Schlimme und destabiliserende Therapiestunde

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Psychotherapie (von der es ja eine Vielzahl von Methoden gibt) gesammelt? Dieses Forum dient zum Austausch über die diversen Psychotherapieformen sowie Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Therapie.
Antworten

Thread-EröffnerIn
Diamond-Heart
neu an Bo(a)rd!
neu an Bo(a)rd!
weiblich/female, 27
Beiträge: 1

Schlimme und destabiliserende Therapiestunde

Beitrag Mo., 22.06.2026, 10:55

Hallo,

ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll, weil mich meine letzte Therapiestunde am Freitag ziemlich verunsichert hat.

Kurz zu mir: Ich leide an Depressionen und Sozialphobie. Letztes Jahr bin ich erneut an einer depressiven Episode erkrankt, dieses Mal schlimmer als jemals zuvor. Ein Hauptgrund war das Thema Arbeit. Ich habe 2024 mein Studium abgeschlossen und war danach komplett planlos, was ich beruflich machen möchte. Durch Bewerbungen, Vorstellungsgespräche und Absagen wurde es immer schwieriger für mich, damit umzugehen, bis irgendwann gar nichts mehr ging und ich quasi einen Zusammenbruch hatte.

Seit knapp einem Jahr bin ich nun in tiefenpsychologischer Therapie. Das Thema Arbeit war lange Zeit so belastend, dass wir daran kaum arbeiten konnten. Erst seit etwa 4 Wochen beschäftigen wir uns intensiver damit. Ich wollte zunächst mit einem Minijob oder einer anderen Übergangslösung starten, weil ich große Angst habe, mich zu überfordern und einen Rückfall zu erleiden.

Vor einigen Monaten war es für mich noch gar nicht möglich, überhaupt an Arbeit zu denken oder Bewerbungen zu schreiben. Seitdem ich mich damit befasse merke ich aber auch, dass meine Symptome wieder stärker werden. Meine Stimmung ist schlechter, ich bin innerlich unruhig und habe häufiger Herzklopfen.
In der letzten Stunde wollte ich meiner Therapeutin eigentlich genau das erzählen. Dass ich mehr Angst habe, dass mich das Thema belastet und dass ich vielleicht etwas langsamer vorgehen muss.

Das Gespräch ist dann aber irgendwie komplett anders verlaufen. Sie fragte mich, ob ich einen Job annehmen würde, wenn jetzt mein Traumjob vom Himmel fallen würde, dieser aber nur in Vollzeit möglich wäre. Ich habe nein gesagt, weil ich mir Vollzeit wie gesagt aktuell nicht vorstellen kann (und ja auch erstmal "sanfter" in das Thema Arbeit einsteigen wollte, zumal ich keinen Traumjob hab und vllt. auch nie haben werde?). Das schien sie sehr zu überraschen. Ich sagte dann, dass ich vielleicht doch erst mal etwas als Übergang machen möchte, weil es in meinem Bereich schwer ist, etwas zu finden. Daraufhin meinte sie, ich könne das Thema Arbeit nicht noch einmal 6 Monate aufschieben (was ich damit gar nicht sagen wollte).

Sie fragte mich dann, ob ich nicht zu hohe Ansprüche hätte, wenn ich etwas in meinem Bereich und dann auch noch in Teilzeit finden möchte (womit sie vllt. auch recht hat). Anschließend schlug sie als Übergangsjob eine Bäckerei vor. Ich sagte, dass ich das nicht machen möchte, weil mir das thematisch nicht zusagt und ich lieber etwas Ruhigeres mit weniger Kundenkontakt hätte. Daraufhin wurde sie irgendwie richtig fordernd und fragte mich, ob das nun aus Angst oder Bequemlichkeit sei und warum ich bei einem Übergangsjob jz auch noch überhaupt so wählerisch wäre und es ja dann noch schwieriger wird, was zu finden. Ab diesem Punkt war ich zunehmend verwirrt und wusste gar nicht mehr, worauf sie hinaus wollte oder was ich noch sagen soll. Ich hatte das Gefühl, mich die ganze Zeit rechtfertigen zu müssen.

