Psychose mit 30 Jahren - Kann das jeden treffen?

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StefanSch
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Psychose mit 30 Jahren - Kann das jeden treffen?

Beitrag So., 19.02.2023, 07:42

Ich selbst bin bisher zum Glück vor psychischen Erkrankungen verschont geblieben.

Leider passirte es im letzten Jahr einer Freundin. Sie hatte eine akute Psychose mit Rückfall nach 1 Monat. Nach dem ersten Mal nahmen wir das nicht ernst und sie kurierte die Psychose daheim aus. Sie hatte Wahnvorstellungen und benahm sich sehr merkwürdig.

Sie hatte bis zu ihrem 30 nie psychische Probleme. Ihr Studium absolvierte sie zügig. Dann Job und Heirat.

Ich kannte Psychosen vorher nicht und war deshalb ziemlich getroffen von ihrem Zustand. Als der Rückfall kam, landete sie in der Psychiatrie. Sie war dort 2 Wochen und brauchte rund 2 Monate, um wieder in ihren Beruf einzusteigen.

Rund 6 Monate ging es dann gut. Bis sie vor kurzen wieder einen kleineren Rückfall hatte. Wieder Wahnvorstellungen mit Suizid-Gedanken. Wieder ging Tage davor Schlaflosigkeit voraus. Sie erholte sich nach 2 Wochen fast vollständig.

Für Angehörige und Freunde sind diese Psychosen extrem belastend. Man muss quasi die Betroffene rund um die Uhr überwachen.

Sie stand zeitweise auch vor einem Jobwechsel zu einem Konzern, bei dem sie sich vor Monaten beworben hatte. Es wäre ein Karriere-Sprung gewesen.

Aufgrund des psychotischen Rückfalls haben wir ihr wegen den Risiken der Probezeit aber davon abgeraten. Sie hat dann den Vertrag der neuen Stelle gekündigt.

Wir wissen nur, dass die Psychosen wohl mit Stress zu tun haben. Beruflich und privat. Sie ist jetzt regelmäßig beim Therapeuten.

Aber was kann man noch tun? Wie kann es sein, dass jemand plötzlich solche Psychosen entwickelt? Wisst ihr was man da noch machen kann? War es richtig von dem Jobwechsel abzuraten?

Beste Grüße,
Stefan

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alatan
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Beitrag So., 19.02.2023, 11:41

StefanSch hat geschrieben: So., 19.02.2023, 07:42 Aber was kann man noch tun? Wie kann es sein, dass jemand plötzlich solche Psychosen entwickelt? Wisst ihr was man da noch machen kann? War es richtig von dem Jobwechsel abzuraten?
Psychosen können jeden treffen in jedem Alter. Die Ursachen sind sehr verschiedenen: bei den endogenen Psychosen (z. B. Schizophrenie) spielt die genetische Veranlagung die größte Rolle, zusätzlicher psychosozialer Stress (das kann auch die positive Karriere sein); ansonsten gibt es infektiöse und autoimmunologische Ursachen sowie Drogen und Alkohol als Auslöser. Auch Hirndegenerationsprozesse können Psychosen begünstigen.

Was man tun kann: Einen möglichst regelmäßigen und gesunden Lebensstil ohne viel Stress führen, Neuroleptika nehmen (und bestimmt Nahrungsergänzungsmittel), psychotherapeutische Begleitung. Ja, es war sicher richtig, ihr vom Jobwechsel abzuraten. Wenn es chronifiziert und langfristige Auswirkungen auf die Erwerbsfähigkeit hat, kann man bei der DRV eine psychiatrische Rehabilitation beantragen (RPK).

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StefanSch
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Beitrag So., 19.02.2023, 15:40

Hallo alatan!

Neuroleptika nahm sie kurzzeitig. Hat die Tabletten aber abgesetzt, wegen der Regelblutung. Ich hoffe mal dass das nicht chronisch wird.

Was für Nahrungsmittelergänzungen sollte man nehmen?

Hilft es eine spezielle Stress-Therapie zu machen?

Es ist irgendwie unheimlich schwer derzeit gute Therapieplätze zu finden. Alle sind völlig ausgebucht auf lange Zeit.

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Sydney-b
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Beitrag So., 19.02.2023, 16:22

Warum hat sie die Tabletten wegen der Regelblutung abgesetzt?
War diese durch die Einnahme der Tabletten stärker oder schmerzhafter?

Sie ist doch regelmäßig beim Therapeuten, warum möchte sie wechseln?
Oder warum denkst du, dass sie wechseln sollte?

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StefanSch
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Beitrag So., 19.02.2023, 16:41

Sydney-b hat geschrieben: So., 19.02.2023, 16:22 Warum hat sie die Tabletten wegen der Regelblutung abgesetzt?
War diese durch die Einnahme der Tabletten stärker oder schmerzhafter?

Sie ist doch regelmäßig beim Therapeuten, warum möchte sie wechseln?
Oder warum denkst du, dass sie wechseln sollte?
Die Tabletten haben ihre Regelblutung unregelmäßig gemacht und teilweise unterdrückt.

