Dez 24
Willkommen! Sie scheinen neu hier zu sein. Danke für Ihr Interesse. Wenn Sie möchten, können Sie meine Blog-Artikel über diesen Link bequem per E-Mail beziehen. Kostenlos. Psychotherapie-Blog RSS-Feed Danke für Ihren Besuch! Einer kürzlich veröffentlichten Studie zufolge haben Depressive ein um 45% erhöhtes Risiko, einen Hirnschlag zu erleiden, und eine um 55% höhere Wahrscheinlichkeit, daran zu versterben. Depression ist also offenbar neben zahlreichen anderen Erkrankungen und Störungsbildern, mit denen zumindest Wechselwirkungen und z.T. kausale Zusammenhänge bestehen, wie:
offenbar auch ein wichtiger Risikofaktor für Schlaganfälle, so die Studienautoren von der Harvard Medical School of Public Health, Boston.
“Gerade Menschen mit Depressionen müssen über die bekannten Risikofaktoren für einen Schlaganfall, wie hoher Blutdruck, schlechte Ernährung oder wenig Bewegung, aufgeklärt werden”, rät deshalb Prof. Martin Grond aus Siegen, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG).
Denn dass depressive Menschen auch ein höheres Risiko tragen, einen Schlaganfall zu erleiden, war bisher unklar. Mit jährlich mehr als 250.000 Fällen zählt auch der Schlaganfall in Deutschland zu den Volkskrankheiten, die Studienergebnisse sind somit auch ökonomisch bedeutsam für das Gesundheitssystem.
In der Metaanalyse wurden Daten von insgesamt 317.540 Menschen aus 28 prospektiven Bevölkerungsstudien ausgewertet. Zu Beginn untersuchten Ärzte die Probanden auf depressive Symptome und betreuten sie in der Folge noch bis zu 29 Jahre lang. In diesem Zeitraum erlitten 8478 Studienteilnehmer einen Schlaganfall. Die Daten zeigen, dass Depressive ein um 45 Prozent höheres Risiko haben, einen Hirnschlag zu erleiden. Ihr Risiko an einem Schlaganfall zu versterben, lag sogar um 55 Prozent höher als bei psychisch Gesunden. „Legt man unsere Zahlen zugrunde, sind etwa 4 Prozent aller Schlaganfälle in den USA auf eine Depression zurückzuführen“, machen die Autoren die Relevanz ihrer Ergebnisse deutlich. Hochgerechnet auf Deutschland wären dies 10.000 Schlaganfälle jährlich. Bei genaueren Untersuchungen stellte sich heraus, dass Depressive vor allem häufiger einen ischämischen Hirninfarkt – nicht eine Hirnblutung – bekamen.
Hormone und ungesunde Lebensführung könnten die Ursachen sein
Nach Meinung der Studienautoren gibt es mehrere Mechanismen, die diesen Zusammenhang erklären könnten: Zum einen beeinflussen Depressionen den Hormonhaushalt des Menschen und können Entzündungen verstärken. So findet man bei Depressiven höhere Blutspiegel für Entzündungsfaktoren wie CRP, IL-1 und IL-6, die nachweislich zu einem höheren Schlaganfallrisiko führen können.
Darüber hinaus vernachlässigen Depressive eher ihre Gesundheit. Studien haben gezeigt, dass depressive Menschen häufiger rauchen, sich körperlich weniger betätigen und schlechter ernähren. Diese Faktoren und die daraus entstehenden Folgeerkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck könnten für das erhöhte Schlaganfallrisiko von Depressiven mitverantwortlich sein.
Zudem geben die Forscher zu bedenken, dass auch die Einnahme von Antidepressiva mit einem höheren Risiko für einen Schlaganfall verbunden war. Ob die Medikation selbst oder die damit einhergehende Schwere der Depression das Risiko erhöhe, sei aber bisher unklar.
