Dilemma Alkohol

Dieser Bereich dient zum Austausch über Entzug, Entwöhnung und Therapie von substanzbezogenen Abhängigkeiten (wie Alkohol, Heroin, Psychedelische Drogen, Kokain, Nikotin, Cannabis, Zucker,..)
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LinaMP
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Dilemma Alkohol

Beitrag Do., 16.03.2017, 19:08

Hallo liebes Forum,
ich weiß gar nicht so richtig wie ich anfangen soll. Ich habe mir die ganzen letzten Wochen und Monate bewußt gemacht,dass das Thema Alkohol doch mehr Raum in meinem Leben einnimmt,als ich wahrhaben wollte. Vielleicht etwas zu meiner Vorgeschichte...

Ich bin 37 Jahre alt und ein sehr ruhiger,eher introvertierter und sensibler Mensch. Ich hatte,wie vielleicht die meißten Menschen hier,eine eher schwierige und sehr prägsame Kindheit und Jugend. Aber das wird evt.später nochmal Thema ::? . Als ich ungefähr 16 Jahre alt war bin ich ins Ausland gegangen und hab dort das erste Mal Erfahrungen mit Kiffen und anderen Drogen gemacht. Das konnte ich nachdem ich es ziemlich exessiv ausgelebt habe mit ca.24 Jahren beenden. Von heute auf morgen keine Drogen mehr.

Allerdings hab ich angefangen mich mit Alkohol "zu beruhigen". Ich habe ziemlich erfolgreich gearbeitet und mir einiges aufgebaut. Abends nach Feierabend gab es eine Flasche Sekt zur Entspannung und um gut schlafen zu können. Soweit...,so hat irgendwie alles angefangen. Das ist allerdings nicht meine einzige Baustelle. Mit ca.28 Jahren machte ich meine erste Verhaltenstherapie. Allerdings nicht wegen dem Alkohol oder der Drogen,sondern weil ich chronisch überfordert und überlastet war. Zu der Zeit hab ich fast 70 Stunden in der Woche gearbeitet. Ich hatte eine ausgeprägte Essstörung entwickelt und mich teilweise selbstverletzt.

Dann ging ich auf Empfehlung meiner Therapeutin und auch weil ich es selbst nicht mehr schaffte in eine stationäre Therapie. 4xinsgesamt innerhalb von 5 Jahren. An allen selbstschädigenden Verhaltensweisen konnte ich gut arbeiten. Meine Essstörung ist überwunden und ich habe mich seit mehr als 7 Jahren nicht mehr selbst verletzt. ABER.....

Mein Alkoholkonsum macht mir nicht nur Gedanken und Sorgen,sondern ich merke,wie ich meinen Alltag oftmals um das trinken organisiere.Ich trinke ausschließlich Sekt. Den Durchschnitt kann ich mit ca 5 Flaschen pro Woche festlegen. Mal mehr mal weniger. Was ich aber ganz bedenklich finde ist,dass ich sehr sehr gerne trinke.Es ist nicht die Gewohnheit(oder doch vielleicht ein bißchen),aber ich bin einfach soooo gut drauf. Die Depression ist verschwunden,ich werde kommunikativ und bin fröhlich und gehe meinen Hobbys nach(zu Hause). Es fühlt sich an wie "Urlaub im Kopf". Aber ich bin natürlich nicht ganz blöde und ich weiß,wie ungesund dieses Verhalten ist. Am Tag danach hab ich regelmäßig starke Panikattacken und esse den gesamten Tag durch,weil ich mich so schrecklich unterzuckert und schwindelig fühle.....

Ich habe als erstes mir Termine bei einer Suchtberatung gemacht und dort demnächst die ersten Termine. Und nun schreibe ich hier. Ich bin ganz ehrlich,aber werde wahrscheinlich nicht auf viel Verständnis stoßen,wenn ich schreibe,dass ich den Tag wo ich was trinke wirklich soooooo sehr genieße,aber ich will und muß aufhören mit dem sch***,weil es mich kaputt machen wird. Vielleicht fällt ja jemandem was zu meinem Text ein oder mag mir was schreiben. Das würde mich sehr freuen.

LG,Lina

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Nico
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Beitrag Do., 16.03.2017, 19:20

Klar verstehe ich dich, ich kenne das sehr gut, auch wenn es bei mir schon lange her ist.
Du hast die beiden wichtigsten Schritte ja schon gemacht, du gehst zur Suchtberatung und noch wichtiger, du gestehst dir dein Problem ehrlich ein.
Es ist nur eine Frage der Zeit bis dein Leidensdruck so groß werden wird, dass du nach all deinen vergangenen Süchten auch diese " angehen" wirst.
Ich wünsche dir dass es nicht mehr lange dauert und du keine großen Schäden erleidest.
Wenn ich alt bin, möchte ich nicht jung aussehen, sondern glücklich!

