Therapeutischer Umgang mit Wut

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diesoderdas
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Re: Therapeutischer Umgang mit Wut

Beitrag Mo., 02.12.2019, 11:16

stern hat geschrieben:
Mo., 02.12.2019, 09:01
Wut als destruktiver Widerstand? Das ist wieder diese fragwürdige IS-TDP-Sicht?
Ich höre da auch sofort die istdp raus.
alatan hat geschrieben:
Mo., 02.12.2019, 06:27
diesoderdas hat geschrieben:
So., 01.12.2019, 21:07
Schätzungsweise sollen dann Schuldgefühle kommen, verzeihen, Reue. Oder?
Und liebevolle Gefühle und Versöhnung mit den Introjekten.
Die "sollen" nicht kommen, sondern fließen von allein, wenn es eine gute therapeutische Allianz gibt und der Patient es schafft, seine destruktiven Widerstände, mit denen er sich selbst schadet, zu überwinden.
Wieso wird eigentlich immer (sorry, nicht immer, sondern in der istdp Theorie natürlich) davon ausgegangen, dass sich ein Patient gegen Wut wehrt? Und wieso muss/soll es dann immer zur Versöhnung/liebevollen Gefühlen kommen?
Wer bestimmt schon, ob etwas zu vergeben ist? Und wer sagt, dass es schadet, falls etwas nicht vergeben wird.
Mir ist das alles viel zu pauschal. Viel zu sehr eine Sicht auf alle gemünzt.

Wenn das dann also nicht "von allein fließt", ist dann also entweder der Therapeut Mist? Oder der Patient bringt es nicht?
Vielleicht geht es auch einfach am Patienten vorbei, da falsche Richtung.

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alatan
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Beitrag Mo., 02.12.2019, 14:41

diesoderdas hat geschrieben:
Mo., 02.12.2019, 11:16
Wieso wird eigentlich immer (sorry, nicht immer, sondern in der istdp Theorie natürlich) davon ausgegangen, dass sich ein Patient gegen Wut wehrt? Und wieso muss/soll es dann immer zur Versöhnung/liebevollen Gefühlen kommen?
Wer bestimmt schon, ob etwas zu vergeben ist?
Der Patient wehrt sich nicht unbedingt gegen das Erleben von Wut, aber auf jeden Fall gegen das Erleben schmerzhafter Gefühle, weil das schrecklich wehtut. Die Liebe ist der Kern, aus der jeder Mensch stammt. Sie wieder zu erlangen, ist die tiefe Sehnsucht eines jeden. Was zu vergeben ist, bestimmt der Patient in seinem tiefen Erleben des zuvor Unbewussten.
diesoderdas hat geschrieben:
Mo., 02.12.2019, 11:16
Wenn das dann also nicht "von allein fließt", ist dann also entweder der Therapeut Mist? Oder der Patient bringt es nicht?
Zunächst einmal ist zu schauen, ob etwas in der Therapeut-Patient-Beziehung schief läuft, ob der Therapeut technische Fehler macht und/oder der Patient - aus welchen Gründen auch immer - an seinem Leiden festhalten will.

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Inga
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Beitrag Mo., 02.12.2019, 18:35

In meiner (Schema-)Therapie machen wir recht oft Stuhlarbeit, so auch, wenn ich wütend bin - wobei es da einen Unterschied gibt, ob es eine "erwachsene" oder eine innere-Kind Wut ist.
Wenn Kind, setz ich mich auf den Stuhl für das "wütende Kind" und meine Thera unterstützt mich dabei, die Wut verbal auszudrücken, sie fragt etwa immer mal wieder, worauf ich noch wütend bin, was noch alles unfair ist etc. Die Idee dabei ist, dass hinter der kindlichen Wut das verletzte innere Kind ist, zu dem wir vordringen wollen. Meistens klappt das auch, wenn ich meine ganze Wut rausgelassen habe, werde ich traurig, vielleicht auch ängstlich, d.h. ich wechsle den Modus auf das verletzte Kind. Und dieses Kind kann ich dann (als Erwachsene) mit Unterstützung der Thera trösten.
Anders ist der Fall, wenn ich als (gesunde) Erwachsene wütend bin, z.B. auf einen Täter, dessen Sprüche ich manchmal immer noch glaube. Das ist ja eine gesunde, heilsame Wut, wenn ich lerne, mich gegen diese "inneren Sprüche" zu stellen. Da ermutigt mich meine Thera, wütend zu werden, aber nicht unkontrolliert, sondern klare Grenzen zu setzen, hat sie zu Beginn der Therapie manchmal auch selber gemacht. Mitunter flog dann auch der Stuhl, auf dem (in der Vorstellung) der Täter sass, aus dem Behandlungszimmer. (also, er wurde rausgestellt, nicht geworfen ;-) )

