Scham wegen Dissoziation

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Betti
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Scham wegen Dissoziation

Beitrag Fr., 16.09.2022, 21:25

Ich bin jetzt schon mehrere Jahre in Therapie und habe die dritte Thera. Bei der ersten habe ich sehr oft dissoziiert, da wusste ich das noch nicht mal. Sie hat es mir dann irgendwann gesagt was da immer passiert. Bei der aktuellen Thera kam das auch schon des Öfteren vor. In letzter Zeit passiert das immer öfter und sie meint, dass es immer schwieriger wird mich da raus zu holen.
In der letzten (regulären) Stunde diese Woche hat sie mir dann schon eher gegen Ende hin DIE Frage gestellt. Die Frage vor der ich mich immer gefürchtet habe. Ganz am Anfang (bei Therapiestart) hat sie es auch schon mal versucht, aber da konnte ich noch irgendwie ausweichen ohne abzudriften. Tja zumindest war ich dann weg und kaum mehr zurückzuholen. Sie hat sich dann sichtlich Sorgen gemacht, es viel ihr schwer mich gehen zu lassen und sie forderte mich regelrecht auf, dass ich noch eine Runde spazieren gehe bevor ich mich ins Auto setze. Ich war aber so neben der Spur, dass ich nicht mal mehr das hinbekommen habe. Ich habe es irgendwie heim geschafft bin aber aus der Dissoziation kaum mehr rausgekommen, wenn dann immer nur kurz.

Alles negative hat überhandgenommen (Essen, SVV), da ich versucht habe mich da irgendwie wieder raus zu katapultieren. Irgendwann in der Nacht habe ich ihr dann eine Mail geschickt, da ich gehofft hatte, das Schreiben erdet mich wieder (ich schreibe ihr öfter Mails, ist so zwischen uns vereinbart). Die ganze Nacht war schrecklich, Alpträume haben mich heimgesucht und am nächsten Tag ging es so weiter. Ich habe es geschafft kurzzeitig zu funktionieren um meine Kinder in Schule und Kindergarten zu bringen und dann ging es wieder los.

Schlussendlich hat sie mich per SMS kontaktiert um nachzufragen wie es mir geht. Da alles andere als gut, haben wir einen Notfalltermin vereinbart. Und dieser Termin war einfach nur schrecklich. Gefühlt hing ich fast 50 Minuten in der Dissoziation drinnen. Sie wollte mit mir spazieren gehen, sie hat versucht mich ins Hier und Jetzt „zu befördern“, sie hat sich nahe an mich gesetzt, mich laut angesprochen (das ist zumindest das was ich weiß). Aber ich kam immer nur kurze Zeit da raus. Und jetzt schäme ich mich so extrem dafür. Ich schäme mich so sehr für diesen Zustand. Ich weiß, für Therapeuten ist das was „Normales“, was Alltägliches. Aber ich würde am liebsten im Boden versinken. Ich habe einfach nur mehr Angst, dass das in der nächsten Stunde wieder passiert. Ich weiß nicht mehr wie ich damit umgehen soll und würde am liebsten gar nicht mehr hinfahren. Natürlich weiß ich, dass das nicht die Lösung ist. Dass ich es mit ihr besprechen muss. Aber schon wenn ich daran denke bekomme ich Schweißausbrüche und der Magen dreht sich mir um. Ich habe zwischendurch auch bemerkt, dass sie wütend wurde. Wütend, weil nichts anzuschlagen schien bei mir. :kopfschuettel: So lange war ich noch nie „weg“. Hat wer von euch schon mal ähnliches erlebt?

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R.L.Fellner
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Beitrag Fr., 16.09.2022, 23:01

Liebe Betti,
Betti hat geschrieben: Fr., 16.09.2022, 21:25Ich weiß, für Therapeuten ist das was „Normales“, was Alltägliches.
damit haben Sie zwar nicht ganz recht (außer, wenn Sie psychiatrische Stationen meinen), aber bei zumindest einigen KlientInnen pro Woche gehört das selbst in ambulanten Praxen durchaus dazu - Sie haben also beinahe ganz recht. ;-)

Insofern möchte ich Sie ermutigen, dranzubleiben.

