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Eure Erfolgsgeschichten / Psychosomatik

Dieser Bereich ist speziell Erfolgsberichten und positiven Erfahrungen in und durch Psychotherapien gewidmet. Wie war es und was hat Ihnen geholfen? Lassen Sie uns positive Erfahrungsberichte sammeln, die Mut machen.
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silverlining86
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Eure Erfolgsgeschichten / Psychosomatik

Beitrag Fr., 29.06.2018, 21:05

Hallo,

ich leide seit letztem Jahr an einer somatoformen Störung u. leichten reaktiven Depression.

Alles begann nach einer langen Belastungsphasen mit Atemproblemen welche zunächst als Asthma abgetan und behandelt wurden. Aufstoßen erbrachte hierbei immer eine Erleichterung. Im Verlauf der körperlich ausgerichteten Therapie bekam ich dann einen imensen Blähbauch der bis heute besteht. Ebenso habe ich teilweise Atemprobleme und muss zusätzlich Aufstoßen. Vor allem nach den Mahlzeiten oder nach dem Sprechen.
Als Begleitsymptome habe ich gelegentliche Ohrgeräusche, Schwindel Unterbauchschmerzen und Tagesmüdigkeit.

Ich war bereits in einer Psychosomatischen Klinik wo als Ursache Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit, häufige Umzüge und Dysfunktionale Beziehungen identifiziert wurden. Diese Erklärung ist für mich schlüssig, ebenso, dass mein Krankheitsbild dem Zustand der Aerophagie nahekommt.

Ich habe beruflich in den letzten Jahren eine hohe Schlagzahl in Verbindung mit einer schlechten Wohnsituation, fehlenden sozialen Umfeld und emotional perfiden Belastenden Beziehungen (Lug und Betrug, Extreme Disbalancen die ich durch ein Mehr an Einsatz kompensieren wollte) hinter mir. Im Grundegenommen stand ich in den letzten 4 Jahren permanent und extremen emotionalen Stress den ich in mich reingefressen habe. Als Konsequenz daraus bin ich in eine andere Stadt gezogen und habe einen Neuanfang gemacht. Bin auch weiterhin in Psychotherapeutischer Behandlung und beim Logopäden. Zusätzlich bin ich hinsichtlich sozialer Kontakte und Sport deutlich aktiver geworden (habe 10kg verloren). Meine Beschwerden sind ebenfalls deutlich zurückgegangen und ich arbeite wieder Vollzeit. Allerdings schränken mich meine Beschwerden hierbei deutlich ein, da ich in einem geistig und körperlich forderndem Beruf (den ich über alles liebe) bin und Ende des Jahres auf eine entsprechende Weiterbildung muss die ich mit diesen Beschwerden nicht absolvieren kann.

Leider habe ich festgestellt, dass es bei Leidensgenossen oftmals folgende Muster gibt:
- die Suche nach dem rettenden Medikament
- die Suche nach einer organischen Erklärung
- Ständiges Kreisen um die Krankheit usw.

Ich meine das gar nicht abwertend, aber mir hilft davon nichts weiter, da mich diese Verhaltensweisen stressen und ich überzeugt bin dass die Ursache psychosomatisch ist.

Mich interessieren vor allem eure Erfahrungen mit ähnlichen Störungsbildern.
Und vor allem: Wer von euch ist beschwerdefrei? Wie kam es dazu? Was hat euch geholfen?

Meine derzeitigen Baustellen sind Altlasten aus vergangenen Beziehungen und Kindheit die mich manchmal einholen, allerdings nichtmehr so hart wie vor Monaten. Trotz erster sozialer Kontakte fühle ich mich teilweise einsam. Ich war mein Leben lang immer ziemlich fit und aktiv, das hat sich sehr verändert und das Vertrauen in den eigenen Körper fehlt mir. (Ich nehme die Dinge trotzdem in Angriff bin aber nicht gelöst und locker)
Mein Menschen- und vor allem Frauenbild ist sehr ramponiert, gleichzeitig habe ich aber das Bedürfniss nach tiefgehenden Bindung und Nähe und Geborgenheit.

Ich würde mich über Rückmeldungen freuen was euch geholfen hat und wie es euch ergangen ist. Vor allem Positivbeispiele wie "Heilung" fehlen mir derzeit noch.

(Hinweis Admin: Betreffzeile präzisiert und Thema in den dafür vorgesehenen Bereich verschoben.)

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Sinarellas
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Beitrag Sa., 30.06.2018, 06:17

Beschwerdefrei im Sinne von was und welche Krankheit und welcher Umfang? Bissl wage die frage.
..:..

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silverlining86
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Beitrag Sa., 30.06.2018, 07:10

Beschwerdefrei im Sinne von keine körperlichen Beschwerden mehr die über den Umfang gelegentlicher Missempfindungen hinausgehen.
Im Detail heißt das für mich:
kein dauerhaft geblähter Bauch, kein ständiges Druckgefühl im Oberbauch und damit verbundene Atemprobleme, kein ständiges Aufstoßen.

Gerne können wir aber auch über vollständige Genesung (Psyche+Körper) sprechen...

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Chancen
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Beitrag Sa., 30.06.2018, 10:00

Hallo Silverlining!

Ich habe ziemlich viel Erfahrung am eigenen Leib mit psychosomatischen Beschwerden.
Anfangs dachte ich, die Psyche sei direkt für die Beschwerden verantwortlich und es müsste doch gelingen, das Ganze irgendwie abzustellen, wenn man bloß draufkäme, wie das denn geht.

