Job: Go's und NoGo's mit psychischer Beeinträchtigung

Was Sie in Bezug auf Ihre eigene Zukunft, oder auch die gegenwärtige Entwicklung der Gesellschaft beschäftigt oder nachdenklich macht.

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Job: Go's und NoGo's mit psychischer Beeinträchtigung

Beitrag So., 22.11.2020, 19:10

Hallihallo, mich treibt gerade ein Thema um: Wie muss ein Job für psychisch erkrankte Menschen gestaltet sein? Ich meine nicht, welcher Job passt, sondern wie sollte es auf Arbeit laufen, damit man es packen kann... sicher, jeder und jede ist anders, aber vielleicht lassen sich doch Gemeinsamkeiten finden...?

Ich mag an meinem Job gerade, dass ich sehr frei bin, mir die Zeit gut selbst einteilen kann und dass ich ein eigenes Büro habe. Ansonsten passt er gut zu meinen Stärken, ich kann, was ich zu tun habe und bin daher selten frustriert... ich habe angenehme Kollegen, das Klima am Arbeitsplatz stimmt für mich. (Wobei es mir schon manchmal zu nah und fast zu freundschaftlich ist, aber besser so als totale Ellenbogenmentalität).

Ich frage, weil ich befristet beschäftigt bin und mich bald wieder bewerben muss. Da ich eine Schwerbehinderung habe, kommen da wahrscheinlich Fragen dazu, wie man mich unterstützen kann und mir fällt wirklich wenig ein, worauf Rücksicht genommen werden muss... gleichzeitig habe ich gerade vermutlich eine wirklich guten Arbeitgeber und mir fällt partout nichts ein, was für mich nicht geht Außerdem finde ich das Brainstorming auch so sehr interessant: Wie muss ein Job gestaltet sein, damit psychisch kranke Arbeitnehmer ihn machen können (Stichwort Inklusion und zwar wirklich!) und wie sollte er absolut nicht gestaltet sein, weil man sonst definitiv Probleme bekommt? Bei mir ist Schichtdienst ärztlicherseits ein NoGo- und ich möchte so auch nicht arbeiten müssen. Was ich nicht leiden kann, schon erlebt habe: Angeschrien werden - ich nehme das definitiv mit nach Hause... aber ich denke, kein Arbeitnehmer sollte angeschrien werden; dann stimmt in dem Unternehmen was nicht, kann der Chef oder die Chefin nicht ordentlich führen und das ist ja dann wiederum keine erkrankungsbedingte Schwachstelle von mir.

Soweit von mir fürs erste. Würde mich wirklich über einen Austausch freuen. Einfach auch, weil ich für mich gerne reflektieren würde, worauf ich bei der Jobsuche achten muss, was ich vielleicht im Vorstellungsgespräch schon abfrage oder sagen. Und ich finde es auch allgemein eine interessante und wichtige Frage.


Candykills
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Beitrag So., 22.11.2020, 19:18

Spontan würde mir als erstes einfallen "eigenes Büro", weil ich Stimmen höre und nen Affen kriegen würde, wenn da noch eine andere Person sitzt, die auch babbelt.
Es gäbe sicher auch noch viele andere Punkte, aber das sprang mich jetzt auf anhieb an, was mir helfen würde, hätte ich denn einen Bürojob.
Naja und ganz wichtig für mich finde ich Gleitzeit. Egal, ob Bürojob oder nicht. Einfach wegen der Medis abends, die teilweise morgens noch deutlich nachwirken.


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Beitrag So., 22.11.2020, 19:22

Stimmt, dass mit der Zeit ist für mich gerade schon fast selbstverständlich - ich brauche da auch REgelungen wegen meiner Arzttermine etc. Und eigenes Büro ist für mich auch ziemlich wichtig, weil ich irgendwie so dünnhäutig bin und mir andere mit der Zeit zuviel werden. (Etwas, was ich nie sagen würde...) Außerdem fällt mir ein, dass ich home office Regelungen ganz gut finde- auch um Psychotherapie und Arzttermine unter einen Hut mit dem Job zu bringen.


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Beitrag So., 22.11.2020, 19:30

Was mir noch einfällt, ich möchte nicht den Druck haben "unersetzbar" zu sein - das heißt, ich möchte in einem Team arbeiten, wo jemand notfalls einspringen kann, wenn ich mal ausfalle/ angeschlagen bin. Ein Job, wo alle Verantwortung auf mir ruht, würde mich kirre machen. Ersetzbar ist natürlich immer jeder irgendwie, aber es gibt Jobs, da hat man seinen ganz eigenen Aufgabenbereich und die Kollegen können notfalls nicht übernehmen - und das würde mit meiner Persönlichkeit nicht passen; außerdem würde man mich an so einer Stelle sicher ersetzen, wenn ich mal ausfalle.


