PT-Blog: Auf dem Weg in die soziale Kontrollgesellschaft?

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PT-Blog: Auf dem Weg in die soziale Kontrollgesellschaft?

Beitrag Sa., 11.07.2020, 10:15

Die freie Meinungsäußerung ist extrem wichtig für den gesellschaftlichen Frieden und die Fortentwicklung einer Kultur und der Menschen, die in ihr leben. Unsere Ideen und Gedanken müssen frei sein, aneinanderzugeraten, sich zu duellieren und Konflikte aufzulösen. Nur über diese Kanalisierungsmöglichkeit der Sprache ist es möglich, bewaffnete Konflikte zu vermeiden. Leider werden die Freiräume zum sprachlichen Diskurs jedoch zunehmend beschnitten und eingeengt.

https://www.psychotherapiepraxis.at/pt- ... ellschaft/


Jenny Doe
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Beitrag Sa., 11.07.2020, 14:18

Danke für den Link und das Aufgreifen dieses Themas. Es spricht mir aus den Herzen.
Diese Kontrollgesellschaft nahm ich zum ersten Mal bewusst so richtig wahr, als es um die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel ging. Jeder der Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik äußerte, landete in der Schublade "Rechtsradikal". Diskussionen waren (und sind) nahezu unmöglich, weil jedes Argument gegen die Flüchtlingspolitik mit dem "Du bist rechtsradikal" abgeschmettert wurde und noch immer wird. Da wurde - und wird - nicht unterschieden, ob sich die Kritik auf die Flüchtlingspolitik bezieht oder gegen Ausländer gerichtet ist.
Meiner Meinung nach ist diese neue Welle Menschen das eigenständige Denken und das Äußern eigener Meinungen zu verbieten und sogar unter Strafe zu stellen nicht unerheblich dafür verantwortlich, dass sich auf den Straßen zunehmend mehr Wut, Hass, Aggression, Rebellion und Aufsässigkeit entlädt.
Meiner Meinung nach ist es dringend an der Zeit die 60er Jahre wieder zu aktivieren.

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stern
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Beitrag Sa., 11.07.2020, 14:28

Die Bezeichnung "Rechtsradikal" ist auch Ausdruck der Meinungsfreiheit... zumindest nach dem Bundesverfassungsgericht. ;)
Das Bundesverfassungsgericht hat mit Beschluss vom 17. September 2012, Az. 1 BvR 2979/10 entschieden, dass die Bezeichnung anderer als „rechtsradikal“ ein Werturteil darstellt, dass unter die Meinungsfreiheit fällt (Pressemitteilung Nr. 77/2012 vom 13. November 2012).
https://www.ra-plutte.de/bverfg-bezeich ... erturteil/


D.h. Meinungsfreiheit bedeutet gerade nicht Recht auf Widerspruchsfreiheit. Begrenzt wird die Meinungsfreiheit in engen Grenzen durch das Gesetz.
Liebe Grüsse
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thundercook
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Beitrag Sa., 11.07.2020, 14:40

Als ich hier letztens halb ironisch als reaktion auf die löschung eines threads schrieb, dass die meinungskorridore eng geworden sind in diesem Land und diesem forum, wurde ich dafür erstmal für mindestens 4 Wochen gesperrt. Soviel dazu haha..

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stern
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Beitrag Sa., 11.07.2020, 14:54

Im Foren kommt hinzu, dass man der Netiquette zustimmte und ein Hausrecht gilt - ganz allgemein, da ich nicht weiß worum es geht und Mod-Entscheidung hier ja auch nicht diskutiert werden, soweit ich in Erinnerung habe.
Liebe Grüsse
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stern
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Beitrag Sa., 11.07.2020, 16:12

Zum Artikel... ein kurzes Zitat darauf (Quelle siehe oben):
Was als “Hetz-Posting” gilt, ist allerdings – und das ist Teil des Problems – natürlich Auslegungssache.
Hier spreche ich gerade für D: Das NetzDG bezieht sich auf RECHTSwidrige Inhalte (siehe z.B Paragraph 1 Abs. 3 oder Paragraph 3, etc. pp). Also Sachverhalte, die sich eh außerhalb es gültigen Gesetzes bewegen und ergo noch NIE von der Meinungsfreiheit gedeckt waren.