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diesoderdas
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Beitrag Di., 03.12.2019, 08:46

@ alatan:
Für mich hat das fast schon bisschen einen Esoteriktouch.
Ich finde, was du (und das ist ja istdp Sicht) sagst, KANN mal so sein. Und KANN für manche Klienten funktionieren.
Für die breite Masse habe ich da meine Zweifel

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alatan
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Beitrag Di., 03.12.2019, 10:11

Zweifel haben, ist durchaus sinnvoll. Jedoch ewig im Zweifelzustand bleiben, bringt ja auch nicht weiter.
Das sind übrigens alles Erkenntnisse der modernen psychodynamischen Therapie und Theorie, neurobiologisch fundiert, keineswegs esoterische Sonderlehren.

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diesoderdas
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Beitrag Di., 03.12.2019, 10:32

Ich sprach ja auch davon,dass ich meine Zweifel habe, ob das allgemeintauglich ist.
Für mich selbst weiss ich ,was ich davon halte
(Zweifellos).

Ich finde es eher auch interessant zu hören, wie das Thema in anderen Therapien Platz findet/bearbeitet wird.
(und um meine persönlichen Zweifel, die ich Therapie gegenüber im allgemeinen hege, geht es hier ja nicht. Und diese Zweifel werde ich auch so lange haben, bis ich eines besseren belehrt werde/bis ich jemandem erlaube, mich eines besseren zu belehren)
Zuletzt geändert von diesoderdas am Di., 03.12.2019, 10:52, insgesamt 1-mal geändert.

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Anna-Luisa
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Beitrag Di., 03.12.2019, 10:39

alatan hat geschrieben:
Mo., 02.12.2019, 14:41
Der Patient wehrt sich nicht unbedingt gegen das Erleben von Wut, aber auf jeden Fall gegen das Erleben schmerzhafter Gefühle, weil das schrecklich wehtut. Die Liebe ist der Kern, aus der jeder Mensch stammt. Sie wieder zu erlangen, ist die tiefe Sehnsucht eines jeden. Was zu vergeben ist, bestimmt der Patient in seinem tiefen Erleben des zuvor Unbewussten.
Das halte ich für eine sehr gewagte These - sehr esoterisch.
Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen. So wird dir Ärger erspart bleiben.
(Konfuzius)

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alatan
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Beitrag Di., 03.12.2019, 12:59

diesoderdas hat geschrieben:
Di., 03.12.2019, 10:32
bis ich jemandem erlaube, mich eines besseren zu belehren
Das ist der springende Punkt. :lol:

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Truemmerlotte
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Beitrag Di., 03.12.2019, 13:32

montagne hat geschrieben:
Mo., 02.12.2019, 07:02
Nicht Wut ist ungern gesehen, sondern das Ausagieren derselben. Zu Recht, wie ich finde:

Prügelnde EheparterInnen, Väter, Mütter, brüllende Chefs braucht niemand und sind der Grund, warum viele Opfer erst zur Therapie müssen. Gegen Glastüren laufende Patienten braucht auch niemand. Braucht man das selbst?
Brauchen tut das sicherlich niemand...Anders sieht es aus,wenn einfach die Impulskontrolle so runter ist,dass nicht anders agiert/reagiert werden kann.
Ich war 2016 ziemlich am Boden, privat eine schwere Situation durchlebt was sich auch auf die Arbeit auswirkte. Mein Kollege,von dem ich dachte gerade er versteht mich, mit dem ich vorher über alles reden konnte, fiel mir so derbe in den Rücken,dass ich beim darauffolgenden Streit mich nicht mehr unter Kontrolle hatte und mit aller Wut und Wucht/Kraft die ich hatte,gegen die Tür geschlagen habe. Ende vom Lied; Mittelhandbruch des kleinen Fingers,in dem jetzt 6 Schrauben und 2 Nägel habe.
Brauchte ich das? Definitiv nicht,aber ich konnte in dem Moment nicht anders, war wie ferngesteuert.

Trotzdem gebe ich dir Recht. Natürlich sollte man sie möglichst nicht auf solche Art und Weise ausagieren!
Ich war heilfroh,dass ich immerhin gegen die Tür gehauen habe und nicht ins Gesicht eben jenes Kollegen...

