KPTBS / sequentielles Trauma: das Gleiche?

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goody27
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KPTBS / sequentielles Trauma: das Gleiche?

Beitrag Mo., 16.07.2018, 20:51

Ich habe die Diagnose KPTBS schon ein paar mal erhalten.

Als ich meine neue Therapeutin gefragt habe, ob sie auch denkt, das diese Diagnose passe, meinte sie:
-ja, sie denke es handelt sich um ein sequentielles Trauma-
Dies hatte ich nicht zum ersten mal gehört.

Kann mir jemand den Unterschied zwischem dem umd einer kptbs erklären, falls einer vorhanden ist? Am besten in Fachsprache...

MFG

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spirit-cologne
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Beitrag Mo., 16.07.2018, 23:59

Also, dann will ich das mal versuchen:
Ein sequentielles Trauma ist ein Trauma, dass durch die Aufeinanderfolge mehrerer, für sich genommen nicht als traumatisch einzustufender belastender Ereignisse entsteht. (Zum Verständnis: Als Trauma bezeichnet man nicht jedes belastende Ereignis, sondern nur Ereignisse, die mit akuter Gefahr für Leib oder Leben für einen selbst oder nahestehende Personen verbunden sind, wie z.B. Gewaltdelikte incl. sexualisierte Gewalt, Naturkatastrophen, Unfälle, lebensbedrohliche Krankheiten usw. und bei den meisten Menschen eine schwere emotionale Erschütterung auslösen würden) Ein Beispiel wäre z.B. politische Verfolgung oder Mobbing. Da ist die einzelne Schikane zwar schlimm, aber nicht traumatisierend. Aus der Gesamtheit der Ereignisse entsteht dann aber eine Traumatisierung.


Die komplexe PTBS bezieht sich nur darauf, dass die Traumatisierung nicht durch ein einzelnes Ereignis ( z.B. Unfall, Gewaltdelikt) entstanden ist, sondern durch eine Serie von Ereignissen, die im Gegensatz zum sequentiellen Trauma aber auch jedes für sich genommen traumatisch sein können (Der Klassiker: Fortwährender sexueller Missbrauch in der Kindheit). Beim Kindesmissbrauch ist jede einzelne Tat traumatisch, aber durch die Häufung der Traumata, entsteht eine besonders tiefgreifende, komplexe Traumatisierung, die besonders schwer aufzulösen ist.


Die Begriffe sind also sehr ähnlich, aber nicht identisch. Ich würde jedoch nicht darauf wetten, dass jeder Psychotherapeut oder Psychiater sie auch so trennscharf verwendet, teilweise werden sie sicherlich auch synonym verwendet. Das hängt damit zusammen, dass in der ICD-10, nach der die Diagnosen vergeben werden, die komplexe PTBS nicht enthalten ist. Streng genommen ist damit komplexe PTBS auch keine gültige Diagnose. Da sie in das Standardwerk der amerikanischen Diagnostik, das DSM 5 bereits eingegangen ist, wird aber damit gerechnet, dass sie in die nächste Version der ICD auch aufgenommen wird. Da wären dann die "offiziellen" Diagnosekriterien verzeichnet. Bis dahin ist die Diagnose eben noch etwas schwammig und jeder gebraucht sie ein wenig anders.

Hoffe, dass das so halbwegs verständlich ist... ;)
It is better to have tried in vain, than never tried at all...

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R.L.Fellner
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Beitrag Di., 17.07.2018, 13:31

Hallo goody,

der Begriff "komplexe posttraumatische Belastungsstörung" wird aller Voraussicht nach in den ICD-11 (aktuell ist Version 10, also der ICD-10 gültig - der ICD-11 wird wohl nicht vor dem Jahre 2022 in der Diagnostik relevant werden) aufgenommen.

Eine "sequenzielle Traumatisierung" ist nicht das Gleiche. Während es bei der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung um Mehrfachtraumatisierungen geht, bezieht sich der Begriff der sequentiellen Traumatisierung vor allem auf die Zeit nach einer stattgefundenen Traumatisierung - hier kann es einen großen Unterschied machen, wie nach einer Traumatisierung mit den Betroffenen umgegangen wird und welche Erfahrungen sie während dieser Zeit machen (etwa: existierte auch dann ein belastendes Umfeld oder nicht, fand Psychotherapie statt oder nicht etc.). Die Zeit "danach" kann lt. dem dt. Psychiater Hans Keilson sogar relevanter für die Entwicklung posttraumatischer Symptome sein als das Trauma selbst. Wenn Sie dieses Thema interessiert, finden Sie mehr darüber in seinen Büchern (Link).

Freundliche Grüße,
R.L.Fellner