Aussprache mit Eltern

Körperliche und seelische Gewalt ebenso wie die verschiedenen Formen von Gewalt (wie etwa der Gewalt gegen sich selbst (SvV) oder Missbrauchserfahrungen) sind in diesem Forumsbereich das Thema.
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Sintje
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Aussprache mit Eltern

Beitrag Sa., 23.05.2020, 09:40

Ich möchte das Gespräch mit meinen Eltern suchen bzw. mit meinem Vater, da ich will, dass er endlich mit seinen verbalen Angriffen aufhört. Und irgendwie wünsche ich mir auch eine Entschuldigung. Aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll, ohne Gefahr zu laufen, gleich wieder fertiggemacht zu werden.

Wie spreche ich einen Menschen darauf an, nicht weiter verletzt werden zu wollen, wenn er es selbst gar nicht so bewusst macht, sondern als unbewusste Strategie, mit eigenen Verletzungen klarzukommen?
Das Verhalten, was mich so verletzt, sieht folgendermaßen aus:
► Text zeigen
Eine weitere Sache, die ich gern ansprechen würde, ist, dass ich nicht damit fertig werde, als Kind und Jugendliche komplett allein mit meinen Problemen gewesen zu sein, da ich mich wegen meines Vaters Verhalten komplett verschließen und verstecken musste. Ich würde meinen Eltern gern sagen, wie schlimm es für mich war mit Paranoia, Zusammenbrüchen, Suizidversuchen u. co klarkommen zu müssen. Was alles passiert ist, ohne dass ich darüber sprechen konnte. Wie viel Angst ich hatte. Irgendwie wüsste ich gerne, ob meine Eltern wirklich nichts bemerkt haben und dachten, alle Außenstehenden (Erzieher, Lehrer, ...), die Verhaltensauffälligkeiten und Warnzeichen sahen, übertreiben.

Hat jemand eine Idee für eine Vorgehensweise?

LG, Sintje

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HPK0607
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Beitrag Sa., 23.05.2020, 09:59

Hallo Sintje,
zuerst mal kann ich das was Du erzählt hast, gut verstehen.In unserer Familie sind ähnliche Dinge abgelaufen und meine Schwester und ich haben eine ähnliche Ambivalenz durch den Vater erlebt. Was ich meine ist Liebe und extreme Aggression usw. Alkohol hat dabei auch manchmal eine Rolle gespielt. Dazu kam noch die Passivität der Mutter aus Angst. Wobei kein Schicksal je gleich ist. Jeder geht seinen eigenen Weg. Nun zu Deiner Frage. Dazu bräuchte ich noch Information um eventuell einen gemeinsamen Weg zu finden. Ich glaube herauszulesen, dass Du nicht mehr bei Deinem Vater wohnst. Du lebst also selbstständig und hast u.U. eine eigene Familie? Kannst Du zu Deiner aktuellen Situation was erzählen?

LG Pete

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saffiatou
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Beitrag Sa., 23.05.2020, 10:02

Ich will dir nicht den Mut nehmen, es ist ein wichtiger und großer Schritt, ich habe Briefe geschrieben, deutlich die Misshandlungen benannt, den Missbrauch. Als Antwort kam kam ein „danke für den netten Brief“ , habe es über die Dekade immer mal wieder versucht, Gerade im Moment dringlicher, da meine Eltern sehr alt sind. Inzwischen kontrolliert mein Bruder ( auch er ist Täter) die Post und beschimpft mich aggressiv.

Ich bin nicht sicher, ob dein Vater bereit ist, seine Verantwortung zu übernehmen. Was würde es für dich bedeuten, wenn er dich im Gegenzug beschimpft? Ich schreibe die Briefe für mich und um deutlich zu erklärten, dass unsere Familie destruktiv ist, mir geschadet hat, mich zu distanzieren. Aber ich weiß, dass sie nie die Verantwortung übernehmen werden, auch eine Entschuldigung oder gar Verhaltensänderung werden nie stattfinden.

