Freunden von den Depressionen erzählen?

In diesem Forumsbereich können Sie sich über Schwierigkeiten austauschen, die Sie als Angehörige(r) oder Freund(in) von psychisch Erkrankten bzw. leidenden Personen konfrontiert sind.
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Kellerkind
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Freunden von den Depressionen erzählen?

Beitrag Sa., 24.10.2020, 20:35

Hi,
obwohl ich mir recht sicher bin, dass so ziemlich jeder Depressive früher oder später über diese Frage stolpert, liest man doch erstaunlich wenig darüber:

Inwieweit sollte man Familie, Freunde,Kollegen und Bekannte einweihen, dass man Depressionen hat?

Wenn man googelt, findet sich relativ schnell Tipps für Angehörige, wie sie mit Depressiven idealerweise umgehen sollten. Das bedingt aber, dass sie von den Depressionen wissen. Und zwischen der idealisierten Theorie und der Praxis liegen natürlich auch noch mal Welten.

Meinen früheren Erfahrungen nach ist das Umfeld recht schnell überfordert. Und wirklich ÄNDERN kann es auch nichts. Das spreche dafür, es nicht einzuweihen.

Anderseits sollte man so was auch nicht totschweigen oder gar ständig so tun, als sei alles in Ordnung. Neulich im Kollegenkreis erst so einen Fall gehabt: die Schwester einer Kollegin hat sich suiziert, und danach überall Betroffenheit, und keiner will was geahnt haben.

Natürlich muss man auch berücksichtigen, dass selbst enge Freundschaften ihre Grenzen haben, und man sollte sich schon gründlich überlegen, ob etwas ein Problem ist, dass unter Freunden gelöst werden könnte oder eher in Therapie gehört.
Meiner Meinung nach sollte man Freunde nicht mit Therapie-themen belasten. Sie sind keine Profis. Man selbst ist überfordert. Sie sind überfordert. Was soll das bringen?! Wem soll das dienen?

Man muss sich auch selbst fragen: will man eine Sonderbehandlung oder will man sein Image aufrecht erhalten? Pro.Kontra. Wie will man gesehen werden?

Ich selbst bin gerade sehr hin- und hergerissen. Auf der einen Seite leide ich unter gefühlter Einsamkeit und wünschte mir sehr, die Freunde würden man nachfragen, wie es mir geht. Auf der anderen Seiten können sie gar nicht wissen, wie schlecht es um meine Psyche bestellt ist. Sie glauben, es sei "gewöhnlicher Liebeskummer", ergo, werden sie auch nicht besonders behandeln. Ich wüsste auch gar nicht, ob ich es wollen würde.

Habe versucht mit meiner mittlerweile ehemaligen Thera darüber zu sprechen. Leider ging sie kaum bis gar nicht darauf ein, wechselte zur Meta-Ebene, dass es ja nur um mein altes Problem ginge, dass ich mich wahrgenommen fühlen möchte.
Zum einen: nein, darum ging es mir nicht, sondern ganz konrekt darum, dass ich mir verlogen und unauthentisch vorkomme, wenn ich den Freunden vorheuchele, es ginge mir okay. Nehme man das o.g. Beispiel: angenommen, ich würde mich eines Tages suizidieren, dann würden sie sich für dn Rest des Lebens Vorwürfe machen, weil sie nichts gemerkt haben. So wie in meinem Kollegenkreis.
Zum anderen: ja, ich möchte wahrgenommen werden, schon irgendwo, aber ich möchte weder Mitleid noch Sonderbehandlung. Aber halt auch nicht heucheln und lügen.

Nicht ganz so dramatisch, aber gehört trotzdem in dem Kontext: Kollegen und/oder Vorgesetze einweihen oder nicht? Ich bin ein absoluter Gegner davon, so etwas zu tabuisieren. Im Gegenteil, ich setze mich sehr für Aufklärungsarbeit dieser Art ein. Gleichzeitig sagt die Realität aber leider auch, dass 9 von 10 "Normalos" es nicht verstehen, nicht darauf klar kommen.