Mittlerweile (nach jahrelanger Literaturrecherche) sehe ich die Sache so: die Psyche empfindet Stress und gibt das unmittelbar und direkt via Muskelanspannung an den Körper weiter. Das passiert sofort. Menschen, die danach wieder entspannen können, stecken das ohne langfristige "psychosomatische Beschwerden" weg. Bleibt man aber in dieser Anspannung (Stress), oder kommt es zu häufig vor, oder kann man danach nicht mehr lockerlassen, dann beginnt ein Teufelskreis. Neben der Muskelanspannung werden nämlich gleichzeitig Stresshormone ausgeschüttet, und je länger der Stress andauert, desto größer die Auswirkungen auf das endokrine System. Es beginnt ein endokriner Stresskreislauf. Daran sind Hypophyse, Nebennieren, Schilddrüse beteiligt. Der Stoffwechsel verändert sich unter Umständen langfristig und die ständige Muskelanspannung (auch wenn der Betroffene ihrer gar nicht Gewahr ist, weil er sie für den Normalzustand hält) hält das Ganze aufrecht. Es entstehen dann "psychosomatische" Beschwerden an verschiedenen Organen oder Körperstellen.

(Extreme) Müdigkeit (weil der Stoffwechsel im Eimer ist), Magen-Darm-Beschwerden, Druckgefühle (im Bauch, auf der Brust), Herzklopfen, Aussetzer, benebeltes Denken, Mundtrockenheit, Schwitzen, Haarausfall, Akne, Schmerzen im Bewegungsapparat, Aufstoßen, Übelkeit... die Möglichkeiten sind endlos.

Das Problem ist, dass wenn man jetzt sagt, die Beschwerden sind psychosomatisch dann denken die meisten, dass man durch einfaches Umdenken oder Draufkommen, was dahintersteckt, damit aufhören kann. Aber die beteiligten Organe und der Stoffwechsel, die Muskeln... die haben sich nach jahrelangem "Training" umgestellt und eine erneute Umstellung in den Normalbetrieb muss meines Erachtens über Monate oder Jahre gehen.

Wie funktioniert das?

Kurz: über Entspannung und Lebensstil.

Mit Entspannung meine ich nicht, einfach nur Schlaf oder Fernsehen oder auf der Couch liegen, sondern "echte Entspannung", die nur über hartes Training und konsequentes Üben erreicht werden kann.

Dazu gehört eine konsequente Umstellung des Lebensstils. Schlafgewohnheiten korrigieren, Ernährungsgewohnheiten etc...

Nur so kann der Körper aus dem endokrinen Stresskreislauf ausbrechen.


Ich empfehle dir unbedingt Literatur dazu, zum Nachlesen des medizinischen bzw. physiologischen Hintergrunds und auch für Anleitungen, wie man dabei am besten vorgeht.

Aus meiner Sicht das wichtigste Werk: "Entspannung als Therapie" von Edmund Jacobson. Auch wenn die Methode deiner Wahl am Ende eine andere sein wird, ist in diesem Buch alles leicht verständlich erklärt, was man wissen muss. Die unglaubliche Bedeutung der Entspannung.

Ein echter Augenöffner.

Weiters (und eher schwierig zu lesen) sind alle Werke von Moshe Feldenkrais. Auch wenn nicht auf den ersten Blick ersichtlich, stehen sie in vollem Zusammenhang mit dem Thema.

Auch: Thomas Hanna: Beweglich sein ein Leben lang

Weiters interessant: Helga Pohl: Unerklärliche Beschwerden



Wenn du direkt gleich einsteigen möchtest ins Üben, dann empfehle ich dir Übungsstunden in der Feldenkrais-Methode (einzeln oder Gruppe) und auch Alexander-Technik.

Immer auch gut ist MBSR.

Wenn du nach Jacobson üben möchtest, dann lies unbedingt vorher sein Buch (oben).


Alles Gute!

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silverlining86
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Beitrag Sa., 30.06.2018, 14:09

Vielen Dank für deine Antwort.

Ich bin voll und ganz bei Dir, dass es nicht nur die Psyche alleine ist sondern die daraus resultierenden Stressreaktionen. Bei mir sind das vor allem Muskel(an/ver)spannungen und die Atmung. Leider erschweren mir meine Beschwerden zusätzlich eine normale Atmung.
Mit Jacobson und Co. habe ich bereits im Vorfeld Erfahrungen gesammelt und auch in der Klinik daran teilgenommen. Mir hilft Yoga sehr dabei Stress abzubauen und mich zu entspannen. Ebenso hilft mir Sport zumal ich hierdurch sozialen Umgang habe und mich in meinem Körper insgesamt wohler fühle. Ansonsten versuche ich Dinge mit sozialen Kontakten zu unternehmen, damit die Beschwerden aus dem Fokus geraten. Hierbei hilft mir meine Arbeit sehr.

Ich denke, dass Stress von außen und durch die eigenen Gedanken und deren Bewertung entsteht.
Ich beschäftige mich in meiner Psychotherapie vile damit und habe nicht nur meine Lebensbedingungen sondern auch meine Lebensweise gravierend verändert. Hierdurch hat sich einiges für mich verändert. Ich kann mich z.B. auch einfach mal hinsetzen und mir erlauben nicht produktiv sein zu müsssen.

