Dissoziation: Normalität vs. Störung

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candle.
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Dissoziation: Normalität vs. Störung

Beitrag Di., 19.02.2013, 19:17

Liebe User!
Dies ist jetzt ein GemeinschaftSthread von Dampfnudel und mir, weil uns das Thema schon per PM beschäftigt hat, aber wir nun keine Erklärung finden können. Vielleicht kann von euch ja noch jemand etwas beistEuern.

Die Frage ist was eine Dissoziation bedeutet im Gengensatz zu einer dissoziativen Störung, die ich im alten Kontext als Multiple Persönlichkeit verstanden habe.

Ich dissoziiere einerseits wohl, andererseits macht das eigentlich so ziemlich jeder Mensch unbewußt. Wo ist es also krank?

Dampfnudel gibt ihren inneren Anteilen z. B. Namen, stuft sich aber nicht als „multi“ ein z. B., was ich jetzt auch mal überdacht habe, ob es nicht doch etwas Gesundes ist auf diesem Weg auszusprechen was man sich so nicht wagen würde. Ich hatte das mal eine Weile als Gedichte abgearbeitet.

Ich lasse das jetzt mal so stehen, Dampfnudel und ich freuen uns über Feedback!

Lieben Gruß!
candle
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Dampfnudel
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Beitrag Di., 19.02.2013, 19:26

Liebe candle,

danke, dass Du den Thread eröffnet hast!

Mich beschäftigt das Thema auch gerade in der Therapie; ich gerate öfters in "komische" Zustände, die ich nicht wirklich beschreiben kann, weil ich keine Worte dafür kenne und gehe davon aus, dass das schon irgendwas aus dem dissoziativen Spektrum ist. Meine Thera formuliert üblicherweise sehr sorgfältig da drumherum, hat heute aber erstmals auch von dissoziativen Zuständen gesprochen und meinte, wir könnten mal herausfinden, ob es sowas ist. Sie war aber sehr vorsichtig mit dieser Annahme.

Am Wochenende sprach ich mit jemandem, der meinte, dass viele in Situationen, die großen Stress für sie bedeuten, ein bisschen dissoziieren. Ich habe den Eindruck, dass nicht beide das gleiche gemeint haben(insbesondere, weil die eine so zögerlich und vorsichtig den Verdacht äußerte und die andere das als so selbstverständlich darstellte), kann es aber auch nicht richtig einordnen.

Dampfnudel
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Jenny Doe
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 04:05