Als notwendig sah man das an, weil Platzhirsche wie Facebook solche (oft) Straftaten sehr oft stehen ließen... es also keine ausreichende Handhabe gab als Betroffener sein Recht durchzusetzen. Soviel gibt es also nicht auszulegen... zumindest nicht mehr als rechtlich ohnehin Auslegungssache ist (case law in D versus code law im angelsächsischen Raum... also es kann auch Unterschiede in der Konzeption des Rechtssystem im Gesamten geben. Den Hintergrund des Autors kenne ich nicht. Aber in D bezog man sich eben nicht auf Hetzpostings ohne nähere Spezifikation, sondern eh unzulässige Inhalte). Man kann auch gegen eine Löschung vorgehen.

Und ganz allgemein gesagt: Ich sehe das Problem nicht in fehlender (bzw. nicht grenzenlosen) Meinungsfreiheit. Die in D sehr weit geht.. Künast müsste sich sogar folgendes gefallen:
Renate Künast hat nun doch noch einen Sieg errungen. Im September hatte das Berliner Landgericht entschieden, dass Online-Kommentare wie "Drecks Schwein", "Schlampe" und noch drastischere sexistische Ausdrücke keine Beleidigungen seien.
https://www.sueddeutsche.de/digital/ren ... -1.4855652

In dem Fall nach meinem Geschmack tatsächlich etwas zu weit.

Sondern eher Plattformen wie Facebook und deren Gepflogenheiten. :lol:
Zuletzt geändert von stern am Sa., 11.07.2020, 16:27, insgesamt 4-mal geändert.
Liebe Grüsse
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hawi
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Beitrag Sa., 11.07.2020, 16:13

Admin hat geschrieben:
Sa., 11.07.2020, 10:15
Unsere Ideen und Gedanken müssen frei sein, aneinanderzugeraten, sich zu duellieren und Konflikte aufzulösen. Nur über diese Kanalisierungsmöglichkeit der Sprache ist es möglich, bewaffnete Konflikte zu vermeiden. Leider werden die Freiräume zum sprachlichen Diskurs jedoch zunehmend beschnitten und eingeengt.
Nun ja?!
Klingt so, als hätte es mal keine Grenzen des Diskurses gegeben, egal ob nun rechtlich oder als „gesellschaftlichen Mainstream“.
Was natürlich nicht stimmt! Grenzen gab es immer. In den gut 40 Jahren, die ich beurteilen kann, haben sie sich nach und nach arg verschoben, vor allem, was den „Mainstream“ anbelangt.
So manches hat sich fast umgekehrt. War mal fast ein Tabu, gegen Atomkraft zu sein, nun fast ein Tabu, dafür zu sein. Ein Beispiel von vielen.

Nicht dass alles perfekt wäre, aber ganz pauschal meine ich sogar, dass die Freiheit von Diskurs nie größer war als heute. In unseren Breiten, in anderen Regionen mag anderes gelten.
Dazu gehören durchaus auch die Möglichkeiten, die nun das Internet bietet.
ABER…
…. grad dort scheint mir so einiges immer noch im werden.
Diskurs heute oft an den Orten, die „social media“ genannt werden. Diese Orte gehören jemandem, einer Person, einer Firma. Freiheiten dort? Begrenzt, sehr, auch wenn es nicht danach aussieht.
An kaum einem dieser Orte kann die Öffentlichkeit darüber bestimmen, was gelöscht wird und was nicht. Vielleicht ja ganz gut so.
Trotzdem, auch hier im PTF wurde und wird Diskurs beschnitten. Schon das Forenschreibprogramm verhindert, dass manch Wort überhaupt geschrieben werden kann. Und vieles ist hier nicht mehr zu lesen, obwohl es mal von Usern gepostet wurde.
Umgekehrt, nicht so sehr dies Forum betreffend, aber sicher z.B. Twitter, youtube u.v.m. betreffend:
Es findet sich Unrat, der schon arg ist. Oft durchaus verdächtig nah an Strafbarkeiten wie Beleidigung, Verleumdung, Bedrohung, Volksverhetzung.

