Erfahrungen mit Homo-/Biphobie in der Therapie besprechen

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anou
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Erfahrungen mit Homo-/Biphobie in der Therapie besprechen

Beitrag Di., 04.05.2021, 23:09

Hallo zusammen!

Ist mein erster Post hier, also hoffe ich ich mache das mit der Beschreibung etc. alles richtig, habe versucht mich kurz zu fassen und mich trotzdem möglichst klar auszudrücken ;)

Ich bin nun schon seit ca. 2 Jahren in Psychotherapie (traumafokussiert) und soweit bin ich auch echt zufrieden mit meiner Thera. Nur fällt mir halt immer wieder auf, das sie, wenn ich etwas zu erlebter Homo- oder Biphobie immer irgendwie etwas länger braucht um da mitzubekommen was das Problem war oder wie das mit meiner Sexualität zusammenhing. (Edit: Ich selber bin bisexuell, einfach zum Verständnis des Posts.)

Vielleicht fällt es mir aber auch nur auf, weil sie im Gegensatz dazu extrem sensibel ist wenn es um erlebte sexistische Kommentare geht - also z.B. kann sie sehr gut mit mir herausarbeiten, wieso mich jeztz ein bestimmter Kommentar (wie z. B. so Klassiker wie "sie sehen aber auch heiss aus" als Reaktion von einem Polizisten auf einen sexuellen Übergriff) so irritiert hat, oft bevor ich selber weiss wieso mich das jetzt so getroffen hat. Und bei Kommentaren bezüglich meiner Sexualität ist sie zuerst immer sehr ungläubig, dass das jetzt etwas damit zu tun haben könnte, dass ich als nicht heterosexuell gelesen wurde. Es ist eigentlich auch nicht so ein grosses Ding und ich wäre ja auch vollkommen offen dafür wenn sie meint ich interpretiere da zu viel rein oder so was. Aber am Ende war sie bis jetzt auch meiner "Meinung", einfach dass ich mir so vorkomme als müsste ich ihr denn Zusammenhang zuerst bis ins kleinste Detail erklären, bis sie überhaupt in Betracht zieht, dass der Kommentar oder die Handlung etwas mit meiner Sexualität zu tun haben könnte und ich die Situation daher als besonders verletzend oder bedrohlich empfand.

Wir sind jetzt beim Thema vom Missbrauch in der Jugend, wo so Aussagen wie "du musst einfach mal ein richtiger Mann haben/bist nur verwirrt" etc. halt immer wieder vorkamen. Daher ist das Thema jetzt so ein bisschen aufgekommen.

Es ist ja auch nicht das Hauptthema der Therapie aber hat halt meinem Gefühl nach trotzdem noch einen Einfluss auf mein Beziehungsverhalten heute, daher würde ich dass schon gerne in der Therapie ansprechen können und sozusagen "das Kind beim Namen nennen". Im Moment merke ich, wie ich diese Erinnerungen in den Sitzungen ganz weglasse, da ich keine Lust habe sie wieder zu "überzeugen"/ihr zu erklären dass mich das auch wirklich gestört hat und Zeit darauf zu verschwenden.

Meiner Aussenansicht nach könnte es vielleicht einfach sein das sie auf das Thema nicht so sensibilisiert ist... sie ist selbst heterosexuell und die Auswirkungen von homophoben Äusserungen auf das Individuum wurden ja vielleicht auch nicht so in der Ausbildung besprochen? Vielleicht hat sie das daher nicht so auf dem Radar. Meine Therapeutin direkt darauf ansprechen und ihr irgendwelche Buchtipps zum Thema Homosexualität und Gesellschaft zu geben wäre ja doch sehr arrogant, aber bis jetzt war das mein einziger Einfall... Ich will ja auch nicht das es als Angriff auf ihre Kompetenz rüberkommt weil es ist ja nur ein "kleines" Thema und zudem noch etwas, wo ich sowieso schon Angst habe, zu viel Wirbel drum zu machen :kopfschuettel:

Ich wollte hier mal nachfragen ob jemand vielleicht schon Erfahrungen mit etwas ähnlichem hattet und wie ihr damit umgegangen seid? Oder habe ich da vielleicht zu viele Erwartungen an meine Therapeutin und bisher einfach Glück, dass wir in anderen Bereichen auf einer Wellenlänge waren?