Hi ihr beiden
Die Frage ist was eine Dissoziation bedeutet im Gengensatz zu einer dissoziativen Störung
Dissoziation ist nur ein Teilaspekt, die pathologisch sein kann, aber nicht muss. Eine dissoziativen Störung hingegen ist eine Störung, die mehrere Symptome umfasst, unter anderem, die Dissoziation.
Ich erläutere das mal an einem anderen Beispiel: Jemand verspürt in einer bestimmten Situation Angst. Angst kann eine normale gesunde Reaktion sein, z.B. wenn man vor einem Löwen steht oder irrational, also unbegründet sein. Von einer Angststörung würde man sprechen, wenn die Angst irrational ist und zusätzlich zum Angsterleben noch andere Symptome hinzukommen, wie z.B. Vermeidungsverhalten, Leidendruck usw.
Bei der Dissoziation ist das ähnlich. Wenn man meditiert, dann kann man ganz bewusst einen dissoziativen Zustand herbeiführen und erreichen. Das ist aber dann noch keine Störung. Jeder Mensch dissoziert irgendwann mal, ohne dass das pathologisch ist. Zu einer Störung wird es erst, wenn noch mehrere Kriterien erfüllt sind, wie z.B. die Dissoziation nicht steuern zu können, Leidendruck usw.
die ich im alten Kontext als Multiple Persönlichkeit verstanden habe.
Die Multiple Persönlichkeitsstörung (besser gesagt: Dissoziative Identitätsstörung) ist eine dissozitative Störungen unter mehreren dissozitative Störungen. Zu den dissoziativen Störungen gehören z.B. Dissoziative Amnesie, Dissoziative Fugue, Dissoziativer Stupor, Trance- und Besessenheitszustände, Dissoziative Bewegungsstörungen, Dissoziative Krampfanfälle, Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen, Konversionsstörungen, Ganser-Syndrom, Multiple Persönlichkeitsstörung, ....
All diesen Störungen gemeinsam ist, dass die betreffenen (pathologisch) dissoziieren. Zusätzlich zur Dissoziation treten noch andere Symptome auf. Je nachdem, mit welchen anderen Symptomen die Dissoziation "gekoppelt" wird, spricht man entweder von einer Multiple Persönlichkeitsstörung, einer Dissoziative Amnesie usw. Hat z.B. jemand das Problem, sein Bein nicht mehr bewegen zu können, weil es dissoziiert und das Bein nicht mehr wahrnehmen kann, dann liegt eine Dissoziative Bewegungsstörungen vor. Hat jemand das Problem, dass seine Erinnerungen auf verschiedene Persönlichkeiten fragmentiert sind, dann spricht man von einer Dissoziativen Identitätsstörung usw.
Dissoziative Störungen haben einerseits Symptome gemeinsam (z.B. pathologische Dissoziation), andererseits unterscheiden sie sich und zwar durch ihre unterschiedliche Symptomkombination.
Am Wochenende sprach ich mit jemandem, der meinte, dass viele in Situationen, die großen Stress für sie bedeuten, ein bisschen dissoziieren.
Solange die Person das kontrollieren kann, und sich nur "wegbeamt" um mal abzuschalten, ist das okay.
Bei anderen Menschen hingegen (wie bei mir) ist das nicht normal. Wenn die Dissoziation einsetzt, sobald man Stress hat, wenn man die Dissoziation als nicht steuern kann, d.h. nicht bewusst beginnen und beenden kann, dann geht die Dissoziation in Richtung Dissoziative Störung. Von einer Störung spricht man immer dann, wenn etwas in einem normalen Prozess an irgendeiner Stelle gestört ist.
Wir müssen das Leben loslassen, das wir geplant haben, damit wie das Leben leben können, das uns erwartet (Joseph Campbell). Manche Leute glauben, Durchhalten macht uns stark. Doch manchmal stärkt uns gerade das Loslassen (Hermann Hesse).

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Sinarellas
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 07:28

"Die Frage ist was eine Dissoziation bedeutet im Gengensatz zu einer dissoziativen Störung, die ich im alten Kontext als Multiple Persönlichkeit verstanden habe."
Wie auch immer mand as gleichsetzen kann :>

Dissoziation erleben alle Menschen jeden tag und ständig, völlig normal. Beispiele sind das wie ein Robotoer zur Arbeit fahren und am Ende nicht genau wissen wie man eigentlich angekommen ist. Könnte da viele Beispiele bringen. Bewusst dissoziieren können eigentlich nicht viele Menschen, das geschieht bei fast allen ganz unterbewusst und automatisch.
Dissoziation ist genau das nämlich nicht mehr: Kontrolle über den eigenen Körper, das eigene Empfinden etc.

Du bringst bissl was durcheinander, willst du jetzt über Dissoziation reden oder über Multiplizität?
Ein multipler Mensch muß nicht unbedingt Namen für seine Alters/Anteile haben, ein Mensch mit einer DSNNS/ESD der nicht multiple ist kann seinen States/Teilen sehr wohl auch Namen geben. Also da gibts nix wies zu sein hat. Multiple sein heißt ja nicht, dass ich meine drölf Anteile mit drölf Namen versehe und die mit lustigen Eigenschaften nach aussen kommen lassen kann.. Es ist viel komplizierter.
Aber bleiben wir mal beim Kernthema: Wo ist es also krank?

