Verlassen (?)

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Psychotherapie (von der es ja eine Vielzahl von Methoden gibt) gesammelt? Dieses Forum dient zum Austausch über die diversen Psychotherapieformen sowie Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Therapie.
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Koala141
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Verlassen (?)

Beitrag Mi., 26.10.2022, 15:14

Ich habe eher Schwierigkeiten, Gefühle zu zeigen in Terapiestunden. Kürzlich habe ich mich getraut, sogar zweimal hintereinander.
In der 1. von diesen beiden Stunden habe ich gesagt, wie und wo ich derzeit belastet bin und am Schluss ging es darum, dass es mir schwerfällt, Zuspruch und Nähe anzunehmen (dass jemand sieht und benennt).
In der 2. Stunde letzte Woche war nochmals Thema, dass es mir zur Zeit echt schlecht geht, aus diversen Umständen, die nicht nur ich verursache, sondern die auch von außen einfach grad aktuell sind, sie hat mir das auf den Kopf zugesagt und ich habe es (diesmal) nicht abgewehrt, sondern zugegeben.
Sie meinte, sie mache sich Sorgen und wie ich mich entlasten könne. Wir kamen zu keinem Resultat.
Gleichzeitig wurde ich immer trauriger (nur in mir drin, man sieht das nicht) und fühlte mich unwohl, weil das Thema "mir geht's mies" so offen im Raum stand, ohne dass irgendeine "Lösung" dazu da war und weil ich angst hatte, dass ich innert Kürze damit wieder alleine bin (natürlich kann das nicht in einer Stunde gelöst werden, deshalb habe ich bisher offene Gefühle stets vermieden: Warum sich aussetzen, wenn es keine Lösung gibt?)
Schließlich war die Stunde vorbei und es stellte sich heraus, dass die nächste erst in 23 Tagen stattfinden würde (wegen ihren Fortbildungen, wir haben jeweils 10-14 tägige Pausen und nun kam eine noch längere). Ich sehe das kognitiv ein, kein Problem.

Und nun fühle ich mich so verlassen und zähle die Tage (noch 16). Mein anderes Gefühl ist: Nie mehr hingehen. Wütend auf die Psychologin, die in der Wunde gegrübelt hat und sagt, sie sorge sich und dann für 3 Wochen verschwindet.
Ich kann kognitiv das alles gut verstehen, diese Fortbildungen und dass ich befähigt werden muss, mir das selbst oder irgendwo im privaten Umfeld zu holen. Das verstehe ich alles. Trotzdem fühle ich mich so stehenlassen.
Kennt jemand sowas und wie seit ihr damit umgegangen?

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alatan
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Beitrag Mi., 26.10.2022, 16:46

Was hat denn das Sprechen über Belastung mit "Gefühle zeigen" zu tun? Wenn du das getan hättest, wärest du jetzt nicht so schlecht dran, denn Gefühle zu zeigen, entlastet. Wie erlebst du die Wut auf die Psychologin?

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Montana
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Beitrag Mi., 26.10.2022, 17:01

alatan hat geschrieben: Mi., 26.10.2022, 16:46 denn Gefühle zu zeigen, entlastet.
Nicht zwangsläufig. Bei gesunden Menschen ist das vermutlich so. Gefühle zeigen kann einen ganzen Rattenschwanz an Problemen nach sich ziehen, wenn Scham oder Angst vor Bestrafung daraus resultieren. Und wenn man dieses Problem hat, dann wählt man nicht gerade die letzte Stunde vor einer längeren Pause um da etwas auszugraben.