Allerdings ein paar Gedanken: Dissoziationen sind häufig ein Symptom emotionaler Überlastung. Ihre Therapeutin sollte das aus meiner Sicht erkennen und adäquat darauf eingehen können (was nicht sofort gelingen muss, aber innerhalb eines gewissen Zeitraumes durchaus schon). Längerfristig immer wieder in Therapiestunden in Dissoziationen abzudriften - das hört sich für mich offen gesagt nicht gut an. Sind Sie bei einer ausgebildeten Psychotherapeutin, die Fortbildungen bzgl. Traumatherapie absolviert hat? Ich hielte es für wichtig, dass Sie gut gestützt und begleitet werden und lernen, die Dissoziationen zu steuern und zumindest innerhalb der Therapiesitzungen zu managen.
Wenn Sie es dort nicht lernen und umsetzen können - wie soll es dann "draußen" gelingen?

Sprechen Sie Ihre großen Sorgen und schlechten Gefühle wegen dieser Kontrollverluste durchaus an und fragen Sie, ob Ihre Therapeutin optimistisch ist, Sie dabei unterstützen zu können, sie in den Griff zu bekommen.

Dafür wünsche ich Ihnen den nötigen Mut (aber wie gesagt: Dies sollte für die Therapeutin völlig okay sein!), und alles Gute für die hierauf folgenden Schritte!

Herzlichen Gruß,
R. L. Fellner

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Betti
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Beitrag Fr., 16.09.2022, 23:44

R.L.Fellner hat geschrieben: Fr., 16.09.2022, 23:01 Allerdings ein paar Gedanken: Dissoziationen sind häufig ein Symptom emotionaler Überlastung. Ihre Therapeutin sollte das aus meiner Sicht erkennen und adäquat darauf eingehen können (was nicht sofort gelingen muss, aber innerhalb eines gewissen Zeitraumes durchaus schon). Längerfristig immer wieder in Therapiestunden in Dissoziationen abzudriften - das hört sich für mich offen gesagt nicht gut an. Sind Sie bei einer ausgebildeten Psychotherapeutin, die Fortbildungen bzgl. Traumatherapie absolviert hat? Ich hielte es für wichtig, dass Sie gut gestützt und begleitet werden und lernen, die Dissoziationen zu steuern und zumindest innerhalb der Therapiesitzungen zu managen.
Ja ich bin bei einer ausgebildeten Psychotherapeutin. Ich glaube das ganze hat sich nun auch zugespitzt wegen einer Diagnose. In über fünf Jahren Therapie ist sie die erste Therapeutin, die erkennt was wirklich los ist. Und ich glaube das wirft mich gerade ziemlich aus der Bahn. Ich hatte immer "nur mittelgradige Depressionen". Bei allen Theras und allen Ärzten. Und plötzlich sagt mir jemand was Sache ist. Und ich finde mich in allen Symptomen wieder. Und das hat mir regelrecht den Boden unter den Füßen weggerissen. Also für mich ist sie die erste Person, die wirklich erkennt was mit mir los ist. Die erste, welche versucht eben richtig damit umzugehen und auf mich einzugehen.

Es mag ihr vielleicht die letzten Male nicht gut gelungen sein mich gut aus der Dissoziation rauszuholen, aber ich weiß auch, dass ich mich gegen vieles wehren kann. Auch wenn nicht bewusst gewollt oder herbeigeführt. Aber in mir wehrt sich etwas, dass wieder in die Realität zurück geholt werden möchte. Warum, das weiß ich dann leider selber oft nicht. Ich habe das Gefühl, das kann ich dann nicht mehr selbst entscheiden. :kopfschuettel:

Trotzdem ist da diese große Scham, ich habe regelrecht Angst davor ihr wieder in die Augen zu sehen. :anonym:

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Sinarellas
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Beitrag Sa., 17.09.2022, 09:07

Hat dann "DIE" Frage etwas mit der Diagnose zu tun?