Krank ist etwas dann (egal ob pathologisch oder nicht) wenn ein verhalten/irgendwas im Alltag einen stark beeinträchtigt und man es nicht willentlich abschaffen kann.
Dissoziation ist nicht krank sondern ein sehr gesundes Verhalten auf eine kranke Umwelt, das Problem ist, wenn der Kopf gelernt hat, dass er aus extremen Situationen mit Dissoziation rauskommen kann um sich zu schützen, dann kann das auch in nicht notwendigen Situationen passieren und sich quasi chronifizieren. Dann wirds eben doch kran, die einst gesunde Struktur... Man muß dem Kopf quasi erst wieder beibringen: Nur weil ich jetzt Mandelgeruch in der Nase habe muß ich nicht dissoziieren! Nur weil ich Streß im Job hab muß ich mich nicht mit Dissos ausblenden. Sowas eben.

Dissoziative Störungen ist ja nicht das typische "Dissoziation" und das eben gestört, sondern beinhaltet ja einiges, Deperso. DIS Dis. Fugue dis. Amn. und DSNNS (ich spreche hier vom DSM-IV)
Persönlich finde ich die Depersonalisation als am unangenehmsten...direkt wiederlich vom Gefühl her...

mh so ganz klar ist mir der Thread noch nicht, annst du deine Frage nochmal präzisieren?
Zuletzt geändert von Sinarellas am Mi., 20.02.2013, 07:30, insgesamt 1-mal geändert.
..:..

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Emily_Erdbeer
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 07:29

Hallo in die Runde,
ich dachte ich schreibe mal etwas zu meinen Erfahrungen mit Dissoziationen.
Dissoziation ist ja erst einmal das Gegenteil von Assoziation. Soweit so gut. Es bedeutet zunächst also, das
irgendetwas vom System ( Körper/Gehirn) getrennt wird. Es ist ein Schutz, der dem Individum sehr zu gute kommt
Es gibt die sogenannten Alltagsdissoziationen die wir alle kennen. Wir schauen einen Film, völlig focussiert und nehmen unser
Umfeld nicht mehr wahr wir versinken in Tagträume, alles ganz normale/gesunde Formen einer Dissoziation, quasi getrennt von unserer Umgebung, dem aktuellem Geschehn.
Dann gibt es schwere Unfälle jeder kennt das vielleicht hat es schon mal geshen/ gehört/ selbsterfahren...Jemand bricht sich ein Bein und rennt trotzdem noch viele Meter weiter, es ist ein Schochzustand, das Bein ist dissoziert.
Alles ganz gesund Prozesse. Prozesse die für Erholung/ Focussierung sorgen, oder Prozesse die vor Schmerzen schützen.
Dann gibt es nebst dieser andere Formen, wie z.B. die Depersonalisation. Sie kann zb auftreten, wenn man massiv attackiert wierd, das Individuum verlässt den Körper aus Schutz, da die Erfahrung/ Schmerz etc es wahrscheinlich töten würden.
Oder genaus bei sehr starken Ängsten, da sagt unser Gehirn auch oft "mach mal ohne mich" das reptiliengehirn agiert, der Cortext schläf.
Wird ein Individuum über längere Zeit immer und immer solchen Faktoren ausgesetzt, so lernt das Gehirn und chronifiziert diesen einst gesunden Prozess. Das führt dazu, dass das Individum schon bei kleinsten Anzeichen von Stress in diesen Zustand, obgleich dieser Sizuationsunangemessen erscheint, versetzt wird. Das kann sehr irritierend und verstörend sein, ist aber im Grunde nichts schlimmes oder gar krankes.
Das Hirn ist schlicht und ergreifend konditioniert worden und reagiert hypersensibel.
Das Gehirn muss in der Terapie neu lernen, dass nicht jeder Stress eine solche Reaktion zur Folge haben muss. Das läuft dann darauf hinaus, dass man sich sorgsam alle "Trigger" anschauen muss, diese gilt es dann zu desensibilisieren/ extingieren.
Dissoziert werden kann quasi alles, Körperteile/ Bewusstsein/ Sehen/ Hören/ Schmecken/Riechen/ Der Bewegungsapperat und ja sogar das Bewusstsein kann sich spalten, und es kommt zur dissoziativen Identitätsstörung, das ist mit "Frozen in Time" vergleichbar. Da braucht dann die Amygdala einen Tritt in den Hintern denn dieser holde Mandelkern speichert ab, gibt aber keine Info an den Rest der Hirnkollegen und schon gar nicht an den Hippothalmus, der ja das Tor zum Bewusstsein ist und schwups hat man den Salat.

