Was kann ein Therapeut für mich tun?

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Psychotherapie (von der es ja eine Vielzahl von Methoden gibt) gesammelt? Dieses Forum dient zum Austausch über die diversen Psychotherapieformen sowie Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Therapie.
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Kirii
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Was kann ein Therapeut für mich tun?

Beitrag Mi., 08.07.2020, 15:22

Hallo zusammen,

ich habe lange mit mir gehadert, mich in diesem Forum anzumelden und bin seit mehreren Monaten stille Mitleserin. Bisher sind meine Erfahrugnen mit Foren leider weniger gut gelaufen, aber das soll an dieser Stelle keine Rolle spielen.

Mein Problem mag dem einen oder anderen vielleicht etwas banal vorkommen, aber ich bin wirkliche twas ratlos.

Seit 11/2019 befinde ich mich bei einem Psychiater in Behandlung, der auch Psychotherapeut ist und mich nun wöchentlich für jeweils 60 min in seine Sprechstunde holt. In Behandlung bin ich wegen Depressionen, Angststörungen, tief greifenden Entwicklungsstörungen und organische Persönlichkeits- oder Verhaltensstörungen.

Ich fühle mich bei ihm sehr wohl, wir kommen gut miteinander aus und allgemein habe ich nichts an den Gesprächen auszusetzen.
Allerdings kommt immer wieder die Frage "Was darf ich für Sie tun?", die mich vollkommen überfordert. Ich bin aktuell im Beschäftigungsverbot, weswegen ich keine Krankschreibung benötige. Sonst habe ich das immer mal angesprochen. Er sagte einmal selbst, dass ich eine seiner hartnäckigsten Patientinnen bin, die sich mit dieser Frage quälen und sie nicht beantworten (können). Er hat es bisher immer akzeptiert, versucht es aber natürlich jede Woche aufs Neue. Dass ich Probleme damit habe, meine Wünsche zu äußern, weiß er bereits und dass ich sehr große Probleme mit Emotionen habe und diese nicht (gut) zeigen kann, ebenfalls.
Allerdings macht er mir immer wieder klar, dass ich quasi sein Auftraggeber bin und ohne Auftrag gibt es auch nichts zu tun.
Dennoch vermittelt er mir nicht den Eindruck, dass er unsere Gespräche beenden wird, nur weil ich diese Frage nicht beantworte(n kann). Aber ich komme mir selbst schon etwas doof vor, weil ich nie etwas dazu sage.

Meine Frage an das Forum ist jetzt, was antwortet ihr normalerweise auf diese Frage?
Es geht mir nicht darum, eure Antowrten zu kopieren und ihn ruhigzustellen. Nein. Ich möchte nur wissen, in welche Richtung ich bei dieser Frage denken muss.
Einmal sagte ich "Ich möchte einfach wieder so sein, wie vor meiner Krankheit", aber die Antwort wurde logischerweise mit dem Argument gekippt, dass mein bisheriges Verhalten mich erst in diese Situation gebracht habe. Denn krank geworden bin ich aufgrund von Überlastung/Überarbeitung durch 40h Job, Fernstudium und 2 Buchveröffentlichungen inkl. Lesungen(alles parallel). Ich bin/war ein Arbeitstier und ging daran zugrunde, sodass mein Körper irgendwann die Notbremse gezogen hat. So soll mein Leben in Zukunft nicht aussehen, zumal ich diesen Lebensstil allein durch die Schwangerschaft und die bevorstehende Mutterschaft nicht fortsetzen darf, wenn es dem noch ungeborenen Kind und vor allem mir gut gehen soll.

Die Antwort "Helfen Sie mir bitte, wieder gesund zu werden" war zu allgemein.
Zwischendurch litt ich an massiven Ein- und Durchschlafproblemen, die medikamentös behandelt wurden. Durch die Schwangerschaft nehme ich seit Februar keinerlei Medikamente mehr und fange so langsam wieder an, regelmäßig länger zu schlafen, weil alles anstrengender ist.