Gerade positive Erfahrungen und Beispiele helfen mir in Bezug auf meine Ängste (z.B. davor, dass die Beschwerden nicht ganz/rechtzeitig weggehen, davor in Zukunft keine tiefgehenden sozialen Beziehungen haben zu können usw.)

Mir würden ein paar (detaillierte) Erfolgsgeschichten helfen, da ich bisher immer nur von Krankheitsgeschichten, aber nie von Genesung gelesen habe. Alles was positiv ist hilft mir zurzeit enorm.

Grüße
Silverlining

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Beitrag Sa., 30.06.2018, 15:08

In seinem Buch berichtet Jacobson davon, dass es früher, als es noch keine Asthma-Sprays gab, er als Arzt nächtelang an den Betten seiner akuten Asthma-Patienten sitzen musste, um ihnen seine Methode beizubringen, und sie so vor dem Ersticken während eines Anfalls zu retten.

Er berichtet von verkrampften Bäuchen mit Schmerzen, Verstopfung, Blähungen usw... die durch gezieltes monatelanges Training wieder gelöst werden können.

Die Kurse, in denen man heutzutage Entspannung nach Jacobson lernt, verfälschen und verkürzen seine Methode. Sie sind zwar "ganz nett", aber bieten nicht einmal im Ansatz das, was Jacobson eigentlich gemeint hat. Seine ursprüngliche Methode (die er in seinem Buch darlegt), ist viel intensiver und zielgerichteter. Dafür ist es notwendig wochen- oder monatelang, jeden Tag (!) eine Stunde konzentriert zu üben, ohne dabei einzuschlafen. Einschlafen ist zwar nett, aber beim Entspannungs-Üben so wie Jacobson es meint, kontraproduktiv.

Die Kurse, die mit dem Namen "Jacobson" angeboten werden, werden seiner Methode wirklich nicht gerecht.

Auch wenn du deine Entspannung am besten mit Yoga findest, kann ich dir nur empfehlen unbedingt sein Buch zu lesen, da seine Erkenntnisse alle notwendigen Bedingungen für Entspannung abdecken und dann auch auf andere Entspannungstechniken anwendbar sind.

Ich hatte bereits jahrelange Erfahrung mit diversen Entspannungstechniken (Yoga, MBSR, "Jacobson", Meditation), aber erst sein Werk hat mir die Augen geöffnet und den Weg zu wirklicher Einsicht bereitet, was da im Körper passiert und welche notwendigen Bedingungen es gibt, wie man diese Anspannung wieder los wird, sodass sich die Beschwerden bessern können.

Ein sehr interessanter Aspekt aus Jacobsons Erkenntnissen war für mich z.B. dass (negative) Gedanken und Bilder, die im Kopf kreisen immer mit Anspannung um die Augen (Bilder) und Anspannung um Mund, Zunge, Kiefer (Worte) einhergehen, und dass man noch sehr psychogisch versuchen kann, die Bilder und Gedanken(muster) im Kopf zu ändern, solange die Muskelpartien um Stirn und Augen und Mund und Kiefer (unbewusst) angespannt bleiben, werden diese angespannten Muskeln automatisch Bilder/Worte/Gedanken im Kopf evozieren, als wollte man etwas sagen oder sich bildlich vorstellen. Da es sich vermutlich um negative Gedanken und Bilder handelt (wenn man sich daran stört), dann halten die den Stress-Kreislauf erst recht wieder aufrecht.

Lernt man nun mit seiner Methode das WIRKLICHE Entspannen der entsprechenden Muskelpartien, hören die Gedanken und Bilder wie automatisch auf.

Solange eine Restanspannung stattfindet (die nur sehr schwer zu erspüren ist, wenn man ungeübt ist), solange gibt es de facto keine vollkommene Entspannung. (und für Jacobson bzw. für unsere Zwecke hier (=das Ausbrechen aus dem Teufelskreis und Wiedererlangen von gefühlter Gesundheit) ist nur vollkommene Entspannung richtige Entspannung ;)

Wenn man nämlich zB denkt, man würde sich beim Sport entspannen oder beim Eisessen mit Freunden oder vor dem Fernseher, dann fühlt man sich zwar entspannter (was immer gut ist!) aber eingeprägte und gar nicht mehr wahrgenommene Muskelanspannungen im Gesicht, in der Atemmuskulatur, im Bauchraum, und an anderen versteckten Orten, bleiben dennoch bestehen. Und so lange sie bestehen bleiben, so lange kann man nicht aus dem Kreislauf raus, auch wenn man sich vielleicht durcht den Sport und andere sogenannte Entspannung etwas erleichtert oder abgelenkt fühlt.

Entspannung, so wie Jacobson das mit seiner Methode gemeint hat, muss man erst lernen und das ist zeitaufwändig und mühsam. Er verwendet zB mehrere Stunden des Lernens und der Instruktion nur darauf, wie man zB die Hand korrekt entspannt.

Die Anleitung aus den Kursen "Anspannen - Entspannen" greift da viel zu kurz.

Wenn man Jacobsons Entspannung in mühsamer Kleinarbeit im Liegen allein im ruhigen Raum gelernt hat, dann kann man dazu übergehen, sie in sozialen Situationen anwenden zu lernen, damit man die Entspannung nachhaltig in sein Leben integriert.

Mit der Zeit bessern sich die Beschwerden, das Atmen wird normal und du wirst im Alltag aufhören können, Luft zu schlucken.