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Beitrag So., 22.11.2020, 19:35

Ja, es ist natürlich schwierig in einem Bewerbungsgespräch auf einen eigenen Büroraum zu bestehen. Das würde ich mich jetzt nicht vagen. Aber das mit den Arbeitszeiten bzw. Gleitzeit (da hast du ja auch Argumente wie Arzttermine...), würde ich wohl schon mich trauen anzusprechen. Das Argument, dass die Medis nachwirken, darauf würde ich natürlich verzichten, weil sonst denken die am Ende noch, dass man überhaupt nicht richtig einsatzfähig durch die Medis ist.


Fighter1993
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Beitrag So., 22.11.2020, 19:48

Schwierig da pauschal was zu sagen. Kommt ja auch auf den Job an. Ich arbeite mit Borderline (und Depris, vermutlich auch PTBS) als Erzieherin. In dem Job sind einige Dinge gefragt, die ich im privaten Umfeld nicht gebacken kriege, aber es ist nunmal mein Job, den ich mir ausgewählt habe und bei dem ich wusste, was auf mich zukommt. Ich mein, ich lern ja jetzt auch nicht Dachdecker, wenn ich Höhenangst hab oder werd Arzt, wenn ich bei Blut regelmäßig umkippe.
Wenn ich da jetzt auf Besonderheiten pochen würde, würde man wohl sagen "such dir was anderes". Was ich allerdings wichtig finde/fand, dass ich meinen Therapietermin zeitlich unterkriege. Ist beim aktuellen Job wunderbar gelöst, jeder hat nen kurzen, festen Tag in der Woche. Ansonsten hat sichs mit den Kollegen ergeben, dass ich tendenziell eher nicht zu Firmenfeiern kommen werde. Im Sommer beim Teamgrillen war ich dabei, war für mich gefühlter Horror, aber ich habs immerhin versucht. Und so kann ich jetzt ruhigengewissens sagen, ich habs mal probiert, liegt nicht an euch, sondern an mir. Denn während der Arbeitszeit komme ich mit meinen Kollegen gut zurecht und wir verstehen uns super.
Also das, was mir in meinem Job hilft, kann in einem anderen Job (noch dazu mit nem ganz anderen Menschen und anderen Beeinträchtigungen) wieder ganz anders aussehen.


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Beitrag So., 22.11.2020, 19:50

Genau, aber Arzttermine, die man nicht in der Arbeitszeit wahrnehmen möchte, damit kann man durchaus Gleitzeit und auch home office Regelungen begründen. Das habe ich damals auch so gemacht und es kam nicht schlecht an (hab den Job ja bekommen). Eigenes Büro ist tatsächlich schwierig. Ich muss beruflich viel schreiben und kann das dann irgendwie so begründen (Konzentration, brauch ein Schreibbüro oder ähnliches), aber das würde ich wohl im Bewerbungsgespräch tatsächlich aussparen - maximal sagen, dass ich zum Schreiben schon ein ruhigeres Büro bräuchte. Aber dass ich das auch Behinderungsgründen brauche, würde ich wohl nicht sagen, wobei ich damals gesagt habe, meine Ärztin schließt für mich ein Großraumbüro und Schichtdienste mit Nachtarbeit aus, wobei ja beides in dem Job keine Rolle spielt. Was für mich wichtig ist: Kollegen, die kollegial sind, keine Mobber oder ähnliches Gesocks. Aber auch das ist Wünsche-dir-was, ohne das man es erwähnen sollte...


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Beitrag So., 22.11.2020, 19:56

Fighter, ich bin mir gar nicht so sicher, ob Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen wirklich soviel anders arbeiten wollen, als "Normalos" (also solche, die keine offizielle Diagnose haben, weil sie nie zum Psychiater gegangen sind). Ich denke sehr häufig, dass Menschen mit ner psychischen Störung, die vielleicht wirklich manchmal weniger belastbar sind, an Stellen weniger belastbar sind, die auch für den "NOrmalo" schwierig auszuhalten sind. 40h sind zum Beispiel heftig. Ich weiß von Kollegen, dass die auch jammern, weil man einen Tag für den Haushalt braucht und dadurch effektiv nur einen Tag frei hat im eigentlichen Sinne. Und ich würde schon gerne mal herausfinden, ob die Bedürfnisse für den "Idealjob" sich so sehr unterscheiden... Meine Mutter geht auch nicht auf ihre Firmenfeiern; Freizeit ist ihr Motto, da will sie die Kollegen nicht sehen.

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Joa
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Beitrag So., 22.11.2020, 20:07

Hmm... Ich geh's jetzt mal von der anderen Richtung an - was ich zuletzt alles in meinem alten Job hatte und mich letztendlich beinahe in den Suizid getrieben hat.