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Dampfnudel
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 11:05

Jenny, Sinarellas, Emily, vielen Dank für Eure Antworten! Ich bin froh, dass Ihr Eure Erfahrungen beisteuert und frage gleich mal weiter:

Was mich im Augenblick besonders beschäftigt, ist, wenn ich in einer Situation, die objektiv nicht bedrohlich ist (ich sitze zum Beispiel mit Menschen, die ich kenne und mag, in einem gemütlichen Raum in einer Supervisionsgruppe, und die Supervisandin - nicht ich, sondern jemand anders aus der Gruppe - schildert die Situation, über die sie gern sprechen würde),
  • plötzlich das Gefühl habe, mein Körper fließe auseinander oder bekomme die Form eines Michelin-Männchens
  • es mir so vorkommt, nicht mehr richtig dabei zu sein (ein ganz eigenartiges Gefühl, ich sehe und höre alles und habe doch den Eindruck, abgetrennt zu sein und nicht mehr richtig auf meinem Platz zu sitzen, und ich hab dabei ein ganz eigenartiges Körpergefühl, für das ich leider keine Worte kenne), ich allenfalls mit Mühe und deutlichen taktilen Reizen dagegen ankämpfen kann und manchmal auch nur mithilfe von Schmerzreizen wieder in die Runde "zurückrutschen" kann
  • ich im nachfolgenden Supervisionsgespräch merke, dass die anderen über Teile der dargestellten Situation sprechen, an die ich keine Erinnerung habe, obwohl ich ja versucht habe, zuzuhören, weil jeder aus der Runde seine Einschätzung zu dem Thema beisteuern sollte
Gehört sowas nun zu den normalen Alltagsdissoziationen oder nicht? Und warum ist meine Thera mit dem Begriff "dissoziative Zustände" so vorsichtig, betont, dass sie das nur mal in den Raum stellen will, ohne es gleich festzuklopfen, fragt mich mehrfach, wie es mir geht, darüber zu sprechen usw. wenn das eigentlich doch alles so normal ist?
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carö
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 11:30

liebe danu,

ich weiss auch nicht, was normal ist.
ich kenne solche zustände auch, früher war das mehr, inzwischen eigentlich kaum noch. ich fand das definitiv belastend, zB in besonderen - dass heisst in für mich persönlich relevanten - stresssituationen regelrecht zu vergessen, zB wie ich von einem raum in den anderen gekommen bin.. oder dass ich ganze gesprächespassagen vergessen habe ... zack, weg.. das ist zum glück fast nur in therapeutischen situationen passiert. und immer ging es um etwas sehr, sehr angstbesetztes. früher hat mich das sehr irritiert. wenn das jetzt mal passiert / bzw. passiert ist, dann habe ich versucht zu erkennen, woran es gelegen hat.. also welches thema... welcher auslöser. inzwischen sind es nicht mehr so black-box-situationen, dh ich verstehe dann durchaus, wenn das mal passiert, warum eigentlich. insofern macht es mir nicht mehr so viel angst. und es tritt bei mir ohnehin eigentlich kaum mehr auf. zum glück.

