immer die Tochter geblieben und ich denke, deswegen kann sie jetzt auch so schlecht loslassen, wo sich abzeichnet, dass ihre Eltern wohl nicht mehr soo lange bei uns sein werden.

Jetzt steht Ostern vor der Tür und mein Vater und mein Onkel möchten wegen Covid gerne auf eine Familienfeier verzichten, verständlicherweise.Meine Mutter hat deswegen am Telefon schon wieder fast geweint, sie wollte uns doch alle sehen und für meinen Neffen Eier verstecken...das bricht mir schon wieder so dermaßen das Herz, dass ich am Liebsten hinfahren würde.Mein Bruder mit Familie nimmt das irgendwie locker, sagt, dann halt in drei vier Wochen.Ich kann das nicht, sie tut mir echt so leid...

Ich kann das nicht so recht einordnen.Ist es berechtigtes Mitleid mit ihr oder übertreibe ich?Fakt ist, ich fühle mich nicht gut damit.Ich schwanke zwischen traurig sein und Wut, dass sie ihr Leben nicht anpackt, sich Hilfe sucht und endlich mal sieht, wieviel Glück sie eigentlich im Leben hat.

Ja, wer braucht hier eigentlich Hilfe, sie oder ich?Und ist es herzlos oder berechtigt, wenn ich ihre Klagen nicht hören und mein Leben genießen möchte?Ich bekomme schließlich ein Kind und diese Zeit ist einmalig.

Ach, es ist schwer...danke fürs Lesen dieses langen Textes!Habt alle schöne Ostertage!