Sich den Bedarf zugestehen

Erfahrungsaustausch zur Begleitmedikation zur Psychotherapie (Psychopharmaka und pflanzliche Mittel). Achtung: dient nicht zur gegenseitigen Medikamentenberatung, die ausschließlich Fachärzten vorbehalten ist. Derartige Beiträge werden aus dem Forum entfernt.

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Candykills
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Sich den Bedarf zugestehen

Beitrag So., 13.09.2020, 16:07

Hi Foris,

ich habe große Probleme mir Bedarfsmedikamente zuzugestehen. Ich weiß immer nicht "ist es schon schlimm genug" und normal schaffe ich es dann ja auch irgendwie ohne. Aber das ist ja auch kein Zustand immer mit Hängen und Würgen gerade irgendwie so durch zu kommen.
Ich hab' Tavor und Atosil als Bedarf daheim. Ich nehme nicht gerne Atosil. Bei Tavor besteht das Problem, dass ich immer denke, dass ich das doch nicht ständig nehmen kann, obwohl ich das in diesem Jahr vielleicht 4 oder 5 Mal nur nahm. Das wirkt halt dann auch super und ich habe die (berechtigte) Sorge, dass die Angst ja irgendwann wiederkommt und ich nicht immer dann zu Tavor greifen kann.

Ich bin einfach so unsicher, (ab) wann die Zuhilfenahme von Bedarf in Ordnung ist.

Was sind bei euch die Anzeichen, dass ihr sagt, dass JETZT Bedarf in Ordnung ist.
Theoretisch kann ich jeden Tag Atosil nehmen (vom Psychiater aus), aber für mich ist das irgendwie...ich weiß es nicht genau. Ich weiß nicht, ob ich mich dann als Schwächling sehe oder einfach die Tatsache, dass es ja ein festes Medikament quasi ist, wenn ich es dauernd nehme. Und das kann ja nicht den Rest meines Lebens so gehen. Deswegen denke ich dann immer, ich muss das irgendwie jetzt aushalten, egal wie quälend der Zustand ist.
Und ich denke dann halt auch, wenn ich's doch irgendwie schaffe auszuhalten, dann kann Bedarf auch noch nicht angezeigt sein.

Ich bin da etwas ratlos, wie ich mir selbst Bedarf besser zugestehen kann.
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_Leo_
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Beitrag So., 13.09.2020, 17:46

Hilft es dir vielleicht dich daran zu orientieren wann du deinem Gegenüber raten würdest zum Bedarf zu greifen?

Kannst du ihn dir denn überhaupt nicht zugestehen oder weißt du nur nicht wann es der Zeitpunkt ist welchen zu nehmen?

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Sadako
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Beitrag So., 13.09.2020, 17:50

Candykills hat geschrieben:
So., 13.09.2020, 16:07


Was sind bei euch die Anzeichen, dass ihr sagt, dass JETZT Bedarf in Ordnung ist.
[...]
Und ich denke dann halt auch, wenn ich's doch irgendwie schaffe auszuhalten, dann kann Bedarf auch noch nicht angezeigt sein.
Hallo Candy,

Ich weiß für mich inzwischen, dass mich langanhaltende quälende Angst schwächt und ich komme eher und besser aus einer Krise heraus, wenn ich mir mit Medikamenten eine Atempause verschaffe. Ich versuche zuerst mal mit Skills oder nichtmedikamentösen Mitteln wieder mehr Ruhe reinzubringen. Wenn ich aber merke, dass es ganz mühsam ist und ich zunehmend erschöpft werde vor lauter Dauerangst und Spannung dann nehme ich auch mal Bedarf.
Ich muss das Schiff über Wasser halten und der Weg lang und ich muss meine Kräfte einteilen.
Was mir auch noch hilft: Einzugestehen dass es wirklich schwer ist und dass ich (auch medikamentöse) Hilfe annehmen darf.
Kritisch sehe ich für mich, wenn ich nicht wahrnehmen will, dass die Belastung (z.B. beruflich) gerade zu hoch ist und ich mit Bedarfsmedis eine unaushaltbare Situation aushaltbar mache.


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Candykills
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Beitrag So., 13.09.2020, 17:54

Anderen würde ich viel, viel, viel früher zum Bedarf raten, als ich ihn mir selbst zugestehen kann.

Leider ist mir völlig unklar, warum ich das nicht kann.
Vielleicht auch, weil ich denke, dann könnte ich ja fast jeden Tag zum Bedarf greifen und das sehe ich nicht als Lösung.
Aber wie gesagt, richtig klar ist mir das nicht. Ich kann schwer benennen, was da in meinem Kopf vorgeht.
Ich habe da auch schon mit Freunden drüber gesprochen, die selbst regelmäßig zum Bedarf greifen. Aber bisher kam ich nicht dahinter, was bei mir selbst das Problem ist oder ob es mehrere Aspekte sind, die mich davon abhalten.
Ob das auch wieder damit zu tun hat, dass ich die Medikamente oft als Gift sehe und denke, ich werde damit vergiftet. Ich greife insgesamt nicht so gerne zu Medikamenten, aber ein Schmerzmittel kann ich mir zum Beispiel viel eher zugestehen.