Da Frauen in dem Alter oft einen Kinderwunsch haben, will sie das nicht.

Sie ist aktuell bei einem Therapeuten, aber sie sagt das der Therapeut nicht wirklich auf Psychosen spezialisiert ist und auch keine "Wie gehe ich mit Stress um?"-Kurse anbietet.

Solche Resilienz-Kurse wären bei den AVP (akute vorübergehende Psychosen) aber angebracht, sagte der Arzt aus der Klinik.

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alatan
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Beitrag So., 19.02.2023, 17:40

StefanSch hat geschrieben: So., 19.02.2023, 15:40 Was für Nahrungsmittelergänzungen sollte man nehmen?
Als Grundlage sowas, was sowieso empfehlenswert ist zur Gesunderhaltung und Nervenstärkung: Vitamin D3+K2 täglich mindestens 5000 IE, besser 10000 IE/Tag bis zum einem Serumspiegel von 80-100 ng/ml, organische Magnesiumverbindungen, z. B. Mg-Citrat 200-400 mg, aquatische Omega-3-Fettsäuren, Vitamin-B-Komplex und speziell bei Psychosen empfehlenswert N-Acetylcystein (wird auch als Hustenlöser eingesetzt).

Es gibt Neuroleptika, die diese Nebenwirkung weniger wahrscheinlich machen, z. B. Aripiprazol.

Wenn man bereit ist, einen privaten Psychiater-Psychotherapeuten zu bezahlen, gibt es durchaus freie Plätze, besonders im Raum Nürnberg. Allerdings würde ich dann genau auf die Qualifikation schauen.

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StefanSch
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Beitrag Mi., 22.02.2023, 18:30

Danke für die Antworten! Ich gebe das so mal weiter.

Bin immer noch ein wenig hin- und hergerissen, ob der Rat den Job nicht zu wechseln richtig war?

Immerhin hätte Sie neue Herausforderungen gehabt und es wäre ein Karrieresprung gewesen.

Aber ich glaube, wenn man erst kürzlich solche Psychosen hatte, sollte man sich zunächst mit seiner Gesundheit beschäftigen. Zumal Stress im neuen Job sehr riskant ist, weil man sonst wieder in der Klinik landet. Und wenn das in der Probezeit passiert, sieht es sehr schlecht aus.

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münchnerkindl
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Beitrag Mi., 22.02.2023, 18:38

Also was sie auf jeden Fall braucht ist ein Job der ihr Spass macht aber der nicht zu viel Stress mitbringt. Dann ein sehr geregeltes Leben mit immer genug Schlaf und gesundem, regelmässigem Essen und ein gesundes Freizeitverhalten (keine Nächte durchmachen, keinen Drogen etc)

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münchnerkindl
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Beitrag Mi., 22.02.2023, 18:40

StefanSch hat geschrieben: Mi., 22.02.2023, 18:30

Bin immer noch ein wenig hin- und hergerissen, ob der Rat den Job nicht zu wechseln richtig war?


Kommt halt drauf an wie stressig der neue Job wäre.

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Sydney-b
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Beitrag Mi., 22.02.2023, 18:43

StefanSch hat geschrieben: Mi., 22.02.2023, 18:30

Bin immer noch ein wenig hin- und hergerissen, ob der Rat den Job nicht zu wechseln richtig war?

Immerhin hätte Sie neue Herausforderungen gehabt und es wäre ein Karrieresprung gewesen.
Warum ist das so wichtig für dich?
Handelt es sich um deine Frau?
Außerdem wird sie dies doch letztendlich selber entschieden haben?
Andere Leute geben Ratschläge, aber die Entscheidung trifft man trotzdem selber.

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Sydney-b
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Beitrag Mi., 22.02.2023, 18:48

StefanSch hat geschrieben: Mi., 22.02.2023, 18:30

Aber ich glaube, wenn man erst kürzlich solche Psychosen hatte, sollte man sich zunächst mit seiner Gesundheit beschäftigen. Zumal Stress im neuen Job sehr riskant ist, weil man sonst wieder in der Klinik landet. Und wenn das in der Probezeit passiert, sieht es sehr schlecht aus.
Ein Kind scheint sie außerdem in naher Zukunft zu wollen, sonst hätte sie wegen ausbleibender Regelblutung nicht so schnell die Tabletten abgesetzt.
Von daher hat ihre Gesundheit oberste Priorität.
Ein Karrieresprung ist nicht das wichtigste im Leben.

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StefanSch
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Beitrag Mo., 27.02.2023, 22:01

Ja, da hast du Recht. Klar ist ein Karrieresprung nicht alles im Leben. Aber es hätte sich angeboten mit dem Vertrag in der Tasche.

Wenn man aber mal so eine Psychose durchgemacht hat, ist nichts mehr so wie früher.