Vielleicht könnt ihr mir einige Hinweise geben?

Immer, wenn er mir diese Frage stellt, denke ich mir "Seien Sie bitte einfach für mich da und lassen uns weiterhin jede Woche miteinander reden". Aber das zu sagen fällt mir maßlos schwer, da es auf die Gefühlsebene geht und ich derartige Äußerungen nicht "rausbekomme".

Entschuldigt bitte den langen Text, aber ich glaube vor allem bei einem ersten Post ist immer etwas Vorgeschichte hilfreich.


Danke schon einmal für das Durchlesen!

Kiri


Sehr
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Beitrag Mi., 08.07.2020, 16:02

Ich verstehe nicht, warum er diese Frage immerzu stellt. Er erfüllt Wünsche? Du darfst dir was wünschen? Was sollte er denn großartig machen können, außer weiterhin für dich zur Verfügung zu stehen.
[wegzudenken, mehr nicht]

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Kirii
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Beitrag Mi., 08.07.2020, 16:05

Sehr hat geschrieben:
Mi., 08.07.2020, 16:02
Er erfüllt Wünsche? Du darfst dir was wünschen?
Da habe ich mich wahrscheinlich ungünstig ausgedrückt.
Wie bereits geschrieben, gelte ich für ihn als ein Auftraggeber und sollte demnach ein gewisses Ziel verfolgen und dies benennen können. Den Sinn hinter seiner Frage verstehe ich schon und zweifle ich auch nicht an.
Ich vermute, dass manch andere/r an dieser Stelle antwortet "Helfen Sie mir, meine Angst vor dem Kontakt zu anderen Menschen zu reduzieren" oder dergleichen. Nur gemutmaßt.


theweirdeffekt
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Beitrag Mi., 08.07.2020, 16:08

Ich würd ihm sagen, dass du dir seine Unterstützung auf einem Weg zurück ins selbstbstimmte Leben wünschst. Das du dir ev. hilfreiche Strategien für schlechte Zeiten mit seiner Hilfe erarbeiten willst.

Alles Gute
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lisbeth
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Beitrag Mi., 08.07.2020, 16:08

Kirii hat geschrieben:
Mi., 08.07.2020, 15:22
Immer, wenn er mir diese Frage stellt, denke ich mir "Seien Sie bitte einfach für mich da und lassen uns weiterhin jede Woche miteinander reden". Aber das zu sagen fällt mir maßlos schwer, da es auf die Gefühlsebene geht und ich derartige Äußerungen nicht "rausbekomme".
Machst du mit ihm richtig Psychotherapie? Oder gibt er dir gerade wöchentliche 'psychiatrische' Termine, weil es dir so schlecht geht?
Warum nicht auf die emotionale Ebene gehen, denn genau das ist es ja, womit deine Probleme zusammenhängen: Deine eigenen Bedürfnisse erkennen, akzeptieren und anfangen, gut (oder besser) für dich selbst zu sorgen.

Das ist was, was viele nie richtig gelernt haben. Die gute Nachricht ist: Das lässt sich auch noch später lernen. Die schlechte ist: Dafür muss man dann schon hin und wieder über den eigenen Schatten springen.

Von daher würde ich dir empfehlen: Sprich doch einfach mal das aus, was dir dann durch den Kopf geht, oder wenigstens einen Teil davon. Du kannst das ja auch etwas zurückgenommener machen und dazu sagen: Am liebsten würde ich sagen, dass.... aber ich trau mich nicht so richtig... Das sind genau die Dinge um die es geht. Und ich kenne auch diese Angst, was dann passieren mag, wenn man diese Dinge mal laut ausspricht... Und ich kann dir versichern: Es ist verdammt schwer, aber die Welt wird nicht untergehen. Aber du kannst dir dadurch neue Räume und neue Möglichkeiten schaffen. Und allein das wäre es ja wert, oder?
In dem Maß wie wir anfangen, Fragen anders zu stellen, werden wir auch neue Antworten finden.