So eine heftige Schamattacke kenne ich, teilweise erlebe ich sie auch andauernd in bestimmten sozialen Verbindungen also Bekannten, Kollegen oder wenn ich an etwas denke, was mit jenen zu tun gehabt hat, die Scham wie ich mich verhalten habe, Scham so gewesen zu sein überall und andauernd Scham.
Ich weiß, dass es bei mir durch die Komplextraumatisierung kommt, diese Verbindung herzustellen war für mich wichtig, mehr in die Theorie zu gehen und als Beobachter auf einer anderen Außenebene zu sehen, was warum wie zu diesem heftigen Gefühl der Scham führt oder führte.

Ich kann dir empfehlen zu versuchen von außen dies mit der Therapeutin zu explorieren, also die Gründe für die Scham, nützt aber nix, wenn das dich dann ständig in die Dissoziations-Mechanismen befördert, das heißt du braucht Werkzeuge an die Hand, die du selbst verwenden kannst um adäquat aus dissoziativen Zuständen rauzukommen, denn mit Dissoziation bist du nahezu nicht aufnahme- und lernfähig.

Bevor ihr weiter über so super heftige Triggerpunkte wie "DIE Frage" sprecht (du hälst dich sicher aus guten Gründen bedeckt, daher frage ich nicht weiter) sondern erst mal über Werkzeuge redet, wie du wieder aufnahmefähig wirst.
Es gibt Übungen die helfen können einerseits Auslöser zu definieren und Anzeichen von aufkommender Dissoziation zu erkennen, vorher einzuschreiten und den Ablauf vorher zu stoppen.

Merke: Scham ist eine Kompassnadel, sie teilt wichtige Informationen zu Verbindungen vom Hier und Jetzt zu damals mit.
Scham ist ein Gefühl, was man regulieren kann und kein übermächtiges Monster, was einen auffrisst.
..:..

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Gespensterkind
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Beitrag Sa., 17.09.2022, 11:06

Ich denke auch, dass Du Dich nicht für das Dissoziieren schämen musst, weil es nicht etwas ist, womit die Therapeutin nicht umgehen kann.
Allerdings sehe ich das auch recht kritisch, dass Du so sehr in die Dissoziation immer mehr driftest. Das kann in der Therapie immer wieder passieren, klar. Aber wenn das nun ein paar Mal so heftig vorgekommen ist, dann würde ich auch annehmen, dass zunächst vielleicht mal ein "Strategiewechsel" sinnvoll sein könnte. Also, dass es jetzt zunächst einmal nicht um "belastende Erlebnisse", "belastende Fragen" etc. gehen sollte, sondern zunächst um Stabilisierung, Techniken, wie Du Dich selbst stabilisieren kannst etc. etc. gehen sollte.
Entschuldige wenn ich es überlesen haben sollte, aber welche Therapierichtung machst Du denn?

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peppermint patty
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Beitrag Sa., 17.09.2022, 12:21

Bei mir kam während des Lesens der Eindruck auf, als wolltest du dich gar nicht von der Therapeutin aus der Dissoziation herausholen lassen. Als sei da ein Widerstand dies zu wollen.
Ob dieser Widerstand gegen die Therapeutin oder gegen die aufkommenden Themen gerichtet ist, weiß ich natürlich nicht. Genauso wenig, wie ich weiß, ob meine Eindruck richtig ist.
Kann es sein, dass du dich deswegen so furchtbar schämst, weil du es der Therapeutin unmöglich gemacht hast dich aus der Dissoziation herauszuholen? Das wäre für mich zwar nachvollziehbar, aber besprechbar, denn es gibt ja Gründe dafür.