Ich habe wie gesagt, das erste Mal so etwas bei einer mir nahe stehenden Person erlebt. Und ich bin immer noch erstaunt darüber, wie ein sonst rationaler Mensch in kürzester Zeit plötzlich Wahnvorstellungen entwickeln kann. Das hätte ich nicht geglaubt, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte.

Das Vertrauen ist weg, weil man nie weiß ob so eine Person überhaupt noch mit Stress umgehen kann oder wieder zusammenbricht.

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Beitrag Mo., 27.02.2023, 23:17

StefanSch hat geschrieben: Mo., 27.02.2023, 22:01

Ich habe wie gesagt, das erste Mal so etwas bei einer mir nahe stehenden Person erlebt. Und ich bin immer noch erstaunt darüber, wie ein sonst rationaler Mensch in kürzester Zeit plötzlich Wahnvorstellungen entwickeln kann. Das hätte ich nicht geglaubt, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte.

Das Vertrauen ist weg, weil man nie weiß ob so eine Person überhaupt noch mit Stress umgehen kann oder wieder zusammenbricht.
Du hast mit dieser Frau wohl sehr üble Sachen erleben müssen während ihrer Psychose?
Weil du nun gar kein Vertrauen mehr in sie hast….

Ja, auch für die Angehörigen ist das eine extrem schwierige und beängstigende Zeit.
Dies gilt es anzuerkennen.

Hältst du den Kontakt zu ihr trotzdem noch aufrecht?
Oder musst du dich erstmal zurückziehen, um das ganze Geschehen zu verarbeiten?

Beides ist legitim.
Jeder Mensch darf auf seine Kräfte achten!

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Inga
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Beitrag Di., 28.02.2023, 10:52

Eventuell könnte es hilfreich für Dich sein, Dich mit dem Recovery-Ansatz zu beschäftigen, vielleicht auch für Deine Angehörige. Google hat mir leider auf die Schnelle nur diesen Link ausgespuckt, der örtlich gar nicht zu Dir passt: https://www.sanatorium-kilchberg.ch/pat ... nd-peers/
Aber da kannst Du schon mal das Konzept sehen und unten bei den Links gibt es einen Download der "Recovery praktisch"-Unterlagen, da könntest Du mal reinschauen.
Die Recovery-Bewegung wurde wesentlich von Psychose-Betroffenen initiiert, sie betont, dass Genesung, ein selbst verantwortetes und gestaltetes Leben mit guter Qualität, möglich ist, auch wenn möglicherweise Symptome bestehen bleiben bzw. zeitweise auftreten. Was bei vielen chronischen körperlichen Erkrankungen ja eine Selbstverständlichkeit ist.
Vielleicht gibt es ja auch in Deiner Umgebung ausgebildete Peers (es gibt auch Angehörigen-Peers) und/oder trialogische Veranstaltungen, auf denen sich Betroffene, Angehörige und Fachpersonen auf Augenhöhe austauschen können.

Edit: Grad noch gefunden, Psychose-Trialog in Nürnberg und Fürth: https://pandora-selbsthilfe.de/index.php/trialog/

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stern
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Beitrag Di., 28.02.2023, 11:18

StefanSch hat geschrieben: Mo., 27.02.2023, 22:01
Wenn man aber mal so eine Psychose durchgemacht hat, ist nichts mehr so wie früher.

Ich habe wie gesagt, das erste Mal so etwas bei einer mir nahe stehenden Person erlebt. Und ich bin immer noch erstaunt darüber, wie ein sonst rationaler Mensch in kürzester Zeit plötzlich Wahnvorstellungen entwickeln kann. Das hätte ich nicht geglaubt, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte.
Manchmal gibt es Voranzeichen, in denen es ein Betroffener evtl. noch kaschieren kann. Es also auch noch "helle" Momente gibt. Kann sich aber auch dann schnell drehen.
Der Wahn selbst kann für den Aussenstehenden dann in der Tat wie ein anderer Wesenszustand wirken (ist es wahrscheinlich auch).. also dass der friedlichste Mensch z.B. (auch kôrperlich) aggressiv wird bzw. ein rationaler Mensch völlig irre Dinge von sich gibt bzw. nicht mehr wirklich ansprechbar ist.
Prognostisch ist das vermutlich schwer zu sagen. Also es gibt Menschen, die vllt. 1-2 Schübe haben, die gut behandelbar sind und abklingen... und ansonsten kann ein normales Leben geführt werden, evtl. sogar mit diesem Jobwechsel (wobei Stress wohl in der Tat ein Risikofaktor sein kann).
Oder andere, die vllt. gar nicht so krasse "Schübe" haben, aber immer etwas "verschroben" sind und kaum belastbar sind. Also es wird verschiedene Ausprägungen geben. Psychose ist nicht Psychose... sondern wird wohl auch etwas von der Grunderkrankung abhângen bzw. welche Ressourcen jemand ansonsten hat. Braucht es dauerhaft Medikamente (die oft auch Nebenwirkungen haben) bzw. geht es vllt. irgendwann ohne. Das wird sehr individuell sein.
Liebe Grüße
stern 🌈💫
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