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Koala141
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Beitrag Mi., 26.10.2022, 17:26

Danke für die beiden Antworten.
alatan hat geschrieben: Mi., 26.10.2022, 16:46 Gefühle zu zeigen, entlastet.
Ich habe eine andere Erfahrung. Mich kostet Gefühle zeigen sehr Überwindung. Scham etc. Sprechen (ohne Emotionen dazu) geht eher. Diesmal habe ich ziemlich Emotionen gezeigt (nicht gesagt, es sei nur halb so wild etc.) Das ist ausgesprochen anstrengend für mich.
alatan hat geschrieben: Mi., 26.10.2022, 16:46 Wie erlebst du die Wut auf die Psychologin?
Diese Frage verstehe ich nicht. Wie geschrieben denke ich über Beziehungsabbruch nach. Ich glaube um mich zu entlasten, um ihr zu beweisen, dass dieses Gefühlezeigen nichts hilft. (Kindisch ich weiss und ich hoffe ich kann mich da beherrschen). Wenn ich ihr meine Wut mitteilen würde, käme ich mir unterlegen vor. Abhängig.
Montana hat geschrieben: Mi., 26.10.2022, 17:01 dann wählt man nicht gerade die letzte Stunde vor einer längeren Pause um da etwas auszugraben.
Meinst du die Psychologin? Dass es eine längere Pause geben würde, wurde (mir) erst klar, als wir die nächsten Termine festlegten. Normalerweise legen wir jeweils ein paar Termine im voraus fest, die sind ungefähr im zehn bis 14 Tage Rythmus, je nachdem, wie sie Zeit hat. Nun kam eben ihre Fortbildung dazu, sodass es nun mehr als 3 Wochen dauert.
Zuletzt geändert von Koala141 am Mi., 26.10.2022, 17:29, insgesamt 1-mal geändert.

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münchnerkindl
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Beitrag Mi., 26.10.2022, 17:28

Du hast ja anscheinend gerade ein belastendes Problem in deinem realen Leben.

Und daran hat ein Gespräch mit der Psychologin halt nichts grundlegendes verändert, weil das ja auch garnicht möglich ist.

Das Gespräch hat die Situation also nicht verbessert, aber hat es auch nicht verschlechtert. Aber evtl zeigt dir die ganze Situation, dass du eine Therapie brauchst wo du regelmässig und verlässlich eine Stunde pro Woche haben kannst, was ja auch das normal-setting in Psychotherapien ist und sich da einfach bewährt hat. Damit du genug Unterstützung hast aber eben auch an den Themen besser dranbeleiben kannst.

Auf eine Therapie wo ich nicht regelmässig jede Woche eine Stunde haben kann würde ich mich garnicht erst einlassen.
Zuletzt geändert von münchnerkindl am Mi., 26.10.2022, 17:31, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitrag Mi., 26.10.2022, 17:30

münchnerkindl hat geschrieben: Mi., 26.10.2022, 17:28 dass du eine Therapie brauchst wo du regelmässig und verlässlich eine Stunde pro Woche haben kannst, was ja auch das normal-setting in Psychotherapien ist und sich da einfach bewährt hat.
Wir haben nach längerer Zeit von wöchentlich auf zirka zweiwöchentlich gewechselt. Insofern passt das schon, dass da nun eine noch längere Zeitspanne dazukommt, ist einfach Pech.
Ich weiss jedoch dass ich bei wöchentlich dieselben Gefühle hätte.

Im Gespräch ging es nicht ausschliesslich um die aktuellen Themen. Es ging darum dass ich zuwenig bekommen habe und dass das in die heutige Zeit hineinwirkt. Das mag ich einfach alles nicht so klar auf dem Tisch haben. Ich fühle mich unfähig und kraftlos, wenn ich nicht mit zusammengebissenen Lippen durchhalte, sondern eben mal schwach bin. Schwierig zu erklären.

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chrysokoll
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Beitrag Mi., 26.10.2022, 17:37

Koala141 hat geschrieben: Mi., 26.10.2022, 17:30 Wir haben nach längerer Zeit von wöchentlich auf zirka zweiwöchentlich gewechselt. Insofern passt das schon
reichen dir denn diese circa 14-tägigen Termine?
Ich fände es eher schwierig da immer nur ein paar Termine auszumachen, mal nach zehn Tagen, mal nach 14.
Das ist ja keine Planbarkeit und keine Verlässlickeit
Letztlich tut es schon gut einmal die Woche dahin zu gehen und dran zu bleiben. Wäre das wieder eine Option für dich?

