Prokrastination / Aufschieberitis

Alle Themen, die in keines der obigen Foren zum Thema "Psychische Leiden und Beschwerden" passen.
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Thread-EröffnerIn
Tristan
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Prokrastination / Aufschieberitis

Beitrag Mi., 16.09.2009, 16:01

Hi!

Ich bin total fertig. Grund: Ich bekomme kaum noch irgendwas geregelt. Ich mache den ganzen Tag nur irgendwelche sinnlosen Dinge, weil ich keine Lust habe die Sachen zu erledigen, die wirklich wichtig sind. Das ist zum einen in meinem Job so. Der Grund dafür ist wohl, dass mir mein Job keinen Spaß macht. Ich bin genervt von den Dingen, die ich zu tun habe. Statt meine Arbeit angemessen schnell zu erledigen surfe ich den ganzen Tag im Internet, probiere tausend Firefox-Addons aus, lese Blogs und Informationen zu irgendwelchen Themen und so weiter.

Um das irgendwann mal in den Griff zu bekommen habe ich bereits eine folgenschwere Entscheidung getroffen - ich werde demnächst aufhören zu arbeiten und gehe studieren. Das macht mir einerseits sorgen, weil ich schon 25 bin, andererseits verspreche ich mir viel davon, nämlich, dass mir das was ich jeden Tag so tue wieder Spaß macht.

Das andere ist mein Haushalt. Bei mir zu hause verkommt alles. Ich habe keine Lust mehr, aufzuräumen oder sauber zu machen. Ich gehe kaum noche Einkaufen, ich koche fast nicht mehr und ernähre mich viel zu ungesund. In meinem Schlafzimmer liegt fast mein gesamter Kleiderschrank auf dem Boden. Da ich auf der Arbeit nix geregelt bekomme komme ich meist erst total spät nach Hause, obwohl das nicht nötig wäre, und dann hab ich keine Lust mehr irgendwas zu machen. Ich kann mich einfach nicht mehr überwinden, etwas zu tun.

Meine Wohnung ist zwar ziemlich groß, aber wenn ich nur eine Stunde pro Tag aufwenden würde, in der ich irgendwas mache, würde ich das sicher gut in den Griff bekommen. Es ist nicht so, dass das schon immer so war - ich habe mir früher genaue Pläne aufgestellt, wann ich was mache, wann ich was einkaufe, wann ich was koche, und das hat auch ganz gut funktioniert, bis ich dann wieder damit aufgehört habe.

Ich fühle mich nicht mehr wohl, die ganze liegengebliebene Arbeit macht mich fertig, und ich plage mich mit dem Gedanken herum, einfach stinkfaul und chaotisch zu sein (das hat meine Mutter schon immer über mich gesagt).

Ich habe Angst dass sich das nie mehr ändern wird. Dass ich nie irgendwas schnell und gut erledigen kann. Dass mein ganzes Leben eine einzige Zeitverschwendung ist. Ich weiß nicht, wie ich das ändern kann.

Kennt jemand das Problem, oder hat vielleicht sogar jemand Tipps, was ich tun könnte?

Gruß,
Tristan

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Eve...
[nicht mehr wegzudenken]
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Beitrag Mi., 16.09.2009, 16:16

Gibst Du Dir die Antwort hier nicht schon selber?
... wenn ich nur eine Stunde pro Tag aufwenden würde, in der ich irgendwas mache, würde ich das sicher gut in den Griff bekommen. Es ist nicht so, dass das schon immer so war - ich habe mir früher genaue Pläne aufgestellt, wann ich was mache, wann ich was einkaufe, wann ich was koche, und das hat auch ganz gut funktioniert,
Wenn man nichts und niemanden hat, der einen von außen motiviert, kann man das nur für sich selbst tun. Als Student wirst Du auch Durststrecken haben ... was dann?