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amorfati
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Beitrag Sa., 17.09.2022, 14:22

Betti hat geschrieben: Fr., 16.09.2022, 21:25 Und jetzt schäme ich mich so extrem dafür. Ich schäme mich so sehr für diesen Zustand. Ich weiß, für Therapeuten ist das was „Normales“, was Alltägliches. Aber ich würde am liebsten im Boden versinken. Ich habe einfach nur mehr Angst, dass das in der nächsten Stunde wieder passiert. Ich weiß nicht mehr wie ich damit umgehen soll und würde am liebsten gar nicht mehr hinfahren. Natürlich weiß ich, dass das nicht die Lösung ist. Dass ich es mit ihr besprechen muss. Aber schon wenn ich daran denke bekomme ich Schweißausbrüche und der Magen dreht sich mir um. Ich habe zwischendurch auch bemerkt, dass sie wütend wurde. Wütend, weil nichts anzuschlagen schien bei mir. :kopfschuettel: So lange war ich noch nie „weg“. Hat wer von euch schon mal ähnliches erlebt?
Liebe Betti,

ich weiß nicht, ob du mit meiner Antwort etwas anfangen kannst, weil ich keine große Hilfe sein kann, aber ich wollte dir dennoch gerne antworten, denn deine Geschichte hat mich sehr berührt.
Ja, ich habe definitiv relativ zum Ende meiner Therapie ähnliches erlebt. Also fühl dich schonmal gedrückt.

Auf die Gefahr hin, zuviel preiszugeben: Ich bin zum ersten Mal bewusst in eine harte Dissoziation gerutscht, als es nach über 2 Jahren Therapie an ein Kindheitstrauma ging und sich gewisse Bilder zuviel Platz in meinem Kopf verschafft hatten. Meine Thera hatte keine zusätzliche Trauma-Ausbildungen, wollte mich aber dennoch durch diese Abgründe begleiten, wozu ich auch zugestimmt hatte. Rückblickend war das kein Fehler, jedoch würde ich durch meine Erfahrung jedem anderen Menschen zu einem ausgebildeten Traumatherapeuten raten. Denn wie sich während der Dissoziation herausstellte (und die paar Male danach), konnte sie genauso wenig wie ich mit diesem Zustand umgehen - obwohl sie ganz klar die Dissoziation als Dissoziation erkannte und benannte.
Ja, auch meine Thera reagierte zeitweise ungehalten und wütend und das hat auch zeitweise zu einem kleinen Bruch in unserer Beziehung geführt, weil ich mich durch ihre Reaktionen überrumpelt fühlte - wusste ich doch bis dato gar nicht, dass ich überhaupt dissoziieren kann bzw. dass meine ständige geistige und emotionale Abwesenheit wohl auf "Mini-Dissoziationen" zurückzuführen war.

Das war ihr Anteil an der Situation. Mein Anteil? Ich hatte eine gewisse Zeitspanne, innerhalb derer ich definitiv hätte "Stopp" sagen können und sollen, aber ich tat es nicht. Warum? Ich erkläre mir das als Flucht, nach wie vor. Flucht vor mir, vor ihr, vor der Therapie. Ich hing damals emotional sehr an ihr, schämte mich fürchterlich für meine Vergangenheit, für meine Gefühle ihr gegenüber und konnte auch kaum ertragen, dass sie die Wut empfand, die ich hätte empfinden sollen. Das war mir zu plötzlich zu nah... Könnte ich Romane drüber schreiben, aber hier geht es ja um dich und ich weiß natürlich nicht, ob es dir ähnlich geht. :-)

Nun ja. Was ich raten kann, sind zwei Dinge: 1. sei dir selbst ehrlich gegenüber, warum du dich nicht aus der Dissoziation holen willst (und da du ja E-Mail Kontakt hast, könntest du ihr die Gründe vielleicht auch auf diesem Wege mitteilen) und 2. wenn du solche Panik vor der nächsten Stunde hast, dann versucht zusammen, die Anspannung rauszunehmen. Bitte sie doch, beim nächsten Mal z. B. einfach, statt über "diese Frage" oder deine Dissoziation zu reden, eine Imagination durchzuführen oder Skills mit dir zu erarbeiten. Erstmal weg von den heiklen Themen, damit du dich wieder sicher fühlen kannst und die Dissoziationen dich nicht komplett rauswerfen (ist ja auch wegen deiner Kinder wichtig!).

