Iatrophobie / Arztangst

Fragen und Erfahrungsaustausch zu Phobien, Zwängen, Panikattacken und verwandten Beschwerden.
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Zuiop
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Iatrophobie / Arztangst

Beitrag Mi., 30.07.2014, 22:30

Ich bin Anfang 40, w, komme aus D, bin alleinstehend, studierte Theologin, Pfarrerin. Ich habe einen Beruf der mich fordert, manchmal unter, oft über und der einen Großteil meines Lebens dominiert. Ich mache ihn dennoch gerne. Ich habe eine enge Beziehung zu meiner Familie, aber keine wirklich engen Freunde und leider auch schon seit Jahren keine Beziehung mehr. Ich bin Pfarrerin in kleinen Nestern, weit weg von Städten, da gibt es einfach nicht viele Menschen, die meine Interessen teilen oder Gesprächspartner auf ähnlichem Niveau sein könnten. Ich bin intellektuell nicht total abgehoben, selbst Arbeiterkind, aber manchmal wünsche ich mir doch etwas andere Gespräche als über Schlagzeilen der BILD.
D.h. ich lebe eher isoliert, teilweise selbst gewählt, da man in meinem Job auch manchmal Distanz braucht, sonst wird das zu belastend.

Deshalb bin ich aber gar nicht hier.

Seit 2002 habe ich keinen Hausarzt mehr, in diesem Jahrtausend war ich noch nicht beim Gyn und seit 2004 auch nicht mehr beim Zahnarzt. Und das obwohl ich chronische Erkrankungen habe, die eigentlich behandelt werden müssten. Mit Tricks schaffte ich es, mir die dazu nötigen Medis bis 2010 zu "erschleichen", seither sind meine Quellen versiegt.

Seit 2007 bin ich mir darüber klar, dass mein Arztvermeidungsverhalten nicht mit "ich bin halt hart im Nehmen","ich bin ja gerade erst umgezogen" oder mit "ich muss erst einmal 'nen Guten finden, das ist ja nicht so einfach" abgetan werden kann.

Ich bekam damals berufliche Probleme, weil ich bei der Notfallseelsorge trödelte - ich hätte ja den Notarzt noch treffen können -, weil ich keine Besuche mehr im Krankenhaus machte - da wimmelts ja von Ärzten -, weil ich bei einem Ausflug mit meinen Konfirmanden in der Stadt Zickzack lief und nicht mehr an Arztpraxen vorbei konnte. Auch fern sehen war eine Zeitlang nicht möglich, weil Arztserien oder Dr.Best-Werbung mich in Panik versetzte.
Ich wurde infolge der Auffälligketen zur dienstlichen Supervision verpflichtet.
Da wurde das Thema Arztangst zwar von mir umschifft, aber zumindest das Thema Angst behandelt. Mit Hilfe der Supervisorin habe ich es geschafft immerhin dienstlich wieder zu funktionieren. D.h. wenn ich mental den Talar trage, dann kann ich fast alles wieder.
Bin ich privat/zivil unterwegs, dann teilweise nicht, nur Fernsehschauen (sogar Arztserien) ist wieder möglich. Ich kann jedoch privat keine Besuche im Krankenhaus machen, bin weiterhin in Apotheken schweißgebadet, Arztbesuche sind immer noch gänzlich unmöglich.

Ich würde mir wünschen, hier Erfahrungen zu lesen von Leuten, die ihre Arztangst besiegt haben bzw. von Leuten, die vielleicht ähnliche Verhaltenszüge im Bereich der Therapie kennen (dazu später mehr), wie sie einen Therapeuten gefunden haben (bei mir auf dem Land, wo ich ja auch noch alle kenne und die mich kennen und wo's sowieso viel zu wenige gibt, ein echtes Problem bei meinen Ansprüchen) und wie sie ihren Zähnefletschenden inneren Schweinehund an die Kette gelegt haben.

LG
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stern
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Beitrag Do., 31.07.2014, 21:04

So krass ist das bei mir nicht (hat sich jedoch auch gebessert)... und auch die Inhalte meiner Angst sind vermutlich etwas anders gelagert. Was ich mich/dich frage:
Da wurde das Thema Arztangst zwar von mir umschifft, aber zumindest das Thema Angst behandelt.
Warum hast du das Thema umschifft?