Ich denke, bevor du etwas unternimmst, zu überlegen, was es mit dir machen würde, wenn die Reaktion nicht so ausfällt, wie du es dir wünscht. Hast du therapeutische Begleitung?

Saffia
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Sintje
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Beitrag Sa., 23.05.2020, 10:40

Danke für eure schnellen Antworten.

@ Pete: Danke für das Teilen deiner Erfahrungen. Ich habe seit vielen Jahren eine eigene Wohnung mit meinem Partner, keine Kinder. Aber der räumliche Abstand ist trotzdem gering. Meine Eltern leben zusammen und in einer Wohnung im gleichen Block. Ich kann sehen, ob bei ihnen Licht an ist und umgekehrt. Sehen tun wir uns vielleicht 1x im Monat oder seltener. Meine Eltern akzeptieren, dass ich mein eigenes Leben führe und drängen sich nicht auf. In 1,5 Jahren ziehen sie ins Nachbarbundesland, dann ist auch räumlicher Abstand da.

@ Saffia: Ich denke ein Brief würde mir vielleicht einfacher fallen. Aber wahrscheinlich würden meine Eltern dann eher das persönliche Gespräch suchen, statt zurückzuschreiben. Auch bin ich mir recht sicher, dass durchaus Einsicht kommen könnte. Wir hatten mal ein Gespräch darüber, dass ich massiv in einen innerfamiliären Konflikt (Oma-Vater) reingezogen wurde. Und letztlich hat mein Vater gesagt, dass es ihm Leid tut und dass es nicht fair gegenüber mir war. Aber das war noch irgendwie was anderes. Da war das Fehlverhalten irgendwie offensichtlicher und die "Schuld" musste er nicht allein tragen. Meine Mutter würde wohl zu mir stehen, sie weiß auch, dass vieles schiefgelaufen ist und mein Vater oft nicht nett ist. Manchmal hat sie eingegriffen und ihm eine Grenze gesetzt. Von daher habe ich wahrscheinlich schon bessere Bedingungen für eine Aussprache.
Die Situation durchzugehen und mögliche Beschimpfungen/unerwünschte Ausgänge zu betrachten, ist ein guter Rat. Danke. Ich glaube, mir würde auch solch eine negative Reaktion wenigstens Klarheit bringen. Vielleicht würde ich mich distanzieren und das auch so sagen. Ich hätte nur Angst, wie es meiner Mutter damit ginge.
Ich bin in Therapie, ja. Aber die verbleibenden Stunden sind an einer Hand abzählbar. Es gab auch schon Situationen, in denen wir eine Konfrontation mit meinem Dad imaginativ durchgegangen sind. Das Ergebnis macht mir aber eigentlich nur noch mehr Angst. Weil ich mich, als mein Dad in der Vorstellung einknickte und Gefühle zeigte, massiv bedroht und schuldig fühlte. Erstmal müsste ich diese Situation klären.

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Fairness
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Beitrag Sa., 23.05.2020, 11:14

Liebe Sintje, ich habe solche Aussprache mit meinen Eltern gehabt, in Person, da manches in meiner Kindheit und Jugend etwas unglücklich verlaufen ist. Ich habe damals meine kindlichen Verletzungen ans Licht gebracht und es war sehr emotional, wobei sie mich eher leise und ruhig kennen. Meine Eltern fühlten sich damals im Moment sehr verletzt und haben dann im Nachhinein viel nachgedacht, viel und monatelang. Distanz war auch für ein paar Monate da, ohne würde es nicht gehen, vor allem auch, weil es früher so sehr eng war. Wir sind aber trotzdem bemüht gewesen, auf einander wieder zuzugehen. Der Konflikt war tragbar und unsere Beziehungen haben sich über die Zeit verbessert, verändert. Jeder von uns ist mehr oder weniger ähnlich zum Früher geblieben, nur mit etwas erweiterter Sicht, gewisse Gewöhnheiten, welche über Jahrzehnte gelebt wurden, können nur mit viel Aufwand verändert werden und je älter ein Mensch ist, desto eingelebter ist das. Solche Erwartung habe ich an meine Eltern nicht, das sollten sie selbst wollen. Es ist aber möglich, weitere Schwierigkeiten so früh zu klären, bevor sie zum Problem werden und es ist nicht so eine Überraschung, wenn sich ein von uns abgrenzt, und nachdem wir einander notwendigerweise frustriert haben und offen miteinander sprechen, kommen wir miteinander gut klar, ohne irgendwelchen asymmetrischen Spannungen.