Alles Gute für die nächste Stunde. Du schaffst das!

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Betti
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Beitrag Sa., 17.09.2022, 17:01

Sinarellas hat geschrieben: Sa., 17.09.2022, 09:07 Hat dann "DIE" Frage etwas mit der Diagnose zu tun?
...
Scham ist ein Gefühl, was man regulieren kann und kein übermächtiges Monster, was einen auffrisst.
Ja diese Frage hatte irgendwie auch etwas mit der Diagnose zu tun. Im Endeffekt ging es um ein lang andauerndes Kindheitstrauma, worüber ich nach all den Jahren Therapie noch immer nicht sprechen kann.
Ja diese Scham ist auch mein ständiger Begleiter im Alltag. Manchmal kann ich ganz gut damit umgehen, manchmal würde ich mich am liebsten in Luft auflösen. Ich habe bis jetzt keinen Weg gefunden damit umzugehen. Diese Scham fühlt sich oft einfach nur wie ein Monster an.

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Beitrag Sa., 17.09.2022, 17:13

Gespensterkind hat geschrieben: Sa., 17.09.2022, 11:06 Also, dass es jetzt zunächst einmal nicht um "belastende Erlebnisse", "belastende Fragen" etc. gehen sollte, sondern zunächst um Stabilisierung, Techniken, wie Du Dich selbst stabilisieren kannst etc. etc. gehen sollte.
Entschuldige wenn ich es überlesen haben sollte, aber welche Therapierichtung machst Du denn?
Es ging noch nie wirklich um belastende Ereignisse seit dem ich bei ihr bin. Wir sind seit über einem Jahr dabei mich zu stabilisieren. Ich kämpfe eigentlich die meiste Zeit damit aus der Überforderung raus zu kommen, endlich wieder mal meine Bedürfnisse wahrzunehmen, Schlaf zu bekommen, meinen Alltag normal geregelt zu bekommen... Der Alltag funktioniert auch meistens. Das Funktionieren hat schon immer funktioniert. Aber mehr ist halt sehr schwierig... Es gab dieses Jahr schon viele Hochs und Tiefs und irgendwie schaffe ich es nicht wirklich da komplett raus zu kommen.
Warum sie mir diese Frage gestellt hat weiß ich nicht. Ich glaube sie wollte einfach noch die Diagnose damit "untermauern". Sie ist überhaupt nicht näher darauf eingegangen. Und ich bin mir sehr sicher, dass sie das auch nicht vorgehabt hätte. Sie hat schon sehr oft betont, dass wir weit entfernt sind von irgendeiner Aufarbeitung, da ich einfach nicht stabil genug dafür sei.
Therapierichtung ist integrative Gestalttherapie.

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Betti
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Beitrag Sa., 17.09.2022, 17:26