Kannst du sagen, vor was genau du Angst hast? (Für meinen Teil kann ich das etwas benennen... und das kann evtl. auch etwas helfen, wenn der "Gegner" sozusagen greifbar ist. Ein Arzt an sich... oder weiteres?).

Wäre es vielleicht möglich, zu einem Psychotherapeuten zu gehen. Vielleicht vorzugsweise zu einem, der Psychologe ist und nicht Arzt ? Spezifische Ängste gelten normal als einigermaßen gut behandelbar (z.B. Verhaltenstherapie).

Gibt es vielleicht eine Ursprung, den du ausmachen kannst... also z.B. irgendeine schlechte Erfahrung, die du damit unmittelbar in Erfahrungen bringen kannst? Wenn ja, wäre das vielleicht auch irgendwie zu bearbeiten.

Du schreibst "weit weg von Städten"... was es vielleicht dann etwas schwerer macht: Aber z.B. insbes. was Zahnärzte angeht, gibt es ja auch welche, die gerne Angstpatienten nehmen (so selten ist das ja nicht). Das halte zumindest ich für das A und O: Es muss jetzt nicht uuunbedingt ein Arzt sein, der darauf spezialisiert ist... aber wenn ein Arzt dafür sensibilisiert ist, ist das ungemein von Vorteil (das half mir, meine z.B. Zahnarztängste so in Bahnen zu lenken). Leider gibt es halt auch Ärzte, die mit Ängsten nicht umgehen können... bzw. für die das nicht nachvollziehbar ist. Leider ist "meine" Zahnärztin mittlerweile umgezogen... mein neuer Zahnarzt (sollte er es denn bleiben) wiederholte letztens bestimmte Reizworte mehrmals . Ich dachte mir nur, na bravo... und merkte, wie mir zunehmend anders wurde. Dass ich Angst habe, äußerte ich mehrmals... aber auf den Körper kann er offensichtlich besser eingehen als auf meine Ängste.

Mir persönlich hat sehr viel geholfen, dass meine ehem. Zahnärztin rücksichtsvoll mit mir umgegangen ist. So wurde das dann zunehmend besser. Quasi Konfrontation (zu einer Zeit in der ich noch nicht in PT gewesen bin). Vermeidung macht Ängste eher schlimmer. Ist halt schwer, pauschale Ideen einzustreuen... denn ich habe mir in Bezug auf meine konkrete Ängste mit der Zeit so manches zurecht gelegt. Z.B.: Vorher Ängste ansprechen hilft mir. Bei Bohrgeräuschen eine Geschichte dazu ausdenken, usw. Nur wenn ganz andere Ängste angesprochen sind, nutzt das evtl. nichts so viel.
Zuletzt geändert von stern am Do., 31.07.2014, 21:17, insgesamt 3-mal geändert.
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Themis
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Beitrag Do., 31.07.2014, 21:07

Schämst du dich, weil du quasi eine "Institution", öffentlich bist?
Zuletzt geändert von Themis am Do., 31.07.2014, 21:53, insgesamt 1-mal geändert.
Ich bin nicht meine Geschichte

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Zuiop
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Beitrag Do., 31.07.2014, 21:30

Themis hat geschrieben:Schämst du dich, weil dich du quasi eine "Institution", öffentlich bist?
Und auch zu Sterns Beitrag davor:

Scham ist sicher eine Komponente.Ich wäre halt gerne perfekt und ohne Makel und krank zu sein, ist für mich ein Makel. Wenn ich krank bin hab ich einen Fehler gemacht, dann hab ich gezeigt, dass ich schwach und dämlich bin. Dass ich es hab so weit kommen lassen, das ist meine Schuld. Ich hätte doch wissen können, was ich tun muss, um nicht krank zu werden. Und wenn ich das alleine nicht hinbekomme, auf die Hilfe eines Arztes angewiesen bin, dann sieht ja jeder, dass ich inkompetent bin und nichts tauge, nicht nur hier, sondern bei allem was ich mache...