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lisbeth
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Beitrag Mi., 05.05.2021, 06:44

Ja, ich kenne das auch, dass Therapeut*innen, aber auch Coaches oder andere Personen bei diesem Thema eine Art "blinden Fleck" haben...

Das fängt bei der Annahme an, dass mir als Lesbe mein äußeres Erscheinungsbild "egal" wäre, weil es nicht den gängigen Vorstellungen entspricht, wie eine Frau auszusehen "hat"... Dass es mir eben nicht egal ist, sondern dass ich da einfach andere Maßstäbe habe, die eben nicht den allgemeinen heteronormativen Vorstellungen entsprechen, darauf kommen sie idR von alleine nicht. Ich war eine zeitlang auch mal bei einer lesbischen Therapeutin (war Zufall), und der wiederum war das total klar, auch ohne Erklärung...

Hinsichtlich Homophobie oder übergriffigen Bemerkungen (im Alltag) kommt es auch immer wieder vor, dass ich da aufklärerisch tätig sein muss. Hatte es erst neulich, dass ich eine Gruppenleitung, die seit Jahrzehnten in Frauenprojekten arbeitet, darüber aufklären musste, warum ich als Lesbe den Begriff "Kampflesbe" (wurde von jemand anderem in einer Diskussion verwendet) verletzend und abwertend finde. Einfach nie drüber nachgedacht, vermute ich... was mich aber auch etwas fassungslos zurücklässt, wie man 30 Jahre lang in Frauen/Lesben-Zusammenhängen arbeiten kann und sich darüber aber nicht im Klaren ist.

Dieses sich immer wieder erklären müssen und aufklären müssen ist anstrengend und auch das macht etwas mit dir, auch wenn das Gegenüber lernbereit und aufgeschlossen ist. Für mich war das innerhalb der Therapie meistens ok, weil bei mir andere Fragen als sexuelle Orientierung/Identität im Mittelpunkt standen bzw stehen. Das waren/sind für mich oft nur Randthemen. Trotzdem war ich selbst überrascht, was für einen Unterschied das für mich machte, als ich bei dieser lesbischen Therapeutin war. Das war so erholsam, sich nicht andauernd erklären zu müssen, bzw. vom Gegenüber "richtig" gelesen zu werden...

Eine Lösung habe ich nicht. Wenn du grundsätzlich bei den Traumathemen mit der Therapeutin gut arbeiten kannst, dann ist das auch was wert. Allerdings scheint es ja auch so zu sein, dass sich das bei dir überlagert. Wenn es an dir nagt (was ich total verstehen kann, denn es vermittelt dir ja ständig, dass du nicht 'normal' bist), dann würde ich sagen, sprich es an. Ich glaube wirklich, dass viele für dieses Thema einfach nicht sensibilisiert sind. Bzw dass ihnen auch nicht klar ist, was es (emotional) bedeutet, in dieser Hinsicht permanent gegen den Mainstream zu leben... Und du darfst das schon benennen, dass es für dich schwierig ist, gerade bei dem Thema dich immer wieder "rechtfertigen" zu müssen oder ihr umfangreichen Kontext mitliefern zu müssen...

Vielleicht gibt es ein gutes Buch oder einen Film, den du ihr mal empfehlen kannst, die auch atmosphärisch etwas von dem vermitteln, wie es ist, ständig anders gelesen zu werden als man es empfindet und wie wichtig es ist, dass man dabei ein unterstützendes Umfeld hat? 'Mein Leben in rosarot' wäre so ein Film zB meiner Meinung nach auch wenn der schon älter ist...
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Montana
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Beitrag Mi., 05.05.2021, 07:28

lisbeth hat geschrieben:
Mi., 05.05.2021, 06:44
Bzw dass ihnen auch nicht klar ist, was es (emotional) bedeutet, in dieser Hinsicht permanent gegen den Mainstream zu leben...
Da denke ich sogar, dass oft einfach angenommen wird, es sei gewollt, gegen den Mainstream zu leben. Denn wen sieht man denn in der Öffentlichkeit? Menschen, die ihre sexuelle Orientierung als Event zelebrieren. Die 99,9%, die ganz normale Leute sind und ein ganz normales Leben leben, die fallen halt nicht auf und werden nicht wahrgenommen. Genausowenig wie die Tatsache, dass sie kein Interesse an öffentlicher Aufmerksamkeit haben und Konflikte in dem Zusammenhang nur deshalb austragen, weil sie dazu genötigt werden.