Beispiel: ich hatte mal eine Vorgesetze, die selbst in einer Burnoutspirale war, aber leider in der Phase des Leugens. Die hielt so was für völlig ausgemachten Quatsch, machte sich drüber lustig, wenn sie was von Burnout-Kliniken etcpp hörte. Da kriege ich bis heute so richtig kalte Wut, dass solche Menschen VORGESETZE und damit in einer Fürsorge-Pflicht sind, und so ein uraltes Weltbild haben. Gerade solchen Menschen würde ich es gerne immer wieder aufs Brot schmieren, dass pychische Leiden das neue "Rücken" sind....

Beispiel #2: ich habe viel mit der Arbeitssicherheit zu schaffen. Was meine Firma so wie viele andere ignoriert ist die psychische Gefährdungsbeurteilung. Ein Buch mit sieben Siegeln.Ich finde es ein Unding! Ich rege mich so sehr über diese Ignoranz auf, dass ich am liebsten erst recht radikale Aufklärungsarbeit leisten und es ihnen links und rechts um die Ohren knallen würde. Aber ich bin auch Realist genug um zu wissen, dass ich mir nur selbst damit schaden würde.

Wie dem auch sein, mir geht es hier vor allem um enge Freunde und Angehörige. Ihnen von der Depression erzählen oder weiterhin so tun als ob alles "okay" wäre, während man innerlich vor Einsamkeit quasi verblutet?
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Pianolullaby
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Beitrag Sa., 24.10.2020, 20:43

tja für mich ist, und war die Antwort immer klar, JA tue ich, genau aus dem Grund weil ich nicht immer lächeln kann, und es insbesondere auch nicht will. Trotzdem habe ich gerne Unterstützung von meinem Freunden. Ich wüsste nicht was bei mir persönlich dagegen sprechen würde
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MariJane
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Beitrag Sa., 24.10.2020, 20:47

Ich leide unter Psychose und meine Freund wissen es alle - und sind wirklich dann auch da, hocken ggf. mit mir in der Klinik. Mir ist ihre Aufmerksamkeit allerdings oft zu viel. Es ist die Frage, was man will - ich will so normal wie möglich behandelt werden; so geht das eben nicht wirklich. Auf der anderen Seite brauche ich in Psychosezeiten wirklich Freunde, die da sind, an die ich mich klammern kann.

Auf Arbeit ist bekannt, dass ich psychische Probleme habe und keiner behandelt mich anders. Mit einer Ausnahme, die mir etwas unangenehm ist.

Ich denke, man muss sich überlegen, ob man es aushält mit anderen Augen gesehen zu werden und ob es nicht wirklich privat ist und nur die engsten Freunde etwas angeht. Aber enge Freunde würde ich immer einweihen, weil solche Erkrankungen viel mit einem machen: man tummelt sich sich zum Beispiel in diesem Forum und das hat viel mit Wichtigkeit dieses Teils der eigenen Person zu tun...

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Kellerkind
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Beitrag Sa., 24.10.2020, 20:53

Pianolullaby hat geschrieben:
Sa., 24.10.2020, 20:43
tja für mich ist, und war die Antwort immer klar, JA tue ich, genau aus dem Grund weil ich nicht immer lächeln kann, und es insbesondere auch nicht will. Trotzdem habe ich gerne Unterstützung von meinem Freunden. Ich wüsste nicht was bei mir persönlich dagegen sprechen würde
Dass die Freunde überfordert sind?

Ich weiß nicht, ob es exakt das Gleiche ist wie dir. Eine DIS oder Psychose gilt... ichsagmal... in der Verkehrsauffassung als ernsthafte psychische Erkrankung. Das Umfeld versteht, dass es nichts versteht. Aber bei Depressionen, die irgendwie nichts Ganzes und nichts Halbes sind, wo jeder so seine eigenen Meinungen und Vorurteile hat?

Übertriebenes Mitgefühl und Samthandschuhe auf der einen Seite, oder billige 0-8-15-Ratschläge und Unverständnis über "so ein bisschen Traurigkeit" auf der anderen Seite.

