Recht auf Beziehung/Freundschaft

Was Sie in Bezug auf Ihre eigene Zukunft, oder auch die gegenwärtige Entwicklung der Gesellschaft beschäftigt oder nachdenklich macht.
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Erdbeere02
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Recht auf Beziehung/Freundschaft

Beitrag Mi., 27.09.2023, 19:55

Mir kommt nach dem Ende meiner Therapie der Gedanke auf, ob jeder Mensch ein Recht auf eine Freundschaft/Beziehung hat oder nicht. Es geht mir nicht allgemein um soziale Kontakte, also Schule/Uni/Arbeitsplatz, Vereine/Hobbies usw., sondern um ein oder mehrere Menschen, die ausschließlich oder vorwiegend für mich bzw. für andere da sind, also Familie/Freundschaft/Partnerschaft.
Dieses Recht kann man nicht einklagen (bei wem ?), aber darf man es irgendwie oder irgendwo einfordern ? Oder muß man sich es erst irgendwie verdienen ? Denn letztlich hängt es ja sehr stark von der Zuneigung, bzw. vom Wohlwollen des/der anderen ab, ob eine derartige Konstellation Bestand hat oder nicht.

Kann man das einmal erworbene Recht, z.B. durch eine Heirat, auch wieder verlieren ? Ja, kann man leider, durch Trennung, bzw. Scheidung. Exkurs: Ein Recht auf eine Bezugsperson hat man z.B. im Betreuten Wohnen oder in einem Heim, wo man i.d.R. einen festen Ansprechpartner/in hat. Aber das kann man nicht vergleichen, weil man da ja nicht ganz freiwillig ist.
Nach einer Trennung/Scheidung fängt das Spiel von vorne an. Ist das dann Recht verwirkt/verbraucht, bzw. wieviele Chancen hat man dann noch, sein Recht geltend zu machen ? Welche Faktoren sind entscheidend, ob und wie man sein Recht geltend machen kann ? Wie bewertet man es, wenn jemand anderes einem dieses Recht streitig machen möchte, z.B. durch Eifersucht, Weisung von oben oder Antipathie ?
Vielleicht sind meine Fragen/Gedanken etwas abwegig, aber evtl. kann man jemand etwas dazu sagen. Danke schonmal.
Zuletzt geändert von Pauline am Do., 28.09.2023, 04:54, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Absätze für bessere Lesbarkeit angebracht. Bitte darauf achten, danke.


Hamna
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Beitrag Mi., 27.09.2023, 20:14

Niemand hat ein Recht auf Beziehung, Liebe oder Freundschaft. Weiß immer nicht, wie Leute darauf kommen, dass das ein persönliches Recht sein könnte. Letztendlich ist sowas Zufall oder glückliche Fügung, Freundschaft vielleicht auch eine Frage des Charakters oder Neigung, je nachdem, wie kompatibel man mit dem Rest der Welt so ist. Aber, nein, ein Recht darauf gibt es einfach faktisch nicht.

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peponi
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Beitrag Mi., 27.09.2023, 20:18

Niemand hat ein Recht auf einen anderen Menschen, der, wie du es schreibst, ausschließlich oder vorwiegend für einen selbst da ist.

Auch in einer Ehe hat man kein 'Recht' auf den Partner oder die Partnerin, das man in irgendeiner Weise erwerben oder verlieren könnte. Was man hat, ist eine Beziehung zueinander, die (idealerweise) auf Freiwilligkeit und innerer Verbundenheit basiert.

Was du hier aber beschreibst, sind Besitzansprüche.

Für mich klingt das sehr ungesund.
silence like a cancer grows.

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chrysokoll
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Beitrag Mi., 27.09.2023, 20:48

Erdbeere02 hat geschrieben: Mi., 27.09.2023, 19:55 Mir kommt nach dem Ende meiner Therapie der Gedanke auf, ob jeder Mensch ein Recht auf eine Freundschaft/Beziehung hat oder nicht.
wie die anderen auch finde ich dass es keinerleich "Recht" auf eine Beziehung oder Freundschaft gibt.
Auch in der Ehe gehört dir der Partner nicht.
Man hat die Chance dazu, die Möglichkeiten, vielleicht auch einfach das Glück jemand zu finden. Ein Recht darauf existiert nicht.

In einem professionellen Umfeld wie betreutem Wohnen hast du nur das Anrecht auf entsprechende Betreuung, das ist nicht vergleichbar mit privaten Beziehung. Auch eine sog. "therapeutische Beziehung" ist immer ein Arbeitsbündnis. Auf Zeit und bezahlt.

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Solage
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Beitrag Mi., 27.09.2023, 21:11

Mein Psychoanalytiker betonte immer wieder, dass ich ein Recht habe geliebt zu werden, wertschätzend behandelt zu werden usw.
Ich verstehe das so, dass mir aufgezeigt wird, was ich versäumt habe und worauf ich einen Anspruch gehabt hätte. Auf einer Metaebene.
Dass da die Fantasie zugelassen wird, wertvoll zu sein.
Dass man sich das eben nicht verdienen muss!

