Kindern von eigenen Problemen berichten?

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Anna-Luisa
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Kindern von eigenen Problemen berichten?

Beitrag Mi., 26.02.2020, 20:05

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Kinder heute deutlich mehr "Rechte" haben als meine Generation (früher natürlich auch). Ich habe die Eltern meiner Freunde ausnahmelos gesiezt. In meiner Klasse wurden Plaudereien unterbunden, in dem die Betreffenden umgehend Strafarbeiten bekamen. Das Ausflugsziel für den Wandertag wurde nicht im "Kinderparlament" beschlossen, sondern von den Lehrern festgelegt.

Aber ich kenne es so, dass wir nicht über die Probleme unserer Eltern informiert wurden. Ich habe mit Erstaunen spät erfahren, dass wir an der Armutsgrenze gelebt haben. Es wäre mir als Kind nie in den Sinn gekommen.

Aber die Erwachsenen haben sich um unsere Probleme gekümmert, sie kamen mir immer stark vor. Ich denke auch, dass man das für seine Kinder nach allen Kräften stark sein sollte.

Nach all dem, was ich heutzutage so höre, ist hier ein deutlicher Wandel eingetreten. Viele Eltern berichten stolz, dass das Verhältnis zu ihren Kindern "partnerschaftlich" ist....
Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen. So wird dir Ärger erspart bleiben.
(Konfuzius)

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nulla
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Beitrag Do., 27.02.2020, 14:36

Hallo Anna-Luisa,
ich bin mir nicht ganz sicher, ob es dir darum geht, zu wissen, wie andere heute ihre Kinder erziehen, oder ob du eher dazu tendierst, diese Entwicklung zu bewerten.

Sei es wie es sei, ich möchte dir gerne antworten.
Ich habe keine partnerschaftliche Beziehung mit meinen Kindern, weil ich ihre Mutter bin und keine Freundin. Dennoch ist mir sehr wichtig, sie ernst zu nehmen, mit Respekt zu behandeln und ihre Würde zu bewahren. Die großen Entscheidungen in unserer Familie treffen die Erwachsenen, aber die Kinder werden davon informiert und wenn möglich, werden ihre Bedürfnisse dabei berücksichtigt und ihre Meinung dazu wird gehört.
Was unsere Erwachsenenprobleme angeht kommt es darauf an, ob die Kinder dadurch mit betroffen sind oder nicht. Hätten wir beispielsweise massive finanzielle Probleme, würden die Kinder davon erfahren. Wir würden ihnen erklären, was sich verändern könnte (z.B. Umzug in engere Verhältnisse, einfachere Mahlzeiten, ein Elternteil nimmt einen Zusatzjob an, etc., was auch immer), um ihnen Ängste zu nehmen und gleichzeitig auch zu zeigen, dass es ernste Probleme gibt, aber dass man auch versucht, diese zu lösen.
Beziehungsprobleme mit meinem Partner würde ich eher nicht mit den Kindern besprechen, außer es kommt zu einer Trennung oder die Stimmung ist schon so schlecht, dass sie es sowieso mitbekommen.

Ein anderes Beispiel: Als ich erfahren habe, dass ich wegen des Hypophysentumors operiert werden muss, haben wir mit den Kindern darüber gesprochen, und zwar kurz und prägnant. Um was es sich handelt, wann ich operiert werde, wie lange ich im KH sein werde, grob den voraussichtlichen Verlauf erklärt. Ein Sohn hat gefragt, wie schlimm es ist, und ich habe darauf gesagt, dass es nichts Lebensbedrohliches ist, womit er zufrieden war.

Generell erhalten meine Kinder immer altersgemäße Antworten auf ihre Fragen und wir erzählen ihnen alles, was auch sie betrifft. Sie werden um ihre Meinung gefragt und dürfen Dinge mit entscheiden, die sie entscheiden können: was sie anziehen, wohin wir auf Urlaub fahren (falls es mehrere Möglichkeiten gibt), wohin wir mal auswärts essen gehen, welchen Film wir ansehen, etc.
Bei anderen Dingen treffen wir die Entscheidung, z.B. wo wir wohnen, welches Auto wir kaufen, wieviel Taschengeld sie bekommen usw. Sie dürfen natürlich ihre Meinung dazu sagen und wir erklären dann, warum wir die Entscheidung getroffen haben, auch wenn sie vielleicht nicht einverstanden sind.

Das sind jetzt ein paar Beispiele, da deine Frage sehr offen gestellt ist. Vielleicht wolltest du aber auch auf etwas anderes hinaus?

LG nulla
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Nico
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Beitrag Do., 27.02.2020, 16:28

Ich war u bin bei meinen Kindern Vater aber nicht Despot.
Soll heißen ich gebe die Richtung vor, berücksichtige aber stets möglichst die Wünsche der Kinder.
Bei den älteren wurde das Verhältnis nach der Pubertät dann eher „ partnerschaftlich“ bzw. freundschaftlich.