Zum im Blog erwähnten Harper Brief:
Der Brief der Intellektuellen hat seinerseits bereits heftige Reaktionen ausgelöst. Der Direktor der Huff Post schrieb auf Twitter, er habe seine Unterschrift verweigert. Eine Historikerin zog ihre Unterschrift zurück, schreibt die New York Times ….
...in dem Brief wird leider nie unterschieden zwischen Meinung und falschen Tatsachenbehauptungen. Und die Frage, ob es eine Grenze gibt, an der die freie Rede beleidigend, gefährlich oder Hetze wird, kommt in dem Brief schlicht nicht vor.
https://www.sueddeutsche.de/kultur/offe ... -1.4960699
Und natürlich ist zum Beispiel so was aus dem Netz zu nehmen, unverzüglich:
Die Äußerung "frecher Juden-Funktionär" ist volksverhetzend und damit strafbar. Das hat das Bundesverfassungsgericht entschieden.
https://www.tagesschau.de/inland/bverfg ... g-101.html
LG hawi
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hawi
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Beitrag Sa., 11.07.2020, 16:27

Jenny Doe hat geschrieben:
Sa., 11.07.2020, 14:18
Diese Kontrollgesellschaft nahm ich zum ersten Mal bewusst so richtig wahr, als es um die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel ging. Jeder der Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik äußerte, landete in der Schublade "Rechtsradikal". Diskussionen waren (und sind) nahezu unmöglich, weil jedes Argument gegen die Flüchtlingspolitik mit dem "Du bist rechtsradikal" abgeschmettert wurde und noch immer wird.
Jenny, seh ich nicht ganz so!
Zugegeben, manch Diskurs wünschte ich mir sachlicher, weniger hart, weniger polemisch, weniger persönlich übergriffig.
Aber egal welche Seite grad dran ist. Leute in die Ecke stellen, das kann und macht jede Seite.
Zumindest einen Teil davon sollten die, die Diskurse führen, dann auch abkönnen.
Natürlich anstrengend, natürlich nicht jedermans Sache, aber wenn mit arg unterschiedlichen Standpunkten diskutiert wird, dann geht das kaum bis gar nicht, wenn alle nur mit Wattebäuschen werfen dürfen. Nur weil mal der eine, mal der andere hart contra bekommt, heißt das für mich nicht, dass Diskussion eingeengt, beschnitten wird.
Zusammenfassung: „Wer austeilt, muss auch einstecken können“

LG hawi
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stern
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Beitrag Sa., 11.07.2020, 18:43

hawi hat geschrieben:
Sa., 11.07.2020, 16:13

Zum im Blog erwähnten Harper Brief:
Der Brief der Intellektuellen hat seinerseits bereits heftige Reaktionen ausgelöst. Der Direktor der Huff Post schrieb auf Twitter, er habe seine Unterschrift verweigert. Eine Historikerin zog ihre Unterschrift zurück, schreibt die New York Times ….
...in dem Brief wird leider nie unterschieden zwischen Meinung und falschen Tatsachenbehauptungen. Und die Frage, ob es eine Grenze gibt, an der die freie Rede beleidigend, gefährlich oder Hetze wird, kommt in dem Brief schlicht nicht vor.
https://www.sueddeutsche.de/kultur/offe ... -1.4960699
Genau. Finde ich auch einen wichtigen Punkt... also beides unterscheiden zu können. So ist in D eben nicht jede Tatsachenbehauptung geschützt, insbes. wenn sie unwahr ist und andere Personen betrifft. Ansonsten sollte man einen Nachweis erbringen können oder eine guten Rechtsanwalt haben, weil man im ungünstigen Fall Persönlichkeitsrechte verletzt. Das ist jedoch nichts Neues... sondern diverse Persönlichkeitsrechte sind eben auch (Grund)Rechte in D, so dass Richter abwägen - in D. In D kennen die Gerichte auch Grenzen zwischen Beleidigungen und Meinung.