Bluemoon123
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Beitrag Mi., 05.05.2021, 10:00

lisbeth hat geschrieben:
Mi., 05.05.2021, 06:44
Ich glaube wirklich, dass viele für dieses Thema einfach nicht sensibilisiert sind. Bzw dass ihnen auch nicht klar ist, was es (emotional) bedeutet, in dieser Hinsicht permanent gegen den Mainstream zu leben...
Meinst Du wirklich, dass es bei Therapeuten daran liegt, dass sie nicht dafür sensibilisiert sind? Ich bin jetzt noch nicht so "Therapie-erfahren", dass ich Erfahrungen von mehreren Therapeuten beisteuern kann, aber bei meinem habe ich deutlich das Gefühl, dieses vordergründige "nicht verstehen", bzw. nachfragen und sich erklären lassen, was denn daran so schwierig ist, Teil des therapeutischen Vorgehen ist. Ich bin da ja auch gerade in so einem "Erklärungsprozess", der für mich sehr schwierig und aufwühlend ist, der mir aber auch hilft selbst zu verstehen, was mich daran so verletzt, bzw. was es mir persönlich so schwer macht, wie Du sagst, permanent gegen den Mainstream zu leben und das Gefühl zu haben "anders" (oder "nicht richtig") zu sein. Ich glaube noch daran, dass nur so eine gewisse "Heilung" möglich ist, im Sinne, dass ich lerne damit umzugehen, bzw. mich so zu akzeptieren und mir diese von Außen aufprasselnden Diskriminierungen nicht so nah an mich ranzulassen, dass ich davon krank werde.

Ich hatte letztens eine Situation in der Therapie, wo er tatsächlich mal nicht weiter nachgefragt hat, sondern mit einem authentischen "ja, das ist schwer" geantwortet hat und dann mit mir geschwiegen hat. Das hat mich dann plötzlich doch sehr irritiert. Und im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass es mich nicht weiter bringt, wenn er "nur" Verständnis zeigt. Dieses "sich erklären müssen" ist schwierig und lästig, aber es hilft auch, selbst bewusst zu bekommen, wo die verletzlichen Punkte sind und wo der Ansatz ist woran man vielleicht irgendwann einmal arbeiten kann.

Wobei mir jetzt wo ich das schreibe schon bewusst ist, dass es für mich hier vielleicht nochmal ein bisschen anders ist, weil das meine erste Therapie ist, und somit diese Punkte auch zum ersten Mal ernsthaft ausgesprochen und bearbeitet werden. Ich stelle mir gerade vor, dass ich vielleicht schon mehrere Therapien hinter mir hätte und jedes Mal das selbst passiert. Dann ist es wahrscheinlich wirklich was anderes.

Aber mein Punkt war eigentlich, dass ich nicht ernsthaft denke, dass es daran liegt, dass die Therapeuten diesbezüglich nicht aufgeklärt oder sensibilisiert sind, oder in der Ausbildung zu wenig Fokus auf das Thema gelegt wurde. Sondern dass dieses Nachfragen, was vordergründig vielleicht ahnungslos wirkt, eher eine Therapiemethode ist und kein wirkliches Ahnungslos sein. Denn im Normalfall traue ich jedem, der so einen Beruf ergreift zu sich empathisch in Situationen einfühlen zu können auch wenn er/sie das selbst noch nicht persönlich erfahren haben. Es wäre schlimm, wenn jeder Therapeut nur Situation nachfühlen könnte, die er selbst schon erlebt hat.