Ansonsten möchte ich dir nur raten wieder hinzugehen und genau diese Gefühle die du jetzt hast anzusprechen

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Montana
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Beitrag Mi., 26.10.2022, 17:38

Ich meinte die Therapeutin. Sie sollte a) die Termine im Hinterkopf haben und b) dich so gut kennen, dass sie weiß, was man in einer Stunde vor einer Pause am besten tun oder nicht tun sollte.

Und so große Abstände sind aus dem einfachen Grund blöd, weil es bei einer Abwesenheit des Therapeuten dann gleich zu einer monstermäßig langen Pause kommt. Es gibt ja welche, die sind da ganz hart: ist dein Termin an einem Dienstag alle vier Wochen, und genau da ist Feiertag, Pech gehabt. Während andere zusehen, dass Patienten mit wenigen Terminen dann einen Ersatztermin bekommen. Meiner macht es so.

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alatan
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Beitrag Mi., 26.10.2022, 17:41

Koala141 hat geschrieben: Mi., 26.10.2022, 17:26 Diese Frage verstehe ich nicht. Wie geschrieben denke ich über Beziehungsabbruch nach. Ich glaube um mich zu entlasten, um ihr zu beweisen, dass dieses Gefühlezeigen nichts hilft. Wenn ich ihr meine Wut mitteilen würde, käme ich mir unterlegen vor. Abhängig.
Also du brichst lieber Beziehungen ab, als Gefühle zu zeigen? Wieso bist du unterlegen, wenn du ihr deine Wut mitteilst?

Wie lange bist du schon bei ihr? Wenn es immer nur um aktuelle Dinge geht, kommst du ja nie zur Bearbeitung der Ursachen deines Zustandes, das heisst also, keine wirkliche Therapie...

Wann endlich willst du dich "zumuten"?

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caduta
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Beitrag Mi., 26.10.2022, 18:06

Koala141 hat geschrieben: Mi., 26.10.2022, 15:14 Und nun fühle ich mich so verlassen und zähle die Tage (noch 16). Mein anderes Gefühl ist: Nie mehr hingehen. Wütend auf die Psychologin, die in der Wunde gegrübelt hat und sagt, sie sorge sich und dann für 3 Wochen verschwindet.
Ich kann kognitiv das alles gut verstehen, diese Fortbildungen und dass ich befähigt werden muss, mir das selbst oder irgendwo im privaten Umfeld zu holen. Das verstehe ich alles. Trotzdem fühle ich mich so stehenlassen.
Kennt jemand sowas und wie seit ihr damit umgegangen?
Das mit der Pause ist natürlich blöd gelaufen. Wenn man noch nie seine Gefühle so gezeigt hat, weiß man ja gar nicht wie man damit umgehen könnte.

Vielleicht kannst du es als ein (ungewolltes) Übungsfeld sehen. Kognitiv weißt du, dass - du befähigt werden musst, dir das selbst oder irgendwo im privaten Umfeld zu holen. - Die Frage ist halt wie man das machen kann, dass es auch emotional ankommt.

Was ich in solchen Situationen mache (gemacht habe)? Ich versuche mich ganz viel um mich zu kümmern. Immer wieder zu schauen wie geht es mir. Sachen die ich nicht machen mag, vielleicht auch einfach mal weglassen. Mir selbst (ein bisschen) leid tun. Mich im Bett vergraben, wenn mir danach ist. Wütend sein. Auch mal weinen. Viel Tagebuch schreiben. Mich ablenken. Schoki essen. Aber trotzdem immer versuchen nicht komplett abzustürzen. Mich immer wieder im Alltag orientieren. Mich (wenn ich Lust habe) mit anderen treffen oder telefonieren. Die Tage zählen, bis zur nächsten Stunde und am Ende erschöpft aber auch stolz sein, weil ich es ohne größere Unfälle geschafft habe :) Und vor allem in der nächsten Stunde genau darüber sprechen.

Ich denke es eine Art ausprobieren, was für für einen das Richtige ist, was hilft. Andere haben das als Kind gelernt. Wir müssen das jetzt mühsam nachholen.