Jedoch sind selbst in "liberalen" Ländern Länderunterschiede unbedingt beachtlich. In Ö sind z.B. Beleidigungen etwas anders definiert als in D... oder den Fall Sigi Maurer verfolgte ich etwas. In den USA wird die Meinungsfreiheit eher weit ausgelegt. Allerdings habe ich eher den Eindruck, dass dort die Frage nicht nur ist, haben wir zu wenig Meinungsfreiheit... sondern auch, können wir manche Entwicklungen zu wenig begrenzen, weil wir zu viel zulassen... und korrespondierend Bedenken bzgl.. möglicher Begrenzungen, z.B.:
Man mag es bewundern oder fahrlässig nennen: In Charlottesville war die übelste Volksverhetzung der Neonazis zu hören und zu sehen, und sie war legal. Gesetze greifen erst, wenn enthemmte Rede in Gewalttaten mündet. So wie, einseitig von der Ultrarechten entfacht und bis zum Mord getrieben, in Charlottesville.
https://www.welt.de/vermischtes/article ... chtig.html

Die Frage ist dann meiner Meinung auch: Ist Hass eine Meinung und Basis eines Diskurses... Oder wie fruchtbar ist ein Diskurs, wenn anstelle inhaltlicher Auseinandersetzung Lügen über Personen verbreitet werden. :gaehn: und na ja, die USA halte ich für ein tief gespaltenes Land, das verschiedene Themen aufzuarbeiten hätte, die auch aktuell aufkochen.
Hass und Hetze gehören in den USA zur Meinungsfreiheit
Eine Kolumne von Eric T. Hansen
https://www.zeit.de/politik/ausland/201 ... ettansicht
Artikel aus dem Jahr 2012

Ich finde nicht alles so wertvoll, dass es unbedingt schützenswert wäre... als Grundrecht.
Liebe Grüsse
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hawi
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Beitrag Sa., 11.07.2020, 19:32

stern, ich bin da ganz bei dem, was du schreibst.

Mir aber fast noch wichtiger:
In der Tat verweist die Debatte auf einen Grundkonflikt in liberalen Gesellschaften. Denn jene Eliten, die heute die bürgerliche Errungenschaft der Meinungsfreiheit anpreisen, haben sich über Jahrhunderte geweigert, marginalisierten Menschen eine Stimme zu geben. Trotzdem galt die Meinungsfreiheit als Grundlage für den Austausch zwischen freien und gleichen Menschen – aber eben nur auf dem Papier. Die verbrieften Rechte – und mit ihr die Partizipation an der Gestaltung der Gesellschaft – waren für Frauen, People of Color und Homosexuelle stets eingeschränkt. „Cancel Culture“ war über Jahrhunderte eine Realität für sie.
https://m.tagesspiegel.de/kultur/autore ... 91236.html
Gilt auch und grad für D! Offener Diskurs für alle? Das gab es in meiner Jugend in D gar nicht!
Bis mindestens in die 1980er nicht.
Bei vielem, das grad jetzt passiert, geht es aber genau darum. Dass alle in einer Gesellschaft am Diskurs teilnehmen können, dass alle im Diskurs gleich viel gelten.
Dafür braucht es einen Rahmen, der sicher nicht der alte sein kann. Es geht nicht ohne dass die Diskursregeln neu gedacht, zumindest überdacht werden.

Die Gesetze sind mir dabei gar nicht so wichtig.
Wichtig wäre mir, wenn alle sehen können, dass in Sachen Diskurs früher sehr viel arg verkehrt lief.

In einem Psychotherapieforum fällt mir dazu sofort die Ausgrenzung von Homosexuellen ein.
Bis 1980 waren die insgesamt schwer krank (damit Diskurs auf Augenhöhe ausgeschlossen)
Bis heute werden ihnen Therapien angeboten, wenn sie persönliche Schwierigkeiten mit ihrer Sexualität haben. Einerseits gut. Andererseits, die „Schwierigkeiten“ haben sie oft ja nicht allein selbst, sondern deshalb, weil die Umwelt auf sie weiter nicht so reagiert, wie auf Heterosexuelle.
Dazu insgesamt sehr lesenswert:http://www.psychosoziale-gesundheit.net ... verse.html

Meine Sicht: Freier Diskurs früher? Nur für Auserwählte! Freier Diskurs heute: Zwar nicht perfekt, auch immer noch nicht für alle, alle gleichberechtigt, aber immerhin möglich, viel besser möglich als früher.