Wenn ich jemand mit einer sehr ernsten, schweren psychische Diagnose vor mir habe, dann ist mir klar: ich kann nichts machen.
Aber wenn mein Gegenüber "NUR" chronisch niedergeschlagen und traurig ist, dann fühlt man sich schon eher in der Pflicht bzw. möchte helfen und verstehen, kann es aber nicht.
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Kellerkind
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Beitrag Sa., 24.10.2020, 21:01

@MariJane

Am meisten sorgt mich diesbezüglich meine Party-Clique. Die kriegen schon mit, dass mit mir "was nicht stimmt", ordnen es aber dem Liebeskummer wegen meiner Trennung zu. Auf den feucht-fröhlichen Partys sind sie dann für mich da, versprechen hoch und heilig, wenn was wäre, ich könne jederzeit zu ihnen kommen, und wie lieb sie mich doch haben und so weiter. NÜCHTERN sieht das hingegen schon anders aus. Da scheint dann alles vergessen. Selbst wenn ich sie SACHT anschreibe und einfach um Treffen, einen Kaffeeklatsch, irgendwas dieser Art bitte, dann ist alles andere wichtiger. Ich gehe davon aus, dass dies nur daran liegt, dass ihnen der Ernst meiner Lage nicht bewusst ist. Aber in wie weit ich sie explizit mit der Nase draufstoßen will, quasi selbstmitleidig betteln, genau DAS weiß ich eben nicht.

Ich weiß zumindest, dass ich meine Depressionen NICHT zum (Haupt)-Thema machen will und erst recht erwarte ich nicht von ihnen, dass sie mir helfen oder mich gar heilen. Es sind Freunde, keine Therapeuten. Von ihnen erwarte ich v.a. Ablenkung, dass man gemeinsam Spaß hat, dass ich mal abschalten kann, und im allerschlimmsten Notfall jemanden habe, zu dem ich gehen kann. Und dass sie eben damit klar kommen, wenn ich auf feucht-fröhlichen Partys bei mir auch mal die Stimmung kippt. Das ist JEDEM von uns schon mal so gegangen, aus so vielen verschiedenen Punkten, dass muss uns nicht peinlich sein.

Aber Tatsache ist, dass sie mich jenseits des Party-Geschehens im Alltag KEINE Zeit für mich haben, trotz ihren feucht-fröhlichen Versprechen. Ich glaube nicht, dass dies Böswill ist. Sie wissen einfach nur nicht, wie wichtig so ganz banale Sachen wie Ablenkung und nen Kaffeeklatsch für mich aktuell sind. Ich will aber auch nicht selbstmitleidig darum betteln bzw. sie nicht überfordern.
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saffiatou
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Beitrag Sa., 24.10.2020, 21:03

Für mich war damals die Diagnose Depressionen ein Schock, ich wollte sie nicht annehmen und fühlte den Stempel verrückt auf meiner Stirn, selbstverständlich habe ich darüber geschwiegen. Irgendwann habe ich mehr über das Thema gelernt, Therapie gemacht und auch mit allen aus meinem direkten Umfeld darüber informiert. Inzwischen gehe ich recht offen damit um, auch um diese Krankheit aus dem Schatten zu holen.

Die Reaktionen meiner Freunde war meistens positiv und unterstützend. Nur mir ist aufgefallen, dass sich bei Depressionen fasst alle bemüßigt fühlen Ratschläge zu geben, die ich nicht haben will und die ein Mensch der ein Beinbruch ha nie bekommen würde. Es ist anstrengend das abzuwehren und klarzustellen.

Die Freunde, die mit damit klarkommen oder tatsächlich alle besser wissen, die bagatellisieren, die sind nicht mehr meine Freunde. Da habe ich recht viel aufgeräumt.

Zu meiner Familie habe ich den Kontakt abgebrochen, das war Bedingung zur Traumabehandlung. Die erste Zeit, als es noch keinen Kontaktabbruch gab, wurde Depressionen immer totgeschwiegen, oder lächerlich gemacht. Das totschweigen ging so weit, dass meine Mutter von einem „Umzug“ sprach, als ich in eine Klinik ging.

Ich habe auch mit der eigenen Akzeptanz der Depressionen relativ offen das Kollegen gegenüber erwähnt. Da gab e sie Probleme, ich weiß aber dass es nur selten der Fall ist.

Ich finde es wichtig, über psychische Erkrankungen zu reden, um die Gesunden besser aufzuklären.

