Woke

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Hiob
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Woke

Beitrag Sa., 27.08.2022, 11:49

Ich möchte auf ein Phänomen aufmerksam machen, was ich lange für unbedeutend hielt.
Um mir ein breiteres Bild zu machen, würden mich eure Beobachtungen dazu interessieren.

Die davon infizierten Jugendlichen beschreiben ihre Schuld an den gegenwärtigen gesell. Verhältnissen, sie brechen in Tränen aus, wenn sie über den kurz bevorstehenden Klimakollaps sprechen, sie weisen ein erhebliches Interesse an Rassismus und der Notwendigkeit des Verbotes von Wörtern und Bilddarstellungen auf. Sie beschreiben die Notwendigkeit von Vorgaben beim Interpretieren von Literatur, Malerei und Film. Sie verwenden den Zusatz "s ch e i ß Kinder" im Hinblick auf neue Kinder aber auch auf sich selbst. Man kann erkennen, dass sie sich selbst für schädlich und störend empfinden, sie hätten in ihren jungen Jahren bereits zu viel konsumiert und verbraucht. Ihnen werden übergroße Ziele auf ihre schmalen Schultern gegeben und man erkennt bereits, dass sie nach der Nichtumsetzbarkeit dieser Ziele entweder zu Fanatismus, Kampf gegen einen Gegner oder zur Selbstzerstörung neigen. Sie werden von ihren Eltern und Bekannten überall hin gefahren und mit Geschenken und Softeis überhäuft, aber all das steigert ihr Gefühl der Schuld. Sie lehnen die Figur des unschuldigen und perfekten, lebensfrohen und freiheitsstrebenden Kindes ab.

Ich schreibe das mit relativ leiser Stimme, weil ich merke, wie stark die jungen Leute darunter leiden und wie ihnen ein hermetisches Abwehrsystem zum Schutze dieses Gedankengerüstes implantiert wird. Sie werden mit widersprüchlichen Aussagen verwirrt und verbleiben in ihrer Unvolkommenheit, bis die Stimme kommt, die ihnen den Weg weist. Und dieser Stimme, die stets gute Absichten hat, ist zu folgen. Es erinnert an Alice Millers Schriftsätze von der schwarzen Pädagogik (70er/80er Jahre).

Habt ihr diese Veränderung an unseren Kindern schonmal bemerkt?

Hiob

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Philosophia
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Beitrag Sa., 27.08.2022, 14:49

Ich finds richtig, sich über gewisse Dinge Gedanken zu machen, nicht zu viel und Unnötiges zu verbrauchen und den hedonistischen Lebensstil zu überdenken. Ich verstehe diese Kinder - finds aber wichtig, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen und selbst ein Leben zu führen, wo ich nicht unnötig Ressourcen verbrauche und dafür sorge, Tieren Lebensraum wegzunehmen. Aber die Kinder sind nicht Schuld - wir Erwachsenen sollten bessere Vorbilder sein und ihnen zeigen, wie man wertschätzend mit sich und den Ressourcen dieser Erde umgeht. Und Freiheit ist sowieso ein trügerischer Begriff - wo fängt sie an wie hört sie auf. Wir sind ein Teil des Großenganzen und sollten nicht so tun, als könnten wir tun und lassen, was wir wollen, ohne die Konsequenzen zu tragen - und wenn wir sie nicht tragen, dann müssen es vielleicht echt die Kinder tun - das find ich schlimm.
"Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen." - Albert Schweitzer

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peponi
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Beitrag Sa., 27.08.2022, 16:49

Es ist doch gut, wenn jüngere Generationen die gesellschaftspolitische Tragweite der Klimakrise oder rassistischer, patriarchaler und (neo)kolonialer Herrschaftsstrukturen erfasst haben und nicht bereit sind, das einfach hinzunehmen. Wenn das die Menschen, die über diese schimpfen oder sich auf paternalistische Art um ihr Wohlergehen sorgen, ebenfalls täten und dies auch in politische Handlungen umsetzten, wäre deren Verzweiflung vielleicht gar nicht mehr nötig ;-)