Gruß, Eve

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Sauterelle
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Beitrag Mi., 16.09.2009, 18:00

das kenne ich- ich hab dann irgendwann die erkenntnis gehabt, dass zum glücklich sein auch so etwas gehört bzw unbedingt nötig ist. es ist meiner meinung nach eine sache des lebensstil- wenn du faul bist, fühlst du dich mit der zeit nicht wohl- packst du die dinge an, verfliegt das schlechte gefühl und nicht nur das: es kommen gleich mehrere gute gefühle hinzu! du kannst erstens stolz auf dich sein, dass du aufgaben erledigt hast, die du sonst aufgeschoben hast und mit der zeit wirst du dich daran gewöhnen, weil du es gar nicht anders haben willst! du wirst dich in einer sauberen wohnung erstens wohl fühlen und zweitens wirst du dich mit getaner arbeit auch besser fühlen- der mensch braucht aufgaben! mit einer vernünftigen arbeit, hinter die man sich klemmt wächst auch eine gewisse leidenschaft, die sinnstiftend ist. ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass das "faulsein" aufschluss darüber gibt, wie sehr der mensch mit sich und seiner umwelt im einklang ist. probier es wirklich! und gerade mit 25 solltest du keine angst haben anzufangen zu studieren- du hast scheinbar bereits schon einen beruf erlernt (also hast du für alle fälle was in der tasche), mit dem du aber leider nicht den rest deines lebens verbringen willst- früher oder später wirst du diesen schritt sowieso also wagen- und lieber früher als später. übrigens sitzen bei mir im erstsemester ganz viele 25-30 jährige. nur musst du dir darüber im klaren sein, dass gerade das studium ein hohes maß an eigenverantwortung mit sich bringt! du wirst einen hohen lernaufwand haben, für den du ganz alleine verantwortlich bist! also solltest du das schonmal mittels aufräumen etc üben^^

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Nurse_with_wound
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Beitrag Sa., 26.09.2009, 00:39

oh den Thread muss ich mir vormerken... würd da gerne bisschen bloggen. Ich dachte schon es hat keinen Sinn den Thread aufzumachen, mangels Betrofene. da hat ein alter User der nicht mehr da ist, einen interessanten Artikel hier ins Forum gestellt (suchfunktion benutzen).
Da habe ich mich selbst gefunden: http://www.prokrastination.net/umfrage/grundlagen.php
ich kriege mein Studium nicht mehr geregelt, weil der Prof in zwei Fächer von denen alles abhängt alles so ziemlich schwierig macht. Ehat mir die Spass ander Sache völlig verdorben. Mir wird schlecht wenn ich an dieses Chaos seinen Mindfuck und seine Folterklausuren denke. Ich dachte eine ganze weile ich wäre doof und habe mich von mitstudenten abgekapselt, aber die anderen haben das selbe Problem. Der Prof wurde in den Fächern abgesetzt aber ich muss trotzdem bei ihm schreiben. Es ist einfach eklig sich mit dem zeug zu beschäftigen. Aber ich muss. Das Zeug macht echt sonst spass . nur nicht so wie er es gerne hätte.
Vielleicht sollte ich mir genaue Pläne auch erschaffen was ich zu tun habe. Ich beginne mit den anderen Fächern die nicht in sein aufgabengebiet fallen , dann arbeite ich mich langsam vor
Um mich nicht ganz abgefuckt zu fühlen, mache ich den haushalt ziemlich gut, und zum Teil bei meiner Mutter und es nimmt mir auch viel Zeit weg, aber mein Freund ist ständig am Arbeiten.
Practice what you preach

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Nurse_with_wound
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Beitrag Sa., 26.09.2009, 00:44

Sauber machen da brauchte ich aber auch immer einen Arschtritt, jetzt wohne ich mit meinem Freund und will nicht als Schlampig dastehen und ich fühle mich wohl so.
Es ist so wenn ich das Chaos nicht stört macht es auch keine Sinn aufzuräumen. Vielleicht wäre das Ziel dieses Unternehmens eine Motivation: dass du dich dann in einer Sauberen Wohnung viel besser fühlst, und höheren Lebensstandard hast.
Wenn dir alles zu viel ist, dann gönne dir eine Pause.
Practice what you preach

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Innere_Freiheit
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Beitrag Sa., 26.09.2009, 01:33

Hi,

über dieses Thema wurde auch schon hier ausführlich geschrieben.

L.G. Innere Freiheit
Das was ich ablehne, bleibt an mir kleben!