peppermint patty hat geschrieben: Sa., 17.09.2022, 12:21 Bei mir kam während des Lesens der Eindruck auf, als wolltest du dich gar nicht von der Therapeutin aus der Dissoziation herausholen lassen. Als sei da ein Widerstand dies zu wollen.
Ob dieser Widerstand gegen die Therapeutin oder gegen die aufkommenden Themen gerichtet ist, weiß ich natürlich nicht. Genauso wenig, wie ich weiß, ob meine Eindruck richtig ist.
Kann es sein, dass du dich deswegen so furchtbar schämst, weil du es der Therapeutin unmöglich gemacht hast dich aus der Dissoziation herauszuholen? Das wäre für mich zwar nachvollziehbar, aber besprechbar, denn es gibt ja Gründe dafür.
Hmm, da könnte etwas dran sein. Prinzipiell weiß ich schon manchmal, dass ich aus der Dissoziation nicht raus will. Manchmal kann ich hören wie sie mich anspricht und wehre mich richtig dagegen. Manchmal schrecke ich einfach nur "hoch" und bin plötzlich wieder da. Ich habe das Gefühl so richtig steuern kann ich das nicht. Widerstand ist sicher da. Immer wieder. Vorallem gegen alles was da hochzukommen scheint. Es ist auch so extrem schwierig für mich, mich auf sie einzulassen. Es gibt Momente da spüre ich das Vertrauen, die Nähe, da habe ich das Gefühl die Beziehung passt. Dann wieder wehre ich mich richtig dagegen, bin extrem misstrauisch, lasse sie wochenlang nicht mehr in mich hineinblicken und vermeide jegliches Aufkommen von diversesten Gefühlen. Das ist immer ein extremes hin und her. Von "ich würde am liebsten abbrechen", zu "ich brauche sie so dringend" ist alles dabei. Und ich kann das alles nicht ansprechen. Das schaffe ich nach wie vor nicht.

Jahrelang ging es bei den anderen Theras nur um das Schweigen. Ich habe so viel geschwiegen. Dazu gibt es auch einen eigenen Thread. Ich kam nie raus aus dem Verhalten. Bei ihr schaffe ich das endlich. Sie weiß wie sie damit umgehen muss, wie sie diesbzgl. mit mir umgehen muss. Aber die Scham es nicht besser hinzubekommen ist noch immer da. Sie ist diejenige die versucht alles aus mir rauszuholen, mich zum Reden zu bringen. Sie lässt mich aber auch schweigen, wenn es gerade nicht anders geht. Es fällt mir immer noch sehr schwer von mir aus zu starten und Themen einzubringen. Und ich bin ihr sehr dankbar, dass sie diesen Weg mit mir geht. Dass sie mich aus der Reserve lockt. Es gibt Momente da schaffe ich es dann auch schon mal von mir aus. Dann kann ich auch mal von mir aus etwas ansprechen. Das fällt mir aber noch sehr schwer.

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Beitrag Sa., 17.09.2022, 17:39

amorfati hat geschrieben: Sa., 17.09.2022, 14:22 Das war ihr Anteil an der Situation. Mein Anteil? Ich hatte eine gewisse Zeitspanne, innerhalb derer ich definitiv hätte "Stopp" sagen können und sollen, aber ich tat es nicht. Warum? Ich erkläre mir das als Flucht, nach wie vor. Flucht vor mir, vor ihr, vor der Therapie. Ich hing damals emotional sehr an ihr, schämte mich fürchterlich für meine Vergangenheit, für meine Gefühle ihr gegenüber und konnte auch kaum ertragen, dass sie die Wut empfand, die ich hätte empfinden sollen. Das war mir zu plötzlich zu nah... Könnte ich Romane drüber schreiben, aber hier geht es ja um dich und ich weiß natürlich nicht, ob es dir ähnlich geht. :-)
Ja diese Zeitspanne habe ich immer. Sie sagt immer wieder "Betti du meldest mir sofort zurück wenn es dir zuviel wird". Ich merke nicht immer, dass ich dann eigentlich nicht mehr kann. Ich denke mir dann meist, ach Betti reiß dich am Riemen du kannst das. Du willst das endlich alles mal angehen, aufarbeiten, mitarbeiten etc. Und wumm, bin ich weg. Und ja, flüchten will ich definitiv. Immer wieder. Am meisten vor mir selbst. Vor meinem Sein. Ich halte mich eigentlich selbst kaum aus. Ich schäme mich oft so sehr dafür, dass es mich überhaupt gibt. Oder dafür, dass ich es in meinem Alter noch immer nicht geregelt bekomme. Das ist eigentlich am Schlimmsten. Ich habe immer das Gefühl, dass es jetzt doch endlich mal alles "normal" sein sollte. Ich sollte mitten im Leben stehen. Ich habe Mann, Kinder, Haus, Job und stehe gefühlt immer neben der Spur. Nach außen wirkt alles super. Keiner sieht mir an, dass ich eigentlich "krank" bin. (Ich mag das gar nicht schreiben). In meinem Inneren ist alles zerrissen.