Sehr
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Beitrag Mi., 08.07.2020, 16:11

Wenn du es nicht sagen kannst, kannst du es ihm ja schreiben, den Zettel mitnehmen. Aber vielleicht schaffst du es ja dann doch, beim nächsten mal es auszusprechen.
[wegzudenken, mehr nicht]

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Kirii
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Beitrag Mi., 08.07.2020, 16:24

lisbeth hat geschrieben:
Mi., 08.07.2020, 16:08
Machst du mit ihm richtig Psychotherapie? Oder gibt er dir gerade wöchentliche 'psychiatrische' Termine, weil es dir so schlecht geht?
Warum nicht auf die emotionale Ebene gehen, denn genau das ist es ja, womit deine Probleme zusammenhängen: Deine eigenen Bedürfnisse erkennen, akzeptieren und anfangen, gut (oder besser) für dich selbst zu sorgen.
Eine richtige Psychotherapie setzt m.E.n. einen Vertrag voraus oder? In diesem Fall ist es keine, jedenfalls haben wir keinen Vertrag und auch keine Stundenbegrenzung. Ich weiß nicht so recht, wie ich es betiteln soll. Anfangs war er nur mein PSychiater und ich ging oft hin, weil wir mich medikamentös eingestellt haben. Irgendwann überwies er mich dann in die Klinik und danach hat er mit mir immer wieder Termine in der darauffolgenden Woche gegeben. Vor Kurzem (etwa vor einem Monat) haben wir uns dann darauf verständigt, dass ich vorerst jede Woche einen festen Termin mit fester Uhrzeit bekomme und diese auf unbestimmte Zeit in seinem Terminkalender geblockt ist. Während dieser Termine ist es dann, wie in einer Psychotherapie. Soll heißen, dass wir viel über mich reden, die aktuelle Gefühlslage, meine Kindheit, meine Probleme (vor allem in Bezug auf Emotionen). Bei mir besteht des Weiteren der Verdacht auf schizoide Persönlichkeitsakzentuierung und auch auf Autismus soll ich in der örtlichen Autismusabluanz differenzialdiagnostisch getestet werden. Das spielt bei mir in die Problematik mit den Emotionen noch rein.
Dazu sei gesagt, dass ich im Oktober letzten Jahres eine Psychotherapie begonnen hatte, diese jedoch nach der 5. probatorischen Sitzung abgebrochen habe, da es menschlich nicht gepasst hat.

Er tastet sich bei mir immer weiter auf die emotionale Ebene vor und merkt schnell, wenn es mir zu viel wird. Also daran arbeiten wir bereits und seiner Meinung nach, sieht er auch schon Fortschritte. Von daher bewege ich mich auf diese Ebene schon zu, nur eben in sehr kleinen Schritten.

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Beitrag Mi., 08.07.2020, 16:27

theweirdeffekt hat geschrieben:
Mi., 08.07.2020, 16:08
Ich würd ihm sagen, dass du dir seine Unterstützung auf einem Weg zurück ins selbstbstimmte Leben wünschst. Das du dir ev. hilfreiche Strategien für schlechte Zeiten mit seiner Hilfe erarbeiten willst.
Danke, der Gedanke kam mir noch nie. Aber was versteht man/du unter einem "selbstbestimmten Leben"? Meiner Meinung nach ist mein Leben bereits selbstbestimmt oder ich denke das, weil mir als "nicht selbstbestimmt" nur Menschen einfallen, die auf andere angewiesen sind, z.B. durch Behinderungen oder weil sie durch gewisse Ängste blockiert sind, Dinge zu tun.
Oder meinst du etwas Anderes?

