Verzerrte Wahrnehmung: was ist das?

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vanessa82
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Verzerrte Wahrnehmung: was ist das?

Beitrag Mi., 28.03.2012, 10:22

liebe forumsmitglieder,

ich habe mal ne frage kann mir jemand erklären was eine verzerrte wahrnehmung ist?
ich komme immer wieder darauf zurück, das eine verzerrte wahrnehmung gleichzeitig eine bewertung ist, ist das richtig?

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Mary-Lou
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Beitrag Fr., 06.04.2012, 13:39

Hallo vanessa82,

ich hatte neulich auch mit diesem Begriff zu tun. Ich finde ihn eigentlich etwas unpräzise, denn eine Wahrnehmung entspricht äußerst selten bis nie der Realität (bspw. gibt es keine Farbe Rot. Das was wir als Rot wahrnehmen, ist einfach ein Farbreiz, wenn Licht mit einer bestimmten spektralen Verteilung in unser Auge fällt).
Eine Wahrnehmung ist immer subjektiv gefärbt und für den jeweiligen Wahrnehmenden individuell. Insofern erschließt es sich mir nicht ganz, was an einer Wahrnehmung zusätzlich verzerrt ist. (vielleicht, wenn man statt eines roten Farbreizes einen orangenen wahrnimmt?)

Vielleicht kann uns ja ein anderer aufklären.

Mary-Lou
Frühling: „Eine echte Auferstehung, ein Stück Unsterblichkeit.” (Henry David Thoreau)

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stilleswasser
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Beitrag Fr., 06.04.2012, 16:25

ich verstehe unter einer verzerrten wahrnehmung, dass man dinge in etwas hinein interpretiert, die eigentlich nie gesagt wurden. beispielsweise wurde man früher in der schule gemobbt, ausgegrenzt, es wurde hinter dem rücken gelästert und später im beruf oder dergleichen hat man das gefühl, dass es wieder passiert. obwohl alle total freundlich sind, aber man interpretiert kleinste dinge über.
verzerrte wahrnehmung also quasi als die projektion einer früheren situation in die gegenwart. angstzustände, man fühlt sich beobachtet, alle tuscheln über ein, obwohl es gar nicht so ist. aber man denkt es, weil man es von früher so gewohnt ist.
vielleicht einfach auch nicht der realität entsprechend. sich auf etwas konzentrieren, nur auf einen aspekt von einer sache und die anderen außer sicht lassen... vielleicht kann man auch naivität dazu zählen?

just meine überlegung zum thema

stilleswasser.
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Ich bin gerade sehr empfindsam und schnell verletzt. Ich bitte dies zu berücksichtigen, wenn du mir antworten möchtest, da mir achtlose, grenzüberschreitende Kommentare sehr weh tun können u ich aber weiterhin im Forum bleiben möchte. Danke.
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lamedia
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Beitrag Fr., 06.04.2012, 16:43

Wenn mir jemand "verzerrte Wahrnehmung" unterstellt, erschüttert mich das in meinen Grundfesten, denn ich gehe ja davon aus, dass mir mir und meiner Wahrnehmung alles ok ist, anders läßt es sich kaum leben. Offenbar bemerkt der andere aber in der Art, wie ich die Realität oder meine Wahrnehmung der Realität schildere, etwas Unpassendes, Auffälliges, etwas, was von (der von ihm angenommenen) Norm/Durchschnitt abweicht. Es kann jedoch sein, dass dieses Gegenüber selbst eine "verzerrte" Wahrnehmung hat, worauf ihn ein Dritter hinweist, der wiederum seine eigene Vorstellung von Norm hat, die von einem Vierten nicht geteilt wird - und immer so weiter. Daher ja: Es handelt sich um ein Urteil, das Normabweichung unterstellt und selbst dabei eine Autorität beansprucht, die die Norm zu kennen, bzw. zu repräsentieren glaubt.