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Beitrag Sa., 30.06.2018, 15:13

Besonders was das freie Atmen und einen freien Brustkorb betrifft, kann ich dir parallel zu Jacoboson zu Alexander-Technik-Stunden (und/oder Feldenkrais) raten. Da lernst du dann auch aktiv auf richtig körperlicher Ebene wie Haltung und Bewegung und Atmung zusammenspielen, und wie du da Lockerung reinbringen kannst.


Du schreibst, du bist auf der Suche nach detaillierten Erfolgsgeschichten, dass dir sowas an dieser Stelle am meisten Kraft geben würde. Ich habe viele solcher Erfolgsgeschichten gefunden und gelesen (vorwiegend auf Englisch, aber gibt es auch in deutschen Teilen des Internets), die sich vor allem mit CFS beschäftigen. Das passt zwar jetzt nicht detailsgetreu auf dein Beschwerdebild, aber es steht auch im Stress- und Psychosomatikzusammenhang und entwickelt sich bei manchen Personen, die vorher schon jahrelang "psychosomatisch" waren manchmal als Konsequenz der jahrelangen Belastung. Ich bin sicher, dass das Gesundwerden da ähnlich funktioniert wie beim einfachen Psychosomatiker. Dort gibt es jedenfalls jede Menge success stories, auch auf Youtube. Einfach im Zusammenhang mit "CFS" oder "adrenal fatigue" googeln.



Alles Gute!

Chancen

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silverlining86
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Beitrag So., 01.07.2018, 11:11

Was verstehst Du denn unter einem "einfachen Psychosomatiker"?
Was für Beschwerden hattest Du und warst Du Symptomfrei?

Was ich Suche sind Beispiele von Symptomfreiheit. Meine bisherigen Ärzte sind der Auffassung, dass ich diese Symptomfreiheit erreichen werde und auf meinem bisherigen Weg sehr viel richtig gemacht habe. Insgesamt habe ich eine Reduktion der Symptome um ca. 70% erreicht.
Meine Augen sind bereits seit dem Klinikaufenthalt sehr geöffnet, der Zusammenhang zwischen Seele-Geist-Körper wird dort ja immer wieder thematisiert und erklärt. Als Akademiker und logisch-analytischer Mensch bin ich der Wissenschaft natürlich sehr zugetan weswegen ich der Psychosomatik auch sehr vertraue, da Sie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, aber trotzdem offen für nachgewiesen effiziente Verfahren wie Musiktherapie und die üblichen Verdächtigen bei den Entspannungsverfahren ist. Mein Ausgangsproblem war, dass ich Gefühle nicht zugelassen und nicht danach gehandelt habe. Bedingt durch meine Kindheit in der meín Bruder und ich schutzlos den teilweise überfallartigen Prügel-, Schüttel- und Würgeattackten unserer Erzeugerin ausgeliefert waren habe ich zudem feine Antennen und war/bin relativ schnell auf Alarm geschaltet. Dies hat sich auch auf Beruf und Beziehungen übertragen. Da wir väterlicherseits zum funktionieren und runterschlucken erzogen wurden sowie sozial entwurzelt sind war die Möglichkeit über Sorgen, Nöte und Gefühle zu sprechen schlichtweg nicht gegeben.
Mit Jacobson und Feldenkrais habe ich mich in Form von Abstracts beschäftigt, allerdings sehe ich den Unterschied zu anderen Entspannungsverfahren wie Yoga, TCM und Ostheopathie nicht welche bei mir deutlich schneller zu Ergebnissen geführt haben. Meiner Meinung nach beruht am Ende alles auf dem Dreiklang aus Seele-Geist und Körper und dreht sich am Ende um Atmung und Muskelspannung. Den Zustand totaler Entspannung kenne ich vor allem aus der Osteopathie. Dieses wohlig warme Gefühl von Frieden ohne jegliche Spannung in der Muskulatur ist für mich eine Wohltat. Diesen Zustand erreiche ich nicht beim Yoga oder Sport (das ist eher anstrengend macht aber Spaß, weil ich meinen Körper dabei wahrnehme) sondern danach. Essen mit Freunden o.ä. empfinde ich teilweise als anstrengend, aber im Nachhinein als befriedigend weil ich dadurch sozialen Umgang habe.
Zudem ist es so, dass immer die gleichen Themen Stress und eine Anspannung bestimmter Muskelgruppen und Veränderung hervorrufen. Daher arbeite ich die Themen in der Therapie auf und zweimal die Wochen an meinen Faszien.
Die Methode nach Jacobson macht mich beim üben sehr aggressiv, deswegen habe ich das für mich verworfen. Dinge zu müssen wie z.B. 1 std täglich zu üben würden mich dermaßen stressen, dass ich noch mehr Symptome bekommen würde.

Ich bin insgesamt kein Freund von "Syndrom"- Bezeichnungen da Sie aus meiner Sicht lediglich einem Zustand einen Namen geben und meiner Meinung nach bei vielen (auch bei mir) zu einer unentwegten Beschäftigung mit der Erkrankung führen. Dies gilt auch für das Bild der Aerophagie in meinem Fall. Ob ich tatsächlich Luft schlucke, wieviel Luft ich schlucke und ob dies die Erklärung für meine Beschwerden ist kann ja schlichtweg nicht nachgewiesen werden.
Das Resultat davon sich ein Syndrom o.ä. zuzuschreiben war bei mir, dass ich den "In-Wörtern" Darmsanierung, Ausschlussdiäten und wildesten Krankheitstheorien o.ä. zum Opfer gefallen bin was mehr Stress als alles andere produziert hat. Auch wilde Medikamententests und Homäopathie haben Stress bewirkt anstatt zu helfen.
Seit ich mir darum keine Gedanken mehr mache und so gut ich kann am Leben teilnehme geht es mir schon deutlich besser. Bei meiner Lebensgeschichte sind psychosomatische Beschwerden schlichtweg die logische Konsequenz.