Eigene Probleme erzähle ich meinen Kindern nur wenn sie davon auch direkt betroffen sind und nur in dem Rahmen der ihrem Entwicklungsstand entspricht.
Wenn ich alt bin, möchte ich nicht jung aussehen, sondern glücklich!

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Philosophia
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Beitrag Do., 27.02.2020, 17:30

Also, ich finde auch, dass ein partnerschaftliches Verhältnis mit Kindern gar nicht ok ist. Ich finde es schlimm, wenn Eltern das mit ihren Kindern machen. Allerdings finde ich es auch nicht toll, wenn sich Eltern als unhinterfragbarer Herrscher darstellen. Eltern sollten ihre Kinder lenken, aber wohlwollend, liebevoll und empathisch - und dabei gute Grenzen wahren und setzen, damit das Kind durch Wärme und Sicherheitsgefühl innerlich wachsen kann.
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Anna-Luisa
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Beitrag Do., 27.02.2020, 18:19

nulla hat geschrieben:
Do., 27.02.2020, 14:36
Hallo Anna-Luisa,
ich bin mir nicht ganz sicher, ob es dir darum geht, zu wissen, wie andere heute ihre Kinder erziehen, oder ob du eher dazu tendierst, diese Entwicklung zu bewerten.
(…)
Was unsere Erwachsenenprobleme angeht kommt es darauf an, ob die Kinder dadurch mit betroffen sind oder nicht. Hätten wir beispielsweise massive finanzielle Probleme, würden die Kinder davon erfahren. Wir würden ihnen erklären, was sich verändern könnte (z.B. Umzug in engere Verhältnisse, einfachere Mahlzeiten, ein Elternteil nimmt einen Zusatzjob an, etc., was auch immer), um ihnen Ängste zu nehmen und gleichzeitig auch zu zeigen, dass es ernste Probleme gibt, aber dass man auch versucht, diese zu lösen.
Beziehungsprobleme mit meinem Partner würde ich eher nicht mit den Kindern besprechen, außer es kommt zu einer Trennung oder die Stimmung ist schon so schlecht, dass sie es sowieso mitbekommen.
Es ging mir eher in die Richtung, diese Entwicklung zu bewerten. Ich habe mittlerweile sogar Lehrer erlebt, die sich von ihren Schülern duzen ließen.

Probleme, von denen die Kinder unmittelbar betreffen, würde ich ihnen auch altersentsprechend mitteilen. Aber ich würde beim Essen eben nicht sagen, dass meine blöde Vorgesetzte jetzt dies und das fordert, o.ä. Sondern max. das es bei der Arbeit momentan Stress gibt und ich daher auch am Samstag kurz in die Firma muss.

Einen toten Hamster würde ich nicht gegen einen "Doppelgänger" aus der Zoohandlung "tauschen". Sondern den Kindern sagen wie es ist.

Ab und zu frage ich sie, was ich mittags kochen soll. Meistens entscheide aber ich. Ebenso entscheide ich, von welcher Marke ich Kinderkleidung kaufe - die Auswahl in der angemessenen Preisklasse können auch die Kinder treffen.
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Nico
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Beitrag Do., 27.02.2020, 18:28

Diese Entwicklung ist aber nicht so neu wie sie hier dargestellt wird.
Ich war erst kürzlich bei der Geburtstagsfeier eines Freundes und da haben dessen erwachsene Söhne erzählt dass sie nie Papa zu ihm sagen durften sondern ihn mit Vornamen anreden mussten.
Wenn ich alt bin, möchte ich nicht jung aussehen, sondern glücklich!

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Fairness
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Beitrag Do., 27.02.2020, 18:47

Ich denke, dass wenn die Eltern von eigenen ganz persönlichen problematischen Erfahrungen sprechen, sollte das im Interesse des Kindes sein. Zum Beispiel, wenn ein Kind seine Eltern anspricht und sagt: "Meine Freundinnen haben mich verletzt und das und das getan.." Dann denke ich, dass Eltern dem Kind am besten helfen, wenn sie mit ihm die Situation und die Gefühle besprechen, ihm erzählen, dass sie ähnliche Erfahrungen hatten, wenn es der Fall ist und erklären, wie sie damit umgegangen sind und warum. Andersrum finde ich das etwas verkehrt, auch weil in den ersten zwanzig Jahren es eine Lebenszeit ist, in welcher vieles für das Kind oder Jügendlichen "zum ersten Mal" passiert und somit sind sie auch keine gute Berater für die Eltern, eher würde sie vielleicht beschäftigen, was sie gehört haben und je jünger sie sind, würden darüber Fantasien und Ängste entwickeln. So sehe ich das zumindest.
"Man will Sicherheiten und keine Zweifel, man will Resultate und keine Experimente, ohne dabei zu sehen, dass nur durch Zweifel Sicherheiten und nur durch Experimente Resultate entstehen können." (C.G.Jung)