So meinerseits würde ich dir Mut machen, das einzugehen und auch offen auf Gutes hoffen (ohne es zu "erwarten").

Ich denke, dass das, wie es ausgeht, individuell ist und der Ausmaß der Verletzungen, welche durch den Menschen entstanden sind, mit welchem die Aussprache stattfindet, ein wichtiger Faktor dabei sind, sowie auch Frustrationstoleranz beider. Und, ich denke noch, dass es besser tut, wenn ein Versuch einen Konflikt zwischen zwei erwachsenen Menschen zu klären verläuft, ohne dass ein dritter als "Partei" reingezogen wird - solange es objektiv um keine Bedrohung des Leibs und Lebens geht - das ist meine Meinung.. Oder dann den Konflikt mit beiden Eltern aufmachen, so habe ich das gemacht.
Zuletzt geändert von Fairness am Sa., 23.05.2020, 11:18, insgesamt 2-mal geändert.
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Scars
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Beitrag Sa., 23.05.2020, 11:16

Sintje hat geschrieben:
Sa., 23.05.2020, 09:40
Ich möchte das Gespräch mit meinen Eltern suchen bzw. mit meinem Vater, da ich will, dass er endlich mit seinen verbalen Angriffen aufhört. Und irgendwie wünsche ich mir auch eine Entschuldigung. Aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll, ohne Gefahr zu laufen, gleich wieder fertiggemacht zu werden.
Auf jeden Fall würde ich dir empfehlen, eine dritte Person ins Boot zu holen, der du vertraust und die auf deiner Seite steht. Dann „benimmt“ sich dein Vater vllt eher. Auch würde ich mir vorher überlegen, welchen Rahmen das Ganze haben soll und was du für dich damit bezwecken willst. Ich hatte mal ein therapeutisch angeleitetes Familiengespräch (absolutes Highlight) und würde seitdem nicht mehr versuchen, das alleine klären zu wollen, weil dieses Schuld-Thema halt schon schwer ist (obwohl es bei uns erstmal nur um Kleinigkeiten ging). Eine Entschuldigung war trotz Ermunterung (beziehungsweise eher dem Hinweis, dass es angebracht wäre - muss man ja auch erstmal drauf kommen...) durch die Therapeutin (war nicht meine, sondern sogar ihre!) nicht möglich.

Emotional war das Ganze ziemlich heftig, wenn dich die Vorstellung schon belastet würde ich auf jeden Fall zusehen, vorher mich selbst hinreichend ins Reine zu bringen. Denke es kann auch stabilisierend sein, selbst einen Teil der Schuld zu tragen und das dann abzugeben zwar erleichternd aber eben doch aufwühlend.

Mit meinem Vater ist es zufällig am Telefon mal zu einem echt guten Gespräch gekommen, das „setting“ finde ich für sowas eigentlich echt gut. Kannst du dich selbst auch in eine Umgebung bringen, in der du frei sprechen kannst und dich wohl fühlst und es ist vielleicht nicht ganz so schwierig wie im direkten Kontakt.
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HPK0607
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Beitrag Sa., 23.05.2020, 11:20