(Quellen: MedAustria; “Depression and Risk of Stroke Morbidity and Mortality. A Meta-analysis and Systematic Review.” in: Journal of the American Medical Association, 306 (11): 1241–1249 (doi: 10.1001/jama.2011.1282); Bildquelle: apotheken-rundschau.de) {lang: 'de'}
Dez 08
Frauen, die kurz nach der Geburt wegen schwerer psychiatrischer Erkrankungen (einschließlich Depressionen) behandelt werden mussten, werden im späteren Leben häufiger als bipolar diagnostiziert verglichen mit Frauen, deren erste psychiatrische Episode während eines anderen Lebensabschnitts auftritt, wie eine neue Studie aus Dänemark zeigt.
Es besteht jedoch noch Unklarheit darüber, ob es sich bei postpartalen Depressionen oder Schizophrenie-ähnlichen Episoden nicht gelegentlich tatsächlich um falsch diagnostizierte bipolare Störungen handelt – oder, ob mehr Frauen mit diesen Erstdiagnosen im Laufe der Zeit womöglich vermehrt bipolare Störungen entwickeln. Doch während postpartale Depressionen relativ häufig sind, treten schwere Depressionen und andere psychiatrische Episoden, welche stationäre oder ambulante Klinikaufenthalte erfordern, nur bei ca. 1 von 1.000 neuen Müttern auf.
Bipolare Störungen sind durch Wechsel zwischen schweren Depressionen und “Manien” (während denen eine Person übermäßig aufgeregt, glücklich und voller Energie ist) gekennzeichnet. Sie werden heute i.d.R. mit Kombinationstherapien aus Medikamenten und Psychotherapie behandelt. Am häufigsten manifestieren sie sich im frühen Erwachsenenalter – und das National Institute of Mental Health (USA) schätzt, dass immerhin 6% der US-Bevölkerung an einem gewissen Punkt im Leben an dieser Störung erkranken.
Frühere Studien suggerierten, dass der Geburtsvorgang als Auslöser für eine erste bipolare Episode fungieren könnte. Doch nur wenige Frauen wurden während der ersten Wochen nach der Geburt eines Kindes entsprechend diagnostiziert. Nach der vorliegenden Arbeit wird nun vermutet, dass eine schwere psychische Krise kurz nach der Geburt auf eine zugrunde liegende bipolare Störung hindeuten könnte.
In der Studie wurde der Status von dänischen Frauen nach einer ersten psychiatrischen Episode über 15 Jahre hindurch beobachtet, um zu sehen, ob der Zeitpunkt der Episode – kurz nach der Geburt oder nicht – eine Schlußfolgerung darüber erlauben würde, ob sich später eine bipolare Störung zeigen würde. Zu diesem Zweck wurden die Krankheitsgeschichten von 120.000 Frauen, welche seit 1970 aufgrund schwerer Depressionen oder einer anderen psychiatrischen Erkrankung stationär behandelt wurden, analysiert. Von diesen hatten 2.900 die Episoden innerhalb eines Jahres nach der Geburt ihres ersten Kindes.
Die Ergebnisse zeigten, dass eine schwere psychiatrische Episode in dem Monat nach der Geburt (im Vergleich zu einer Episode zu einem anderen Zeitpunkt) mit einer vierfachen Wahrscheinlichkeit letztlich zu einer bipolaren Diagnose führt. Von Frauen, die ihre erste psychiatrische Folge im ersten Monat nach der Geburt hatten, wurden 14 Prozent schließlich als bipolar diagnostiziert im Vergleich zu 4-5% der Frauen mit psychiatrischen Episoden zu einem anderen Zeitpunkt. Die früheren Studienergebnisse wurden also bestätigt, jedoch auch ein Zusammenhang mit anderen psychiatrischen Diagnosen aufgezeigt. Die Geburt eines Kindes ist somit ein potenter und spezifischer möglicher Auslöser für bipolare Störungen.