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Beitrag So., 01.07.2018, 20:58

Mit "einfachem Psychosomatiker" meinte ich im obigen Beitrag jemanden, der vielleicht ein paar psychosomatische Symptome aufweist, ohne zB die volle CFS-Symptomatik aufzuweisen.

Ich denke, dass "Syndrome" insofern hilfreich sind, als dass sie eben eine Kategorie für einen bestimmten Symptom-Komplex darstellen. Sie erklären die Genese natürlich nicht, aber sie erleichtern mitunter das Leiden.

Wenn jemand (wie beim CFS) unter immenser Müdigkeit, Schwäche, immer wiederkehrenden Infekten, Muskelschmerzen leidet und die Ärzte keine Ursache finden, dann haben viele Patienten entweder das Gefühl zu Unrecht in die Psychoschiene geschoben zu werden, oder die Befürchtung, dass sie richtig krank sind (zB Krebs) und es bloß noch nicht entdeckt wurde.

Wenn so ein Patient aber erkennt, es gibt ein Syndrom, auf das alle meine Beschwerden passen und es gibt hunderte Fallgeschichten zum Nachlesen, dann fühlen sie sich mitunter nicht mehr so rat- und hilflos.

silverlining86 hat geschrieben: So., 01.07.2018, 11:11 Was ich Suche sind Beispiele von Symptomfreiheit. Meine bisherigen Ärzte sind der Auffassung, dass ich diese Symptomfreiheit erreichen werde und auf meinem bisherigen Weg sehr viel richtig gemacht habe. Insgesamt habe ich eine Reduktion der Symptome um ca. 70% erreicht.
Das hört sich doch gut an!

Ich denke, dass es viele Wege zur Symptomfreiheit gibt. Zumindest habe ich viele Fälle von CFS-Patienten gelesen, die wieder symptomfrei geworden sind. Auf ganz unterschiedlichen Wegen.

Wobei der Begriff "Symptomfreiheit" ja nicht klar ist.
Meint er, dass man keine Symptome wie Übelkeit/Bauchschmerzen/Herzrasen/Müdigkeit mehr hat, oder meint er, dass man zwar noch Symptome hat, aber dass sie das Leben nicht mehr beeinträchtigen?

Viele meiner Nicht-Psychosomatiker-Freunde haben Symptome (Sodbrennen, Blähungen, Kopfschmerzen). Aber sie denken nicht so viel darüber nach und fühlen sich durch ihre Symptome nicht sonderlich eingeschränkt.

Ich denke, dass ein Großteil des Problems des typischen Psychosomatikers / Neurotikers das ist, dass ihn sein Symptom so massiv belastet.

Du fragst, ob ich symptomfrei war.

Komplett symptomfrei, nein. Die Symptome haben sich massiv gebessert. Was ich schon alles hatte? Schluckstörung (konnte nichts Festes zu mir nehmen, bloß Brei), Kloßgefühl im Hals, Druck auf der Brust, Herzrasen, Herzstolpern (Aussetzer), Bauchschmerzen, Tinnitus, extreme Müdigkeit und Schlappheit, Übelkeit, Druckgefühl im Magen, Pulsieren im Auge und springender Blick, ständiges Wasserlassenmüssen, benebeltes Gefühl im Kopf, Panikattacken, Kribbeln in den Extremitäten, ständig verstopfte Nasennebenhöhlen...

Viele diese Symptome sind komplett verschwunden, andere sind die meiste Zeit verschwunden und manche tauchen manchmal wieder auf. Aber das Wichtigste für mich: ich bewerte sie anders und was mich früher paralysiert hat, bereitet mir heute keine Gedanken mehr.

Meine Lebensqualität ist dadurch massiv gestiegen.

silverlining86 hat geschrieben: So., 01.07.2018, 11:11 Mit Jacobson und Feldenkrais habe ich mich in Form von Abstracts beschäftigt, allerdings sehe ich den Unterschied zu anderen Entspannungsverfahren wie Yoga, TCM und Ostheopathie nicht welche bei mir deutlich schneller zu Ergebnissen geführt haben.
So einen richtigen Unterschied gibt es mE tatsächlich nicht, doch die Grundlagen, die Jacobson darlegt, (i.e. was Entspannung bzw ein entspannter Muskel tatsächlich bedeutet und wie man einen solchen Zustand erreicht (bzw sicher nicht erreicht), ist das, was ich so wichtig finde.
Er war Arzt und Wissenschafter und hat damals als erster mittels Technik Muskelspannung elektrisch im Muskel gemessen. Das heißt, er hat an sich selbst und hunderten Probanden getestet, wann ein Muskel tatsächlich entspannt ist (auf "0"), und hat herausgefunden, dass dieser Null-Zustand erst nach langem Üben und Hinspüren direkt in den betreffenden Muskel stattfindet, und nicht dann, wenn der Proband denkt, er sei jetzt eh entspannt, weil er mal eben lockergelassen hat.