Die Individualisierung von Schuld- oder Verantwortungszuschreibungen halte ich allerdings für den falschen Weg, mit dem man sich selbst nur kaputt machen kann. Es gibt kein richtiges Leben im falschen... Und den Fokus (ausschließlich) auf den eigenen Beitrag am Großen Ganzen zu lenken verschleiert den systemischen Charakter der Krisen, in die wir uns als Menschheit hinein manövriert haben.
Aber das nur am Rande.

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stern
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Beitrag Sa., 27.08.2022, 17:31

a) Wenn ich ansehe, was mir schon alles zugeschrieben wurde, so kann ich beim besten Willen nicht anders, als auch hier von einem hohen Anteil an Projektion auszugehen.
b) Ist ja auch so, dass sich einiges an unreflektiertem historisch tief verankerten Alltagsrassismus (und anderes) über die Zeit rettete. Wer weiter Möhrenkopf sagen wil, kann und wird es tun. Verbote gibt es nicht... bzw. die sind sehr, sehr eng. Z.B. ein Hakenkreuz sollte man sich vllt. besser nicht um den Arm binden. Evtl. geht es weniger um Worte, sondern auch um strukturelle Problematiken, die sich auch in Worten zeigen.
c) Vielleicht lässt sich manches auch unter Genrationenkonflikt subsumieren, den es schon immer gab - nur in jeder Generation mit anderen Sorgen. Auch den Alt-68er bewegt heute und damals wahrscheinlich anderes als die "woke" 20jährige, die ihren Kindern und Enkeln eine (lebenswerte) Zukunft geben/hinterlassen würde. Und ein anderer Teil sind z.B. unterschiedliche politische Vorstellungen/Werte.
d) Woke wird teils auch als Schimpfwort genutzt (neuer Wein in alten Schläuchen). Der Sorgen sind vllt Spiegelbildlich. Der eine sorgt sich vllt. um sein Zigeunerschnitzel und ein damit einhergehender gesellschaftlicher Wandel. Und einer anderer findet vllt. die Wortwahl kritisch für ein gesellschaftliches Zusammenleben. Angespannte wird es hier und dort geben.
e) Individuelle Freiheit hat man in D da enden lassen, wo Rechte anderer anfangen. In Ö mag anderes gelten.
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montagne
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Beitrag So., 28.08.2022, 08:40

Ich lese Wokeism als abwertend Begriff in sozialen Medien gegen Menschen, die sich für Klimaschutz, Tierwohl, LGBT+, Gendersprache, Flüchtlinge, gegen Rassismus äußern.

Ich sehe da 2 Lager. Ich sehe bei Jüngeren tatsächlich da eine aus meiner Sicht manchmal zu radikale und lebensfremde Ansicht. Aber so waren Jugendliche doch schon immer. In dem Alter hat man halt hohe Ideale (gut so) und wenig Lebenserfahrung. Und dann die ewig gestrigen, die das abtun als Wokeism. " Das ist woke bullshit." Du bist woke." usw. als Totschlagargument.

Wokeism als Totschlagargument gegen gesellschaftlichen Fortschritt.

Es bräuchte mehr Dialog. Denke den gibt es auch, aber selten in den sozialen Medien, wo jeder in seiner Blase surft.
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münchnerkindl
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Beitrag So., 28.08.2022, 10:08

Bei jeder sinnvollen, guten Idee gibt es Strömungen die sich radikalisieren und extremistisch werden.

Lasst uns für ein besseres Leben für die unteren sozialen Schichten und mehr Gleichheit in der Gesellschaft kämpfen - auf die Gouillotine mit allen die hier jemals Privilegien genossen haben oder generell nicht unserer Meinung sind.