Das ist in etwa die Gedankenspirale, die da bei mir abgeht. Natürlich weiß ich, dass man nicht immer was selbst dafür kann, wenn man krank ist. Aber ich würde das selbst noch behaupten, wenn mich mutwillig jemand übern Haufen fährt, dass ich schuld an meiner Misere bin. Denn ich kann es eher ertragen, mich schuldig zu fühlen, als dass ich meine Autonomie abgebe, als dass ich zugebe, dass ich manchmal Dinge nicht unter Kontrolle habe.

Kontrolle, Autonomie, Macht und Ohnmacht, das ist glaube ich das Problem dahinter.

Deshalb hätte ich auch nie die dienstliche Supervision genutzt, um meine Angst zu thematisieren. Da hätte ich ja zugegeben, dass ich da Hilfe brauche und mich ohnmächtig fühle. Ich konnte Angst nur in den Bereichen zugeben, in denen ich ganz offensichtlich ohne Macht dastehe, z.B. was Tod und Sterben von anderen Menschen angeht oder eben den Umgang mit der Krankheit anderer.

Aber hier geht es um mich. Ich will mich unter Kontrolle haben, muss mich unter Kontrolle haben.

Ich habe inzwischen dreimal versucht, das Problem mittels Psychotherapie anzugehen, ohne Erfolg. So brach ich die begonnene KVT nach der zweiten Sitzung ab, weil ich mich im Vorfeld natürlich intensiv mit KVT beschäftigte (ich bin selbst humanistisch und systemisch ausgebildet) und zum Schluss kam, ich kann die Philosophie dahinter nicht akzeptieren, das ist mir zu manipulativ, ich fühle mich durch die KVT als Ganze nicht respektiert und ernstgenommen. Ähnlich erging es mir bei einem Gestalttherapeuten, das war mir zu schwammig und zu Lala, und bei einem tiefenpsychologischen Therapeuten war ich irgendwie gerade auf Krawall gebürstet, der löste bei mir Aggressionen aus.
Meine Lehrberatungen nutzte ich nicht für mein Problem, weil wohl meine Einstellung ist "das kann jedem anderen nützlich sein, aber nicht mir".

Ich weiß selbst nicht, warum ich so drauf bin. In meiner ganzen Laienhaftigkeit hab ich auch schon auf eine passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung getippt. Da ich bei Therapeuten und Ärzten einfach immer eine Grenzüberschreitung befürchte, Grenzüberschreitungen, die ich von meiner Mutter (Krankenschwester) in meiner Kindheit immer wieder erfahren habe.

Auf der einen Seite habe ich jedesmal das Gefühl, dass man meine Ängste bagatellisiert, dass man mich belächelt und das "lustig" findet, dass das jemanden wie mich erwischt.
Ich empfinde es als kränkend, wenn man meine eigenen Kompetenzen als Ressource nennt, wenn man mir, der ich doch sowieso schon das Leid all meiner Schäfchen im Herzen mit mir rumtrage (ich überspitze) und verkannte Märtyrerin bin - zu Verstehen gibt: "Du weißt selbst, welche Mittel und Wege es gibt, Ängste los zu werden. Du weißt, du kannst und musst sie selbst finden."
Und das wenn ich EINMAL, EIN EINZIGES MAL in meinem Leben meine, die Hilfe eines anderen Menschen zu brauchen. Wenn ich einmal Schwäche zeige. Das ist fies, das ist gemein, womit hab ich das verdient? Was erlauben die sich?

Auf der anderen Seite kann ich es aber auch nicht ertragen, wenn ich Hilfe angeboten bekomme oder man mir ohne zu fragen hilft oder man mir auch nur sagt, dass es sinnvoll wäre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das empfinde ich als Bevormundung. Wie kommen die dazu und überhaupt, sind die überhaupt kompetent, machen die das richtig, läuft das, wie es laufen soll? Ich suche krampfhaft nach Fehlern und Beweisen der Inkompetenz beim Helfenden/Therapeut/Arzt. "Solche Dilletanten lasse ICH nicht an mich ran. Das muss schon eine Kapazität sein, aber denen ist ja auch nicht zu trauen, denn die haben bestimmt irgendwelche manipulativen Tricks auf Lager."
D.h. egal wie er's macht und was er macht, ein Psychotherapeut hat schlechte Karte. Eine Psychologin käme gar nicht in Frage, denn stutenbissig bin ich auch.