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Sydney-b
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Beitrag Do., 28.09.2023, 00:06

Vielleicht hilft es dir ja, die Frage mal umzudrehen:

Wie erginge es dir, wenn man dir eine (oder zwei, vielleicht sogar drei) Personen zuteilen würde, um die du dich den Rest deines Lebens kümmern müsstest?

Weil diese Personen nun ein Anrecht auf deine Freundschaft haben, müsstest du dich wohlwollend und freundschaftlich dein restliches Leben lang um diese kümmern, ganz egal, ob du diese Personen magst oder nicht.

Wie fühlt sich diese Vorstellung für dich an?

Nicht gut?
Schrecklich?

Da hast du deine Antwort.

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Erdbeere02
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Beitrag Do., 28.09.2023, 17:56

Danke erstmal für die Antworten. Mir geht es nicht um einen Besitzanspruch oder so etwas. Ich weiß nicht, ob ich damit richtig liege, aber so habe ich die Therapeutin verstanden: Man müßte nur lange genug an sich, bzw. den eigenen Defiziten arbeiten (also z.B. eine Therapie machen) oder sich intensiv um eine Beziehung/Freundschaft bemühen, dann würde es irgendwann klappen, bzw. dann hätte man auch ein Anrecht darauf, mit jemandem zusammen zu sein. Anders ausgedrückt, daß eine Beziehung/Freundschaft vorrangig durch eigene Anstrengung möglich, bzw. erlaubt ist. Man bräuchte "nur" das Vertrauen und die Sympathie der anderen Person gewinnen. Abwarten in der Hoffnung, daß mich irgendwann irgendjemand ansprechen könnte und daß sich daraus etwas ergeben könnte, wäre reiner Zufall oder Wunschdenken.
Ich hoffe, man kann mich jetzt besser verstehen.

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Tobe
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Beitrag Do., 28.09.2023, 18:46

Ich würde dies vielleicht etwas anders formulieren...

Jeder hat das Recht geliebt und wertschätzend behandelt zu werden...
aber hat man dadurch nicht auch das Anrecht auf eine Person, die dies auch tut.

Man kann sich glücklich schätzen, wenn man einen Menschen trifft, der mit einem eine Beziehung eingehen möchte...
ob nun “nur“ eine Freundschaft oder auch eine Beziehung.
Jedoch auch hier hat man kein Anrecht bzw. Anspruch darauf, daß man Freundschaften oder Beziehungen hat.

Beziehungen und auch Freundschaften bedürfen natürlich auch Arbeit an derer, damit diese Bestand haben. Aber sich dafür komplett zu verbiegen damit dies passt, geht auf längere Sicht nie lange gut. Kompromisse sind davon natürlich ausgeschlossen, genauso wie auch Toleranz.
Jedoch sich selbst oder andere in eine Form reinpressen funktioniert einfach nicht.

Ich denke das die meisten Beziehungen daran scheitern, weil die Anspruchshaltung meist auf beiden Seiten zu hoch sind, man nicht bereit ist sich in der “Mitte“ zu treffen, keine Kompromisse eingehen möchte und kaum Toleranz dem Anderen gegenüber aufgebracht werden.

L.G. Tobe
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Chad
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Beitrag Do., 28.09.2023, 18:53

Niemand, außer ü40 Omas, hat ein Recht auf eine Beziehung (https://youtu.be/G3L8wAiq_VM?si=S_PPd4SDG97MSPQ8).

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sebi
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Beitrag Do., 28.09.2023, 19:09

Vlt würde es die Energie, die sich auf das Recht auf irgendetwas bezieht, verändern, wenn man Freundschaft, Beziehung, Begegnung als Geschenk und weniger als Recht wahrnehmen könnte? Das Geburtsrecht empfinde ich als Recht, das ich mir selber geben lerne.
"Jeder Mensch sucht nach Halt. Dabei liegt der einzige Halt im Loslassen." Hape Kerkeling

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Beitrag Do., 28.09.2023, 19:32

Erdbeere02 hat geschrieben: Do., 28.09.2023, 17:56 Anders ausgedrückt, daß eine Beziehung/Freundschaft vorrangig durch eigene Anstrengung möglich, bzw. erlaubt ist. Man bräuchte "nur" das Vertrauen und die Sympathie der anderen Person gewinnen. Abwarten in der Hoffnung, daß mich irgendwann irgendjemand ansprechen könnte und daß sich daraus etwas ergeben könnte, wäre reiner Zufall oder Wunschdenken.
das klingt jetzt wirklich ganz anders.
Und ja, soweit sehe ich das auch so. Eine Freundschaft oder eine Beziehung entsteht auch indem man sich engagiert, offen ist, danach sucht.
Einfach nur Abwarten führt eher selten zum Erfolg.

Es ist sicher sinnvoll die eigenen Defizite anzuschauen und zu bearbeiten, die eine Freundschaft oder Beziehung schwierig machen. Und auch die eigenen Ängste anzuschauen.

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Erdbeere02
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Beitrag Do., 28.09.2023, 20:15

Es ist sicher sinnvoll die eigenen Defizite anzuschauen und zu bearbeiten, die eine Freundschaft oder Beziehung schwierig machen. Und auch die eigenen Ängste anzuschauen.
Was für Defizite können das sein (evtl. mangelndes Selbstbewußtsein/-vertrauen) ? Wie bearbeitet man diese Defizite ? Einfach sagen, ich möchte das nicht mehr ? Welche Ängste können das sein ? Wie soll man mit diesen Ängsten umgehen ? Einfach ignorieren und drauf los reden ?

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chrysokoll
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Beitrag Do., 28.09.2023, 20:24

das kann man nicht allgemein beantworten, das ist doch ganz individuell.
Betrifft dich das denn und wenn ja wie genau? Du wirst ja für dich selber eine Ahnung haben ob du eher schüchtern bist, ob du soziale Ängste hast, ob du eifersüchtig bist usw.
Kannst du Freundschaften eingehen? Halten diese Freundschaften? Wenn nein, hast du eine Idee warum nicht?
Genau daran kann man in einer Therapie arbeiten.

Es hilft dir ja nichts wenn hier Leute über z.B. soziale Ängste sprechen, dich das aber gar nicht betrifft.
"Einfach ignorieren" ist nie ein guter Ratgeber, weil das bei ausgeprägten Ängsten schlicht nicht klappt, ebensowenig bei anderen Gefühlen oder Verhaltensweisen.


montagne
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Beitrag Sa., 16.03.2024, 00:20

Frage dich, was hast du in der Beziehung zu geben? Was möchtest du nehmen? Steht das im Gleichgewicht? Wenn nicht daran arbeiten.
amor fati

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BluePoint
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Beitrag Sa., 16.03.2024, 07:10

Also ich würde es so formulieren:

Man hat ein Recht darauf in Freundschaften und Beziehungen gut behandelt zu werden, und man hat ein Anrecht darauf das auch einzufordern. Einfordern klingt jetzt vielleicht extrem, aber man soll und darf kommunizieren was man braucht und sich vom anderen wünscht.

Man hat aber nicht das Anrecht darauf, das von einer bestimmten Person einzufordern. Wenn man z.B. einen Ehevertrag abgeschlossen hat, und die Person einen nicht wertschätzend behandelt, darf man den Vertrag dann auflösen. Aber man kann nicht einfordern dass die Person genau das macht was man möchte. Man kann aber bei nicht Einhaltung des Vertrages (Vertrauens) den Vertrag kündigen aka Scheidung, Freundschaft kündigen.

Ich finde es gerade ziemlich lustig auf deiner Ebene zu kommunizieren, Erdbeere.

Und man kommt zu einer Vertrauensbindung, indem man das gibt, was man selber bekommen möchte. Es ist also nicht so, dass man sich wahnsinnig anstrengen muss, oder durch Tricks (wenn ich nur hart genug an mir arbeite, dann habe ich das Recht darauf dass mir eine Person zusteht und für mich da ist. "Ich muss ihre Sympathie gewinnen").

Vielmehr würde ich es aus der anderen Perspektive betrachten:
Ich gebe viel in die Beziehung hinein, Rückhalt, Nähe, Verbundenheit etc., ich habe das Recht es auch zurück zu erwarten von der anderen Person. Wenn diese Person aber nicht in der Lage oder nicht gewillt ist mir das zu geben was ich auch brauche und gebe, dann bleibt mir nur Trennung.

Aber man kann trotzdem nicht darauf vertrauen dass man ein Leben lang eine Person an sich binden kann, nur dadurch dass man das gibt, was eigentlich ein Menschenrecht ist, nämlich Bindung, Nähe. Dieser Anspruch besteht eigentlich nur gegenüber den engsten Bezugspersonen in den ersten Lebensmonaten/jahren. Und wie verlässlich das eingehalten wird, davon können wir alle hier ein Lied singen.

Vielleicht tust du dir leichter, wenn du in Lebensabschnitten denkst? Alle Menschen entwickeln sich weiter (oder anders gesagt: haben verschiedene Stadien in ihrem Leben), und oft passt man nur in einem gewissen Lebensstadium zusammen.

Ich mag den Begriff: Lebensraumpartner. Der passt auch für Freundschaften und für Tiere.

Viel Glück bei der Suche und Einordnung von dem was du suchst und brauchst.

Noch ein Nachsatz:
Man darf also einfordern gut behandelt zu werden, aber wenn da nix kommt, dann muss man gehen. Man kann nicht etwas von jemandem verlangen, der dazu nicht in der Lage ist.
Man kann nicht an einem toten Baum rütteln und hoffen dass er Früchte trägt