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LinaMP
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Beitrag Do., 16.03.2017, 19:30

Dankeschön Nico. Manchmal habe ich diesen besagten Leidensdruck,aber leider nur dann wenn ich völlig fertig bin. Wenn es ein oder zweimal in der Woche vorkommt wo ich 2 Flaschen hintereinander trinke. Dann mache ich das so bescheuert es klingt mit Vorsatz,weil ich am nächsten Tag frei habe und kann. Ich versuche mich selbst davon abzuhalten indem ich mir sage,wie schlecht es mir am Tag danach geht,aber der Tag "des Urlaubs im Kopf" ist es mir Wert:(
Ich habe hier schon ein paar Erfahrungs-threads gelesen und oft gehört,dass es doch das nicht wert sei. Das sehe ich bei mir als ganz kritisch an,weil es mir das (noch)wert ist. Das lässt mich zweifeln,ob ich es schaffen kann. Auch kenne ich den "Spruch",dass man manchmal erst ganz weit unten angekommen sein muß,bevor sich was ändert. Ich habe Angst davor,weil ich nicht nach da ganz unten hin will. Leider bin ich wahrscheinlich auf dem besten Weg....

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Nico
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Beitrag Do., 16.03.2017, 19:36

Wie weit du runter mußt wird sich erst zeigen.
Aber wenn es nur um den Urlaub im Kopf geht, könntest du es genausogut mit Meditation versuchen, das ist ohne Nebenwirkungen.
Psychisch bist du also schon abhängig, wie schaut es mit körperlichen Symptomen aus ?
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Beitrag Do., 16.03.2017, 19:45

Danke für Deine Denkanstöße. Meditation hab ich schon oft und auch sehr ernsthaft versucht. Mit ernsthaft meine ich monatelang über Jahre. Sogar nach Indien bin ich gereist und hab dort 8 Wochen in einem Ashram gelebt. Ich hab mich viel mit Buddhismus beschäftigt. Ich liebe Kunst. Ich lebe mittlerweile von Mal-und Zeichenaufträgen. Das hilft mir schon auch,aber eben nicht genug. Manchmal habe ich das Gefühl,dass ich sogar besser zeichnen kann,wenn ich was getrunken hab,weil mich dann nichts anderes im Kopf ablenken kann. Ich fühle mich frei auf bekloppte Art und Weise. Ich hab große Angst vor körperlichen Entzugssymptomen. Große Angst sogar. Da ich aber auch an Angstzuständen und Panikattacken leide kann ich ehrlich gesagt nicht unterscheiden was wozu gehört. Soll sich ja recht ähnlich anfühlen.

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Nico
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Beitrag Do., 16.03.2017, 20:00

Oh ja Gründe für Alkohol findet man immer wenn man danach sucht.
Meditation war nur ein Beispiel, ein gutes Buch, Musik, Sport, autogenes Training etc. etc. es gibt 1000e Möglichkeiten den Kopf leer zu machen.
Alkohol ist eine der schlechtesten aber das weißt du eh alles.
Ich wünsche dir dass du es schaffst eine oder mehrere andere zu finden.
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Beitrag Do., 16.03.2017, 20:54

Dankeschön. Na sagen wir mal so,ich habe vieles ausprobiert. Ich habe durch meine bisherigen Therapien viele gute "Handwerkszeuge" mitbekommen und vieles hat wirklich gut funktioniert. Beim Alkohol scheitere ich irgendwie. Wo ich wirklich gemerkt habe dass es mehr ist als ein netter Zeitvertreib,war,als ich mir vorgenommen hab kontrolliert zu trinken. Das funktionier mal so überhaupt nicht. Also ist es an der Zeit auch hier etwas dagegen zu tum. Was mich momentan daran scheitern lässt ist,weil ich diese Trinktage einfach soooo genieße,egal mit welcher Konsequenz. Am nächsten Tag bin ich ein Häufchen Elend,dass schon zum Frühstück Spaghetti kocht,weil ich Panik habe. Da ist gar nix mehr toll und schön und genußvoll. Da ist Drama angesagt. Ich wünschte es wäre einfach. Es einmal einfach zu haben wäre schön. Trinken ist einfach.
Oftmals schaffe ich mich auszubremsen.Dann schaffe ich mal so 9 Tage ohne. Komischerweise fehlt mir in der Zeit nix und ich komme gut klar. Und trotzdem fange ich wieder an. Da verstehe ich mich überhaupt nicht. Denn ich weiß,irgendwann werde ich morgens aufwachen und nicht mehr aufhören können. Warum immer dieser Tanz auf dem Drahtseil? Das ist doch verrückt.


Eremit
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Beitrag Fr., 17.03.2017, 00:28

Alkohol ist vergiftete Muttermilch, wie es in der Psychoanalyse so schön heißt. Vielleicht wäre es lohnenswert, psychotherapeutisch mal in diese Richtung zu schauen …

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Beitrag Fr., 17.03.2017, 08:15

Ja,ich habe ja schon einige Therapien hinter mir. Momentan hab ich allerdings 2 Jahre Pause,weil ich die letzte Thera nach 1,5 Jahren abgebrochen hab. Für dieses Wochenende hab ich mir vorgenommen nichts zu trinken. Samstag ist mein kritischster Tag. Da mach ich regelmäßig Party mit mir selbst. Aber ich will es eigentlich nicht. Wenn ich nicht alleine wäre,würde es mir wahrscheinlich leichter fallen,aber ich bin es nunmal. Hätte auch niemanden mit dem ich mich treffen könnte. Aber ich muß auch noch zwei Zeichnungen für einen Auftrag fertig machen. Vielleicht gelingt mir das diesmal ohne gefühlte 20,8 Promille.