Ich hatte übrigens noch nie was Schlimmes oder habe üble Erfahrungen gemacht und bin auch kein Oralphobiker. Zum Zahnarzt gehe ich nicht, weil der evtl. sagen könnte, dass ich wegen meiner Mandeln oder diverser Merkmale an der Zunge mal zum Arzt gehen sollte. Und weil ich mich in der intimen Situation vor der Sprechstundenhilfe schämen würde (ich stehe einfach nicht auf Dreier ).
Zuletzt geändert von Zuiop am Do., 31.07.2014, 21:49, insgesamt 1-mal geändert.
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Widow
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Beitrag Do., 31.07.2014, 21:46

Liebe Zuiop,

wenn ich an Dir vorbei schreibe, dann täte es mir leid, Deine Lesezeit und Aufmerksamkeit in Anspruch genommen zu haben.

Was Du über Dich in Deinem ersten posting mitgeteilt hast, hat mir einen großen, schweren Schrecken eingejagt (das ist nicht Deine Schuld und gar nicht schlimm - es ist ja meine emotionale Reaktion auf Dich, nicht auf mich selbst; und glaub mir, da sie auf Dich erfolgte, kann ich damit gut umgehen).

Deine massiv ausgeprägte Arzt-Angst lese ich als Todes-Angst: Ein jeder Arzt-Besuch konfrontiert einen - so oder so - mit der eigenen hinfälligen, todgeweihten Leiblichkeit (erst recht im Falle von chronischen Krankheiten wie bei Dir).

Und ich stelle es mir entsetzlich vor, ausgerechnet als Pfarrerin von einer solchen Angst vor dem Tod gequält zu werden.
Das widerspricht Deinem ganzen Glauben, all dem, was Du während Deines Studiums und des Vikariats gelernt hast und was nun von Dir qua Beruf/Amt erwartet wird.


Eine Auseinandersetzung mit dem Unvermeidlichen, mit Sterben und Tod, könnte Deine Angst in erträgliche (und vor allem nicht mehr ggf. krankmachende) Dimensionen bringen. Dazu mag eine Psychotherapie hilfreich sein (allerdings nur dann, wenn der Therapeut selbst seine eigene Todesangst durch und durch kennt; ich glaube, von denen gibt es nicht viele, und würde sie, wenn überhaupt, dann eher auf seiten der Psychoanalytiker vermuten). Vielleicht aber auch die zeitweilige Anwesenheit in einem Hospiz (die für Dich anfangs gewiss Horror pur bedeuten würde), die Begegnung mit Sterbenden - aber nicht in Deiner beruflichen Rolle.

Nun lese ich Dein zweites posting - und glaube nicht, dass sich Dein Problem in dem der Kontrolle erschöpft.
Das ist auch eins meiner Probleme, an das "mein" Analytiker immer noch nicht herangekommen ist, weil ich ihm darüber nicht die Kontrolle überlassen mag (nach nun 3 Jahren Analyse) - meins liegt, glaub ich, nicht in meiner Todesangst (die habe ich auch, aber in ganz anderer Weise als Du), doch ich weiß, dass mein eigentliches Problem nicht darin besteht, dass ich die Kontrolle nicht abgeben kann.
- Auch damit, mit diesem Kontrollproblem (das, wie gesagt, aus meiner Sicht ein Oberflächenproblem ist) kann man eine Therapie zu absolvieren versuchen. (Da möchte ich Dir Mut machen.)


Ich bin immer noch bei Deinem ersten posting - welch ein grauenvoller Spagat (so erscheint mir das jedenfalls) zwischen Angst und Amt, Tod als Nichts und Tod als Leben.