Ich finde es auch im Prinzip in der Arbeitssicherheit wichtig, nur wie willst du das machen, dann müsste sich Jan jeder outen der eine Therapie macht und eventuell noch warum, das ginge viel zuteil. und was ist krank und Behandlungsbedürftig und was nicht. Hier kommt dann noch die Schweigepflicht dazu und das Recht des Arbeitnehmers nicht über seine Erkrankungen mitzuteilen. Es kommt sehr auf den Beruf an, wo das immer wieder auch automatisch getestet wird (Piloten und auch die können durch ein Raster fallen).... ansonsten, warum sollte eine Lehrerin die eine PTBS hat nicht unterrichten dürfen... große Diskussion
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Pianolullaby
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Beitrag Sa., 24.10.2020, 21:13

nur wie sollen sie wissen, dass es dir schlecht geht, wenn man sie nicht einweiht?
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MariJane
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Beitrag Sa., 24.10.2020, 21:16

Kellerkind, ich würde bei deiner Partyclique vielleicht erstmal antesten und den Menschen, der dir dort am geeignetesten scheint, ins Vertrauen ziehen. Das Problem ist, dass man manche Menschen nur in guten Zeiten hat (hatte auch mal Freunde, mit denen man nur feiern konnte und die ich ohne Kommentar aus meinem Leben gestrichen habe als meine Erkrankung anfing). Ich würde es austesten und so im Kleinen erstmal einen Eindruck gewinnen, ob das hinhaut, wie du es dir wünschst.

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Kellerkind
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Beitrag Sa., 24.10.2020, 21:29

@Saffiatou

Eine psychische Gefährdungsbeurteilung meint etwas anderes. Da werden z.B. so Faktoren wie Stress, Verantwortungsbereich, Schichtarbeit etcpp aufgenommen, nicht das seelische Befinden des Einzelnen.


Zu dem Rest: ich kann bzw. will es mir nicht leisten, jetzt auch noch Freundschaften auszusortieren.Ich habe Freunde zum Reden, und ich habe Freunde zum Feiern. Beides ist mir wichtig. Ich möchte trotzdem niemanden etwas vorspielen müssen beziehungsweise nicht betteln müssen.

Beispiel:
Eine gute Freundin der Sorte "Party-Clique" versprach mir hoch- und heilig bei meiner Bein-OP im September, wenn IRGENDWAS wäre, egal wie gering, und selbst wenn ich nur eine Tüte Chips bräuchte, soll ich mich melden. Sie wohnt fast direkt um die Ecke, sie sei sofort für mich da. Auf jeden Fall.
Nun brauchte ich aber keine Chips oder Lebensmittel, sondern Gesellschaft. Ich fragte sie (und alle anderen in der Whatsapp-Gruppe), ob man nicht auf ein Bier oder Kaffee um die Ecke gehen könne, bei mir zuhause geht halt nicht. NÖ, die Notwendigkeit sah jetzt aber auch niemand ein. Ausrede hier, Ausrede da. Und ich war sehr enttäuscht. Denn gerade diese ABLENKUNG und einfach unter Leuten sein, brauche ich mehr denn je.

Und ich denke EIGENTLICH sollte das auch ohne große Seelenbeichte und Problematik möglich sein? Muss ich mich erst selbst "erniedrigen" und "outen", damit die mal mit mir ein Kaffee trinken gehen, auch ohne Mega-Event und Party? Aber verzichten will ich darauf aus falscher Empfindlichkeit auch nicht. Ist ja nicht DEREN schuld, dass ich depressiv bin, noch weniger ihre Verantwortung.

Ich gebe zu: MANCHMAL bin ich sauer, und würde es ihnen gerne AUS TROTZ um die Ohren knallen. Aber das wäre wirklich nur Trotz und der Versuch, ein schlechtes Gewissen zu machen. Wem wäre damit geholfen?