Dann sagte sie auch noch, dass es vielen Menschen schlechter gehe, die an der Armutsgrenze leben, und fragte, ob es nicht bequem sei, dass meine Eltern aktuell alles für mich bezahlen und ich bei ihnen wohnen kann. Mir ist bewusst, dass das ein großes Privileg ist und ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, aber diese Aussage hat mir zusätzlich ein schlechtes Gewissen gemacht.
Ich habe mich während der Stunde wie auf einer Anklagebank gefühlt. Die Art, wie sie gesprochen hat, kam für mich sehr provokativ und unfreundlich rüber. Nach der Stunde musste ich erst mal richtig weinen und seitdem geht es mir auch deutlich schlechter.

Am Ende sagte sie selbst, dass ihre Aussagen mir wahrscheinlich noch mehr Druck machen würden. Sie entschuldigte sich auch dafür, wie das Gespräch gelaufen ist (was mir in dem Moment aber egal war). Dann meinte sie abschließend, ich solle ihr in der nächsten Stunde sagen, dass sie kein Recht hatte, so etwas zu mir zu sagen (warum hat sie es dann getan?), und ihr dann berichten, ob sie mit ihrer Einschätzung (bzgl. Bequemlichkeit) recht hatte oder nicht. Ich versteh wie gesagt null worauf sie damit hinauswollte, also warum muss ich mich dafür rechtfertigen einen Übergangsjob machen zu wollen, der halbwegs zu meinen Vorstellungen passt oder warum ich nur in Teilzeit arbeiten möchte :cry:

Seitdem bin ich auch total verunsichert und hab hinterfragt ob ich die Therapie überhaupt so bei ihr weitermachen möchte, was zusätzlich neue Angst bei mir auslöst. Ich weiß auch nicht, ob das eine therapeutische Methode war und was ihre Intention war, oder ob ich sie falsch verstanden habe und wir aneinander vorbeigeredet haben? Und jetzt weiß ich auch gar nicht so recht wie ich die nächste Stunde bewältigen soll. Richtung Arbeit hat mich dieses Gespräch rund 5 Schritte zurück katapultiert weil mir nun kotzübel wird, wenn ich auch nur daran denke.

Werbung

Benutzeravatar

chrysokoll
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 45
Beiträge: 4534

Beitrag Mo., 22.06.2026, 11:51

Was würde dir denn helfen, wie sollte die Therapie für dich laufen? Es ist deine Therapie und es ist wichtig dass du dir für dich klar wirst wie es gehen könnte.
Grundsätzlich hat deine Therapeutin schon recht finde ich. Vom nur "drüber reden" oder gar von Vermeidung wird sich nichts ändern.
Wenn du letztlich sogar das Nachdenken über einen Job vermeidest wäre das der erste Schritt den du gehen solltest. Wenigstens drüber nachdenken, damit ein wenig spielen, Ideen entwickeln, Vorstellungen zulassen ist aus meiner Sicht elementar wichtig. Egal welche Therapierichtung: Die ist nicht dafür da dich in der Vermeidung zu unterstützen.
Dass du da erstmal Angst kriegst ist ebenfalls normal und gehört dazu. Es lohnt sich diese Angst auszuhalten, ihr Schritt für Schritt mit Hilfe der Therapie zu begegnen.
Und natürlich sollte eine Therapeutin trotzdem keinen Druck ausüben. Aber dich auch nicht in der ewig gleichen Gedankenschleife lassen.


Thread-EröffnerIn
Diamond-Heart
neu an Bo(a)rd!
neu an Bo(a)rd!
weiblich/female, 27
Beiträge: 1

Beitrag Mo., 22.06.2026, 13:28

Ich denke ich weiß es selbst nicht so genau wie meine Therapie aktuell laufen soll und frage mich das vllt. auch schon etwas länger.

Ich habe mir schon mal Ideen zu meinem beruflichen Leben gemacht dazu und sollte dazu auch mal ein Plakat entwerfen, was ich mir beruflich so vorstellen könnte. Anfangs konnte ich nicht mal über das Thema Arbeit nachdenken oder gar Bewerbungen schreiben, allein ein Vorstellungsgespräch hat bei mir große Panik ausgelöst. Ich habe aber jetzt bereits zwei Bewerbungen geschrieben und für ein Praktikum nachgefragt (was für mich auch schwierig war, das anzugehen), das heißt ich versuche ja schon, an das Thema dranzugehen. Aus den Bewerbungen ist jedoch aus verschiedenen Gründen nichts geworden und es war auch erstmal schwer für mich, quasi mit dieser Enttäuschung umzugehen und mir nun Alternativen zu überlegen. Im Vergleich zu vorher würde ich jedoch sagen, dass das schon Fortschritte sind (wobei ich das oft selbst nicht anerkennen kann und sie mir durch das letzte Gespräch nun auch das Gefühl gegeben hat, dass es nicht genug ist was mache). Mir ist bewusst dass meine Angst mich sehr wahrscheinlich auch zum Vermeiden drängt, aber ich wollte das Thema Arbeit ja nicht nochmal komplett aufschieben, so wie sie es scheinbar aufgefasst hat.