LG hawi
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stern
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Beitrag Sa., 11.07.2020, 20:19

Wer im Harper's Magazine zu Wort kommt, den sehe ich zunächst nicht so sehr in seiner Meinungsfreiheit begrenzt.

Und weil du Homosexuelle schreibst: Rowling ist mir die letzte Zeit v.a. durch Meinungen zu Transsexuellen aufgefallen, die diese erschütterten. Auch hier sehe ich es so, dass ihre Äußerungen sogar eine solche Reichweite haben, dass sie sogar mich erreichten - mehrmals, ohne speziell danach oder nach ihr gesucht zu haben. Bringe ich also auch zunächst nicht damit zusammen, dass sie ihre Meinung nicht äußern kann.

Manche mutmaßen, ihre Unterzeichnung steht damit in Zusammenhang (weil es logischerweise auch öffentlichen Gegenwind für ihre öffentlichen Aussagen gab). Weiß ich nicht, würde es aber auch nicht so abwegig finden, wenn sie sich nun etwas um den Absatz ihrer Bücher sorgt.
Liebe Grüsse
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Beitrag Sa., 11.07.2020, 21:01

Druckfrisch:
Trump will wegen "Indoktrinierung" gegen Universitäten vorgehen
Der US-Präsident hat Universitäten und Schulen "linksradikale Indoktrinierung" vorgeworfen.
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/202 ... streichung

Die republikanische Interpretation von Freiheit, wie ein Kommentator schrieb. Insofern... weiß ich nicht, ob ich folgendes so unterschreiben würde. Zitat aus dem Eingangs verlinkten Artikel (als Quelle)
...so haben sich diverse Parteien (in der Regel sind es bemerkenswerterweise auch hier wieder gerade jene des linken politischen Spektrums) während der letzten Jahre intensiv für Bestrafungsmöglichkeiten der Autoren sogenannter “Hetz-Postings” ein- und diese z.T. auch politisch durchgesetzt.
Das dt. NetzDG entstand unter schwarz-rot... und Ö hatte nur Glück, dass die schwarz-blaue Regierung geplatzt ist, die sich auch am NetzDG orientierte und sogar eine Klarnamenpflicht vorsehen wollte. :lol: Nun scheint die "neue" (immerhin mit einem ÖVP-Kanzler) etwas auszuarbeiten... irgendwo habe ich gelesen ohne das NetzDG als Vorbild.

https://kurier.at/meinung/zivilcourage- ... /400967021
Es geht nicht an, dass oft nicht einmal die Staatsanwaltschaft Auskünfte aus dem Silicon Valley bekommt, wenn es um strafrechtlich relevante Einträge geht, wie das die Justizministerin schilderte. Wenn nicht einmal der Rechtsstaat sich in diesen Fragen zu helfen weiß, kann man sich ausrechnen, wie vielversprechend es ist, privat einen Internetkonzern zu klagen. Wer online diffamiert oder herabgewürdigt wird, kann sich gern einen teuren Anwalt nehmen, um damit – leider, leider – mehr oder weniger nichts zu erreichen.
Quelle: Kurier

Für große Plattformen natürlich unliebsamen Mehraufwand... aber...
Liebe Grüsse
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Joa
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Beitrag So., 12.07.2020, 04:58

Naja, dass (vor allem) rechte Hetze in den letzten Jahren im Internet (und offline) deutlich zugenommen hat, ist ja Fakt. Von daher ist es kein Wunder, wenn versucht wird, hier gegenzusteuern.