zu der frage, warum deine thera das so vorsichtig äußert... nur eine vermutung, weil ich weiss, wie es MIR mit sowas geht... ich kann sowas ganz schwer hören. sobald ein pathologischer ausdruck fällt, schlagen bei mir die ängste zu, dass es ganz schlimm um mich stehen könnte... muss mich sehr vorsichtig mir sowas beschäftigen.
vielleicht will sie bei dir auch ganz vorsichtig erstmal sehen, wie es dir denn überhaupt mit so einer vermutung gehen würde... und es ist ja auch immer nur erstmal mal eine hypothese...
ich hab mir angewöhnt, deutlich zu sagen, wenn ich mich schlecht fühle mit derartigen vermutungen, wenn sie mir mehr angst machen als vielleicht nötig...

ich glaube auch, dass das dissoziieren, sofern es mehr ist als im üblichen ausmass, auch eine persönliche form des umgangs geworden sein kann mit belastenden situationen. zumindest ist das mein eindruck - das hat emily ja auch so beschrieben... denn ich habe seit kindheit eine nicht aufzulösende dissoziative amnesie und im laufe der therapie habe ich immer mehr verstanden, dass das dissoziieren meine persönliche umgangsweise geworden ist ... vielleicht weil der "trampelpfad" sozusagen bereits in der kindheit angelegt ist und dieses "hilfsmittel" sich eingeschliffen hat. aber es kann ja auf jeden fall besser werden...

lg
carö
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Jenny Doe
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 13:02

Hi Dampfnudel
Gehört sowas nun zu den normalen Alltagsdissoziationen oder nicht?
Ist schwer zu sagen. Die Fragen wären: Wann Dissoziiert man (Situation)? "Dissoziiert man nur in einer bestimmten Situation? Warum "dissoziiert" man? (Gibt es einen Auslöser? Wird man angetriggert durch etwas und an etwas erinnert? Beamt man sich einfach weg aus anderen "normalen" Gründen?) Kann man die "Dissoziation" stoppen, sprich, da selber wieder rauskommen. Wo ist man während des "dissoziativen Zustanden? (Schweift man nur gedanklich ab?) usw.

Ich kenne das, was du schreibst, auch so.
Bei mir ist (war? Ist schon lange nicht mehr aufgetreten) es eine Mischung aus "normal" und "nicht normal".

Das, was du beschreibst kenne ich z.B. aus Gruppensituationen und bekam von Therapeuten die Rückmeldung, ich würde dissoziieren. Ich sehe das nicht so. Ich beamte mich weg, wenn ich gelangweilt war, keine Lust hatte, mir die Geschichten anderer anzuhören, meine Konzentration nicht lange aufrecht halten konnte usw. Somit würde ich für mich nicht sagen, dass ich ein Dissoziationsproblem habe, sondern eher ein Konzentrationsproblem sowie ein Problem damit, dass mich Dinge, die ich kenne und die ich schon mal gehört habe, nerven und langweilen. Es tritt bei mir ein Gefühl der Langweile und Unterforderung ein mit dem Wunsch, mal was anderes, mal was Neues zu hören. Kann ich aus der Situation nicht raus (wie z.B. in einer Gruppentherapie), dann drifte ich ab, höre nicht mehr zu und kann mich schlussfolgernd auch nicht erinnern, was erzählt wurde. Logisch, wenn man nicht zuhört oder nur versucht zuzuhören, aber nicht wirklich beim Thema ist.
Die Unterscheidung zwischen Dissozitaion, normal, gedankliches Abschweifen usw. finde ich auch nicht einfach.
Die Frage wäre meine Erfahrung nach, wann "dissoziiert" man und warum, ob wirklich Dissoziation das Problem ist oder ob der Dissoziation was anderes (z.B. eine anderes Problem wie Konzentrationsstörung) zugrundeliegt usw.