Ich habe davor auch immer wieder mal Yoga oder Qi Gong gemacht, aber da wäre mir nie in den Sinn gekommen, auf komplette Muskelentspannung Wert zu legen. Ich hätte nicht gewusst, wie und wo ich hinspüren sollte. Und es wäre mir auch nicht bewusst geworden, wie wichtig so eine komplette Muskelentspannung ist, und was der Unterschied zu "ein bisschen Entspannung" ist.

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Beitrag So., 01.07.2018, 21:03

Ich habe mir damals oft gedacht, jetzt mache ich Qi Gong und Yoga und Feldenkrais und gehe zum Osteopathen und Akupunktur und ich schlafe viel und meditiere und alles, und habe dennoch noch immer Symptome! Ich mache eh schon soviel Entspannung, wie kann das sein?

Erst mit Jacobson habe ich es dann so richtig verstanden, was ich mit meinen ganzen Übungen verabsäumt habe.


Wenn die Übungen des Jacobson-Kurses bei dir Aggression hervorrufen, dann ist das natürlich das Falsche für dich.
Seine Grundlagen finde ich dennoch sehr sehr lesenswert, auch wenn man sich dann für Yoga oder Qi Gong entscheidet. Man spürt dann anders hin, in den eigenen Körper.

Für mich ist es einfach das wichtigeste Werk im Rahmen meiner Genesung gewesen. Ein Fundstück, ein Schatz im weiten Meer der oft sinnlosen Ratgeber und falschen Fährten.


Aber gerade bei Psychosomatik ist der Weg der Genesung wohl das Individuellste, das es gibt ;)

Ein sehr sehr gutes Buch zum Thema Individualität und Psychosomatik ist auch: "Die Geheimsprache der Krankheit" von Wolfgang Schmidbauer. Ein Plädoyer für eine individuelle Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper



Du scheinst bereits einen guten Weg für dich gefunden zu haben. Ich hoffe, dass du viele Fallgeschichten findest, die dich weiter motivieren!

Alles Gute!

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Beitrag So., 01.07.2018, 21:41

Ich denke, dass gelegentliche Missempfindungen normal sind.
Symptomfreiheit bedeutet für mich natürlich nicht, dass ich nie wieder Pupse, Aufstoße oder mal einen aufgeblähten Bauch habe. Ich denke nur, dass das gelegentlich statt dauerhaft das Ausschlaggebende ist

Dasmit dem Einordnen können durch Syndrome find ich nachvollziehbar. Ich für meinen Teil bin dann eher der Typ der alle Ratschläge umsetzt und enttäuscht ist wenn es nicht klappt bzw. das Internet durchforstet und dann die Geschichten liest wo Leute seit Jahren/Jahrzenten unter den Beschwerden leiden. Das macht mir dann mehr Angst als Mut und Ich hab stundenlang nach Erfolgsgeschichten in Bezug auf Aerophagie gesucht und nichts gefunden. Von meinem Verständnis her hat Aerophaige ja jeder, der Unterschied ist nur ob man nach ner hastigen Mahlzeit zweimal rülpst und alles okay ist oder das wie bei mir einen echten Krankheitswert mit Einschränkungen erreicht. Als Theoretiker habe ich dann stundenlang versucht die logischen Zusammenhänge zu verstehen (wobei schlucke ich Luft, warum habe ich Atemprobleme, welches Mittelchen verschafft mir in welcher Dosierung Erleichterung, was darf ich wann essen, darf ich überhaupt essen, sollte ich nicht einfach weniger sprechen, wie kann ich überhaupt ruhig atmen trotz dem Druck in der Brust und den Halsproblemen). Diese unentwegte Beschäftigung mit der Krankheit hat natürlich das Karussel noch mehr angekurbelt und mir schlussendlich auch das letzte bisschen Spaß am leben genommen. Blöd gesagt ist es so: Je weniger ich mich um den ganzen Mist kümmere umso besser wird es. Ich habe beim Austausch mit anderen Psychosomatikern auch festgestellt, dass sich manche mit Ihrer Krankheit identifizieren und sich mit Ihrem vermeintlichen "Fachwissen" brüsten. Die Gespräche kreisten nur noch darum. Das war für mich sehr abschreckend, weil ich keine Berentung anstrebe o.ä. sondern endlich wieder 100% in meinem Beruf arbeiten will (Klingt vielleicht traurig, aber mein Beruf ist meine Berufung und das Beste was ich habe).

"Die Geheimsprache der Krankheit" von Wolfgang Schmidbauer: Ich glaube das kenn ich sogar und hab da mal eine Leseprobe von gelesen. Fande ich sehr verständlich. Ich habe mir eine zeit lang auch zuviel Druck gemacht schnell wieder gesund zu werden. Mit zig Rehaterminen usw. pro Woche in der Erwartung viel hilft viel. Mein Symptomkomplex steht ja symbolisch genau für diesen Druck. Seit ich das alles eher nebenher laufen lasse geht's mir deutlich besser.
Vielleicht sträube ich mich auch so gegen Jacobson, weil mir das alle mit aller Gewalt aufzwängen wollten. Aggressionen sind ja auch ein sehr heftiges, belastendes Gefühl zumal man die in unserer Gesellschaft nicht zeigen und ausleben darf. Wenn man dann durch dieses Verfahren aggressiv wird und das durch Atemübungen kompensieren sollen, weil einen Boxsack bearbeiten oder alleine im Raum was anderes zu bearbeiten ja so böse ist vermeidet man das natürlich. Ich muss dazu sagen, dass meine Symptomatik in Zusammenhang mit (laut Therapeuten angemessenen und nachvollziehbaren) Aggressionen die ich aufgrund äußere Zwänge in mich reingefressen habe/nicht rauslassen konnte ans Tageslicht gekommen ist. Ich werde mir Jacobson als Lektüre einfach mal zu Gemüte führen.