Auf Arbeit ist es noch schwerer zu entscheiden. Solange ich noch arbeitsfähig und nicht krank geschrieben bin, ist es wohl vernünftiger, zu schweigen, auch wenn es mich echt ankotzt, dass das immer noch so ein Tabu-Thema ist.
Aber an jenem Tag, als über den Suizid der Schwester einer Kollegin geredet wurden, und alle so betroffen und bestürzt waren, OHNE die Person selbst zu können, nur aus Mitgefühl für die HInterbliebene, da musste ich echt den Raum verlassen, das hielt ich nicht mehr aus. Wenn die jetzt schon so bestürzt sind, was würden sie denn tun, wenn ICH es tue, und niemand von ihnen je was geahnt hat?
Danach wurde ich es etwas offener, was meinen Kummer angeht. ZWEI wissen davon. Der eine hat es gar nicht gut aufgefasst, die andere fühlte sich offensichtlich hiflos und überfordert, was mir sehr leid tat. Meiner stellvertretenden Vorgesetzen habe ich "nur" gesagt, dass ich (damals zumindest) in Therapie gehe.Ohne Nennung von Gründen.
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Beitrag Sa., 24.10.2020, 21:38

MariJane hat geschrieben:
Sa., 24.10.2020, 21:16
(hatte auch mal Freunde, mit denen man nur feiern konnte und die ich ohne Kommentar aus meinem Leben gestrichen habe als meine Erkrankung anfing).
Aber ich WILL die doch gar nicht aus meinem Leben streichen. Ich BRAUCHE genau das: das gemeinsame Feiern und "normal" behandelt werden.

Früher, vor vielen Jahren, bei meinen ersten Schüben, habe ich auch RADIKAL alle nicht hilfreichen Freunde aus meinem Leben entfernt. Und für sehr lange Zeit habe ich mich auch emotional nicht mehr auf Freundschaften eingelassen, weil ich zu der Überzeugung gelangt war: selbst wenn es noch so gut läuft, Freundschaften helfen nicht bei Depressionen, das gehört in Therapie, nicht in den Freundeskreis.

Aber das stimmt so nicht. Freunde können zwar nicht helfen im Sinne von Depressionen und Ursachen heilen, aber indem sie einfach DA sind, sind sie schon viel wert. Dazu müssen sie nicht zwingend eingeweiht und belastet sein.

Siehe auch das Beispiel bei Saffiatou. Ich finde es halt sehr traurig, dass diese Party-Freunde zwischenzeitlich keine Zeit für mich haben, weil ihnen meine Bedürftigkeit nicht bewusst ist. Würde ich sie aber einweihen, wäre es ja auch so was wie betteln oder belasten oder... ach, keine Ahnung. Ich bin hin und hergerissen.

@Pianalullaby

Genau. Ebend. Du sagst es. Sie wissen nicht wirklich, wie es mir geht. Sie ERLEBEN es zwar auf den Partys, tun dies aber als Liebeskummer in Kombination mit Suff ab. Verständlicherweise. Würde ich umgekehrt vermutlich auch so tun.

Was mich stört: seit Monaten versuche ich immer und immer wieder die Freundschaften auf eine neues Niveau zu ziehen, also nicht nur feucht-fröhlche Partys. Da es sich aber um Pärchen handelt, die sich gegenseitig genügen und einigeln, gehen sie darauf wenig bis gar nicht ein. Die habe ja sich. Und BISHER war es ja so, dass ich auch gut versorgt war. (Es ist ja die Clique meines Ex-Freundes, wenn ich genau sein will). Wie gesagt, ich glaube, ihnen ist NICHT wirklich klar, dass ich zwischen den Partys nun mal jetzt NICHT MEHR sozial-emotional versorgt bin, wie früher.

Na ja, und MANCHMAL spiele ich auch ein bisschen was vor. Was MANCHMAL auch am Alkohol liegt. MANCHMAL hingegen breche ich vor ihnen zusammen, was sie dann aber wieder "nur" dem Alkohol zuschreiben.

Sorry, ich bin echt ratlos.
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Beitrag Sa., 24.10.2020, 21:44

Ich denke nicht, dass das betteln wäre. Es wäre authentisch die Karten auf den Tisch legen und schauen, was passiert. Denn dir kann durchaus auch passieren, dass sich dann nicht viel ändert oder die übermäßig bemüht werden. Wenn du einen normalen Umgang willst, dann würde ich das eben eher nicht sagen, denn eure Normalität ist eben das, was ihr gerade habt - und das ist dir zu wenig, sagst du. Das ist mein Problem mit deiner Diskrepanz. Du hast da sozusagen gerade die Realität und Normalität dieser Leute und wenn du sie sozusagen näher an dich ranlässt, wird sich die Beziehung zwangsläufig verändert, wie auch immer.