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lisbeth
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Beitrag Mi., 05.05.2021, 11:17

Bluemoon123,

das was da passiert ist nochmal was anderes, als vordergründiges Hinterfragen.
Und ja, ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten (heterosexuellen) Therapeuten an irgendeinem Punkt ihre Probleme damit haben, eben *nicht* ihre normativen Vorstellungen in bezug auf Geschlechterverhältnisse, Geschlechtsidentität, sexuelle Identität usw. als gegeben vorauszusetzen. Egal wie empathisch und mitfühlend sie auf anderer Ebene sind. Und ich hab ja die Erfahrung gemacht, dass bei einer lesbischen Therapeutin dieses Infragestellen so nicht passiert ist, im Gegenteil.
Ich weiß, dass die meisten solche Sachen nicht mit Absicht raushauen, aber trotzdem gibt es immer wieder das "Bullshit-Bingo", das du zu einem anderen Thema in einem anderen Thread angeführt hast... Und genau darum geht es mir: Ich finde es verdammt anstrengend, in meiner Therapie bei diesem Thema Bullshit-Bingo spielen zu müssen... Und ich finde, da habe ich dann auch alles Recht der Welt zu sagen: Sie sind mir da voll auf die Füße getrampelt und zwar nicht im Rahmen einer therapeutischen Intervention.
Bluemoon123 hat geschrieben:
Mi., 05.05.2021, 10:00
Ich hatte letztens eine Situation in der Therapie, wo er tatsächlich mal nicht weiter nachgefragt hat, sondern mit einem authentischen "ja, das ist schwer" geantwortet hat und dann mit mir geschwiegen hat. Das hat mich dann plötzlich doch sehr irritiert. Und im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass es mich nicht weiter bringt, wenn er "nur" Verständnis zeigt. Dieses "sich erklären müssen" ist schwierig und lästig, aber es hilft auch, selbst bewusst zu bekommen, wo die verletzlichen Punkte sind und wo der Ansatz ist woran man vielleicht irgendwann einmal arbeiten kann.
Für mich wird genau andersrum ein Schuh draus. Das Rechtfertigenmüssen ist eine intellektuelle Übung, das mach ich locker mit links, da gehen mir auch selten die Argumente aus. Aber das Erleben, dass da jemand einfach nur mal anerkennt und mich in meiner Situation sieht und sagt: Ja, das ist schwer. Das verändert bei mir viel viel mehr als alle Erklärungsversuche dieser Welt. Weil mir da jemand vormacht, wie das geht (und weil ich das nicht so richtig gut kann): Mir selbst wohlwollend und mitfühlend begegnen. Lernen am Modell sozusagen.
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Beitrag Mi., 05.05.2021, 12:10

lisbeth hat geschrieben:
Mi., 05.05.2021, 11:17
Ich finde es verdammt anstrengend, in meiner Therapie bei diesem Thema Bullshit-Bingo spielen zu müssen... Und ich finde, da habe ich dann auch alles Recht der Welt zu sagen: Sie sind mir da voll auf die Füße getrampelt und zwar nicht im Rahmen einer therapeutischen Intervention.
Oh ja. Das stimmt. Das ist was völlig anderes und da hast Du natürlich (und ich auch, und jeder andere) das Recht das zu sagen. Ich sehe aber tatsächlich in der Therapie immer noch einen Unterschied und das mag jetzt wirklich nur an meiner persönlichen Situation liegen, und dass ich mit meinem Therapeuten diesbezüglich so gut kann. Er hat auch schon manchmal unbedacht einen ganz ganz typischen "Bullshit-Bingo-Satz" rausgehauen. Aber ich habe da in der Therapie völlig anders reagiert als bei anderen Menschen. Da konnte ich tatsächlich ganz ruhig und ernsthaft sagen "Da sind Sie mir voll auf die Füße getreten und ich will das so nicht mehr hören". Das hab ich auch schon gemacht (mehrmals sogar bei unterschiedlichen Bingos ;) ) und jeweils eine Erklärung gegeben, warum er mir da so auf die Füße getreten ist. Der Unterschied (und gleichzeitig auch Lernmoment) zum "richtigen Leben" war, dass er sich das angehört und komplett akzeptiert (und ich denke auch verstanden) hat, und ich tatsächlich seitdem von ihm nichts mehr in diese Richtung gehört habe. Seltsamerweise war ich da auch überhaupt nicht genervt, wie ich es bei jedem anderen wäre. Sondern einmal erklärt und gut ist. Aber ich sehe schon auch, dass es bei jeder anderen Person komplett anders gewesen wäre - egal ob Therapeut oder Nicht-Therapeut.