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CrazyB
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Beitrag Sa., 26.09.2009, 12:53

Willkommen in meiner Welt

Mir geht es genauso wie dir.
Bin jetzt seit 2 Jahren in Therapie und ganz langsam bessert sich die Lage.
Immerhin gibt es schon ganze Tage oder eine Woche wo ich genug Energie und Willen verspüre nicht nur rumzuhocken und viel Nichts zu machen

Ursachen gibt's dafür viele. Musst du selber rausfinden wo bei dir der Auslöser für dein Problem ist.
Bei mir warens zur einer Seite die zu verwöhnenden Eltern und die negativ beeinflussende Schule die mich runtergedrückt hat damals bis ich kaum mehr Selbstmotivation verspürt hatte.

Heute hab ich diesen Link hier entdeckt und überlege mir das Thema genauer anzusehen (ADS)
http://www.erwachsene-ads.de
Vielleicht hilft dir das auch irgendwie.
lg
Bei manchen Themen würd' ich mich lieber weniger gut auskennen.
Hätte definitiv Sinnvolleres mit der Zeit anfangen können!
"Misery is almost always the result of thinking" (Joseph Joubert)

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Waldmaus
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Beitrag Di., 08.03.2011, 13:34

Ich würde gerne wissen wem es ähnlich geht. Ich leide an Aufschieberitis

Es beeinflusst mein Leben sehr stark. Ich schiebe selbst kleine Entscheidungen ( Autofahren, Telefongespräche) tagelang vor mich hin und fühle mich jedes mal wie gelähmt. Ich falle regelrecht in eine Art Starre in der ich nicht mehr Denken und Handeln kann. Hinterher ärgere ich mich meistens über mich selbst das ich es nicht gebacken bekomme.

Ich versuche mich schon länger ( 1/5 Jahre) erfolglos auf einen Beruf zu bewerben und jedes mal wenn ich die Stellenausschreibungen vor mir habe, sagt mir mein Kopf "mach es doch morgen". Ich werde langsam echt...verrückt....

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Phönixia
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Beitrag Di., 08.03.2011, 18:08

Hallo Waldmaus,

oja ich kann davon ein Lied singen. Aufschieberitis ist auch mein Problem.
Hast du das erst seit 1,5 Jahren. Mich begleitet es schon das ganze Leben.
Ich muss ständig dagegen ankämpfen, wobei ich zur Zeit sagen muss, dass ich sowohl psychisch als auch physisch krank bin. Also, ich bin mit meinen Kräften schon beeinträchtigt.
Thema Bewerbung und Job habe ich auch gerade. Wobei ich mich durchaus beworben habe und morgen habe ich zwei Vorstellungsgespräche. Ich war heute bis jetzt beschäftigt und habe leider nicht die Kraft mehr, mich noch mal auf die Gespräche vorzubereiten. Habe aber heute doch mehr als sonst geschafft.
Beim Aufschieben habe ich immer Fluchttendenzen mich mit etwas abzulenken (dieses Forum z.B )
Wenn ich hier seeeehr oft reinschreibe, schiebe ich wahrscheinlich gerade etwas Unangenehmes vor mir her.

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Eve
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Beitrag Di., 08.03.2011, 19:30

Hallo!
Also ich kenne das mit der Aufschieberei auch sehr gut.
Betrifft bei mir größtenteils Entscheidungen und Unterlagen.
Hab da so einen Haufen an Sachen die darauf warten, abgeheftet zu werden!
Der liegt nun schon seit 4 Jahren da.
War zwischendurch mal größer, dann wieder etwas kleiner.
Kein Ahnung ob ich es jemals schaffe den ganz wegzuarbeiten.
Ich finde aufschieben blockiert soviele Energien
I`m not an option - I'm your therapist ...
Paul- In Treatment

Eine schöne Frage ist ein Seelenkuss.
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CrazyB
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Beitrag Mo., 21.03.2011, 12:33

Eve hat geschrieben: Ich finde aufschieben blockiert soviele Energien
Stimmt voll und ganz.
Also ich nehme jetzt seit einem Jahr neben der Therapie leichte Antidepressiva, die meine Angst bzw Megazweifel und die Sinnlosigkeitsgefühle reduzieren (also halt die schlimmsten davon).