Ich hab es meinen Freunden damals gesagt, weil die wussten, ich bin in einer Psychoklinik. Wir haben viel darüber geredet, sehr offen, damit die etwas kapieren. Es hat aber unsere Beziehung verändert. Und mich nervt das manchmal...

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Beitrag Sa., 24.10.2020, 21:52

Ich möchte noch ein Beispiel in dem Kontext nennen, was mich umtreibt:

Eine Person, die mir sehr, sehr wichtig war, was ich aber nie so zeigen konnte: die Schwester meines Ex. Sie wohnte im selben Haus, so ergab es sich ohnehin von alleine, dass man sich oft sah oder im Garten zusammen grillte. Es war NIE nötig, einen eigenen Kontakt aufbauen. Und vielleicht hatte ich auch Angst davor, aus offensichtlichen Gründen, nämlich so wie jetzt: was, wenn Ex und ich uns trennen? Durch die räumliche und emotionale Nähe dieser Beiden ist leider sehr offensichtlich: das eine geht nicht ohne das andere. Ich kann da keine eigenständige Freundschaft aufbauen, OHNE mit dem Ex zu tun zu tun haben. Ergo hab ich mich seit letzten November, seit der Trennung, zurückgezogen. Lange wusste sie nichts davon, laut Ex hat sie an Weihnachten noch ein Geschenk für mich bei ihm abgegeben und gefragt, wann ich denn mal wieder da bin. Er hat ihr die Trennung verheimlicht. Mittlerweile dürfte es auch ihr klar geworden sein. Ein Jahr später. Nun, was wird sie denken? Das Übliche. Der Lauf der Dinge. Ihr geliebter Bruder hat es mal wieder nicht auf die Kette bekommen, schade drum, aber die Frau (ich) ist weg. So geht es nun mal zu, das ist der Lauf der Dinge. Vermutlich findet sie es schade, denkt sich aber nicht all zu viel dabei. Leben geht weiter. Bin ja auch nicht die Erste, die ihr Bruder vergrault, wenn auch (*vermut*) mit Abstand diejenige, die sie am Besten leiden konnte.

Was sie nicht ahnen kann: wie extrem ich diesem Kontakt nachtrauere und wie sehr ich vor mich hinleide. Woher auch. Aber was würde es ändern, jetzt ein Jahr später angekrochen zu kommen und mich auf Depressionen rauszureden?! Ich hab mich nicht zurückgezogen, weil sie mir egal ist. Sondern weil es mir ZU NAHE geht und ZU weh tut. Woher soll sie den Unterschied kennen?

Dann wiederum denke ich mir: sie hat ja von sich auch gut ein Jahr lang keine Versuche unternommen, Kontakt zu mir aufzunehmen oder nachzufragen. So what? Sie hat es halt einfach so hingenommen.Menschen kommen, Menschen gehen. Gerade, was ihren Bruder betrifft.

Gibt noch ein weitere Person, die mir unglaublich am Herzen lag, so sehr, dass ich es nie habe wirklich zeigen/ausleben können und mir immer nur einen Kloss im Hals verursachte. Mit dieser Person KÖNNTE man über so was wie Depressionen reden, aber nun ja, die wird wohl auch denken: "Aus den Augen, aus dem Sinn!". Seit wir getrennt sind, hat sie nichts mehr von mir gehört. Anderseits: sie hat sich halt auch nicht gemeldet. Das letzte Mal im Januar. Sie wird vermutlich auch glauben, dass ich halt einfach weitergegangen sei...

... was defakto nicht stimmt. Ich kann gerade nur nicht aus meiner Haut.