Lasst uns rausfinden, ob es eine metaphysische Ebene von Existenz gibt jenseits unserer körperlichen Existenz - ich habe die letztendliche Wahrheit gefunden und alle die nicht das glauben wollen was ich glaube kommen sowieso in die Hölle und und wer meinen Glauben in irgendeiner Weise kritisiert wird umgebracht. Gott will es so.

Ich liebe meinen Fussballverein und finde es toll als Teil einer Gruppe netter Gleichgesinnter mitzufiebern und sie im Stadion anzufeuern damit sie gewinnen - lasst uns nach dem Spiel uns besaufen, die Anhänger der anderen Mannschaft zusammenschlagen und besoffen in der Stadt randalieren.

Wir sorgen uns um die Erhaltung der Umwelt und wollen aktiv etwas dagegen tun - lass uns im Berufsverkehr eine grosse Strasse blockieren, sodass tausende Menschen die beruflich Aufo fahre müssen ob sie wollen oder nicht belästigt werden und ggf jemand stirbt weil der Sanka oder die Feuerwehr nicht rechtzeitig anrücken kann.



Bei allem was Menschen so an Vorstellungen haben gibt es einen kleineren Teil der völlig überschnappt und antisoziale Tendenzen entwickelt. Und das gilt klarerweise auch für Feminismus, Antirassismus, Tierschutz etc.

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stern
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Beitrag So., 28.08.2022, 10:43

"Früher" habe sich Leute bei Atommülltransporten an die Gleise angebunden. Hungerstreiks, whatever. Heute nennt man es woke (mit zunehmend abwertender Konnotation). Ich sehe darunter kein neues Phänomen. Formen des Protests gab es schon immer (Themen wandeln sich). Und wie müki schrieb: Überall gibt es darunter auch radikalere.

Eigentlich wollte ich aber noch etwas zur manchmal beklagten Cancel Culture schreiben (aus meiner Sicht genauso ein Kampfbegriff). Bezug = Verbot von Worten oder Darstellungen. Staatliche Grenzen gibt es, wie gesagt, in engem Umfang. In D könnte z.B. Holocaustleugnung/Antisemitismus/Gewaltverherrlichende Darstellungen, whatever problematisch sein. Und auch wie gesagt: In Ö oder in den USA gibt es evtl. anders Grenzen, so dass das dort evtl nicht nachvollzogen werden kann. Aber in den allermeisten Fällen liegen dem marktwirtschaftlich freie! Entscheidungen zugrunde. Z.B. Ob man als Einzelhändler Mohrenköpfe ins Sortiment nimmt oder eben nicht. Und ob man als Käufer das mit einer Kaufentscheidung unterstützen möchte. Gleiches gilt für best. Printwerke. Dass in Werken aus den 20iger Jahren (ff.) oft auch der damalige Zeitgeist miteingeflossen sein wird, liegt in der Natur der Sache. Sieht man selbst bei manchen Interpretationen Freuds so, dass sie eher über die damaligen Gesellschaftsverhältnisse aussagen als über eine psychische Konstitution bzw. wissenschaftliche Gegebenheiten. Und so kann man 50 oder 100 Jahre später ja durchaus manches kritisch sehen (reflektieren) und muss nicht alles nochmals 100 Jahre konservieren. Anstelle etwas komplett aus dem Sortiment zu nehmen, kann man manche Inhalte auch einordnen. In einer solchen Form ist mitlerweile selbst "mein Kampf" verfügbar.
Zuletzt geändert von stern am So., 28.08.2022, 11:20, insgesamt 4-mal geändert.
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hawi
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Beitrag So., 28.08.2022, 10:50

montagne hat geschrieben: So., 28.08.2022, 08:40 Es bräuchte mehr Dialog. Denke den gibt es auch, aber selten in den sozialen Medien, wo jeder in seiner Blase surft.
Ja, montagne, seh ich auch so.
Auch dem Rest deines Beitrags stimme ich zu.