Ich hab' übrigens eben dann geschafft 12 Tropfen Atosil zu nehmen und ich merke das auch. Also es hilft.
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_Leo_
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Beitrag So., 13.09.2020, 18:04

Es sind bestimmt mehrere Punkte die dir das so schwer machen.
Ich würde mir eben in den Kopf rufen ob ich dem Anderen jetzt Bedarf ans Herz legen würde und dann ihn mir selbst auch erlauben.
Eine andere Lösung fällt mir da spontan auch nicht.

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Fairness
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Beitrag So., 13.09.2020, 18:12

Lieber Candy,

von mir kannte ich das während der Therapie so, dass ich mich mit dem Medikament wohler gefühlt habe als ohne, ansonsten hätte ich im sozialen Kontext starke Ängste. Nachdem ich das zeitlang durchgehalten habe, war ich zum Leben und mir generell positiver eingestellt, auch dank dem Wirkstoff. Es war dann für mich einfacher, anzufangen, Schritt für Schritt solche eigene Grundstimmung zu etablieren. Dann ging es auch, die Medikamente langsam wieder wegzulassen.

Ich denke, dass es leichter fallen könnte, sich Medikamente zugestehen, wenn man weiß, welches kurzfristige und langfristige Ziel man damit folgt. So gefühlsmäßig. Die Bedarfmedikation würde ich aber auch kurzfristig trotzdem nehmen, weil mir das sinnvoll erscheint, 'alte Ängste' zu mildern.
Zuletzt geändert von Fairness am So., 13.09.2020, 18:40, insgesamt 1-mal geändert.
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Zora_
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Beitrag So., 13.09.2020, 18:38

Mir geht es da wie dir, ich kann mir das auch nicht zugestehen. Ich denke immer, wenn ich einfach nur aushalte und abwarte, geht jeder schlimme Zustand auch wieder vorüber.
Ich glaube auch, dass ich ein bisschen Angst davor habe, dass ich vom Tavor abhängig werden könnte, wenn ich es zu oft nehme.
Also wegen "normalen" Angstzuständen nehme ich es nicht. Wenn ich es bisher genommen habe, dann war es meistens schon so, dass ich gedacht habe, wenn ich jetzt nichts zur Beruhigung nehme, drehe ich wirklich komplett durch. Das waren dann Situationen in denen ich stundenlang in "Intrusionsschleifen" und Flashbacks festhing oder mehrere Panikattacken nacheinander hatte.
Das Problem an der Sache ist, ich glaube ich warte immer zu lange...weil das Tavor wirkt dann meistens nicht mal mehr richtig, wahrscheinlich weil ich dann insgesamt, auch körperlich (Adrenalin, Herzrasen, Übelkeit usw.) schon komplett am Anschlag bin.
Ich habe mir vorgenommen, es in Zukunft rechtzeitiger zu nehmen.
Ob ich das dann auch wirklich mache, sei mal dahingestellt....

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Grow
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Beitrag Mo., 14.09.2020, 09:31

Mir geht das genau gleich wie dir. Ich habe irgendwie auch oft ein schlechtes Gefühl wenn ich ein Bedarfmedi nehme...eigentlich total hirnrissig und ich denke ich bin viel zu hart mit mir selber.
Ich weiss von mir dass ich ganz bestimmt nicht abhängig von Bedarfsmedis werde und trotzdem schwingt da immer ein blödes Gefühl mit.
Vielleicht könnte man es auch so sehen: aus Liebe zu dir selbst muss niemand lange und schwierige Angstphasen aushalten. Gott sei Dank gibt es Medikamente. Man stelle sich vor wir würden vor 300 Jahren leben! ;-)


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Candykills
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Beitrag Mo., 14.09.2020, 09:36

Grow hat geschrieben:
Mo., 14.09.2020, 09:31
Vielleicht könnte man es auch so sehen: aus Liebe zu dir selbst muss niemand lange und schwierige Angstphasen aushalten. Gott sei Dank gibt es Medikamente. Man stelle sich vor wir würden vor 300 Jahren leben!
Weißt du, was der Grund bei dir dafür ist, dass du es dir nur so schwer zugestehen kannst? Mir ist der bei mir nämlich nicht ganz klar, außer die Sorge, dass ich es dann im Grunde ständig brauche.
Da sagst du was Wahres, eigentlich kann ich froh sein, dass es was gibt, was hilft. So hab' ich's auch noch nicht betrachtet.
Fairness hat geschrieben:
So., 13.09.2020, 18:12
Ich denke, dass es leichter fallen könnte, sich Medikamente zugestehen, wenn man weiß, welches kurzfristige und langfristige Ziel man damit folgt.
Ja, so habe ich das noch nicht gesehen, dass ich damit ja auch ein Ziel verfolge.
Meine Angst ist halt einfach, dass ich es dann dauerhaft einnehmen muss und ich habe so mühsam die letzten Jahre von 5 festen Psychopharmaka auf 2 feste Psychopharmaka reduziert. Es fällt mir schwer einzugestehen, dass 2 vielleicht nicht reichen. Dass ich damit scheitere. In mir sträubt sich wirklich alles dauerhaft ein weiteres Medikament zu etablieren.
_Leo_ hat geschrieben:
So., 13.09.2020, 18:04
Ich würde mir eben in den Kopf rufen ob ich dem Anderen jetzt Bedarf ans Herz legen würde und dann ihn mir selbst auch erlauben.
Prinzipiell hast du sicher recht, dass ich mich daran orientieren sollte.
Ich hab's ja gestern Abend dann auch wirklich geschafft ein paar Tropfen Atosil zu nehmen und die wirkten auch, obwohl so wenig. Die Angst ist halt da, dass es mir dann heute wieder schlecht geht und ich im Grunde wieder dazu greifen muss und das Tag für Tag.
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Grow
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Beitrag Mo., 14.09.2020, 10:11