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Beitrag So., 12.07.2020, 08:01

In 70 Jahren Grundgesetz ist das Verständnis und die Bedeutung von Meinungsfreiheit in D eigentlich recht konstant (hoch) geblieben. Sie ist aber (wie dzt. gerne in Bezug auf das Recht der körperlichen Unversehrtheit betont wird), trööörööo, auch kein absolutes Recht. Das heißt sie steht z.B. nicht über der Menschenwürde anderer Menschen (sondern ggf. sind verschiedene Rechtsgüter, die betroffen sind, abzuwägen).

Was es damals noch nicht gab (und eher neu ist): Social Media... bzw. das Internet. Und damit ist die Rechweite für jede Meinung größer und ergo auch die positive und/oder negative Resonanz. Ist aber im Grunde auch gelebte Meinungsfreiht (solange dabei keine Straftaten begangen werden). Neuer ist damit auch die Frage: Wie kann man solche (Netz-)Räume so gestalten, dass sie kein rechtsfreier Raum sind (und betroffene Rechte auch durchsetzbar sind).

Weiß nicht ob soziale Kontrolle hier in jedem Fall passt... denn was der eine für Meinungsfreiheit hält, kann für eine andere Person eine Verletzung ihrer Rechte oder Position sein (mit legitimen Interesse der Abhilfe).

Und neuer ist vielleicht auch, dass social Media positive und negative Dynamiken hervorbringen kann, die nicht immer so kalkulierbar sind. Aber solange keine Straftaten begangen werden, wäre auch das gelebte Meinungsfreiheit. Persönlich finde ich es eher gut, dass es auch Resonanz auf auf die öffentlichen Aussagen von z.B. Rowling gibt (die vor 70 Jahren sicherlich anders ausgefallen wäre)... und die Masse der Leser das nicht schweigend zur Kenntnis genommen hat.

Oder Sonja Zieltlow, die Social Media nach eigenen Worten unterschätzt hat (und sich als Konsequenz von Facebook verabschiedete). Wie sie privat tickt, weiß ich nicht, aber als Person der Öffentlichkeit moderiert(e) sie Formate, in denen es nicht gerade zimperlich zugeht. Hat mich daher etwas gewundert, dass sie vergleichweise empfindlich reagierte als sie selbst in die Nähe von Verschwörungstheorien gerückt wurde (einschlägige Blogs kopierten auch Aussagen von ihr... auch das ist schwer kontrollierbar, wer das nutzt). Nöo, ich halte sie nicht für eine Verschwörungstheoretikerin... aber entsprechende Resonanz wie "Verschwörungstheorie" wäre wohl genauso von der Meinungsfreiheit gedeckt wie ihre (umstrittenen) Aussagen. Sei es, ob sich jemand die Mühe einer Begründung machte oder darauf verzichtete.

Da auch jeder die Freiheit hat, seine (veganen) Brotaufstriche selbst auszuwählen, kann es auch passieren, dass manche veganen Brotaufstriche weniger nachgefragt werden, wenn man sich mit medialen Entgleisungen des Herstellers nicht mehr identifizieren kann.

Ich hätte den Brief, von dem die Rede ist, wohl auch eher nicht unterschrieben... zur Kritik siehe u.a. Beiträge von Hawi.

Ich weiß auch nicht, wie die Unterzeichner sich das praktisch vorstellen. Müsste z.B. garantiert werden, dass vegane Brotaufstriche einer bestimmten Sorte oder Bücher trotzdem vertrieben und absetzt werden, so könnte das schnell zu Lasten Freiheiten anderer gehen. Zumal es verschiedene Händler, Verleger, Kunden oder Arbeitgeber gibt. In D ist mind. der Kündigungsschutz reguliert, aber dem Arbeitgeber werden grds. auch Freiheiten bei der Auswahl der Mitarbeiter, die er für sch arbeiten lässt, zugebilligt. Auch diesbzgl. wird man dt. Verhältnisse nicht auf jedes Land umlegen können.