Nicht sicher bin ich mir, was sich heute im Vergleich zu früheren Zeiten geändert hat.
Vieles…? Nicht sonderlich neu. Viele Themen, Probleme, die nun aktuell sind, Aufmerksamkeit erregen? Die Themen sind nicht neu, neu eher, dass nun vieles viel schneller, viel besser sichtbar an die Öffentlichkeit kommt, eine breitere Öffentlichkeit.
Viele alte Filter entfallen, wirken nicht mehr. Finde ich eigentlich gut, hat aber natürlich auch Nachteile. Arger Quatsch mischt sich mit guten Anliegen und Argumenten. Allgemein öffentlich viel sichtbarer als früher. Damit für alle – wie ich finde – schwerer selbst den kommunizierten Müll von kommunizierten Fakten, Argumenten zu trennen.

Mal von den Extremen her gedacht: An den Weltuntergang glauben Teile der Menschheit schon seit Urzeiten. Das Klima wurde früher u.a. Sintflut genannt. Ausgrenzung, Diskriminierung, Rassismus? Früher der Gegensatz von Rechtgläubigen zu Ungläubigen/Heiden.
Ganz ohne das gehts anscheinend nicht. Es darf nur nicht dominieren, zu sehr unser Handeln bestimmen. Dass die sozialen Medien schon arg die Schreihälse bevorzugt, die narzisstischen Selbstdarsteller, die Rattenfänger, nicht gut.
Das gilt für alles, alle Geschlechter, alle Themenkreise, alle denkbaren Interessengruppen.
Zwar stimmt der alte Spruch „wer schreit hat Unrecht“ nicht, aber daraus lässt sich halt dennoch nicht folgern, dass Schreiende ständig Recht haben.

LG hawi
„Das Ärgerlichste in dieser Welt ist, daß die Dummen todsicher
und die Intelligenten voller Zweifel sind.“
Bertrand Russell

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stern
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Beitrag So., 28.08.2022, 13:27

Ich glaube ja, Sexismus, Rassismus, Homophobie, whatever ist eher weniger etwas, das in der Natur des Menschen liegt, wenn überhaupt. Sondern DAS findet seinen Ursprung eher in der Sozialisation. Hier wurde einer ganzen Generation die Überlegenheit einer arischen Rasse eingeimpft, Homosexualität wurde lange verfolgt und war noch bis vor kurzem strafbar. Kein Wunder, dass manches Gedankengut tradiert wurde. Oder Sexismus: Manche Filme sind aus heutiger Sicht diesbzgl. unerträglich. Wer noch so sozialisiert wurde, dass das "normal" sein soll, der wird sich daran eher nicht so beißen. Oder wenn man sich mit der Rolle eines Erwachsenen identifizieren kann, der einer 22-Jährigen mit den Worten "aber mein Kind" den Hintern angrabscht. Dass sich das für die jüngere Generation dann nicht mehr unbedingt stimmig anfühlt: Wen wundert's. Ein wahrscheinlich ganz natürliches Empfinden, wenn man sich eher mit der (angrabschten) 22-Jährigen identifiziert. Kurz: Was pädagogische und demagogische Auswüchse angeht, kann man noch weiter zurückblättern als in der 70iger/80iger.

Ich mag ja "Derrick". Fand ich damals schade, als er nicht mehr ausgestrahlt wurde. Als Grund recherchierte ich: Vorgeblich wegen Tapperts SS-Vergangenheit. Weiß nicht. Eine inhaltliche Überschneidung mit den Filmen gab es nicht. Und ich bekomme es hin, Darsteller und Darzustellende zu unterscheiden. Daher fand ich das etwas bedauerlich. Aber man muss auch sagen: Nicht alle ollen Schinken (selbst wenn sie mittlerweile Kultstatus haben) kann man -bei begrenzten Sendezeiten- bis in alle Ewigkeiten ausstrahlen. Interressiert dann evtl. nur noch Nischen. Und es kommt ja auch viel Neues nach.Das vermutete ich jedenfalls eher als Hauptgrund, mindestens als Mitgrund. Auf YouTube und via Streaming kann man die Serie übrigens noch sehen, meine ich.

