Achtsamkeit neue Methode oder alter Hut in neuem Gewand?

Hier können Sie Ihre Fragen rund um die Rahmenbedingungen von Psychotherapie (Methoden, Ablauf usw.) anbringen.
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erdbeerstiel2019
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Achtsamkeit neue Methode oder alter Hut in neuem Gewand?

Beitrag Mo., 27.01.2020, 13:34

Hallo liebe Foristen,

Wie beurteilt ihr die Therapieform "Achtsamkeit"? Hat jemand Erfahrung damit, und ist es etwas neues? Soll ja sehr helfen bei z. B. Depression.

Danke

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Waldschratin
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Beitrag Mo., 27.01.2020, 13:43

Das ist für mich keine "Therapieform", sondern ein Lebenstil.
Und neu? Nö, auf keinen Fall! Eher was ganz Natürliches, was "Mensch" halt nur im Laufe der Jahrtausende verlernt hat, weil ers nicht mehr ständig-überall gebraucht hat, der "Zivilisation" sei Dank.
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erdbeerstiel2019
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Beitrag Mo., 27.01.2020, 13:59

Hallo Waldschratin,

das würde ja heißen, wenn wir wieder dorthin zurückkehren, zur Achtsamkeit, könnte so manchem geholfen werden? Wenn ich bedenke, dass gerade bei Depressionen oft starke Grübelzwänge mit im Spiel sind, die jemanden in der Vergangenheit oder in der Zukunft verharren lassen, dann könnte eine Fokussierung auf das hier und jetzt doch hilfreich sein.


Fighter1993
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Beitrag Mo., 27.01.2020, 14:02

Definitiv nix neues und definitiv keine Therapieform. Lebenseinstellung/-stil triffts da schon eher. Es ist eine Art des Lebens, des Entschleunigen und des Bewusstseins, meiner Meinung nach. Hilft schätzungsweise nicht nur bei Depressionen, sondern bei allem, wenn man sich drauf einlassen kann und will. Achtsamkeit ist eine bewusste Einstellung mir selbst und meinem Umfeld gegenüber. Es kann in Therapie durchaus eine Methode, eine Möglichkeit, ein Handwerkszeug sein, aber definitiv keine neue Form von Therapie und vermutlich auch nicht ganzheitlich bzw. als Allheilmittel oder so.


Jenny Doe
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Beitrag Mo., 27.01.2020, 14:03

Achtsamkeit ist auch für mich keine Therapieform, sondern eine Fähigkeit, ähnlich wie Entspannung, die Menschen in der heutigen hektischen Gesellschaft zuweilen abhanden kommt.

Ich profitiere sehr von den Achtsamkeitsübungen, die mir helfen eine Überreizung zu vermeiden, zu entspannen, mein inneres Gleichgewicht zu finden, Abstand von Gedankenschleifen zu bekommen, Probleme mal "von außen" betrachten können, ... und nicht zuguter Letzt die Schönheit der Welt so wahrnehmen zu können, wie sie mir geboten wird.

Zu einer Therapiemethode wird Achtsamkeit erst, wenn man verlernt hat achtsam mit sich selbst umzugehen und achtsam durchs Leben zu gehen. So wie Magersüchtige wieder essen lernen müssen, und gestresste Menschen die Entspannung wieder erlernen müssen, so müssen nicht achtsame Menschen die Achtsamkeit neu erlernen.

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Waldschratin
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Beitrag Mo., 27.01.2020, 14:32

erdbeerstiel hat geschrieben:Hallo Waldschratin,

das würde ja heißen, wenn wir wieder dorthin zurückkehren, zur Achtsamkeit, könnte so manchem geholfen werden?
Ich seh das sogar noch krasser : Dann bräuchten die Meisten gar nicht erst Hilfe!

Bewusstheit, sich seiner selbst (Wie man ist und nicht nur, wie man "sein möchte") gewahr sein können, möglichst ohne Wertung dabei , bewahrt einen schon gut davor, aus dem inneren Gleichgewicht zu geraten. Auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein sein mag, was einem im Leben übern Weg läuft.

Würden wir unsere Kinder in Achtsamkeit und Bewusstheit erziehen, bekämen sie ein Höchstmaß an Resilienz automatisch "mitgeliefert".
Zuletzt geändert von Waldschratin am Mo., 27.01.2020, 14:38, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag Mo., 27.01.2020, 14:35

In der Achtsamkeit geht es auch darum, seine Gedanken "nicht" zu bewerten! Sie fließen zu lassen. Gerade psychisch kranke neigen dazu, alles negativ zu sehen.
Ich denke ich habe mich auch falsch ausgedrückt! Es ist keine eigenständige Therapieform, sondern ein Werkzeug der etablierten Therapieformen wie Kognitive und analytische.
Ich habe dieses "Werkzeug" auch benutzt. Es hat mir geholfen, mich auf das hier und jetzt zu konzentrieren.

Kann ja auch Einbildung sein. Ich denke die Zukunft wirds zeigen, ob ich stabiler bleibe.