Oder selbst ein dt. Arzt einer Schwindelambulanz hat seine eigene Protestbewegung verlassen, u.a. wegen der unkalkulierbaren Dynamik... und gründet lieber eine Partei. Auch hier komme ich zum Ergebnis... in D darf man doch fast alles sagen. Fast. Nur kann mediale Publicity auch Schattenseiten haben.
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Beitrag So., 12.07.2020, 09:16

Joa hat geschrieben:
So., 12.07.2020, 04:58
Naja, dass (vor allem) rechte Hetze in den letzten Jahren im Internet (und offline) deutlich zugenommen hat, ist ja Fakt. Von daher ist es kein Wunder, wenn versucht wird, hier gegenzusteuern.
Joa, mir fällt die auch am meisten auf, aber unter die Überschrift „soziale Kontrollgesellschaft“ hier fällt sicher viel mehr.

Ich überleg grad, ob es nicht womöglich sogar umgekehrt ist.
Mindestens für die halbwegs demokratischen Staaten gilt, finde ich: Es war nie einfacher, leichter für den einzelnen, sich (öffentlich) zu Wort zu melden, zu äußern, als heute.
Wer was zu welchem Thema wie sagt? Vor den Zeiten des Internet gab es im Vergleich zu heute enge Grenzen. Das PTF ist dafür ein ganz gutes Beispiel, finde ich. Vieles, das hier User für sich thematisiert habe, thematisieren? Ohne Internet wäre da so manches gar nicht erst angesprochen worden. Nicht nur, aber auch deshalb, weil im real life die „soziale Kontrolle“ halt größer ist.
Das gilt nicht nur für Themen, die hier angesprochen werden, das gilt für fast alle Themen, die Mensch beschäftigen. Mit dem Internet geht da heute viel, viel mehr, als vormals.
Wie alles hat auch das nicht allein Vorteile. Weil im Netz die real life Kontrollgesellschaft nicht wirkt, fehlt grad dort der „Rahmen“ für das, was geäußert wird, wie es geäußert werden kann.
Mehr noch. Weil eine Äußerung viel mehr Leute erreicht, merken grad die, die früher vielleicht gar nicht gehört wurden, dass sie nun nicht nur beachtet werden, dass sie noch dazu gar nicht so allein sind, wie sie mal dachten.
Umgekehrt: Die, die in der alten real life Kontrollgesellschaft lange über die Diskursthemen bestimmten, die viel zu sagen hatten, oft zu Wort kamen, oft auch stellvertretend für andere (zumindest aus ihrer eigenen Sicht), all die sind so wichtig nicht mehr. Mehr noch, auf einmal müssen sie mit den „ganz normalen“ Leuten konkurrieren. Betrifft z.B. Journalisten, Politiker, aber auch zig andere Bereiche. Es gibt immer weniger „geschlossene Gesellschaften“, Expertenzirkel, u.v.m., die über den Diskurs „bestimmen“. Um ein heutiges Schlagwort mal anders zu verwenden: Der Diskurs ist insgesamt populistischer geworden, ist näher am Volk, weil Diskurs nicht mehr die exklusive Angelegenheit weniger ist.

Der „neue“ Diskurs?
Ganz grob seh ich zwei Überschriften: Mangels alter real life Kontrollgesellschaft kommen Minderheiten besser und anders zu Wort als früher, auch wirksamer.
Umgekehrt kämpfen so manche, die mal darüber bestimmten, was wichtig und was nicht ist, was richtig und was falsch, was Gesellschaft sein soll und was nicht, um ihre Pfründe.
Beides oft nicht klar voneinander zu trennen.
Z.B. zum Stichwort „Lügenpresse“, „fake news“? Auch ein Kampf von zwei alten „Eliten“. Einerseits die alten Medien, die so meinungsmachend wie früher nicht mehr sind. Andererseits aber auch die „Traditionalisten“, all die, die mal die Macht hatten, vorzugeben, was gut und was böse ist.
Für beide gilt: Die Kontrolle, Macht, die sie mal hatten, haben sie nach und nach nicht mehr. Jedenfalls nicht unter demokratischen Vorzeichen.

Problem im Moment: Wo gibt es neue Gemeinschaft, wie sieht die neue „soziale Kontrollgesellschaft“ aus? Zur Zeit viel Kampf. Verständlich. Aber ohne neue Kompromisse, Verständigungen, verlieren nach und nach alle. Wie bei einem realen Krieg.

LG hawi
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