Hallo Sintje, ich habe gelernt, dass man nichts erzwingen kann und auch einen Menschen von außen nicht ändern kann. Mein Vater hatte nur 1x in seinem Leben einen Moment, in dem er "ehrlich" zu mir und zu sich selbst war. Sonst hat er immer die Rolle gespielt, die er glaubte spielen zu müssen. Das ist sehr schmerzlich, aber ich habe es akzeptiert. Ich denke Dein Vater ist sich seiner "Art" nicht bewusst und er ist sich bewusst und kann aus seiner Haut (Rolle) eben nicht raus. Oder er hat im Leben noch nicht genug "Druck" vom Schicksal erhalten um sich zu ändern oder zu öffnen zu "müssen". Wie auch immer. Ich finde Du solltest Dir überlegen, was Du erreichen willst. Eine offene Aussprache setzt voraus, dass Dein Vater die Notwendigkeit erkennt, dass es Dir wichtig ist, ehrlich und offen darüber zu sprechen. Wenn aber in Eurer Familie eher "Schweigen und nicht darüber reden" die Kultur war und ist, dann muss nach meiner Ansicht erst an dieser Stelle gearbeitet werden, sonst ist gleich wieder der Mantel des Schweigens darüber... Ist denn Deine Mutter auch so ein Mitglied im System des Verscheigens und nicht daüber Redens? Hast Du eventuell noch andere "Verbündete" die Dich unterstützen könnten?

LG Pete

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chrysokoll
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Beitrag Sa., 23.05.2020, 11:34

hast du therapeutische Hilfe?
Ich finde es wichtig sowas geschützt vorzubereiten und jemand zum auffangen zu haben!
Was sagt dein Partner dazu, steht er auf deiner Seite?

Ich habe für mich beschlossen dass ich keine großartige Aussprache mehr mache, meine Eltern machen sich die Welt wie sie ihnen gefällt und sind da blind und taub, leugnen teils, machen mich dann nieder, reagieren mit den alten Mustern aus Spott und Beschimpfungen.,

Für ich hab ich die Lösung gefunden dass ich jedesmal wenn etwas in die Richtung kommt einfach sage: Stopp. Hör auf damit.
Und dann diskutier ich nicht mehr.
Ich drohe auch an: Wenn du jetzt nicht aufhörst gehe ich
Und das mach ich dann auch, stehe auf und gehe.

DAS ist wesentlich wirkungsvoller als alle anderen Bitten

Ich habe eigentlich keine Lust auf solche "Erziehungsspielchen", aber einmal war meine Mutter lange schwer krank, im Krankenhaus und sie hat wieder angefangen mit nieder zu machen bei einem Besuch.
Dass ich da - mit Ankündigung - aufstand und echt ging hat sie so beeindruckt dass sie sich seither echt zurück hält


luciabava
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Beitrag Sa., 23.05.2020, 11:59

Ich würde für mich die Frage beantworten: was ist mir wichtiger: es auszusprechen, egal, wie die Konsequenzen sind? Oder vom Gegenüber Anerkennung der Verletzungen, Zuspruch, Respekt zu erfahren?
Ich habe das für mich so entschieden, dass mir ersteres wichtiger ist.
Dass ich zweiteres bekommen würde, daran zweifle ich leider sehr ... und so habe ich es so gelöst, dass ich im Kontakt einfach ehrlich bin. Mir sage, wie es mir mit dem Kontakt im HEUTE so geht. Also es sozusagen 'stückchenweise' angehe.

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Sintje
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Beitrag Sa., 23.05.2020, 12:53

Vielen Dank nochmal für die vielen Ideen und Einblicke in ähnliche Situationen.

Ich versuche mal, ein bisschen zu sortieren. Falls ich dabei auf manche Fragen nicht eingehe, ist das nicht persönlich gemeint. Vielleicht reflektiere ich diese dann nur für mich selbst.

Was ist mein Ziel?:
Die Hasstiraden meines Vaters, die ich in mir abgespeichert habe, sind mein größter Feind. Ich versuche seit Jahren, mich davon zu distanzieren, aber nichts hilft langfristig. Ich will, dass mein Vater diesen Fluch selbst aufhebt. Er soll sagen, dass das, was er von sich gegeben hat, nicht stimmt und dass ich okay bin. Auch wenn er seine Verhaltensmuster nicht ablegen wird. Er soll dem wenigstens etwas entgegensetzen.
Ich will ohne Angst vor ihm durch mein Kiez laufen. Ohne Angst, dass irgendwer, der ihn über drei Ecken kennt, von meinen Fehltritten berichtet und mein Vater sich den Mund über mich zerreißt.
Ich erwarte nicht, dass er plötzlich emotional für mich da sein wird. Dafür ist zu viel passiert und ich will und kann es auch nicht zulassen. Aber ich möchte, dass ich mich wenigstens bei Problemen an meine Mutter wenden kann, ohne dass mein Vater sich darüber auslässt.