Der Bezug ist übrigens immer noch "Vorgaben beim Interpretieren von Literatur, Malerei und Film". Und egal ob Kaiserzeit, Südstaaten- oder Wildwest-Romantik: Ich glaube schon ein Minimum an Bewusstsein, dass im Film u.U. ein verklärten Bild gezeichnet wird, das nicht viel gemein hat, mit der Realität manche Menschen, schadet nicht.

Es ist sehr sicherlich nicht immer leicht, mit etwas umzugehen, das früher bis zu einem gewissen Grad als normal anerkennt war (im Sinne von: gesellschaftsfähig), heute aber nicht mehr. Siehe auch Me too. Manche sagen: War halt so. Was regt ihr euch auf? Mir hat das nicht geschadet. Habe ich als Kompliment gesehen. Andere hat es sehr wohl verletzt. Und wiederum andere (oder die gleichen?) schaffen etwas Bewusstsein ("woke")?
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stern
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Beitrag So., 28.08.2022, 18:22

Ohne den Wert Alice Millers Werk schmälern zu wollen und können (!): Seit den Vorwürfen ihres Sohnes (wonach sie die Erziehungsmethoden, für die sie sind einsetzte, selbst nicht praktiziert haben soll) sehe ich sie auch etwas ambivalent. Wobei es für Aussenstehende naturgemäß schwer nachvollziehbar ist, was sich tatsächlich hinter den Kulissen abspielte. So werden vllt. die einen eher die Mutter anzweifeln bzw. sie ihrerseits als traumatisiert ansehen mit einem ausgeprägtem Abwehrsystem, andere Aussagen ihres Sohns. Den Dokumentarfilm kenne ich nicht, könnte ihn mir aber mal vormerken. Andeutungsweise: https://www.bernerzeitung.ch/der-vater- ... 8961581967

Ein Großvater las manchmal aus dem Struwwelpeter oder Max und Moritz vor, wenn wir zu Besuch waren. Wird mitunter der schwarzen Pädagogik zugeordnet, wobei mein Großvater das wahrscheinlich nicht bezweckte. Die Bücher werden ihm anders als z.B. die Fraggles oder Teletubbies vertraut gewesen sein. Schon damals hatte ich ein klares Gefühl, dass ich manche Geschichten ziemlich brutal und nicht kindgerecht finde. Verbieten muss man das wegen mir nun nicht. Aber ich finde naheliegend, wenn dann jemand umso mehr hinterfragt, ob man den Struwwelpeter Kindern heute noch als Lesestoff geben sollte. Oder Kinder sich selbst an Inhalten stören oder sie hinterfragen, wenn sie damit konfrontiert werden.
Andere empfinden vllt. Comics und Teletubbies als das Übel schlechthin, das Kindern schadet.

Oder ein bekannter regionaler Künstler. Oje, da hatte ich mal eine Diskussion, als jemand öffentlicher machte, dass auch Werke im Auftrag der Nazis existieren. Das schmälert mMn seine künstlerische Befähigung nicht. Aber ich halte es nach wie vor auch ein Stück weit für eine Generationenfrage, warum es in dem Fall schwer bis nicht war nachvollziehbar war, dass sich in seinem Werk auch klar antisemitische und kriegsverrlichende Darstellungen finden... so dass sich daraudhin manche fragten, ob man. heute immer noch x Straßen nach ihm benennen muss.
Tja. wie geht man damit um? Tut so, als hätte es diese Werke nie gegeben (die auch tatsächlich lange eher nicht gezeigt wurden). Sagt man: Liebe Kinder, das war damals völlig normal und sagt nichts weiter dazu. Auch potentiell verstörende Darstellungen wird schließlich jedes Kind aus eigener Kraft verstehen können. Oder sieht man es als Teil der Geschichte an, verbietet nicht, ordnete es aber in die damalige Zeit ein und bewertet heute eben manches anders als zu dieser Zeit.