Einen Gruß in dem Wissen, dass es möglich sein kann, völlig an Dir vorbei geschrieben zu haben,
Widow

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Zuiop
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Beitrag Do., 31.07.2014, 22:01

Nein, Widows, ich habe keine Todesangst. Ich war schon bei so vielen Sterbenden dabei, im Rahmen der klinischen Seelsorge im Krankenhaus, im Hospizdienst aber auch im Rahmen von Notfallseelsorge/Krisenintervention und glaube durchaus an das, was ich vertrete, so dass ich vorm Tod keine Angst habe.
Vorm Sterben habe ich zumindest Respekt, weil das nicht in jedem Fall schön zugeht, sondern für manchen übel ist (seit dem Palliativgesetz von 2006 ist es etwas "erträglicher") aber im Tod liegt für mich Friede und Erfüllung.
Ich bin jetzt auch nicht so drauf, dass ich mir den herbeisehne, aber selbst wenn er morgen käme, wäre ich bereit. Natürlich möchte ich auch hier noch ein paar Sachen erleben, aber wenn nicht, dann ist es auch nicht schlimm, denn da wartet was ganz anderes und Besseres auf mich.

Es mag seltsam klingen, aber gerade Sterbebegleitung und Beerdigungen sind die Dinge, die ich in meinem Beruf sehr gerne mache. Einfach auch, weil ich merke, hier kann ich was Besonderes geben, was andere nicht geben können, hier hat mein Beruf seinen Sinn.
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Beitrag Do., 31.07.2014, 22:19

Liebe Zuiop,

weißt Du, ich heiße hier Widow, weil ich Witwe bin, weil mein Mann mit knapp 47 Jahren krepiert ist - angeblich an Krebs.

Wir hatten keine "SterbebegleiterInnen". Und das war das einzige, das in diesen 15 Monaten gut gewesen ist.


Deine Arzt-Angst, die solche pathologischen Ausmaße hat, dass Du Dich selbst damit massiv schädigst, soll Deiner Ansicht nach nichts mit Todesangst zu tun haben?
Und Du findest, dass Du ganz besonders gut als Sterbebegleiterin funktionierst in Deinem Job?

- Aha. Da horche ich auf, doppelt ob beider Sätze von Dir. Und denk' mir meinen Teil (denke z.B. an "Abspaltung", "Rationalisierung", und wie die Fachbegriffe sonst noch heißen mögen).

Aber da Du mein offenes Ohr abwehrst (Edit: Und natürlich bin ich keine "Seelsorgerin" ...) - alles Gute auf Deinem Weg in den Tod, den wir glücklicherweise alle gehen!

Widow
Zuletzt geändert von Widow am Do., 31.07.2014, 22:39, insgesamt 1-mal geändert.

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stern
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Beitrag Do., 31.07.2014, 22:35

Zuiop hat geschrieben:Da ich bei Therapeuten und Ärzten einfach immer eine Grenzüberschreitung befürchte, Grenzüberschreitungen, die ich von meiner Mutter (Krankenschwester) in meiner Kindheit immer wieder erfahren habe.
Vielleicht weht daher mancher Wind? Also das manches Stimme deiner Mutter sein könnte, die aus dir spricht? Das lässt sich von außen natürlich nicht ersehen... aber weil du schreibst, sie ist Krankenschwester:
Ich wäre halt gerne perfekt und ohne Makel und krank zu sein, ist für mich ein Makel. Wenn ich krank bin hab ich einen Fehler gemacht, dann hab ich gezeigt, dass ich schwach und dämlich bin. Dass ich es hab so weit kommen lassen, das ist meine Schuld. Ich hätte doch wissen können, was ich tun muss, um nicht krank zu werden. Und wenn ich das alleine nicht hinbekomme, auf die Hilfe eines Arztes angewiesen bin, dann sieht ja jeder, dass ich inkompetent bin und nichts tauge, nicht nur hier, sondern bei allem was ich mache...
Also dass sie einen hohen Anspruch an sich hatte und glaubte, Fehler zu machen, wenn du krank warst... und infolgedessen wurdest du abgewertet. Und den Anspruch stellst du dir nun selbst, dass du ohne Arzt zurechtkommen musst, um nicht inkompetent zu sein. Wie gesagt: Frei fantasiert... aber vielleicht gibt es irgendwelche Verknüpfungen.