Welcher Rahmen ist passend?:
Da mein Vater Psychotherapie und co extrem abwertend gegenübersteht, fällt eine familientherapeutische Begleitung wohl weg.
Telefonieren finde ich schon bei kleineren Sachen schwierig. Also auch eher nein.
Direkt das persönliche Gespräch suchen? Ich schätze, ich werde kaum in der Lage zu sein, meine Verletzungen und die vorgefallen "Taten" zu formulieren, da ich oft gar keinen Zugang dazu habe. Wenn mich jemand fragt, was gewesen ist, kann ich nur sagen, dass er fies war oder so. Bzw. weiß ich auch selbst gar nicht mehr, warum ich überhaupt glaube, mein Vater hätte irgendwas schlimmes getan. Die Erinnerungen sind abgespalten und ich würde nur lächelnd dasitzen. Wahrscheinlich würde ich dann mangels fehlender Beispiele und wegen gegenteiliger Emotionen selbst vorgeworfen bekommen, dass ich völlig übertreibe und nichts war.
Daher denke ich, ein Brief als erster Schritt wäre vielleicht das Beste für mich. Vielleicht entsteht danach ein Gespräch. Ob zu zweit oder zu dritt würde sich zeigen.

Was ist, wenn die Auseinandersetzung in Unverständnis und Abwertung endet?:
Dann kann ich zumindest offen dazu stehen, warum ich mich diszanziere. Grenzen setzen tue ich auch aktuell schon ab und an. Würde ich dann aber noch mehr. Vielleicht lässt meine Ambivalenz dann auch etwas nach. Im Notfall könnte mich mein Thera auffangen.

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saffiatou
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Beitrag Sa., 23.05.2020, 13:05

Ich finde einen Brief zu schreiben auch sinnvoll, vor allem, weil. Ich mir Zeit nehme konnte, so lange an den Formulierungen feilen, bis er für mich stimmig war. Ich musste niemanden gegenüber treten, weil das ja auch eine hochemotionale Situation ist. Der Empfänger kann sich dann ebenfalls Zeit nehmen und eine Antwort genau überlegen - jedenfalls wenn eine Bereitschaft dazu da ist. Das wünsche ich dir!
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Beitrag Sa., 23.05.2020, 13:17

ich kann dir nur nochmal raten das was du schilderst in einer Therapie anzugehen.

Denn das was du suchst - Verständnis und Absolution und Entschuldigung durch den Vater - wird sehr sehr wahrscheinlich leider nicht passieren.
Dein Wunsch danach ist wirklich verständlich, so läuft es aber leider in den seltensten Fällen.
Gerade Eltern wie deine (und meine !) stellen sich nicht hin und werden weich, empathisch, geben Fehler zu

Du wirst das was du suchst und brauchst nicht dort finden wo du es so gerne möchtest

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lisbeth
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Beitrag Sa., 23.05.2020, 15:24

Hallo Sintje,
Sintje hat geschrieben:
Sa., 23.05.2020, 12:53
Ich will, dass mein Vater diesen Fluch selbst aufhebt. Er soll sagen, dass das, was er von sich gegeben hat, nicht stimmt und dass ich okay bin. Auch wenn er seine Verhaltensmuster nicht ablegen wird. Er soll dem wenigstens etwas entgegensetzen.
Auch wenn ich deinen Wunsch total nachvollziehen kann, ich fürchte das wird nicht passieren.
Und, mit diesem Wunsch machst du dich nur wieder von ihm und seiner Reaktion abhängig. Indem du sagst, das muss von ihm kommen, er muss den Fluch aufheben, lieferst du dich ihm erneut aus...