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Beitrag Mi., 26.10.2022, 18:11

Koala141 hat geschrieben: Mi., 26.10.2022, 17:30 Wir haben nach längerer Zeit von wöchentlich auf zirka zweiwöchentlich gewechselt. Insofern passt das schon, dass da nun eine noch längere Zeitspanne dazukommt, ist einfach Pech.


Und das obwohl du noch mit so völlig grundlegenden Dingen wie im Gespräch Emotionen zuzulassen und zu zeigen so massive Probleme hast? Auf zweiwöchig zu gehen wäre doch eher sinnvoll, wenn die wichtigen Entwicklungsschritte gemacht sind und es um das Üben im Alltag geht und man im Alltag schon für sich mit dem Gelernten arbeiten kann.

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Beitrag Mi., 26.10.2022, 18:25

alatan hat geschrieben: Mi., 26.10.2022, 16:46 Gefühle zu zeigen, entlastet.
Manchmal werden Gefühle belastender und größer, wenn man sie zeigt (oder auch nur zulässt), oder ein anderes unangenehmes Gefühl (oder Gefühlszustand) setzt sich noch zusätzlich obendrauf.

Gezeigte Gefühle können von Personen gegen einen ge-/benutzt, oder einfach ignoriert werden, was das Zeigen von Gefühlen entweder bedrohlich oder total sinnlos machen würde

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alatan
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Beitrag Mi., 26.10.2022, 18:40

DandyLion hat geschrieben: Mi., 26.10.2022, 18:25 Gezeigte Gefühle können von Personen gegen einen ge-/benutzt, oder einfach ignoriert werden, was das Zeigen von Gefühlen entweder bedrohlich oder total sinnlos machen würde
Wir reden hier von einer Therapiesituation. Da gehe ich erstmal nicht davon aus, dass Gefühle gegen den Pat. benutzt oder ignoriert werden. Die Therapie soll ja dazu dienen, neue Erfahrungen zu machen und sich eben nicht sich selbst und seinem Inneren gegenüber zu verschließen, weil das krank macht.

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Beitrag Mi., 26.10.2022, 19:20

ja, rein rational kann man davon ausgehen, dass es nicht so passiert.

Ich wollte damit sagen, dass Erfahrungen das aktuelle emotionale Erleben und den Umgang mit eigenen Gefühlen (bspw. zeigen/ nicht zeigen) beeinflussen . Trotz besseren Wissens und Willens. Das nimmt dann so eine Eigenlogik an, die man dann ja, (leider gegen innere Widerstände) bspw in der Therapie bearbeiten könnte.
Wollte es etwas konkreter machen, was "Gefühle zeigen", anstatt "Entlastung" sonst noch (unbewusst) bedeuten könnte, aufgrund von alten Erfahrungen

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münchnerkindl
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Beitrag Mi., 26.10.2022, 19:56

alatan hat geschrieben: Mi., 26.10.2022, 16:46denn Gefühle zu zeigen, entlastet.


Ich würde es anders ausdrücken. Gefühle zwanghaft zu verbergen belastet.

Und ich meine damit nicht dass man jedes Gefühl das man hat jedem Menschen mit dem man zu tun hat aufs Auge drücken sollte. Aber was auf jeden Fall für die eigene Psychohygiene gut ist, wenn man in jeder Situation die Wahl hat, ein Gefühl zu zeigen. Es kann in vielen Situationen sinnvoll sein, es nicht zu tun, aber ein Leben zu führen in dem man nicht dazu in der Lage ist, das macht krank. Weil man so keine echte Interaktion mit anderen Menschen eingehen kann, weil man abgetrennt von echter sozialer Interaktion nur hinter einer Fassade dahinvegetiert. Emotionen verbergen macht einsam.

Und die ganzen Gefühle die man da im Keller eingesperrt verborgen hält sind da nicht einfach nur, sie faulen vor sich hin, sie gären, sie mutieren von relativ harmlosen, normalen Gefühlen zu Monstern vor denen man dann Angst haben muss weil sie einen wenn sie dann mal raus dürfen zu überwältigen drohen. Was sie überhaupt nicht täten wenn sie einen normalen Platz im Leben hätten.