Und diese Erklärungsmomente auf intellektueller Ebene, das stimmt, das hat nix mit therapeutischer Intervention zu tun. Interessanterweise wirkt es bei mir in der Therapie schon noch andersrum. Denn die Erklärung gegenüber meinem Therapeuten sind bei mir nicht die Standard-Erklärungen, die rein auf der intellektuellen Ebene stattfinden. Von daher sind sie für mich hilfreich. Aber nochmals, es liegt sicher auch zu einem großen Teil daran, dass ich das gerade erst das erste Mal mitmache und nicht schon zum x-ten Mal, wo ich dann sicher auch genervter wäre. Und dass ich ihm gegenüber da offener sein kann und bei der Erklärung wirklich ins Fühlen gehe und das vor ihm auch darf.

Aber deswegen denke ich auch, dass - um auf die Ursprungsfrage zurück zu kommen - es schon in der Therapie seinen Platz haben darf, auch wenn es jetzt nicht das Hauptproblem ist weswegen man in der Therapie ist. Ich meine, auch wenn man jetzt völlig im Reinen mit seiner sexuellen Orientierung ist, es ist doch ein wichtiger Teil der Persönlichkeit, der in jeder Therapie auch seinen Platz haben muss und gar nicht ausgeklammert werden kann. Und ich denke auch immer noch, dass ein empathisches Verstehen oder sensibilisiert sein auf Therapeutenseite nicht unbedingt etwas mit deren eigenen Orientierung zu tun hat.
lisbeth hat geschrieben:
Mi., 05.05.2021, 11:17
Aber das Erleben, dass da jemand einfach nur mal anerkennt und mich in meiner Situation sieht und sagt: Ja, das ist schwer. Das verändert bei mir viel viel mehr als alle Erklärungsversuche dieser Welt. Weil mir da jemand vormacht, wie das geht (und weil ich das nicht so richtig gut kann): Mir selbst wohlwollend und mitfühlend begegnen. Lernen am Modell sozusagen.
Ja, das kann ich verstehen. Mag sein, dass ich in dieser Beziehung noch viel lernen muss. Da ich mir selbst gegenüber noch wenig wohlwollen und mitfühlend bin, kann ich ein mitfühlen oder mit-ertragen nicht so gut haben und sehe es somit nicht als hilfreich an. Vielleicht kann ich aber das in dieser Situation "irritiert" gewesen sein, nochmal genauer anschauen. Im ersten Moment als er das sagte, dachte ich ja sogar kurz er will mich veräppeln, bis ich gemerkt habe, dass er es wirklich ernst meint.


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Beitrag Do., 06.05.2021, 20:45

Hallo zusammen

Erst mal vielen Dank für die Antworten! Entschuldigung melde ich mich erst jetzt wieder.

lisbeth, du sprichst meine Gedanken zum Thema genau aus. Ist irgendwie nur schon erleichternd zu hören, dass ich da nicht die einzige bin die das so empfindet.
Dieses sich immer wieder erklären müssen und aufklären müssen ist anstrengend und auch das macht etwas mit dir, auch wenn das Gegenüber lernbereit und aufgeschlossen ist. Für mich war das innerhalb der Therapie meistens ok, weil bei mir andere Fragen als sexuelle Orientierung/Identität im Mittelpunkt standen bzw stehen. Das waren/sind für mich oft nur Randthemen. Trotzdem war ich selbst überrascht, was für einen Unterschied das für mich machte, als ich bei dieser lesbischen Therapeutin war. Das war so erholsam, sich nicht andauernd erklären zu müssen, bzw. vom Gegenüber "richtig" gelesen zu werden...
Das genau ist es. Meine Thera reagiert ja auch gar nicht abwertend oder negativ, sondern einfach nur dieses immer wieder wenn wir auf das Thema kommen erklären müssen ist irgendwie einfach doch zermürbend, wenn ich doch in der Therapie lieber anderes besprechen würde. Zu einer anderen Thera zu wechseln um diese spezifischen Erinnerungen und Themen, wo ich gerne über meine sexuelle Orientierung reden würde, zu besprechen habe ich mir tatsächlich auch schon überlegt, aber ich habe ansonsten langsam echt Vertrauen zu meiner jetztigen Thera aufgebaut und sonst einen guten Draht zu ihr, also will ich das eigentlich nicht. Daher komm ich wohl nicht drumherum das direkt anzusprechen... :neutral:

Und auch zu dir, Bluemoon:
Dieses "sich erklären müssen" ist schwierig und lästig, aber es hilft auch, selbst bewusst zu bekommen, wo die verletzlichen Punkte sind und wo der Ansatz ist woran man vielleicht irgendwann einmal arbeiten kann.
Ich bin selber halt auch so ein bisschen im Zwist ob das jetzt einfach therapeutisches Verhalten ist. Aber beim besprechen von ähnlichen Erinnerungen, ohne den Bezug zu meiner sexuellen Orientierung, reagiert sie halt ganz anders. Also sie sagt schon nicht nur "ja das war schlimm" aber arbeitet dann zusammen mit mir heraus, was genau ich an der Situation schlimm fand. Also stellt z.B. spezifische Fragen. Bei den Themen zur sexuellen Orientierung komme ich mir dagegen nicht vor als würden wir das gemeinsam angehen, sondern als müsste ich das alles selbst darlegen und erst mal sie davon überzeugen, dass die Situation so stattgefunden und es auch einen Link zu meiner sexuellen Orientierung gab, bevor sie dann mit mir darauf eingeht.

Es ist auch nicht so als würde sie irgendwie einen spezifischen Kommentar machen, der mich verletzt, sondern ist etwas das mir nur auffällt weil es halt mehrmals so war und immer nur bei Themen im Zusammenhang mit meiner sexuellen Orientierung. Daher hab ich halt Angst wenn ich das anspreche das sie das Gefühl hätte ich unterstelle ihr da irgendwas. Aber hat sicher auch damit zu tun dass ich es generell schwer finde, Kritik zu äussern, also ist da wahrscheinlich die Therapie eine gute Lernumgebung dafür... Ich hab halt dieses "ja kein Ding aus meiner sexuellen Orientierung machen" durch meine Erziehung schon sehr verinnerlicht, aber wahrscheinlich ist es am besten wenn ich mich da mal überwinde und das direkt anspreche... Kann ja vielleicht mal nachfragen dass ich das Gefühl habe, die eine traumatische Erinnerung hängt da sehr stark damit zusammen und ob sie auf diesem Gebiet schon Erfahrung hat und so etwas in ein direktes Gespräch darüber reinkommen... Habe halt Angst dass sie das dann als Anschuldigung auffasst wenn ich direkt komme mit "bei diesem Thema reagieren sie anders" oder so was und das dann unsere Beziehung beeinflusst ::?

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Montana
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Beitrag Do., 06.05.2021, 21:50

Es kann halt auch sein, dass sie dankbar für deine ehrliche Rückmeldung ist und sich danach anders verhält, wenn es um dieses Thema geht. Sie ist ja sonst in vielerlei Hinsicht für dich sehr passend, wenn ich dich richtig verstehe, und verhält sich gar nicht offen verletzend. Sie weiß es nicht besser. Theorie ist ja die eine Sache, und in der Ausbildung mag es Thema gewesen sein, aber ohne dass ihr Patienten sagen, wie sie rüberkommt, wird sie es nicht wissen können.
Im besten Fall wird das tatsächlich eure Beziehung beeinflussen, und zwar äußert positiv. Ich habe meinem aktuellen Therapeuten auch mal was gesagt, allerdings per Mail. Er war überhaupt nicht beleidigt oder so. Er hat mir erklärt, dass er manchmal schlicht raten muss, wie er sich am besten verhalten sollte und dabei natürlich zuallererst auf das zurückgreift, was er gelernt oder womit er mal gute Erfahrungen gemacht hat. Und dass die wenigsten sich trauen, dazu konkret etwas zu sagen. Dass ihm das aber hilft, seine Arbeit besser zu machen und er es deshalb gut findet.
Du begibst dich auf eine neue Stufe der Kommunikation, wenn du nicht "um die Sache streitest", sondern die Kommunikation selbst zum Thema machst. Im normalen Leben kommt man selten dahin, das mal zu tun. Das ist aber eine spannende Sache und könnte dich auch befähigen, in anderen Situationen besser mit ahnungslosen Leuten umzugehen, die vielleicht nur aus Unwissen wie der Elefant im Porzellanladen unterwegs sind.