Was auch schwierig ist, ich habe extreme Angst vor einer Abhängigkeit. Vor einer Abhängigkeit von ihr, von der therapeutischen Situation. Davon, dass ich dort sein kann wie ich bin. Das kann ich mir nach all den Jahren noch immer nicht eingestehen. Ich war in keiner einzigen Therapiesituation (bei allen Theras) noch nie wirklich so wie ich bin. Es wird immer etwas zurückgehalten, nicht gesagt, verdrängt oder gar nicht wahrgenommen. Von meiner ersten Thera war ich schlussendlich abhängig. Und als es am schlimmsten war hat sie mich sitzen lassen. Das ist immer noch tief in mir verankert und löst sofort Stress aus. Sobald ich also merke es entsteht zuviel Nähe, es entsteht der Wunsch "mehr" gesehen zu werden, bin ich weg. Ziehe ich mich wieder zurück. Schreibe ich wochenlang nichts mehr (das ist für mich der einfachste Weg überhaupt was anzusprechen) und wird in der Therapie nur über Oberflächliches gesprochen. Ich habe solche Angst davor, dass ich sie zuviel brauchen könnte. Ich will niemanden brauchen "müssen". Ich will immer alles alleine hinbekommen. Mittlerweile weiß ich, dass das nicht immer der beste Weg ist. Trotzdem kämpfe ich mich meist wieder alleine durch. :neutral:

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Philosophia
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Beitrag Sa., 17.09.2022, 19:08

Könnte es auch sein, dass du die Zuwendung, die sie dir durch die Dissoziation schenkt, genießt, aber dich insgeheim auch sehr schämst? Wäre natürlich auch ein Grund, warum du immer tiefer in die Dissoziation rutscht und nicht rauswillst.
"Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen." - Albert Schweitzer

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Betti
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Beitrag So., 18.09.2022, 06:40

Philosophia hat geschrieben: Sa., 17.09.2022, 19:08 Könnte es auch sein, dass du die Zuwendung, die sie dir durch die Dissoziation schenkt, genießt, aber dich insgeheim auch sehr schämst? Wäre natürlich auch ein Grund, warum du immer tiefer in die Dissoziation rutscht und nicht rauswillst.
Das ist ne gute Frage und stimmt mich sehr nachdenklich. Zuwendung bekommt man in der Therapie ja sowieso, oder nicht? Also ich meine auch wenn ich nicht dissoziiere geht es dort ja wirklich nur um mich und meine Bedürfnisse. Und in der Dissoziation selbst bekomme ich ja oft gar nicht mit, was wirklich um mich herum geschieht. Sprich, ich weiß ja nicht mal was sie alles macht?

Wie ist das denn bei euch wenn ihr "weggeht"? Könnt ihr noch wahrnehmen was gerade passiert? Ich habe immer das Gefühl bei mir schaltet alles aus. Das einzige was ich oft noch denken kann ist "ich will das nicht" und das wars. Ich habe einen extremen Tunnelblick, bin komplett erstarrt und bekomme nichts mehr rund um mich wahr. Irgendwann höre ich sie dann wieder, meist sagt sie ich solle sie anschauen oder mich bewegen. Ich habe aber keine Ahnung wie lange sie da schon mit mir spricht. Ich finde es so schlimm, weil ich auch nie weiß ob ich Sekunden oder Minuten weg bin. Manchmal habe ich das Gefühl ich rutsche noch tiefer in die Dissoziation weil ich dabei von ihr "beobachtet"/angesehen werde. Zumindest glaub ich das. Und dieses beobachten halte ich am allerwenigsten aus. Das habe ich ihr noch nie gesagt und ist ein sehr schwieriges Thema (aus der Kindheit). Das ist glaub ich definitiv ein Trigger.