Mit den klareren Gedanken habe ich für mich etwas entdeckt:
Um von der Aufschieberitis los zu kommen muss man
a)Unsicherheiten, Zweifel und Grübeln mal reduzieren, die mit der Aufgabe oder den dahinter stehenden Problemen zu tun haben.
b) unbedingt so lange an der Sinnhaftigkeit (also den ganz persönlichen Vorteilen kurz oder langfristig) einer Tätigkeit arbeiten bis man davon überzeugt ist: "Hey ich mach das jetzt weil ICH und nur ich das möchte und es MIR was Gutes bringt."
Gute Sachen können sein: Mehr Zeit für Dinge die Spaß machen, besseres Gefühl etwas erledigt zu haben, frei sein von unangenehmen Druck oder Ärger mit anderen Menschen, ..
c) Eine Möglichkeit suchen die lästige Aufgabe vielleicht doch interessant und spannend zu machen.
Z.B. mal eine Bewerbung mit Malstiften Farben und Zeichnungen zu machen damit man sich mit dem Inhalt gerne beschäftigt. Danach halt schnell sauber abschreiben und wegschicken

Im Moment funktioniert das bei mir grad ganz gut.
Vera Birkenbiehl ist da auch ein guter Tip sich was anzuhören wie sie so an Dinge herangeht (youtube suchen)

Wie gesagt: ist grad mein Weg und funzt bei schlechtem Wetter oder Müdigkeit noch nicht so gut aber es geht aufwärts
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Eve
Helferlein
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Beitrag So., 12.06.2011, 17:45

Ich habe in der letzten Zeit viel Energie gehabt um lange unerledigt Dinge anzugehen.
Jetzt ist von einer Sache nur noch ganz wenig übrig, ich bin also fast fertig.
Und das lässt mich jetzt wieder stocken.
Habe ich so große Angst davor, dass dieses Aufgeschobene dann nicht mehr hintergründig meine Gedanken belastet?
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Prod
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Beitrag Do., 14.07.2011, 09:07

Hi.

Habe mich hier gerade erst angemeldet im Forum. Leider kenn ich mich in diesem Themenbereich nicht so gut aus, aber ich hoffe grob doch den richten Teil des Forums für diesen Beitrag erwischt zu haben.

Es geht mir um das Thema Prokrastination. Ich schätze dass die Aufschieberei für fast alle Probleme die ich habe verantwortlich ist. Na ja, und damit ja wiederum ich selbst. Und irgendwie ist das doch belastend. Man hat dauernd im Hinterkopf noch Sachen die eigentlich schon erledigt sein müßten, und gleichzeitig die Sorge was das noch für Folgen haben wird, wenn man sich nicht bald an die Arbeit macht.

Ob so etwas therapiewürdig ist weiß ich nicht. Man könnte sich ja einfach hinsetzen, ne Liste machen, nach Priorität ordnen und jeden Tag einen Punkt angehen. Was soll da nen Therapeut noch groß zu sagen?

Aber ich wollte mal rumfragen ob es da so eine Art Selbsthilfegruppe gib, in NRW. Oder irgendetwas anderes in der Art, wo man sich mit Leuten austauschen kann, ohne Vorwürfe zu hören warum man dies und das noch nicht gemacht hat. Oder ob jemand ein aktivies Forum oder irgendwas andere zu dem Thema kennt.

Na ja, danke fürs lesen, vielleicht hat ja wer ne Idee.

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Leonardo
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Beitrag Do., 14.07.2011, 10:15

Hallo Eve,
wenn du etwas fertig hast, kommt meist danach etwas neues. Und davor könntest du z.B. unterbewusst Angst haben. Nach der Diplomarbeit kommt der Job und damit eine Menge neuer Unsicherheiten...

Hallo Prod,
die Gründung der Selbsthilfegruppe ist wohl immer wieder aufgeschoben worden...

Schau dir mal folgende Seiten an:
http://www.bychan.de/procrastination/

Dort gibt es auch ein Forum, was leider ziemlich tot ist. Trotzdem gibt es dort sicher interessante Erfahrungsberichte und Tipps zu lesen.