Ich war aber überfordert weil ich selbst nicht so wusste, was ich jetzt will/machen möchte und dachte, dass ich das mit ihr in der Stunde herausfinden könnte, soweit kamen wir aber nicht. Ich weiß auch dass man manchmal Entscheidungen fällen muss (weil mir das auch sehr schwer fällt) und sie mir diese auch nicht abnehmen kann, aber es braucht ja auch manchmal etwas Zeit dafür. Sie sagte sonst auch immer dass wir das in meinem Tempo angehen und ich Schritte zurückgehen kann, wenn es mir zu viel wird, hat dann aber diesen Druck auf mich ausgeübt. Vielleicht haben wir aktuell auch unterschiedliche Schritte im Kopf, also sie schneller und ich eben langsamer. Sie möchte wahrscheinlich auch nicht dass mich meine Angst bremst und verlangsamt, aber sie ist eben da.

Durch die Symptome habe ich aber eben bemerkt, dass ich vllt. mehr aufpassen muss und auch mehr Angst bekommen, dass es wieder zu viel wird für mich und habe ihr auch mitgeteilt, dass es mir schwer fällt mich aktuell besser darum/um mich zu kümmern, auch hier kamen wir aber gar nicht so weit das auszuführen weil das Gespräch dann abgedriftet ist.

Ich denke es würde mir helfen besser zu verstehen warum dieses Thema so schwierig für mich ist bzw. mir so große Angst macht, wobei ich natürlich vermute dass es mit der Angst vor einem Rückfall zusammenhängt und das ist auch denke ich der Punkt. Ich glaube es wäre gut für mich zu wissen wie ich verhindern kann, dass es nochmal so weit kommt bzw. wie du schreibst, die Angst auszuhalten, und vllt. auch wie es damals dazu kam und was ich tun würde, wenn es nochmal passiert. Das haben wir bisher nach meinem Empfinden nur sehr oberflächlich besprochen (und mir fällt es auch irgendwie schwer meine Wünsche und Bedürfnisse zu äußern). Mir ist auch bewusst, dass sich ohne etwas zu tun nichts verändert, aber daran arbeite ich ja auch gerade.
Und zum Thema Arbeit muss ich mir aktuell eben auch überlegen was ich möchte (also Übergang, Praktikum, Mini-/Teilzeitjob etc.) und vllt. kleine Schritte planen. Ein guter Tipp von ihr war mir zu überlegen welche Übergangsjobs für mich in Frage kommen würden (das hätte sie mir aber auch so mitteilen können, ohne das drumherum). Und Richtung Angst hat sie vielleicht auch recht, wahrscheinlich wäre es mir schon erst mal lieber einen Job zu machen, in dem ich nicht ständig extrem meinen Ängsten ausgesetzt bin, vielleicht wollte sie darauf auch hinaus, weil sie meinte dass es okay bzw. nachvollziehbar wäre wenn ich mich so entscheide.

Seit dem Gespräch merke ich jedoch, dass es mir wie gesagt wesentlich schlechter ergeht, also schlechtere Stimmung, kaum noch Appetit, weniger Antrieb etc. und das bereitet mir natürlich auch mehr Angst weil es mich auch so getroffen hat.

Benutzeravatar

Sinarellas
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 42
Beiträge: 2405

Beitrag Mo., 22.06.2026, 14:04

Ich verstehe, dass deine Therapeutin das Thema berufliche Wiedereingliederung schneller vorantreiben mag als du. Das kann man durchaus mal auf den Punkt bringen und mitteilen. Vermeidungsstrategien nach 2 Absagen ist jedoch auch nicht hilfreich, wohl auch ist nicht jede konstruktive Kritik der T ist böswilliger Druck. So zu denken hilft wieder der Vermeidungsstruktur...

Durch die Angst hindurch, du hast einen Profi an deiner Seite nutze ihn!
..:..

Werbung

Benutzeravatar

chrysokoll
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 45
Beiträge: 4534

Beitrag Mo., 22.06.2026, 14:31

Diamond-Heart hat geschrieben: Mo., 22.06.2026, 13:28 Ich denke ich weiß es selbst nicht so genau wie meine Therapie aktuell laufen soll und frage mich das vllt. auch schon etwas länger.