Immerhin, ich halte fest: rückwirkend sind Depressionen eine gute Ausrede, falls man plant, nach über einem Jahr Funkstille wieder angekrochen zu kommen.Oder sehe ich das falsch?
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MariJane
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Beitrag Sa., 24.10.2020, 21:59

Das hat aber nichts mit ankriechen kommen zu tun, wie du schreibst... das hat nichts mit Bittstellen zu tun. Du hängst scheinbar gerade wirklich in einer fetten Depression, bildest dir ein, dass du eine Last bist und deshalb Bittsteller... man kann einen Kontakt wieder aufnehmen, sich erklären und wird dann sehen, ob die anderen Leute sich auch mal von sich aus melden. Das weiß man eben vorher nicht. Du machst dir Gedanken über Sachen, die andere Leute einfach ausprobieren. ;-)

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Beitrag Sa., 24.10.2020, 22:02

@MaryJane

Du sagst es. Was ich an der Party-Clique schätze, ist die freundschaftliche Normalität. Das tut mir gut. Daran möchte ich EIGENTLICH nichts verändern. Aber anscheinend ist es nicht möglich, auch mal ZWISCHENDURCH, zwischen den Partys, sich normal zu treffen, ohne dass ich die Depressionskarte zücke...

Nun gut, spätestens, wenn ich in einer Klinik wäre, wüssten sie es.

Bedenke ich es recht, habe ich durchaus schon erwähnt, dass ich in Therapie bin... (mittlerweile war). Allein wenn man dann den Gesichtsausdruck sieht, das sagt so Einiges.

Ich gebe zu: meine Trennung ist schon gut ein Jahr her, auch wenn es (auch innerhalb der Clique) noch länger ein On/Off gab. Der aktue Liebeskummer ist vorbei, dafür steht mein einsamer Geburtstag an und natürlich die Sorgen wegen der zweiten Corona-Welle. Ich habe versucht, meine Freunde unterschwellig-diplomatisch davon zu überzeugen, mit mir an meinem Geburstag was gemeinsam zu unternehmen.Hat nicht geklappt. Entsprechend enttäuscht bin ich nun. Ich denke, es wäre ANDERS, wenn sie wüssten, wie es mir wirklich geht, aber ich will auch nicht diesen Karte, diesen Sonderbonus ziehen, nur um sie zu überzeugen.Wer nicht will, der hat schon. Trotzdem macht es mich natürlich sehr traurig, und ein klein wenig auch ärgerlich. Ist aber nicht deren schuld.
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Beitrag Sa., 24.10.2020, 22:13

MariJane hat geschrieben:
Sa., 24.10.2020, 21:59
Das weiß man eben vorher nicht. Du machst dir Gedanken über Sachen, die andere Leute einfach ausprobieren. ;-)
Hmm. Warum klingt das gerade so seltsam für mich? Ich sehe das Zwinkern, ich denke mir "Hmmm" und "Ich weiß nicht so recht."

Aber gut, angenommen, ich entscheide mich, REINEN Tisch zu machen. Als Aufklärer und Authenzitätsfan wäre mir das vermutlich eh lieber. Wie geht man so was an, OHNE als Bittsteller zu wirken?

Ich denke mir derzeit manchmal, im Moment wäre es evtl. ganz geschickt, wahrheitsgemäß zu sagen: "Oh, es geht mir wieder besser. Ich bin aus der gröbsten Depression raus, die Therapie ist beendet, ich hab nur Angst wegen Corona wieder reinzurutschen". Würde ich damit nicht geschickt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? Auf der einen Seite drauf hinweisen, dass es mir schlechter ging als von ihnen gedacht, auf der anderne Seiten vorbeugend?

Apropos, schlechter als gedacht. Teil des Spiels ist ja u.a. (nicht nur!) die Trennung, und ich frage mich, ob es meinem Ex bewusst ist, dass ich unter waschechten Depressionen leide. Der hat von so was wenig Ahnung, bewundert es aber angeblich bei Freunden und Bekannten, wenn sie offen dazu stehen. Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, ob ihm meine Problematik WIRKLICH bewusst ist. Alles, was ich ihm sagte ist, dass es mir schlecht geht und ich Abstand brauche, und nicht mit diesem On/off klar komme...
Ich finde es so...SELTSAM... dass er, wenn jemand ihm von waschechten Depressionen erzählt, er auf sowohl überfordert als auch mitfühlend zugleich ist, aber es BEI MIR nicht erkennt, wenn es ihm in die Nase beißt. Ich hab mich NICHT zurückgezogen, weil ich sauer bin oder "nichts mehr mit ihm z tun haben will" oder über der Situation erhaben. Sondern weil ich es verdammt-noch-eins nicht ertrage. Aber ich glaub nicht, dass er das kapiert.
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