Dieses dissoziieren passiert mir auch oft daheim wenn ich alleine vor dem Computer sitze und ihr schreibe. Ich bin dann manchmal so in meiner Gedankenwelt gefangen, dass ich oft Ewigkeiten den blinkenden Cursor anstarre und nicht weiß wieviel Zeit da vergangen ist. Ich weiß auch nie wie ich da wieder rauskomme. Meist schreibe ich ihr abends, wenn alle schlafen. Sprich ich bin alleine. Irgendwann bin ich dann wieder da. Manchmal macht mir das richtig Angst. Es fehlen oft 1 - 2 Stunden wo ich nicht weiß ob ich da einfach vor mich hingestarrt habe.

Meine Trigger kommen auch immer von innen. Sprich, es wird was schwieriges angesprochen oder ich hänge irgendwo in meiner Gedankenwelt fest. Ich kenne keine Trigger von außen wie etwas sehen, hören oder riechen und plötzlich ist man weg. Manchmal frage ich mich ob das alles normal ist. Ok, was ist schon normal. :roll:

Ich dachte immer, dass das viele haben und machen. Dass viele dissoziieren, sich schützen in schwierigen Situationen. Also ich meine speziell wenn man sich in Therapie befindet, psychisch krank ist etc. Aber so alltäglich dürfte das dann doch nicht sein. :anonym:

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alatan
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Beitrag So., 18.09.2022, 08:05

Betti hat geschrieben: So., 18.09.2022, 06:40
Zuwendung bekommt man in der Therapie ja sowieso, oder nicht? Also ich meine auch wenn ich nicht dissoziiere geht es dort ja wirklich nur um mich und meine Bedürfnisse.
Genau. Und dann geschieht das Paradoxe: Du genießt die besondere Zuwendung und gleichzeitig stößt du die Therapeutin weg durch dein Wegtreten und sabotierst dadurch ihre Bemühungen und deine Therapie.
Betti hat geschrieben: So., 18.09.2022, 06:40 Und dieses beobachten halte ich am allerwenigsten aus. Das habe ich ihr noch nie gesagt und ist ein sehr schwieriges Thema (aus der Kindheit). Das ist glaub ich definitiv ein Trigger.
Das ist sicher zum großen Teil Scham. Und Scham heißt sich zu verstecken, den anderen eben nicht an sich heranlassen. Sich dem „hilflos“ hinzugeben, führt nicht weiter. Sondern es bedarf einer bewussten Willensanstrengung, um diese schädlichen Mechanismen zu überwinde , damit Therapie erfolgreich werden kann.

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Shukria
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Beitrag So., 18.09.2022, 08:25

Sag mal, was habt ihr denn konkret an Skills erarbeitet? Also was, das du selbständig zu Hause üben kannst ohne die Therapeutin?

Ich merke sehr deutlich wenn ich in ne Dissoziation Rutsch und spüre dann dieses wohlig, warme Wattegefühl im Kopf und im Körper, wie ein Schutzmantel um mich herum. Ich weiß aber inzwischen auch genau wie ich dann damit umgehen muss /kann um da wieder rauszukommen bzw gar nicht erst drin zu versumpfen. Und das es bei mir innerlich die klare Entscheidung braucht da auch raus zu wollen, weil das sich auch gut anfühlt/beschützt so vernebelt zu sein. Das braucht schon ne Entscheidung in mir zu ich will aus dieser wohlige Wärme raus und in die Kälte zurück...

Bei dir klingt es zum einen eher nach drin versumpfen zum anderen lese ich keine konkreten Skills die du für dich anwendest, eher so ein "dem Zustand ergeben"