Geteiltes Büro mit offener Tür und sehr viel Geschimpfe in den Nebenräumen, bei gleichzeitiger Unfähigkeit mich abzugrenzen bzw. extremer Durchlässigkeit. Unfreiwillig über längere Zeit in eine nicht austauschbare Führungsposition "reingerutscht", bei hoher Verantwortung und ständigen Anfragen von allem und jedem. Dazu ein Arbeitsfeld, das für mich null gepasst hat. All das darf und wird nicht mehr so sein, hab dadurch wenigstens gelernt, was definitiv nicht geht.

Mein neuer Job ist auch im Büro, aber ganz anders.


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Beitrag So., 22.11.2020, 20:12

Ja, Joa, ich kann da voll mitgehen. Ich war früher in einer anderen Branche tätig, totale Ellenbogenmentalität und es wurde geschrien, weil alle so unter Druck standen. Keine Kollegialität, man hat probiert sich gegenseitig auszustechen etc. DAS war für mich die absolute Hölle. Und ich denke, die ist es für viele Menschen. Ich hab damals im Ausland gearbeitet und die deutsche Ärztin bei der ich wegen einer Erkältung war, hat mir gesagt, dass meine Institution Menschen produziert, die in psychosomatische Reha müssen. Ich solle den Berufszweig aufgeben. Das schaffen die wenigsten. Und darüber denke ich viel nach... ich frage mich einfach, ob Unternehmen sich zu unrecht vor psychisch erkrankten Mitarbeitern fürchten- eigentlich sind die das beste Frühwarnsystem, was ein Unternehmen haben kann, wenn es um die Unternehmenskultur etc. geht.


kaja
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Beitrag So., 22.11.2020, 20:16

Ich kann auch Unternehmen verstehen, wenn sie sich davor scheuen einen psychisch Kranken einzustellen.
Sie gehen damit, teilweise, ein ziemliches Risiko ein und haben auch eine Verantwortung gegenüber den anderen Mitarbeitern. Ich denke das ist keine Einbahnstraße.
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Beitrag So., 22.11.2020, 20:18

kaja hat geschrieben:
So., 22.11.2020, 20:16
Ich kann auch Unternehmen verstehen, wenn sie sich davor scheuen einen psychisch Kranken einzustellen.
Sie gehen damit, teilweise, ein ziemliches Risiko ein und haben auch eine Verantwortung gegenüber den anderen Mitarbeitern. Ich denke das ist keine Einbahnstraße.
Aber warum? Was ist an diesen Mitarbeitern, wenn die Unternehmenskultur stimmt und sie sich selbst einschätzen können (zum Beispiel, ich mach nur Teilzeit etc.) so ein Risiko?


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Beitrag So., 22.11.2020, 20:23

Ich kenne das durch viele konkrete Beispiele.

Kernfaktoren sind dabei meist hohe Fehlzeiten und verminderte Leistung. In der Folge kommt es meist zur überproportionalen Belastung der anderen Mitarbeiter und zu ungerechter Entlohnung. Das schafft natürlich Frust unter Kollegen.
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Beitrag So., 22.11.2020, 20:31

Gut, jetzt weiß ich nicht, welche Branche und ob da sonst alles passt. Jeder kann ausfallen und ich bin dieses Jahr auch ausgefallen, es war etwas mehr Arbeit für meine Kollegen in der Zeit- das stimmt - aber momentan sind die Leute auch nicht alle auf Arbeit, weil Erkältung... meine längere Fehlzeit gleicht sich gerade aus. ;-) Und verminderte Leistung ist für mich immer so ein Ammenmärchen. Hab jemanden mit schweren Depressionen in der Familie, die mittlerweile einen Führungsposten hat. Sicher, sie kann ausfallen, aber vor Ort leistet sie enorm viel, vielleicht mehr als gesunde Menschen, weil sie so gestrickt ist. Das heißt, ich kenne gegenteilige konkrete Beispiele. ;-) Und gegen Frust unter Kollegen gibt es eben ein Mittel: Eine vernünftige Gesprächskultur im Unternehmen...


kaja
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Beitrag So., 22.11.2020, 20:35

Quer durch alle Branchen und alle Unternehmensgrößen.

Es ist keineswegs ein Ammenmärchen und lässt sich auch konkret beziffern. Die entsprechenden Gutachten lese ich täglich.

Reden hilft den Kollegen nicht, wenn sie die fehlende Leistung eines anderen Kollegen ausgleichen müssen.
Wenn beide für den gleichen Job angestellt werden und gleich bezahlt werden, dann geht das immer zu Lasten desjenigen der die verminderte Leistung des anderen ausgleichen muss.
After all this time ? Always.