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diesoderdas
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Beitrag Di., 03.12.2019, 14:06

alatan hat geschrieben:
Di., 03.12.2019, 12:59
diesoderdas hat geschrieben:
Di., 03.12.2019, 10:32
bis ich jemandem erlaube, mich eines besseren zu belehren
Das ist der springende Punkt. :lol:
Ich weiss jetzt zwar nicht, was du genau meinst,aber: wenn mich etwas überzeugt oder wenn ich andere Erfahrungen mache, dann ändere ich gern meine Meinung. So war das gemeint. Nicht mehr, nicht weniger. Ich bestimme nicht willentlich, was mich überzeugt oder was nicht. Ich bestimme lediglich, ob ich mich an neue mögliche Erfahrungen ran wage oder ob ich möglichen Erfahrungen aus dem Weg gehen.
Aber darum geht's in diesem thread nicht.
Daher schreibe ich speziell dazu hier nun nichts weiter.

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Krümmelmonster
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Beitrag Di., 03.12.2019, 15:57

Hallo diesoderdas,
meine Therapeutin hat meine Wut angehört und war ruhig, ich lies die Wur in freien lauf zu. Wenn es ihr aber zuviel wurde,dann konnte sie auch anderes, redet mit mir Streng und deutlich laut Ich lernte sehr viel daraus.

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Kaonashi
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Beitrag Di., 03.12.2019, 16:03

minds hat geschrieben:
So., 01.12.2019, 10:43
mich wuerde interessieren, wie Euer Therapeut mit Wut umgeht
(z.B. Wut auf die Eltern, die Angehoerigen, Wut auf den Therapeuten).
Ich denke, dass es darum geht, Wut auszudruecken (?). Macht Ihr da Uebungen oder sprecht Ihr nur darueber? Schlagt Ihr irgendwo dagegen in der Sitzung?
Das ist eine interessante Frage. Ich habe manchmal eine Art von Wutanfall, wo ich mit der Hand irgendwo gegenschlage (bisher ohne Brüche), oder mich selbst schlage oder auch mal den Kopf an die Wand schlage, wenn es ganz schlimm ist. Oder ich werfe mit Gegenständen. Allerdings meist nur, wenn ich allein bin, in der Öffentlichkeit kann ich mich besser beherrschen. Aber Übungen oder in der Therapie irgendwo dagegenschlagen würde bei mir nichts bringen, weil meine Wut immer nur situativ da ist. Wenn die Situation vorbei ist, kann ich die Wut so nicht mehr empfinden, ich erinnere mich dann nur daran, dass ich wütend war, das Gefühl ist in weiter Ferne. (kennt das jemand?)
Bisher haben wir in der Therapie damit noch nichts gemacht. Meine Therapeutin meinte nur, dass es sein könnte, dass ich Wut eher herauslassen kann als Trauer, das stimmt aber nicht, weil ich noch viel öfter alleine weine als dass ich wütend bin. Ich kann beide Gefühle empfinden, sie sind auch beide da, keins ersetzt das andere.

Wut herauslassen finde ich grundsätzlich wichtig, natürlich sozialverträglich. Aber unterdrückte Wut führt zu Depression, weil Wut, die nicht herausgelassen wird, sich gegen einen selbst wendet. Vielleicht lasse ich meine Wut manchmal zu wenig an anderen aus. Aber man bekommt meist wenig Verständnis für Wut, es ist eher ein geächtetes Gefühl.

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Pianolullaby
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Beitrag Mi., 04.12.2019, 22:14

Hier bei uns in der Klinik, gibt es sogar einen Boxsack
Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum


Candykills
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Beitrag Mi., 04.12.2019, 22:33

Ich glaube, meine Therapeutin hätte sich gefreut, wenn ich etwas wütender gewesen wäre. Ich spüre nicht häufig Wut, was zum Teil wohl auch an den Medikamenten liegt, die ich nehmen muss.
Ansonsten halte ich auch nichts davon ein Kissen zu verprügeln, sondern hinzuspüren, woher die Gefühle kommen, was sie mit mir machen und wie ich sie loslassen oder ziehen lassen kann.
Wut ist ein wichtiges Gefühl, darf auch sein, solang sie einen innerlich nicht zerstört, also destruktiv sich äußert.
"Aber ich wusste von Anfang an, dass die Arbeit mit Schizophrenen bedeutete, das Rätsel zu studieren, ein Mensch zu sein und seinen Verstand verlieren zu können". (Christopher Bollas)