Wenn er einfach nur sagt, dass du ok bist, ohne dass das wirklich seine innere Haltung ist, dann wird sich dadurch auch nicht viel für dich ändern, vor allem wenn er - wie du sagst - seine Verhaltensmuster nicht ablegen wird. Was bringt dir dieses Lippenbekenntnis, wenn es nicht mit Leben und anderen Erfahrungen gefüllt wird?

Meine Erfahrung: Der Weg der inneren Heilung läuft vor allem darüber, dass ich gelernt habe, Abstand herzustellen. Äußerlich und innerlich. Das dauert, das braucht Zeit, und vor allem war für mich für den inneren Abstand nötig, dass ich mich auch äußerlich auf Distanz gehalten habe.

Gespräche gab es verschiedene mit meinen Eltern. Mein Fazit ist: Sie verstehen es einfach nicht, sie 'können' es auch nicht verstehen. Und ich hab auch gemerkt, dass dieser Wunsch, sie mögen endlich mal verstehen, was Situation XY oder Z für mich bedeutet hatte, auch wieder ein sehr kindlicher war. Der Wunsch, nachträglich in diesen Situationen nicht alleingelassen zu sein, auf mich allein gestellt. Und bei mir war es dann auch so, dass sie sich an (für mich) sehr wichtige Situationen, die damals sehr konflikthaft waren (zwischen meinen Eltern und mir) und über Jahre andauerten, überhaupt nicht mehr erinnert haben. Was erneut die Bestätigung dafür war, wie wenig sie ihre eigenen Kinder überhaupt gesehen haben.

Von daher auch mein Rat: Mach dieses Gespräch unbedingt mit therapeutischer Begleitung im Hintergrund, sowas kann einen dann nochmal ganz anders aushebeln, als man sich vorher vorgestellt hat.
Sintje hat geschrieben:
Sa., 23.05.2020, 12:53
Dann kann ich zumindest offen dazu stehen, warum ich mich diszanziere.
Mit solchen Gedanken bist du ja weiterhin in seinen Werten und Meinungen gefangen. Du meinst, du brauchst einen "Grund" um auf Distanz zu gehen, am besten einen, den dein Vater auch "verstehen" wird.

Was wäre, wenn du dir sagst, es braucht keinen Grund? Es tut mir nicht gut, also tu ich es für mich, einfach so? Das sollte eigentlich der beste aller Gründe sein, finde ich. Aber ja, ich weiß selbst aus eigener Erfahrung, wie schwierig das ist...
In dem Maß wie wir anfangen, Fragen anders zu stellen, werden wir auch neue Antworten finden.

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Beitrag Sa., 23.05.2020, 17:33

Ganz ehrlich? Ich würde diese Idee fallenlassen. Warum sollte dein Vater, wenn er bisher so unmöglich war, jetzt anfangen, sich von dir sagen zu lassen, was er tun ("Fluch" aufheben) und sagen soll (dass du okay bist)?
Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen. So wird dir Ärger erspart bleiben.
(Konfuzius)

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Beitrag Sa., 23.05.2020, 17:49

Auch wenn die TE vielleicht keine Einsicht vom Vater bekommen wird, was niemand vorhersagen kann, kann es sie weiterbringen, zu formulieren und Forderungen, Wünsche an den, der die Verantwortung trägt weiterzugeben. Mir hat es gut getan, auszusprechen (es geht ja oft auch darum das Schweigen zu brechen, auszusprechen, was in einer Familie „schief“ läuft) und die Verantwortung an die zu reichen, die sie hatten. Auch wenn meine Eltern das nicht so sehen. Aber ich habe es weitergereicht und sehe mich nicht mehr als Schuldige. Was meine Eltern daraus machen, ist ihr Problem. Es hilft abzuschließen.

Trotzdem sollte das sehr gut vorbereitet werden. Vielleicht wäre es gut, falls ein persönliches Gespräch stattfindet, hinterher Hilfe da zuhaben (thera, Freunde). Wenn die Mutter auf deiner Seite sein wird, dann kannst du sie auch vorbereiten, damit sie weiß was auf dich und sie zukommt und sie dich unterstützen kann.
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