Ich habe mir schon mal Ideen zu meinem beruflichen Leben gemacht dazu und sollte dazu auch mal ein Plakat entwerfen, was ich mir beruflich so vorstellen könnte.

Ich denke es würde mir helfen besser zu verstehen warum dieses Thema so schwierig für mich ist bzw. mir so große Angst macht, wobei ich natürlich vermute dass es mit der Angst vor einem Rückfall zusammenhängt und das ist auch denke ich der Punkt. I
Es ist sehr wichtig dass du selber für dich festlegst was du in der Therapie möchtest, wie sie laufen soll. Und das auch mit der Therapeutin klar besprichst. Sie kann keine Gedanken lesen! Und es ist deine Therapie, deine Therapiestunden.

Du solltest ein Plakat entwerfen? Hast du das dann auch gemacht?
Falls nein: Mach das jetzt!

Sicherlich ist es wichtig zu erkennen was warum so ist. Aber das ist wenn überhaupt nur die "halbe Miete". Wichtig ist es, Dinge auch zu TUN. Anzugehen, nicht nur nachzudenken.
Du scheinst bereits Angst vor der Angst zu haben und diesen Kreislauf solltest du mit Hilfe der Therapeutin unbedingt durchbrechen. Ja, das ist unangenehm. Aber was ist denn die Alternative?

Zwei Bewerbungen sind ein Anfang und klar sind Absagen enttäuschend. Aber Leute heute müssen auch mal 20 oder 200 Bewerbungen schreiben. Gibt nicht auf. Du solltest eher jeden Tag eine Bewerbung rausschicken. Und zwar ohne Stunden drüber nachzudenken.
Ebenso halte ich den Rat der Therapeutin für sehr sinnvoll jetzt wenigstens irgendeinen Minijob anzunehmen. Irgendeinen, ohne tausend Ausreden und Bedenken.

Benutzeravatar

caduta
Forums-Insider
Forums-Insider
weiblich/female, 54
Beiträge: 428

Beitrag Mo., 22.06.2026, 19:58

Die Intention deiner Therapeutin ist doch sehr klar: dich aus deiner Vermeidungsecke herauszuholen, in der du es dir - so wie es sich für mich liest - recht kuschelig eingerichtet hast.

Mein Therapeut hat immer gesagt: da wo die Angst ist, da ist der Weg. Nur analysieren wo die Angst herkommt, bringt keine Veränderung. Die Angst wird nur immer größer.

Die Angst erleben und aushalten und Lösungen finden. Das ändert wirklich etwas und du hast das Glück, dass deine Therapeutin dich da begleitet und dir hilft.

Benutzeravatar

Charlie Foxtrott
Forums-Insider
Forums-Insider
weiblich/female, 45
Beiträge: 474

Beitrag Di., 23.06.2026, 11:09

Hm,
Deine Therapie klingt mir aber eher nach Coaching. Macht das nicht das Berufsberatunsgteam vom Arbeitsamt? Bei Sozialphobie sehe ich eher den Sinn in richtigen Rollenspielen, am besten in der Gruppe: Bewerbungsgespräche üben, Verkaufsgespräche, als Steigerungsform dann mit pissigen Kunden. (wegen des Bäckerbeispiels).
Warum es für jmd. mit Sozialphobie unbedingt der Einzelhandel sein muss, sehe ich auch nicht. Dann wohl lieber ab ins Archiv oder als Nerd in die IT, auch wennd as Klischee ist. Wenn Du gern mit Menschen arbeitest, nur nicht kannst, dann nur zu, üben, üben, üben! Gibt sogar Lehrer mit erfolgreich überwundener Phobie.


ziegenkind
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 51
Beiträge: 3686

Beitrag Di., 23.06.2026, 11:32

Hast Du denn eine Ahnung, woher Deine psychischen Störungen kommen. Vielleicht ist Dein Elternhaus genau der Ort, vom dem Du weg musst?

Was sagen Deine Eltern zu Deiner Situation?
Die Grenzen meines Körpers sind die Grenzen meines Ichs. Auf der Haut darf ich, wenn ich Vertrauen haben soll, nur zu spüren bekommen, was ich spüren will. Mit dem ersten Schlag bricht dieses Weltvertrauen zusammen.

Werbung

Antworten
  • Vergleichbare Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag