Umgang mit Kontaktabbruch mit der Familie vor 9 Monaten

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readerspider
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Umgang mit Kontaktabbruch mit der Familie vor 9 Monaten

Beitrag Mi., 09.09.2026, 21:32

Hallo,

Ich bin neu hier.
Kurz zu mir: ich bin 27 Jahre alt und habe vor 9 Monaten den Kontakt zu meiner Mutter, Vater, Halbbruder und jüngeren Bruder abgebrochen. Sie sind alle überall blockiert. Davor hatte ich meine ganze Familie zwischen 3-6 Jahre nicht mehr gesehen, nur geschrieben oder mal telefoniert.
Ich möchte garnicht so tief in die Gründe gehen darüber, warum ich den Kontakt abgebrochen habe, aber um ein paar Stichworte zu nennen wurde ich emotional Erpresst, Vernachlässigt, Misshandelt, parentifiziert, Missbraucht (auf verschiedene Arten), Gegaslighted, in eine Abhängigkeit gebracht und mehr, als Kind und Jugendlicher. Ich bin aktuell seit 8 Jahren in Therapie und habe vieles aufgearbeitet und sogar verarbeitet.

Warum ich hier schreibe ist, dass ich mich mit dem Kontaktabbruch sehr einsam fühle. Ich spreche mit meinen Freund*innen, aber sie können das nicht verstehen oder wissen nicht, was sie sagen sollen. Wenn ich versuche zu erklären, was in mir vorgeht frustriert es mich, da sie es nicht verstehen können (was gut ist, da ich dieses Gefühl und die Situation niemandem wünsche). Meine ganzen Freund*innen haben irgendeine Form von Familie: Eltern, Geschwister, Tante, Onkel, etc. Ich habe das nicht. Mein Leben lang hatte ich nicht das Gefühl irgendwo zugehörig zu sein. Ich fühlte mich in meiner Familie ungeliebt und extrem einsam auch schon als Kind. Es fehlte immer die Sicherheit und ich spüre es noch heute, dass etwas fehlt. Immer wenn bestimmte Situationen sind, in denen ich meine Familie bräuchte wird mir bewusst, dass sie nicht da sind und werde von dieser Traurigkeit und teilweise Wut überrannt. Das schlimmste ist aber die Einsamkeit. Ich vermisse eine Familie und den hallt den sie bringen könnte. Ich vermisse nicht meine Familie! Aber eben eine. Manchmal würde ich gerne einfach zusammenbrechen und loslassen und eine Mutter/Vater nimmt mich in den Arm und sagt es wird alles gut. Das habe ich aber nicht und klar kann ich es mir selber geben und als erwachsenes-Ich mich beschützen und umarmen, aber das ist auch nicht das selbe…

Ich hatte gehofft hier auf Gleichgesinnte zu treffen, die seit längerem den Kontakt abgebrochen haben und sich ähnlich fühlen. Vielleicht auch ältere Menschen, die mir Hoffnung geben können. Ich hatte gehofft ein paar nette Worte zu hören davon, dass es irgendwann leichter wird oder auch Strategien, um damit besser umzugehen.
Diese Einsamkeit ist sehr schwer, aber mir ist auch bewusst niemand kann dieses Loch füllen, das meine Familie in mir verursacht hat. Ich fühle mich nur sehr alleine damit, dass ich mein Leben lang alles selbst tun und klären musste. Meine Eltern haben ihren Job nicht gemacht und jetzt bin ich erwachsen und wünschte mir jemand würde mir diese Last abnehmen. Das geht aber nicht und ich kann nur lernen damit umzugehen.

Ich weiß nicht, ob es verständlich ist, was ich sage, aber vielleicht verstehen es ein paar Menschen.
Danke schon einmal im Voraus!

Lg spidey

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Fraupffff
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Beitrag Do., 10.09.2026, 14:00

Hallo Spidey .

Ich habe den Kontakt zu meiner Familie für einige JAHRE abgebrochen gehabt. Ich glaube ganz genau zu wissen was du meinst .

Ich konnte damals keine Freude haben, in jeder auch schönen Situation war im Hinterkopf auch der Gedanke dass ich allein wäre. Kein Geburtstag kein Anlass keine bestandene Prüfung konnte ich wirklich genießen.

Ich war schwach und irgendwann habe ich wieder Kontakt zugelassen. Die Hoffnung die ich damit verbunden habe, die ersehnte Entlastung ist aber nicht eingetreten.
Sie waren ja immer noch die selben Menschen. Sie sind nicht anders zu mir als vorher. Ich fühle mich nicht wirklich weniger allein. Im Gegenteil da ist eher das Gefühl jetzt hab ich es verdient weil es ja meine Entscheidung war.

Das heißt nicht dass das bei dir auch so sein muss, aber was wohl stimmt ist dass du ja mit Grund die Beziehung abgebrochen hast und so lange du keinen Anlass hast zu glauben die Gründe wären nun beseitigt, wirst du dich eventuell wieder an dies Punkt finden.

Möglicherweise kann man lernen sich abzugrenzen und Kontakt haben und dadurch trotzdem Vorteile für sich herausholen, aber will man den Preis zahlen?
Ich hab die Antwort für mich noch nicht endgültig gefunden.

Alles Gute!

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Sinarellas
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Beitrag Fr., 11.09.2026, 08:39

Warum ich hier schreibe ist, dass ich mich mit dem Kontaktabbruch sehr einsam fühle. Ich spreche mit meinen "Freund*innen, aber sie können das nicht verstehen oder wissen nicht, was sie sagen sollen. "
Mein tipp: radikale akzeptanz, ja da ist keine familie, ja da ist kein nest da gab es nie eins und du hast keine ahnung wie man eins baut. Das hält uns aber doch nicht davon ab ein eigenes nest, wenn auch mit wilden fasern zu bauen.
Was ich sagen will: Du kannst Nest und Sicherheit, Bindung und Nähe in unterschiedlichen Menschen finden :) und so dir dein eigenes kleines Netz bauen.
Und immer wieder auch beweinen und betrauern, das gehört nun eben zur Biografie dazu.
Dann hilft es wirklich seine kleine Bubble mit Gleich-Betroffenen zu finden, Menschen denen es geht wie dir, ob digital oder per Selbsthilfegruppe. Andere Betroffene können so viele wertvolle Tipps geben...

Für mich ist klar: Kontakt zu denen, den ich abgebrochen habe, wirds nicht freiwillig geben. Wozu Menschen in meinem Leben haben, die mir nicht wohlgesinnt sind, mein bestes wünschen und wollen!? Pff, das Leben ist zu kurz für den Mist.
..:..


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Beitrag Fr., 11.09.2026, 19:39

Du hast absolut recht und danke für deine Worte!

Ich bin glaube ich noch an dem Punkt, an dem ich es schwer finde zu akzeptieren, dass dieses Netz nicht von (m)einer Familie kommt und sich nicht so anfühlt, wie ich es mir immer wünschte. Das sich dieses Netz/Familie anders anfühlt macht es schwer irgendwie. Ich glaube ich hänge noch an der Hoffnung, das mein Wunsch sich erfüllt. (Nicht durch meine Familie. Wie bei dir werde ich den Kontakt nicht freiwillig wieder aufnehmen. Niemals. Mir geht es generell viel besser als davor, es ist nur die Nachwirkung mit der Einsamkeit, die mir zu schaffen macht.)
Das mit dem Beweinen und betrauern finde ich auch schwer 😅 Irgendwann sollte es doch mal genug sein… Oder wird das einfach für immer bleiben?

Ich finde es voll schwer Menschen zu finden, die ähnliches erlebt haben und sich austauschen wollen. Hier in der Stadt gibt es keine Selbsthilfegruppen dafür und ich habe nicht die Kapas das selbst zu organisieren. Deshalb kam ich zu dem Forum hier :)

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Zauberlehrling
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Beitrag Fr., 11.09.2026, 21:05

Früher gab es mal den Begriff "Trauerjahr". Dieser Zeitraum scheint mir nicht unangemessen zu sein. Wenn dieses erste Jahr bewältigt ist, wird es meist besser. Schritt für Schritt und zwischendurch auch mal einen Schritt zurück.

Aber warst du nicht schon immer einsam innerhalb deiner Herkunftsfamilie? War da nicht eher die Hoffnung auf die "Rama-Familie", die dich diese Einsamkeit nicht so sehr hat spüren lassen?

Zu dem Verhalten deiner Freunde: Vielleicht, ganz vielleicht, hälst du ihnen auch einen Spiegel vor. Du machst das, was dem Einen oder Anderen evt auch schon durch den Kopf gegangen ist: Kontaktabbruch zu (Teilen) der Familie. Das kann einen gehörigen Schrecken einjagen, wenn da auf einmal jemand ist, der das tatsächlich gemacht hat. Ein Durchbrechen der gesellschaftlichen Konventionen ("Du sollst Vater und Mutter ehren!") erfordert durchaus auch viel Mut, den nicht jeder hat. Damit konfrontiert, lässt den Einen oder Anderen still werden...
Novembernacht

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Sinarellas
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Beitrag Sa., 12.09.2026, 09:08

"Ich bin glaube ich noch an dem Punkt, an dem ich es schwer finde zu akzeptieren, dass dieses Netz nicht von (m)einer Familie kommt und sich nicht so anfühlt, wie ich es mir immer wünschte."

Ja total, und manchmal braucht es eine Akzeptanz, dass man das nicht akzeptieren will. Ist eben gerade so, also noch ein wenig rauszoomen. Das machst du schon ziemlich gut, kannst die Gefühle in Worte packen und dich mitteilen (hier mindestens).

"Mir geht es generell viel besser als davor, es ist nur die Nachwirkung mit der Einsamkeit, die mir zu schaffen macht."
Total, das macht mir immer noch zu schaffen, Hoffnung hatte ich immer irgendwo (das Erleben von wohlgesonnener genetischer Familie), aber wie du schreibst: Es geht mir so viel besser ohne sie. Am Ende lebst nur du dein Leben und nicht die Normen, Bekannten oder Ratgeber...

"Das mit dem Beweinen und betrauern finde ich auch schwer 😅 Irgendwann sollte es doch mal genug sein… Oder wird das "einfach für immer bleiben?" "
Wenns kommt, dann kommts. Also wenn man traurig wird, weil andere so tolle Unterstützer in ihrer Famlie haben (das ist kein Neid), darf man das sein und auch zeigen oder formulieren. Ich übe das immer wieder.
Ja gut meine junge Biografie hat keine Unterstützer gehabt, dafür aber weiß ich wie man mit Situationen umgeht, die andere völlig überfordern würden oder ich hab einen wachsameren Blick auf mein Umfeld [oder...]
..:..

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Fraupffff
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Beitrag Sa., 12.09.2026, 10:02

Wenn du das hin und wieder schaffst den "Verlust" zu betrauern ohne aus den Latschen zu kippen machst du das eh schon sehr gut!
Und das nach so kurzer Zeit :respekt:

Vielleicht gelten da auch die 5 Phasen der Trauer. Aber das weiß ich nicht.

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Reverie
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Beitrag Sa., 12.09.2026, 13:38

Die Einsamkeit ist am Anfang nach meiner Erfahrung so spürbar, weil durch den Kontaktabbruch zwar die verletzenden Situationen beendet wurden, aber dadurch nicht automatisch die tiefen Wunden geheilt werden. Es ist unglaublich schmerzhaft, sich endgültig einzugestehen und die Hoffnung aufzugeben, dass die eigene Familie niemals dieses Netz sein wird, das man sich als Kind so sehr gewünscht und vermisst hat. Es ist ja nicht nur die Trauer um die Menschen der eigenen Familie, sondern auch um das Alleingelassenwerden und die Verletzungen in der Kindheit. Dieses Gefühl der Leere lässt sich nicht so einfach füllen.

Es stimmt schon, was Du schreibst, die Zuwendung, die man sich selbst gibt, so wichtig sie auch ist, ersetzt nicht die elterliche Liebe. Dein erwachsenes Ich kann vieles auffangen, aber es kann das ursprüngliche Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit, das jedes Kind hat, nicht ersetzen. An Tagen, an denen ich dieses Loch besonders spüre, hilft es mir, das Gefühl nicht wegzudrücken, sondern einfach traurig und wütend darüber zu sein, wie unfair das alles ist und wie sehr man mich verletzt hat.

Dass Du Dich im Freundeskreis unverstanden fühlst und dann frustriert bist, verstehe ich gut. Es ist nur so, dass Freunde aus Familien, in denen sie sich geborgen und wertgeschätzt fühlen, einfach an ihre Grenzen stoßen. Aus Hilflosigkeit reagieren sie mit sicher gut gemeinten Ratschlägen, die aber dann das Gefühl, nicht verstanden zu werden, noch verstärken können.

Mir hat es geholfen zu verstehen, dass diese zwei Welten manchmal einfach nicht kompatibel sind. Wenn ich in einer Familie bin, die achtsam miteinander umgeht, bin ich diejenige, die außen vorsteht, ohne sich wirklich hineinfühlen zu können. Es ist wie ein inneres Hinhorchen nach etwas, das ich selbst nur vom Hörensagen und Zuschauen kenne und vergeblich in mir suche. Genau spiegelverkehrt geht es Deinen Freunden, sie können nicht nachvollziehen, wie es sich anfühlt, als Kind nicht geliebt worden zu sein und sich so ohne Schutz zu fühlen. Das macht es so einsam. Aber es liegt nicht an Dir, und es liegt nicht daran, dass Du es falsch erklärst. Die Kluft zwischen diesen Erfahrungen ist einfach sehr groß.

Auf Deine Frage, ob das für immer bleibt, kann ich Dir sagen, dass der Schmerz, den Du fühlst, mit der Zeit zurückgehen und leiser werden wird. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, wirklich zu akzeptieren, dass die Situation so ist, wie sie ist und dass diese Lücke da ist. Erst durch diese Akzeptanz wird der Schmerz darum nicht mehr Dein ganzes Leben bestimmen, sondern Teil Deiner Geschichte sein. Dann wirst Du auch wieder Perspektiven sehen, Dir ein schönes, eigenes Leben nach Deinen Vorstellungen aufzubauen.

Liebe Grüße
Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib acht,
ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist. Novalis

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