Und vielleicht ist das ja auch etwas durch deinen Beruf bedingt: Als Helfer, der sich nicht selbst helfen kann, fühlt man sich vielleicht umso inkompetenter (was bei Licht betrachtet natürlich Quatsch ist... auch ein Arzt kann sich nicht selbst operieren).
Denn ich kann es eher ertragen, mich schuldig zu fühlen, als dass ich meine Autonomie abgebe, als dass ich zugebe, dass ich manchmal Dinge nicht unter Kontrolle habe.
Ja... ist im Grunde auch so: Was außerhalb der eigenen Autonomie liegt, lässt sich nicht (gut) beeinflussen. Etwas, das man mit ursächlich mit eigener Schuld verbindet (die nicht notwendigerweise eigene Schuld ist!) kann man evtl. beeinflussen. Stichwort: Magisches Denken.
Aber hier geht es um mich. Ich will mich unter Kontrolle haben, muss mich unter Kontrolle haben.
Was wäre, wenn du die Kontrolle verlierst? Dann hat der Arzt quasi Macht über dich? Anscheinend gibt es hier ja auch eine connection zu deiner Mutter. (siehe oben).. sowas könnte man tiefenpsychologisch ansehen, nicht foren-küchentischpsychologisch.
und bei einem tiefenpsychologischen Therapeuten war ich irgendwie gerade auf Krawall gebürstet, der löste bei mir Aggressionen aus.
Vielleicht lag das ja auch etwas am Therapeuten... und es würde sich bei einem anderen vielleicht gar nicht so entfalten.
Ich weiß selbst nicht, warum ich so drauf bin. In meiner ganzen Laienhaftigkeit hab ich auch schon auf eine passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung getippt.
Ah nee, muss doch nicht gleich eine Persönlichkeitsstörung sein. Auch das ist nur eine Idee: Vielleicht um dir den Psychologen von der Pelle zu halten.
Auf der einen Seite habe ich jedesmal das Gefühl, dass man meine Ängste bagatellisiert, dass man mich belächelt und das "lustig" findet, dass das jemanden wie mich erwischt.
Wie findest du deine eigenen Ängste? Das geht ja auch in Richtung "wenn ich krank bin, bin ich dämlich und imkompetent"... also vielleicht enspricht das eher deiner eigenen Bewertung. Allerdings ist es schon so, dass nicht jeder Arzt Ängste ernst nimmt...
Ich empfinde es als kränkend, wenn man meine eigenen Kompetenzen als Ressource nennt, wenn man mir, der ich doch sowieso schon das Leid all meiner Schäfchen im Herzen mit mir rumtrage (ich überspitze) und verkannte Märtyrerin bin - zu Verstehen gibt: "Du weißt selbst, welche Mittel und Wege es gibt, Ängste los zu werden.

Wie gesagt: Der Arzt kann sich auch nicht selbst operieren. In jedem Fal scheinst du recht hohe Ansprüche an dich zu stellen und manche Ambivalenzen in dir zu tragen wie:
- ich muss mir selbst helfen können, sonst bin ich inkompetent
- wenn mich aber jemand auf meine Kompetenzen hinweist, so ist das kränkend. Denn ich hätte auch mal Hilfe verdient (ich helfe ja auch anderen)
- wenn mir jemand Hilfe anbietet, so ist das bevormundend... und überhaupt: Der Helfer ist doch eh imkompetent.
Also insofern gibt es ja auch anscheinend keine gute Lösung für dich, weder Hilfe annehmen noch nicht annehmen.
D.h. egal wie er's macht und was er macht, ein Psychotherapeut hat schlechte Karte.
Ja, so kann man das formulieren Nur der gute Psychotherapeut lässt sich nicht in die Ecke drängen... sondern versucht einen Weg aus diesen Zwickmühlen zu eröffnen.