hm ich denke es ist dieser innere Kritiker der mich angeiselt.

Dieses ich muss es ohne schaffen, ich kann das aushalten etc etc pp. Ich bin aber schon viel sanfter zu mir als auch schon...Lustigerweise habe ich kein Probleme damit z.B. manchmal ein Bier zu trinken..was natürlich auch hilft....aber der Gedanke Bier ok, Xanax nicht ist eigentlich totaler Blödsinn, da meiner Meinung nach Alkohol viel schädlich ist als zwischendurch ein Benzo. Das ist aber nur meine Meinung. Süchtig können beide Substanzen machen, aber da sehe ich mich nicht in Gefahr.

Vielleicht kommt auch die gängige Stigmatisierung noch....es ist doch oft so dass psychische Krankheiten eher belächelt werden. Vielleicht ist dieses Denken in einem drinnen und man sagt sich, stell dich doch nicht so an du schaffst das.

Ich würde natürlich so etwas nie lächerlich mache, da ich es doch nun schon seit fast 10 Jahren gut kenne.

Selbstliebe, Akzeptanz..."ich habe etwas und das gilt es anzunehmen". Wenn es etwas gibt was mir hilft, sorry, sch*** drauf. Warum quälen.

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Sinarellas
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Beitrag Mo., 14.09.2020, 10:58

"Was sind bei euch die Anzeichen, dass ihr sagt, dass JETZT Bedarf in Ordnung ist."
Ich würde sagen du machst das eigentlich schon genau richtig, irgendwann ist der Punkt erreicht, wo man sagt: Geht nicht mehr anders, so gar nicht und je länger man den Punkt hinauszögert desto besser finde ich.
Es ist genau richtig wie du es machst. Hinterfrage und prüfe immer wie weit kann ich gehen ohne bedarf zu leben.
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Marzipanschnute
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Beitrag Mo., 14.09.2020, 11:03

Lieber Candy,

ich verstehe was du meinst, hatte ich zu der Zeit als ich Medikamente nahm auch ganz häufig. Ich hab mich irgendwann lapidar gefragt: Würde ein Diabetiker mit einem Zucker von 250 lange überlege ob er sich jetzt Insulin spritzt oder lieber noch was anderes ausprobieren? Warum sollte ich das dann tun bei Symptomen einer psychischen Erkrankung, die zwar nicht in dem Sinne messbar sind, aber mir quasi den Verstand rauben?

Mir hat das geholfen. Ich weiß nicht ob es für dich auch passend sein kann.
“Das Schöne an der Zeit ist, das sie ohne Hilfestellung vergeht und sich nicht an dem stört, was in ihr geschieht.” Juli Zeh

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Kaonashi
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Beitrag Mo., 14.09.2020, 13:51

Ich nehme Bedafsmedi (Tavor) eher schon zeitig, bevor es richtig schlimm wird. Ich versuche, mein Leben angenehmer zu machen, Angst haben und andere negative Gefühle hatte ich schon genug. Ich weiß erst seit Kurzem, dass es Bedarfsmedis auch für mich gibt, jetzt würde ich mir wünschen, ich hätte das früher schon verschrieben bekommen.
Solange ich es nicht täglich nehme, sehe ich keine Gefahr darin.

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Fairness
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Beitrag Mo., 14.09.2020, 15:42

Ich denke, dass wenn man einer alten Angst viel Raum lässt, könnte sie sich tiefer etablieren und noch wahrscheinlicher auftreten.. Und, dass es besser ist, solchen Kreis durchzubrechen, z.B. medikamentös.
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Grow
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Beitrag Mo., 14.09.2020, 18:05

Fairness hat geschrieben:
Mo., 14.09.2020, 15:42
Ich denke, dass wenn man einer alten Angst viel Raum lässt, könnte sie sich tiefer etablieren und noch wahrscheinlicher auftreten.. Und, dass es besser ist, solchen Kreis durchzubrechen, z.B. medikamentös.
Kannst du das genauer erläutern? Das wäre ja genau das Gegenteil was gesagt wird „der Angst stellen“