Und wer ist mir "unseren Kindern" geneint? Wenn nicht die eigenen, so wird es sehr viel Unterschiedlichkeit geben. So jedenfalls meine Wahrnehmung.
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Hiob
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Beitrag Di., 30.08.2022, 09:50

Dank euch, für diese ersten Beschreibungen.

Was ich feststelle, sind folgende Sätze; vielleicht kennt ihr die:
"...
Ich verwende kein N-Wort (I-Wort, Z-Wort...), du solltest es ebenso tun.
Ich schreibe ein Vorwort, damit er den Text, das Buch, den Film richtig einordnet.
Ich verbessere den unkorrekten Originaltext, das Originalmärchen.
Ich bereinige seine kulturellen Besonderheiten zugunsten einer moralisch einwandfreien Gleichheit.
Ich rette das Klima.
Ich friere, um den Bösen in die Knie zu zwingen.
Ich rette die Benachteiligten und Vertriebenen.
Ich beseitige Rassismus. Ich beginne mit den "alten weißen Männern". ..."

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Beitrag Di., 30.08.2022, 14:26

Kenne ich so nicht, insbes. nicht von Kindern. Ist aber sicherlich genauso von der Meinungs- bzw. Handlungsfreiheit abgedeckt wie der Verkauf von Zigeunerschnitzeln mit Mohrenköpfen als Nachspeise zum Winnetou-Film.🤷 Kann, muss aber anderseits niemand.anbieten. Unternehmerische Freiheit bzw. Handlungsfreihet, Freiheit des Konsumenten, Freiheit eines Verlegers, Meinungsfreiheit, usw.

(Vertrauter ist mir das Beklagen von Verboten, die in Wirklichkeit keine sind.)
(Gut finden muss man dennoch nicht alles, dass erlaubt ist. Das ist auch keine Bevormundung.)
Zuletzt geändert von stern am Di., 30.08.2022, 15:06, insgesamt 3-mal geändert.
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Malia
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Beitrag Di., 30.08.2022, 14:36

Solche Haltungen kenne ich nur von Facebook-Nutzern (@Hiob)
"Das Publikum verwechselt leicht den, welcher im Trüben fischt, mit dem, welcher aus der Tiefe schöpft."
Nietzsche


ziegenkind
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Beitrag Di., 30.08.2022, 17:27

Wie "stellt" man denn Sätze "fest"? Ich höre die, also nicht die von Hiob (in welcher amtlichen Funktion oder im Rahmen welchen Satzfestellungsverfahrens eigentlich?) "festgestellten", sondern Sätze ganz grundsätzlich- höchstens - von konkreten Menschen in konkreten Situationen ...
Die Grenzen meines Körpers sind die Grenzen meines Ichs. Auf der Haut darf ich, wenn ich Vertrauen haben soll, nur zu spüren bekommen, was ich spüren will. Mit dem ersten Schlag bricht dieses Weltvertrauen zusammen.

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peponi
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Beitrag Di., 30.08.2022, 17:44

Keine dieser Aussagen habe ich trotz eines "woken" Umfeldes jemals gehört...

Was ich mich allerdings frage: worin liegt eigentlich das Problem, z.B. auf bestimmte Begrifflichkeiten zu verzichten, die einen klaren rassistischen Ursprung haben?
Ich verstehe das Erregungspotenzial vieler Menschen diesbezüglich nicht. Seltsamerweise sind das oft die gleichen Menschen, die auf die Barrikaden gehen, wenn jemand verächtlich von Boomern, weißen alten Männern oder Kartoffeln spricht. Also so cool scheinen sie sprachlich zum Ausdruck gebrachte Abwertung von Menschengruppen dann ja doch nicht zu finden.