Würdest du es realistischerweise alleine schaffen, anstehende Behandlungen anzugehen? Was glaubst du?
Eine Psychologin käme gar nicht in Frage, denn stutenbissig bin ich auch.
Muss sie aushalten. Also das wäre das geringere Problem, kein Gegenargument.
Zuletzt geändert von stern am Do., 31.07.2014, 23:18, insgesamt 1-mal geändert.
Liebe Grüsse
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Zuiop
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Beitrag Do., 31.07.2014, 22:55

@ Widow ich wehre dein offenes Ohr nicht ab, aber du liegst bei deiner Annahme einfach daneben.

Mir ist bewusst, dass ich mit meinem Verhalten meine Gesundheit riskiere und, wenn es so weiter geht, evtl. meinen Tod beschleunige. Aber ich vermeide Ärzte nicht, weil ich sie mit Vergänglichkeit gleichsetze, weil ich Angst vorm Tod habe, eine schlimme Diagnose befürchte oder mir Krankheiten einbilde, die ich nicht habe. Ich habe an sich auch keine Angst vor Untersuchungen und Behandlungen, - vor OPs oder Schmerzen natürlich, ich bin ja kein Masochist. Autonomie, Kontrollverlust, Intimität, Scham, das sind meine Themen.

Ich fürchte hier projezierst jetzt du was.
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Widow
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Beitrag Do., 31.07.2014, 23:02

Zuiop hat geschrieben: Autonomie, Kontrollverlust, Intimität, Scham, das sind meine Themen.

Ich fürchte hier projezierst jetzt du was.
Vielleicht.

Doch was sind "Autonomie, Kontrollverlust, Intimität, Scham" anderes als "Themen", die den Kern von Leben&Tod betreffen?
Scham? Fürchtet man dann nicht zu vergehen?
Intimität? Ängstigt einen daran nicht die Überschreitung der eigenen oder auch einer fremden Grenze - und mithin die Auslöschung?
Kontrollverlust? Will man nicht die Kontrolle behalten, um lebendig zu bleiben, nicht ausradiert zu werden?
Autonomie? Will man nicht unbedingt bei sich bleiben, um nicht von anderen begraben zu werden?

Aber wie gesagt: Guten Weg!
Widow

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Zuiop
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Beitrag Do., 31.07.2014, 23:16

stern hat geschrieben:Also insofern gibt es ja auch anscheinend keine gute Lösung für dich, weder Hilfe annehmen noch nicht annehmen.
D.h. egal wie er's macht und was er macht, ein Psychotherapeut hat schlechte Karte.
Ja, so kann man das formulieren Nur ich denke, der gute Psychotherapeut lässt sich nicht in die Ecke drängen... sondern versucht einen Weg aus diesen Zwickmühlen zu eröffnen.

Würdest du es realistischerweise alleine schaffen, anstehende Behandlungen anzugehen? Was glaubst du?
Ich WILL das alleine schaffen. Ich will da auch nicht die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch nehmen, auf keinen Fall und ich will natürlich auch nicht die Hilfe eines Arztes in Anspruch nehmen müssen.

Ich bin selbst groß. Ich kann das alleine, muss das alleine können. Es kann doch nicht sein, dass eine 42-jährige da noch jemanden braucht der sie an die Hand nimmt und dass es überhaupt jemanden gibt, der es WAGT zu behaupten, dass es besser wäre, mich an die Hand zu nehmen.

Deshalb auch meine Vermutung in Richtung passiv-aggressiv. Störung ist vielleicht zu viel, aber von allen Persönlichkeitstypen, die man so in sich vereint, dürfte das neben ängstlich-vermeidend der am stärksten ausgebildete Anteil sein.

Wenn ich mich so mit nem Blick von außen betrachte, sehe ich mich als intellektuell sehr viel weiter entwickelte, motorisch aber irgendwie hinterherhinkende Zweijährige, die die Hilfestellung ihrer Mutter beim Fleischschneiden hektisch abwehrt. Alleine. Zuiop alleine will...Wäähääää....
stern hat geschrieben:
Eine Psychologin käme gar nicht in Frage, denn stutenbissig bin ich auch.
Muss sie aushalten. Also das wäre das geringere Problem, kein Gegenargument.
Ja, aber ICH halte das nicht aus!
Ich habe definitiv ein Problem mit dienstleistenden Frauen. Ich finde mich schon bei meiner Frisörin unzulänglich und minderwertig und hasse mich selbst wegen meiner frizzeligen, nie zu bändigenden Haareund sie dafür, dass sie sich mit mir Mühe gibt. Da ist die eigene Eitelkeit aber ne gewisse Triebfeder, sich zu überwinden, sonst hätte ich wahrscheinlich auch eine Frisörphobie.