"Nicht normal" ist (war) bei mir die Flucht aus Stresssituationen in die Dissoziation. Diese "Dissoziation" unterscheidet sich für mich dadurch, dass ich das Gefühl von Unwirklichkeit verspüre, so als würde ich alles nur träumen, so als würde ich neben mir stehen, mich von außen sehen, ... Es entsteht ein Gefühl der innere Leere, ich fühle mich dann wie eine leere Hülle, ohne Gedanken, ohne Gefühle, irgendwie völlig leer. Aus solchen Zuständen komme ich selber nur schlecht wieder raus. Es fordert von mir bewusste Anstrengung. Solche Zustände treten bei mir bei andauerndem Stress und Überforderung auf.
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Dampfnudel
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 13:17

Danke Euch beiden!
carö hat geschrieben: zu der frage, warum deine thera das so vorsichtig äußert... nur eine vermutung, weil ich weiss, wie es MIR mit sowas geht... ich kann sowas ganz schwer hören. sobald ein pathologischer ausdruck fällt, schlagen bei mir die ängste zu, dass es ganz schlimm um mich stehen könnte... muss mich sehr vorsichtig mir sowas beschäftigen.
vielleicht will sie bei dir auch ganz vorsichtig erstmal sehen, wie es dir denn überhaupt mit so einer vermutung gehen würde... und es ist ja auch immer nur erstmal mal eine hypothese...
Stimmt, carö, das könnte natürlich sein. Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Aber so wird es wahrscheinlich sein. Ich hab damit eigentlich nicht so große Probleme. Dachte ich jedenfalls. Ich bin in erster Linie erleichtert, wenn Dinge einen Namen bekommen und damit für mich (be-)greifbarer werden. Obwohl ich bei der Frage meiner Thera überrascht festgestellt habe, dass ich es auch ein kleines bisschen erschreckend fand, warum, weiß ich aber gar nicht.

---

Jenny, Du würdest also,vereinfacht ausgedrückt, als Unterscheidungskritierium die Freiwilligkeit der Dissoziation nehmen?
Jenny Doe hat geschrieben: Diese "Dissoziation" unterscheidet sich für mich dadurch, dass ich das Gefühl von Unwirklichkeit verspüre, so als würde ich alles nur träumen, so als würde ich neben mir stehen, mich von außen sehen, ... Es entsteht ein Gefühl der innere Leere, ich fühle mich dann wie eine leere Hülle,
Das ist eine gute Beschreibung, sowas meinte ich mit dem, was ich so schlecht in Worte fassen kann!
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Jenny Doe
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 13:35

Jenny, Du würdest also,vereinfacht ausgedrückt, als Unterscheidungskritierium die Freiwilligkeit der Dissoziation nehmen?
Hmm, ... muss ich mal drüber nachdenken.

Wenn ich mit den Gedanken abschweife, dann mache ich das ja auch nicht wirklich freiwillig. Ich bemühe mich schon, dennoch zuzuhören, obwohl es mich nervt, obwohl ich keine Lust habe, aber es gelingt mir nicht wirklich.
Ich vergleiche das mit einer Vorlesung an der Uni, die trocken und öde ist, einfach zum Einschlafen. Ich versuchte dennoch zuzuhören, wanderte aber stets mit den Gedanken irgendwo hin ab.
Somit wäre Freiwilligkeit ein Merkmal, aber kein ausreichendes Merkmal.
Wichtiger wäre für mich der Leidensdruck. Wenn ich aus langweiligem Zuhören flüchten kann, dann leide ich ja nicht. Anders ist es, wenn ich das Gefühl habe, nur eine leblose leere Hülle zu sein und das Gefühl habe, da nicht mehr rauszukommen, dann verspürre ich Leidensdruck. In diesem Fall hätte ich gerne die Kontrolle zurück, bekomme sie aber nicht mehr zurück. Es die Kombination aus Unfreiwilligkeit, Kontrolllosigkeit und Leidensdruck, die für mich die Unterscheidung ausmacht.
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 15:48

