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Mo., 27.03.2017, 18:53
Zu den Übertragungen: Meine Erfahrung ist, dass das Ausmaß der Übertragung und auch vor allem die Art der Übertragung sehr unterschiedlich ist: Es gibt Übertragungen, die zwar da sind, die wir aber nicht wahrnehmen, weil sie auch nicht wichtig sind: Wir sehen jemanden, der uns an einen Lehrer von früher erinnert, und dann stellen wir uns vor, dieser jemand sei wie der Lehrer. Vielleicht, wenn es ein netter Lehrer war, sind wir dem neuen Bekannten ein bisschen freundlicher gestimmt und haben positive Erwartungen an die Bekanntschaft - aber wir würden wohl nie ernsthaft so intensiv fühlen, dass wir den Bekannten dazu drängen, sich uns gegenüber wie ein Lehrer zu verhalten.
Und je enger und bedeutsamer die Beziehung zum Anderen ist, umso größer wird der Druck, der uns dazu zwingt, den Anderen dazu zu bringen, diese Rolle anzunehmen. Und der Andere lässt sich zwingen (so viel wie nötig), weil er selbst erfahren hat, wie das funktioniert und weil er weiß, dass er damit gut umgehen kann. Die Spannung, die dabei entsteht, kann so groß sein, dass es sich ziemlich sicher eben NICHT mehr gut anfühlt, sondern dass der Patient anfängt zu leiden und es z.B. nicht erträgt, für den Therapeuten nicht genauso wichtig zu sein. Das kann doch aber, meine ich, nur dann funktionieren, wenn beide diese Spannung aushalten und wenn überhaupt ein Raum entsteht, in dem diese Spannung sich aufbauen kann. Und dieser Raum entsteht eher nicht, wenn man sich im Beisammensein verhält, wie man sich auch verhalten würde, wenn man einander an einem anderen Ort begegnete, so von wegen: "Der Patient Müller verhält sich dem Therapeuten Lehmann gleich, egal ob die beiden sich im Bus begegnen oder in der Praxis. Und dasselbe gilt für den Therapeuten" - dann hätte man die berühmte "Augenhöhe", aber keine analytische Beziehung mehr.
Damit diese Form der Beziehung überhaupt entstehen kann und beide nicht irgendwann im Gefühlschaos versinken, sind die Abstinenz und Neutralität (die häufig als Desinteresse misinterpretiert werden) nötig: Man telefoniert eben NICHT ewig, obwohl man sich sympathisch findet. Und der Therapeut erzählt eben NICHT ganz begeistert, dass er dasselbe Instrument spielt wie sein Analysand und so fort - weil all das die Spannung sofort zunichte machen würde. Und der Patient versteht das vielleicht nicht, weil er sich fragt: "Mag der mich nicht, wenn er so kurz angebunden ist? Will der mir nicht helfen, wenn er auf meine Worte gerade nicht antwortet? Lässt der mich hier einfach alleine, wo doch andere Patienten viel mehr von ihren Therapeuten bekommen?!" - hinter all diesen Interventionen, die von vielen Patienten (und noch mehr von Außenstehenden) als fragwürdig empfunden werden, steckt ja eine bestimmte Haltung. Und die ist begründet.