Könntest Du hier evtl. die Links zu den Erfolgsgeschichten einstellen?

Gerade das mit der vollständigen Entspannung kann ich gut nachvollziehen. Ich bin "leider" in den Genuss von Tavor bekommen und das gleiche Gefühl habe ich nach der Ostheopathie. Ich denke das ist der Pegel 0 beim Muskel. Bin dann so entspannt, dass ich einfach nur bewegungslos liegenbleiben möchte.
Allerdings habe ich hierbei ein rationales Verständnisproblem: Ich verstehe, dass ich insgesamt die Grundanspannung verringern muss um zu genesen. Allerdings ist es ja so, dass ein Mensch in einem geregelten Alltag seine Muskulatur benutzt und dadurch Anspannung hat. Ein geregelter Alltag kann doch aber nicht kontraproduktiv sein? Wenn ich z.B. merke, dass mich meine Gedanken stressen hilft mir Bewegung am besten. Muss nur aufpassen mich dabei nicht zu überfordern, bin eine zeitlang zweimal am Tag zum Sport gegangen weil das meine einzige Möglichkeit zum Stressabbau war.

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Beitrag Mo., 02.07.2018, 10:25

silverlining86 hat geschrieben: So., 01.07.2018, 21:41 Dasmit dem Einordnen können durch Syndrome find ich nachvollziehbar. Ich für meinen Teil bin dann eher der Typ der alle Ratschläge umsetzt und enttäuscht ist wenn es nicht klappt
Das war bei mir auch so. Ich dachte, es gäbe irgendwo ein Programm, das man eins zu eins umsetzt und danach ist man geheilt. Das war dann zeitweise wirklich anstrengend und frustrierend. Ich denke, dass man gerade durch solche Erfahrungen und Fehlschläge dann zu dem findet, was für einen selbst individuell richtig ist. Das ist oft ein langer Weg ;)

Ich bin damals auch auf Foren gestoßen, in denen sich Menschen tummeln, die sich nur noch um ihre Krankheit oder ihr Syndrom drehen, und sich dadurch identfizieren. Ich bin kurzzeitig auch Gefahr gelaufen, meine ganzen Missempfindungen zB auf Hashimoto (Schilddrüse) zu reduzieren und mich schicksalhaft daran gebunden zu sehen. Dass darin aber keine Heilung liegt, ist klar ;) Hab' mich dann relativ rasch davon entfernt und heute ist die Schilddrüse bei mir überhaupt kein Thema mehr.

Solche Fälle gibt es natürlich auch bei CFS und wahrscheinlich bei jedem Syndrom und jeder Krankheit. Manche finden eben Trost im Syndrom oder in der Community rund um das Syndrom, und eine echte Heilung ist dann nebensächlich.
silverlining86 hat geschrieben: So., 01.07.2018, 21:41 Das macht mir dann mehr Angst als Mut und Ich hab stundenlang nach Erfolgsgeschichten in Bezug auf Aerophagie gesucht und nichts gefunden. Von meinem Verständnis her hat Aerophaige ja jeder, der Unterschied ist nur ob man nach ner hastigen Mahlzeit zweimal rülpst und alles okay ist oder das wie bei mir einen echten Krankheitswert mit Einschränkungen erreicht.
Das Problem mit Aerophagie ist meines Erachtens, dass sie im Vergleich zu anderen Dingen wenig bekannt ist. Viele Menschen leiden an Blähbauch, morgendlicher Übelkeit und Druck im Oberbauch. Aber dass sie Luft schlucken, das sagt ihnen niemand.

Ich habe den Hinweis auf Aerophagie zB nur in älterer Literatur aus 1910 bis 1940 gefunden, wo obige Symptome oft darauf zurückgeführt wurden.

Wenn du dich nun auf die Suche nach Erfolgsgeschichten machst, dann wirst du viele Menschen, die ohne ihres Wissens an Symptomen durch Aerophagie gelitten haben und das wieder losgeworden sind, gar nicht erst finden.


silverlining86 hat geschrieben: So., 01.07.2018, 21:41 Blöd gesagt ist es so: Je weniger ich mich um den ganzen Mist kümmere umso besser wird es.
Es gibt (vor allem ältere) Ärzte und Psychotherapeuten, die darauf schwören, dass wenn der Psychosomatiker aufhört von seinen Symptomen zu sprechen (also keinem Arzt und keinem Freund) mehr davon berichtet, dass die Symptome verschwinden.

Ich hab' das allerdings nie ausprobiert ;)

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Beitrag Mo., 02.07.2018, 10:27

silverlining86 hat geschrieben: So., 01.07.2018, 21:41 Ich verstehe, dass ich insgesamt die Grundanspannung verringern muss um zu genesen. Allerdings ist es ja so, dass ein Mensch in einem geregelten Alltag seine Muskulatur benutzt und dadurch Anspannung hat. Ein geregelter Alltag kann doch aber nicht kontraproduktiv sein?
Ganz im Gegenteil! Bewegung ist gut. Benutzung der Muskulatur ist gut. Es gibt ja genügend vollkommen gesunde Hobbysportler, Leistungssportler ohne Stress-Problematik, und die verlangen ihren Muskeln alles ab.