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Kirii
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Beitrag Mi., 08.07.2020, 16:31

Sehr hat geschrieben:
Mi., 08.07.2020, 16:11
Wenn du es nicht sagen kannst, kannst du es ihm ja schreiben, den Zettel mitnehmen. Aber vielleicht schaffst du es ja dann doch, beim nächsten mal es auszusprechen.
Daran habe ich auch schon gedacht, allerdings habe ich das bereits schon einmal in dieser Therapie gemacht und mich im Nachhinein unglaublich geschämt (und das wahrscheinlich grundlos). Einfach weil auf dem Stück Papier quasi meine Gedanken und Gefühle standen und niedergeschriebene Dinge für mich etwas Unwiderrufbares haben, auf das man sich jederzeit berufen kann. So habe ich manchmal Angst, dass mein Therapeut diesen "alten" Zettel irgendwann aus der Akte zieht und sagt "Aber hier schrieben Sie doch, dass..." oder "Reden wir doch mal über das, was Sie hier geschrieben haben.."
Streng genommen war mein Geschriebenes sehr harmlos, weswegen ich mir vermutlich wirklich umsonst den Kopf darüber zerbreche...

Das nächste Mal findest ausnahmsweise mal erst in 3 Wochen statt (urlaub, anderweitige Termine seinerseits, etc.). Bis dahin habe ich noch etwas Zeit.


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Beitrag Mi., 08.07.2020, 16:45

Ich glaube, mich würde so eine Frage ebenfalls überfordern. Er darf und soll dir helfen, deine Erkrankung zu überwinden.


theweirdeffekt
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Beitrag Mi., 08.07.2020, 17:20

Nein, ich dachte auch an Ängste und/oder Depression, die dich daran hindern, dass Leben in vollen Zügen zu genießen. Selbstbestimmt also beispielsweise als nicht von der Depression/Angst bestimmt.

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Kirii
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Beitrag Mi., 08.07.2020, 17:28

theweirdeffekt hat geschrieben:
Mi., 08.07.2020, 17:20
Nein, ich dachte auch an Ängste und/oder Depression, die dich daran hindern, dass Leben in vollen Zügen zu genießen. Selbstbestimmt also beispielsweise als nicht von der Depression/Angst bestimmt.
Ach so, danke, jetzt verstehe ich dich besser.
Das ist definitiv ein Punkt, den ich bearbeiten muss!

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Montana
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Beitrag Mi., 08.07.2020, 17:33

Ich bin gerade in der dritten Psychotherapie, aber einen Vertrag gab es in keiner davon. Ich habe allerdings die Anträge für die Kasse unterschrieben.

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chrysokoll
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Beitrag Mi., 08.07.2020, 17:49

meint dein Psychiater denn die Frage tatsächlich ernst, also will er da jedes Mal eine Antwort drauf?
Oder ist das mehr so eine Höflichkeits-Eröffnungs-Frage?

Ich finde die Idee dass du dir tatsächlich Gedanken machst was ER für dich tun kann / soll nicht schlecht, und auch dass du dir das aufschreibst.
Kritisier und kontrollier dich dabei nicht sofort, sondern schreib alles auf was dir einfällt
Auch wenn es banal oder lächerlich oder peinlich klingt. So kommst du eher an das heran was bearbeitet werden soll

Was mir noch einfällt: Auch die Vorbereitung auf deine Mutterrolle, die komplette Umstellung in deinem Leben gehört da mit dazu


Malia
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Beitrag Mi., 08.07.2020, 17:58

Ich finde das Wort "darf" in dem Satz "Was darf ich für Sie tun" irritierend.
Von meinen Therapien kenne ich es wohl, dass gefragt wurde: "Was kann ich für Sie tun?"
Diese Frage zu beantworten fand ich auch lange schwierig, weil sie so direkt und ohne Umwege auf die Beziehungsebene geht (die ich immer noch gern vermeide ;-) ) und so etwas wie Nähe herstellen könnte.
Inzwischen hilft mir die Frage, darüber nachzudenken, was ich gerade brauche.
Alles wird wieder gut.
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Das Leben ist wie Fahrradfahren: um die Balance zu halten, muss man in Bewegung bleiben.