Das kann ich gut nachvollziehen, und das ist auch das, was ich gemeint habe. Ich hab die Freiwilligkeit einfach weiter gefasst. Wenn ich mit den Gedanken abschweife, bin ich ja schon eigentlich noch in der Lage, sie zu steuern. Dieser Kontrollverlust dagegen und die Tatsache, dass sich das seltsame Gefühl nicht abstellen lässt, erzeugt dann ja auch Leidensdruck. Wobei mir jetzt auch gerade auffällt, dass die Folgerung, dass aus Unkontrollierbarkeit Leidensdruck entsteht, nicht so verallgemeinerbar ist.
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Jenny Doe
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 15:56

Wobei mir jetzt auch gerade auffällt, dass die Folgerung, dass aus Unkontrollierbarkeit Leidensdruck entsteht, nicht so verallgemeinerbar ist.
Da hast du absolut Recht. Hatte auch erst überlegt, das auch noch zu schreiben.

Ich empfinde die Dissoziation nicht immer nur ausschließlich als Leid. Wenn ich enorm unter Stress stehe (psychischen Stress meine ich mit Stress) und dieser Stress an sich bei mir einen enormen Leidendruck erzeugt, dann ist dieses Gefühl "weggebeamt" zu sein oft gar nicht so übel.
Ich erinnere mich gut an Therapiestunden, in denen mich meine Thera "zurückholen" wollte und ich sagte, "möchte ich nicht, ist ganz angenehm so, ich möchte diese belastenden Gefühle gar nicht fühlen". Da war die Dissoziation das kleinere Übel.
Dennoch ist sie in diesem Fall eine Störung, da sie ein Fluchtverhalten und Vermeidungsverhalten darstellt. "Normal" wäre, wenn ich in der Lage wäre, mit psychischem Stress umzugehen, wenn ich die Dissoziation nicht bräuchte.
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 16:08

Und konntet Ihr dann trotzdem irgendwie weitermachen in der Therapie? Ich hab dann meistens das Gefühl, dass mein Kopf gar nicht mehr richtig mitarbeiten und denken kann.
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carö
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 16:30

bei mir ging weiterarbeiten dann ganz gut, wenn ich nicht dagegen angekämpft habe. der zustand ging dann auch wieder weg. dazu hat mich mein thera auch immer wieder angehalten... den zustand eben nicht wegzudrücken. wenn ich mich aber versucht habe, mit gewalt (ging eh nicht) da wieder rauszurütteln, dann wurde es eher ne krampfig-doofe stunde mit blockierung und allem was dazu gehört.
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Beitrag Mi., 20.02.2013, 17:31

Und konntet Ihr dann trotzdem irgendwie weitermachen in der Therapie?
Ich finde, meine Thera hat es klasse gemacht. Ich hatte z.B. mal das Problem, nicht mehr sprechen zu können und meinen Arm nicht mehr bewegen zu können. Sie hat mir dann z.B. ein Blatt Papier gegeben, auf dem ich einfach meine Gefühle malen konnte, in Farben ausgedrückt. Das ging erst nicht, weil ich den Arm nicht bewegen konnte. Sie hat dann meine Hand genommen und sie geführt. Nur kurz, dann war ich wieder voll da und habe alleine weitergemalt.
Und wenn ich ihr sagte, dass ich nicht mitbekommen habe, was sie gerade gesagt hat, hat sie alles noch mal wiederholt.
Wir haben uns dann natürlich die Situation angeguckt, die zur Dissozition geführt hat und zusammen überlegt, wie ich zukünftig mit den Gefühlen, die die Dissoziation auslösen, umgehen kann. Ich habe seit dieser Therapiestunde nie wieder so einen "Ausfall" gehabt.
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