Das Problem ist, wenn die Muskeln im Alltag (nicht beim Sport) ohne dass es der Person bewusst ist, sich in Dauerkontraktion befinden. Das merkt man wirklich nicht. Diese Muskeln ziehen sich zusammen und werden nie wieder losgelassen, auch in der Entspannng nicht. Weil man nicht mehr weiß, wie man den Muskel loslassen soll, wenn man gar nicht wahrnimmt, dass er angespannt ist.

Thomas Hanna nennt das Phänomen "sensory-motor amnesia". Als Kind macht man zB Erfahrungen in denen man Angst, Schreck und Sorge hat. Als Reflex zieht das Kind ganz automatisch die Schultern nach vor, die Beugemuskeln der Oberschenkel und die Bauch- und Brustmuskeln zusammen. Das ist bei jedem Menschen so, der Angst hat oder Sorge. Wenn man in einem sicheren Umfeld lebt und sich wohl fühlt, dann wird man sich nach dem Schreck wieder entspannen und die Muskeln loslassen. Lebt man aber in wiederholter oder andauernder Unsicherheit, dann wird dieses Schreck-Muskel-Muster habituell. Das Kind oder die erwachsene Person, die ständigem Stress ausgesetzt ist weiß gar nicht mehr, wie sich ein Körper anfühlt, der nicht so verspannt und verkrampft ist. Es ist eine Gewohnheit geworden.

Und das ist das Gefährliche. Wenn man nicht weiß, was man tut (sich anspannt), dann kann man es auch nicht abstellen oder loswerden.
Dann kommen Symptome und Schmerzen und der Arzt sagt, sie sind verspannt und dann spürt man auch, dass man verspannt ist, aber wie man diese Verspannungen wieder nachhaltig löst, das weiß man nicht. Weil man im Grunde auch noch immer das Spannungs- und Bewegungsmuster des Stresses drin hat.

F.M. Alexander, Moshe Feldenkrais und Thomas Hanna haben sich eingehend und unglaublich intensiv damit beschäftigt. Ich kann dir, wenn dich die theoretischen/physiologischen Hintergründe interessieren, besonders das Buch von Thomas Hanna nur wärmstens ans Herz legen. Auch die Bücher von Moshe Feldenkrais, auch wenn sie sehr schwer zu lesen sind.

Thomas Hanna beschreibt auch, wie solche Spannungsmuster im Brustkorb zu Einschränkungen der Atmung führen und so langfristig den Blutdruck in die Höhe treiben können.
Löst man das Bewegungs- oder Haltungsmuster, dann normalisieren sich Atmung und Blutdruck.

Für mich hängen alle diese Sachen mit den Erkenntnissen von Jacobson zusammen. Es geht alles in dieselbe Richtung.
(Auch Yoga und MBSR) Sich seines Körpers wieder Gewahr werden.

Yoga und MBSR habe ich eher diffus erlebt und konnte es erst nach der Lektüre von Jacobson (und Feldenkrais/Hanna) für mich richtig nutzbar machen.

Eine weitere sehr wichtige Entdeckung in diesem Zusammenhang waren für mich sogenannte Triggerpunkte. Muskelverhärtungen ("Myegelosen"), die der Arzt, der Physiotherapeut erspüren kann und die verschiedene Symptome (je nachdem, an welcher Körperstelle sie sitzen - Schmerzen, Druck auf der Brust, Herzrasen, Zittern, Taubheitsgefühle, Kribbeln, Schwindel, Harndrang etc) verursachen können.
Diese Triggerpunkte kann man sich selbst relativ rasch wegmassieren und dann verschwindet auch das Symptom.
Bei mir war es zB unter anderem Schwindel, der von jetzt auf gleich verschwand, als ich den entsprechenden Triggerpunkt (die Muskelverhärtung) wegmassierte.
Bei Stress und Muskelanspannung bilden sich fast immer Triggerpunkte in Nacken/Schultern und auch im Brust- und Bauchraum, und sorgen dort für Beschwerden, die dann auch unter "psychosomatisch" laufen.
Die Lösung eines Triggerpunkts kann dann alles wieder freier machen.

Allerdings kommen diese Punkte nach einiger Zeit wieder, wenn man sein Haltungs- und Bewegungsmuster nicht ändert.
Yoga, MBSR, Jacobson, Feldenkrais, Qi Gong, Thomas Hanna - all diese Praktiken helfen dabei, es möglichst nicht dazu kommen zu lassen, dass sich so Triggerpunkte (erneut) bilden.




Falls dich aber die weitere Beschäftigung mit Muskulatur, Stress, Atmung stresst, dann würde ich dir eher empfehlen deine eigene Richtung mit Sport und Entspannung und nicht so viel Nachdenken weiterzugehen, da du dich ja bereits auf einem guten Weg befindest.

silverlining86 hat geschrieben: So., 01.07.2018, 21:41 Könntest Du hier evtl. die Links zu den Erfolgsgeschichten einstellen?
Auf dieser Seite finden sich zB Erfolgsgeschichten bei CFS, und als Beispiel gleich die Geschichte von James:

https://cfsunravelled.com/9-years-with- ... -all-odds/


Chancen