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Beitrag Sa., 18.03.2017, 16:21

Hattet Ihr eigentlich VOR Eurem Entschluss mit dem Alkohol aufzuhören irgendwelche "Glaubenssätze" im Kopf? Ich meine sowas wie Sätze,die in Eurem unterbewußtem ablaufen.Der Klick im Kopf quasi. Was hattet Ihr da für Gedanken um letztlich wirklich aufzuhören. Hattet Ihr Angst zu sterben oder Angst wegen der Lebensumstände( Beruf/Partner)? Was war der letzte "Klick" um wirklich aufzuhören? Wäre toll von Euren Erfahrungen zu hören.LG und ein schönes Wochenende.


Tipi tipi hoe
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Beitrag So., 19.03.2017, 08:53

Hi LinaMP,

ich habe vor ziemlich genau vier Jahren stationär entzogen. Dem ging ein sehr langer Kampf mit mr selbst voraus, immer wieder habe ich versucht, das selbst in den Griff zu bekommen und immer wieder bin ich gescheitert. Ich hatte einige Phasen im Leben, in denen ich sehr einsam war, aber dieses Gefühl der Einsamkeit, in den letzten Jahren vor meinem Entzug und der Reha toppen alles. Daher war es für mich ein riesengroßes Gefühl der Erleichterung und auch der Dankbarkeit in der Klinik auf andere zu treffen, denen es auch so geht.
Wenn Du nach Glaubenssätzen fragst, .. als ich in die Klinik eingerückt bin, wusste ich, ich muss, sonst gehe ich unter.
Ich war soweit, dass mein Job und mein Privatleben auf dem Spiel standen.
Ich muss dazu aber auch sagen, dass ich beides nach dem Entzug/Reha geknickt habe. Denn etwas war auch ganz klar, so weitermachen wie davor konnte und durfte ich auch nicht mehr, sprich ich habe mich damit auch radikal von Angelegenheiten/Situationen/Menschen getrennt, die mir nicht gut tun.
Richtig schiach war auch, dass ich in einer sehr verletzenden Umgebung gelebt habe und mir viel Fieses auch unterstellt wurde. Ich war/bin eher der Typ, der alle Verantwortung auf sich nimmt, anstatt mal die anderen in die Pflicht zu nehmen. Aber mir dann auch noch in die Schuhe schieben zu lassen, dass nur ich allein - nur weil ich gesoffen habe - alles zerstört habe, das ging mir dann auch zu weit. Mit letzterem hatte ich für mich noch länger zu tun. Aber seit ich clean bin, kann man mir das ja auch nicht mehr vorwerfen.

Jedenfalls war dieser letzte Klick wirklich so ein "alles oder nichts" Gefühl, wenn nicht jetzt dann nicht mehr. So ungefähr.

alles Gute! Tipi
Es ist besser, das zu überschlafen, was du zu tun beabsichtigst, als dich von dem wach halten zu lassen, was du getan hast.
(Afrikanisches Sprichwort)

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Beitrag So., 19.03.2017, 09:00

Vielen Dank Tipi für Deinen Erfahrungsbericht. Es ist wirklich schlimm,was Alkohol alles aus einem machen kann. Ich habe eigentlich das Glück,dass ich sehr gute Freunde habe,allerdings weiß niemand von meinem Problem. Nächste Woche habe ich den Termin in der Suchtberatung. Trotz guten Vorhabens hab ich natürlich gestern nicht geschafft nicht zu trinken. 2Flaschen Sekt zwischen 15-20.00Uhr.

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Beitrag So., 19.03.2017, 09:03

Bei mir war es so, dass ich vor meinem stationären Entzug körperlich total am Sand war.
Ich war damals 28 und im Gegensatz zu damals bin ich heute mit 56 topfit.
Ich hab damals natürlich unzählige Male versucht einfach so aufzuhören aber das war nix.
Dann war ich 6 Wochen in Kärnten auf Entzug, hab mich nicht groß an diversen Therapien oder Gesprächen beteiligt, aber endlich einmal in aller Ruhe ohne Alk mein Leben analysiert.
Dann kam ich zum Entschluß ein Jahr lang nix zu saufen egal wie besch.... es mir dabei geht.
Nach einem Jahr wollte ich rekapitulieren ob es sich auszahlt, wenn nicht wollte ich mich zutode saufen.
Seither bin ich trocken :->
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Beitrag So., 19.03.2017, 09:11

Ich bewundere jeden der diesen Schritt geht und durchzieht. Ich will das auch,ich weiß nur nicht warum ich die Entscheidung aufzuhören jedesmal wieder nach hinten verschiebe:(
Völlig bekloppt

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Beitrag So., 19.03.2017, 09:12

Völlig normal :lol:
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