Wenn das ganze dir Leidensdruck macht, dann ist das m.E. auch therapiewürdig. Dummerweise wirst du kaum einen Therapeuten finden, der auch nur den Begriff Procrastination kennt. Die würden das wohl eher als eine Art Depression behandeln und die Schnittmenge ist in der Tat nicht gering.

Liebe Grüße
Leo

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Füchsin
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Beitrag Do., 14.07.2011, 13:57

Ich kämpfe mit demselben Problem, auch wenn es bei mir nicht so weitreichend ist, sondern hauptsächlich mein Studium betrifft. Ich muss "nur noch" meine Abschlussarbeit schreiben, habe aber eine Heidenangst davor, und deswegen schiebe ich das vor mir her, von Semester zu Semester. Zum Glück habe ich eine Arbeit, so dass ich nicht in der Luft hänge.

Meine Theorie dazu:
Ich schätze, wir neigen besonders da zur Prokratination, wo man uns von vornherein in unserem Leben unter Druck gesetzt hat. Ich habe von zuhause aus einen ungeheuren Leistungsdruck gehabt, und irgendwann schlich sich der Gedanke ein, dass ich es sowieso nie gut genug machen kann, egal, wie ich es anstelle. Man wurde von meinen Eltern nur nach Leistung bewertet, nach Erfolg, nach Äußerlichkeiten. Nur dafür gab es Anerkennung, aber Liebe schon mal gar nicht. Im Raum steht immer dieses "Eigentlich sollte ich...!", und wenn man nur dann als in Ordnung gilt, wenn man die Maßstäbe der Bezugspersonen erfüllt, geht meiner Meinung nach irgendwann die Seele in eine Verweigerungshaltung. Mir geht es so, dass das Stichwort "Leistung" schon fast wie ein rotes Tuch für mich ist. Ich möchte einfach nur mein Auskommen und einen zufriedenen Alltag haben. Und ich könnte mir denken, dass es Dir in Sachen Ordnung vielleicht genau so geht. Dass Du immerzu die Erwartungen der anderen spürst und siehst (wofür ja auch spricht, dass Du Dir die Vorwürfe von Chaos und Faulheit zu eigen gemacht hast, die Deine Mutter an Dich gerichtet hat), und gleichzeitig weißt, dass Du die Erwartungen weder erfüllen kannst noch willst.

Ich glaube, so etwas wie Faulheit gibt es gar nicht wirklich. Niemand ist faul, wenn er eine Tätigkeit hat, die ihm Freude macht, und auch mit den unangenehmen Dingen arrangiert man sich doch, so lange nicht im Hintergrund eine Instanz lauert, die einem sagt, man solle es gefälligst perfekt machen. An diesem hohen Anspruch muss man scheitern. Und deswegen versucht man es gar nicht erst.

Was hilft ist, unterscheiden zu lernen, was im eigenen Kopf die eigenen und was Ansprüche und Erwartungen anderer sind, die man von früher übernommen hat. Das kann dann auch dazu führen, dass man besser die eigenen Wünsche und Erwartungen an sich selbst erkennen lernt. Geht mir zum Beispiel so mit der Ordnung. Inzwischen kann ich ganz gut Ordnung halten und fühle mich wohl. Das ging aber nur, weil ich die gigantisch hohen Maßstäbe meiner Mutter über Bord geworfen habe, die mich immer noch fremdgesteuert haben, und auch mal nachsichtig fünfe gerade sein lassen kann. So orientiere ich mich an meinem eigenen Wohlfühl-Level und muss auch nicht mehr in die totale Oppostition gehen gegen den hohen Maßstab meiner Mutter (die leidvoll seufzend ganze Tage mit Putzen verbrachte und hysterische Anfälle bekam, wenn wir als Kinder mal mit dreckigen Schuhen reinkamen...). Ich denke nämlich auch, dass es sowas wie eine innere kindliche Trotzhaltung geben kann gegen diese verinnerlichten Maßstäbe, in dem Sinne: Ich mach' noch lange nicht, was Du willst! Bin gerade dabei, diese Haltung in Sachen Leistung bei mir selbst zu verstehen und zu überwinden.

Ich hoffe, meine Gedanken dazu waren hilfreich.

Die Füchsin