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Blaubaum
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Beitrag Fr., 06.04.2012, 19:59

ich denke, eine verzerrte wahrnehmung ist eine falsch-wahrnehmung, ganz oder teilweise falsch. es kommt mir, bildlich gesprochen, so vor, als wenn sich idealerweise 2 bilder kongruent aufeinander befinden, das bild der objektiven realität, und das bild, welches ich mir subjektiv von ihr mache.

ist dagegen die wahrnehmung verzerrt, überlagern beide bilder sich nicht, und ein verzerrtes gesamtbild entsteht.

wer mit solch einem verzerrten inneren bild versucht, in der (nicht notwendigerweise äusseren) realität zurechtzukommen und dinge zufriedenstellend zu handhaben, wird früher oder später probleme bekommen.

wenn er im prinzip gesund ist, kommen die probleme früher, sind weniger heftig und relativ leicht korrigierbar.

bei schwersten störungen mit ausgeprägten halluzinationen und sich daraus ergebendem wahnsystem tastet der betreffende sich eine weile entlang einer niedrigen reling bei nacht auf einem schiff im sturm, aber früher oder später versagt die kompensationsfähigkeit gegenüber dem, was unannehmbar erscheint, und der absturz kommt.

demgegenüber sind falschwahrnehmungen aber auch durchaus alltäglich und werden bei leichterer ausprägung nicht als störung betrachtet, obwohl viele sich, wie ich es empfinde, von einem "ganz normalen" irrtum durchaus unterscheiden.

es gibt mE den irrtum aus versehen (den laternenpfahl nicht gesehen, dagegengerannt) und den absichtlichen "irrtum".
hier wird bei vollem bewusstsein, zumindest nicht nachhaltig getrübter wahrnehmungsfähigkeit und funktionierenden kognitiven fähigkeiten projiziert und geleugnet, um etwas, dessen der betreffende sich eigentlich durchaus bewusst ist oder bei entsprechendem willen sein könnte, von sich abzulenken, um etwas unangenehmes nicht an sich heranlassen zu müssen. hier ist mE die grenze zwischen irrtum/illusion, lüge und selbstbetrug fliessend.

der oft gehörten meinung, es gäbe sowieso keine objektive realität

(dieses argument wird oft unter bezug auf quasi esoterisch/quantenphysikalische erkenntnisse immer grad von denjenigen vorgebracht, die sich in einer diskussion durch unlogische argumente in eine verzweifelte lage gebracht haben und da wieder raus wollen, und sei es um den preis der grundsätzlichen infragestellung aller von ihnen selbst zuvor gebrachten argumente, die ja ohne die existenz einer objektiven realität per se ebenso unsinnig wären wie die gegenargumente; und z.b. wäre die behauptung, es gäbe keine objektive realität, ja die behauptung, es sei objektive realität, dass es keine solche gäbe),

sondern nur subjektiv gültige wahrnehmung, würde ich die bildliche vorstellung gegenüberstellen, dass 2 menschen sich zusammen rücken an rücken auf einem berggipfel befinden.
der eine schaut nach norden und sieht das meer, der andere schaut nach süden und sieht die wüste. nach langer betrachtung bekommen sie ein gänzlich voneinander verschiedenes bild der realität.
der eine sagt "wir sind am meer", der andere sagt "wir sind am rande einer wüste". objektiv ist, dass sie auf einem berg zwischen meer und wüste sitzen und in unterschiedliche richtungen blicken.

wer sich weigert, die welt "von oben" zu betrachten, seine individuelle verstrickung in das micro-geschehen, emotionen, persönliche interessen etc., zumindest für eine weile hinter sich zu lassen, der lebt mE an der reling bei tag auf einem schwankenden schiff. und er muss damit rechnen, dass es bald nacht wird...
spezialisten wissen zuerst viel über wenig und am ende alles über nichts

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Ekel
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Beitrag Mi., 11.04.2012, 13:14

ich ahbe das immer so verstanden, dass wenn man eine person mit verzerrter wahrnehmung nach einem bestimmten ereignis fragt, man eine gänzlich andere schilderung bekommt, als wenn man "normale" zeugen fragt. Diese alle haben viele gemeinsamkeiten bei all den Unterschieden in der schilderung. Das hat aber auch viel mit gedächnis usw. zu tun. Der zeuge mit der verzerrten Wahrnehmung wird aber gravierende abweichungen von allen anderen in seiner schilderung haben.

Zum Beispiel war es bei ihm als einzigem Nacht und nicht tag, als das ereignis geschah, oder alle haben sich gut auf der party amüsiert und für die verzerrte wahrnehmung sah es so aus als würden sich alle über ihn lustig machen...