Zahnarzt wurde für mich problematisch, als mein damaliger Zahnarzt eine permanente Stuhlassistenz einführte und die PZR nicht mehr selbst ausführte, sondern an eine Fachkraft delegierte. Vorher war ich mit ihm alleine und genoss das zugegeben sogar etwas.
So Zahnarzthelferinnen sind meistens sch...hübsch, mit denen kann ich nicht konkurrieren, also muss ich sie hassen, weil ich das aber nicht darf, weil das ist ja auch irgendwie unmoralisch und falsch, vermeide ich sie. Das gleiche bei Arzthelferinnen, Krankenschwestern, Ärztinnen, ja selbst bei Pfarrerinnen, selbst meine Kolleginnen kann ich nicht ertragen. Ich sollte vielleicht in Länder auswandern, in denen man Frauen einsperrt.

Es ist ja nicht so, dass ich meine Macke auf einer Ebene nicht auch lustig finde. Vielleicht zu lustig in einem sonst freudlosen Leben... *heuuuuuuulllllll*.

Und jetzt geh ich ins Bett...
Zuletzt geändert von Zuiop am Do., 31.07.2014, 23:24, insgesamt 4-mal geändert.
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Beitrag Do., 31.07.2014, 23:19

Widow hat geschrieben:
Zuiop hat geschrieben: Autonomie, Kontrollverlust, Intimität, Scham, das sind meine Themen.

Ich fürchte hier projezierst jetzt du was.
Vielleicht.

Doch was sind "Autonomie, Kontrollverlust, Intimität, Scham" anderes als "Themen", die den Kern von Leben&Tod betreffen?
Scham? Fürchtet man dann nicht zu vergehen?
Intimität? Ängstigt einen daran nicht die Überschreitung der eigenen oder auch einer fremden Grenze - und mithin die Auslöschung?
Kontrollverlust? Will man nicht die Kontrolle behalten, um lebendig zu bleiben, nicht ausradiert zu werden?
Autonomie? Will man nicht unbedingt bei sich bleiben, um nicht von anderen begraben zu werden?

Aber wie gesagt: Guten Weg!
Widow

Ja und Freud hätte wahrscheinlich angenommen, dass das irgendwie damit zusammenhängt, dass ich am liebsten meinen Vater heiraten würde und 'ne gestörte Libido habe. Letzteres mag zutreffen, ersteres und die Angst vorm Tod nicht. Aber Dank für deine Bemühung und Hilfestellung.
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Beitrag Do., 31.07.2014, 23:24

vera*** tut man mich genug, brauch ich nicht auch noch hier, hättest Du Dir wirklich sparen können, aber Du bist ja hier noch neu. Und keine Bange: Wir werden uns nicht mehr begegnen.

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Beitrag Do., 31.07.2014, 23:29

So war das nicht gemeint... Bitte nicht fehlinterpretieren. Ich bin dir wirklich dankbar für die Mühe.

Verd*mmt...

Ich muss unbedingt noch meine Signatur anfügen:

Sarkasmus ist meine Rüstung, Ironie mein Schild, Zynismus mein Schwert - und Galgenhumor das, was übrig bleibt, nach verlorener Schlacht.

Kurz: ich bin ne alte Kodderschnauze und formuliere manchmal scharf, allerdings schneide ich mich damit selbst und will niemanden sonst verletzen. Sorry...

*umarm*
Zuletzt geändert von Zuiop am Do., 31.07.2014, 23:30, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag Do., 31.07.2014, 23:30

Zuiop hat geschrieben: Autonomie, Kontrollverlust, Intimität, Scham, das sind meine Themen.
Mich würde es nun brennend interessieren wie das in Verbindung mit Ärzten steht?

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