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Beitrag Mo., 27.01.2020, 14:44

Ich benutze dieses "Werkzeug" auch, nach wie vor. Deshalb seh ichs ja auch eher als Lebenstil.

Jenny`s Vergleich mit der Magersucht finde ich recht treffend.
Wenn ichs mal weiterspinne : Achtsamkeit ist für mich keine "Diät", die ich mache und danach esse ich wieder wie vorher oder so.
Es ist eher so, dass ich diesbezüglich meine "Ernährung" umgestellt hab, auch weiterhin so "esse", weil es mir besser passt so.

erdbeerstiel hat geschrieben:In der Achtsamkeit geht es auch darum, seine Gedanken "nicht" zu bewerten! Sie fließen zu lassen. Gerade psychisch kranke neigen dazu, alles negativ zu sehen.
Hab ich grade oben auch geschrieben :
"Waldschratin"]Bewusstheit, sich seiner selbst (Wie man ist und nicht nur, wie man "sein möchte") gewahr sein können, möglichst ohne Wertung dabei


Wieso denkst du, "gerade psychisch Kranke" würden dazu neigen, alles negativ zu sehen? :gruebel:
Da gibt's doch auch "solche und solche", je nach "Typ", wozu einer neigt, sei er nun psychisch krank oder nicht.
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Beitrag Mo., 27.01.2020, 14:47

erdbeerstiel hat geschrieben:Kann ja auch Einbildung sein. Ich denke die Zukunft wirds zeigen, ob ich stabiler bleibe.
Das ist bestimmt keine "Einbildung"!
Aber wenn du auch in Zukunft stabiler sein möchtest, kann ich dir nur raten : Bloß nicht aufhören damit! Machs weiter, wie das Zähneputzen. :ja:
Ich möchts nicht mehr missen, mir hilft das nach wie vor, tagtäglich, besser "bei mir" zu bleiben. Ob ich jetzt mehr oder weniger stabil bin grade.
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Beitrag Mo., 27.01.2020, 14:49

Ich habe das auf Menschen mit Depressionen bezogen. Die neigen dazu. Spreche aus eigener Erfahrung.

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Beitrag Mo., 27.01.2020, 14:54

Ja, ich auch. :ja: U. a.
Verallgemeinern würd ichs trotzdem nicht...
Und "psychisch Kranke", das sind ja nicht nur Depressive. Zumal, wenn ich schon am klugscheissern bin :-> : Depression ist nicht gleich Depression.
Klugscheissern wieder aus. :-D
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Beitrag Mo., 27.01.2020, 14:57

Doch nochn klein wenig Kluggescheisserle :-> :
Du "darfst" gerne auch ganz bei dir bleiben, dass du zum negativ Denken neigst in deinen depressiven Phasen. :hugs:
Mir wird inzwischen nachgesagt, dass ich richtiggehend "nerven" kann damit, dass ich immer auch die anderen Seiten an etwas betrachte und somit auch das Positive mit "durchgrüble" und mich drauf beziehe. :-D
Und ich bin nach wie vor und auf Dauer in ner mittelgradigen Depression unterwegs.
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Beitrag Mo., 27.01.2020, 15:06

Ja stimmt schon! Übrigens habe ich ein Interview mit einem amerikanischen Wissenschaftler, ich glaube er ist Psychiater, gesehen. Er ist sozusagen der Vater der Achtsamkeit. Er sagt, Achtsamkeit hätte bei Depressionen (bitte entschuldige, dass ich immer wieder auf Depressionen zurückkomme, aber sie betreffen mich nun mal) min. die gleiche Wirksamkeit wie Antidepressiva.

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Beitrag Mo., 27.01.2020, 15:10

Hab ich auch schon davon gehört, dass das so sein soll. :ja:
Kannst dich ruhig auf Depressionen beziehen, ich kann da nur allzu gut mit, leider. Und ja, ADs hab ich nie genommen. Oft versucht, nie was vertragen und jedes Mal auf ne andere schräge Art paradox drauf reagiert.
Das ist bei Achtsamkeit und Körperwahrnehmung anders, das hat bei mir jedenfalls bisher nur positive "Nebenwirkungen".

Ich hab damit angefangen, um aus dissoziativen Zuständen rauszukommen. Und bin schnell drauf gekommen, dass das "viel mehr" ist als ne bloße "Maßnahme", um aus schlimmen Zuständen rauszufinden.
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Beitrag Mo., 27.01.2020, 15:21

Du kennst die TV-Sendung Scobel? Eine wissenschaftlich Sendung. Dort kommen Wissenschaftler aus allen Disziplinen zu Wort. In einer der letzten Sendungen waren es Psychiater und Hirnforscher. Die waren sich einig, dass Antidepressiva bei 60 % aller depressiven Menschen "wirkungslos sind". Hätte ich nie gedacht.

Aber jetzt bitte nicht auf die Idee kommen, dass ich solche Medis ablehne. Nein, ich nehme selbst welche. Aber den durchschlagenden Erfolg hatten die nie. Immer wieder "schwerste Rückfälle".