Daran beteiligt sein könnten hormonelle Veränderungen, die während der letzten Schwangerschaftswochen und beim Geburtsvorgang selbst auftreten, ebenso wie Schlafmangel und verschiedene Stressfaktoren. Häufig werden in diesen Folgen jedoch fälschlicherweise Depression oder Angststörungen diagnostiziert.
Keineswegs sicher ist jedoch, ob die betreffenden Frauen nicht auch ohne die Geburt eines Kindes eine bipolare Störung entwickelt hätten. Ebenso ist mit der Studie kein Beweis eines Zusammenhangs zwischen Geburt bzw. ‘postpartaler Depression’ und bipolaren Störungen gefunden, und ob es sich etwa auch bei leichteren Depressionen um bipolare Symptome handeln könnte.
Sehr wohl aber vertreten die Studienautoren die Ansicht, dass behandelnde Ärzte bei auftretenden psychiatrischen Symptomen nach der Geburt verstärkt die Möglichkeit bipolarer Störungen in ihre Überlegungen einbeziehen sollten. Auch sollte Schwangerschaft in die Liste potenzieller Risiken für die Auslösung dieser Störung aufgenommen werden. Mit diesen Maßnahmen könnte die Früherkennung deutlich verbessert werden und damit auch eine frühestmögliche, effiziente Behandlung oder zumindest Stützung der Frauen erreicht werden, statt mit einer vorschnellen Behandlung ausschließlich mittels Antidepressiva womöglich bestimmte bipolare Symptome noch zu verschlimmern.
(Quellen: Reuters; Psychiatric Disorders With Postpartum Onset: Possible Early Manifestations of Bipolar Affective Disorders in: Arch Gen Psychiatry. Published online December 5, 2011. doi:10.1001/archgenpsychiatry.2011.157. Image credit: drop.ndtv.com) {lang: 'de'}
Nov 19
Mitunter ist es schwierig, einen sachlich-kühlen Kopf zu bewahren, liest man diverse medizinische Fachinformationen.
So soll nun ein neues “Stufenschema” Mediziner unterstützen, Patienten mit sogenannten “therapieresistenten” oder chronischen Depressionen effektiver als bisher zu behandeln. Denn bei etwa jedem vierten Depressionspatienten, so eine Aussendung der “Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie” (ÖGPB), hilft eine einfache medikamentöse Behandlung nicht oder nur unzureichend.
Die “Volkskrankheit Depression” ist in allen Industrieländern im Vormarsch. In Österreich sind etwa 400.000 Menschen betroffen, so ÖGPB-Präsidentin Susanne Lentner. Die Krankheit sei nicht nur die häufigste Ursache für Frühpension und Arbeitsunfähigkeit, sondern auch für 70 bis 80 Prozent der Suizide verantwortlich. Bei fast der Hälfte der Betroffenen werde die Krankheit nicht erkannt, entweder weil die Allgemeinmediziner nicht ausreichend geschult sind oder die depressiven Menschen gar nicht erst zum Arzt gehen, sagte Michael Bach, Primar am Landeskrankenhaus Steyr (OÖ).
Zu ergänzen wäre aber, dass nur jeder zehnte Patient eine adäquate Therapie erhält, da viele Mediziner sie falsch oder gar nicht diagnostizieren und sodann ausschließlich die häufigen körperlichen Symptome der Depression (mehr dazu in den am Artikelende verlinkten Texten) behandeln oder weil sie ohne tieferer Kenntnis über adäquate Depressionsbehandlung schlicht Antidepressiva verschreiben und dann die Patienten sich selbst überlassen.
Mit neuen Leitlinien in Form eines sog. “Konsensus-Statements” der Neurologen und Psychiater soll aber nun alles besser werden. Sie soll den Medizinern helfen, insbesondere die besonders komplexen (wenn auch seltenen – Anmerkung RLF) Fälle der therapieresistenten Depression zu behandeln, also “jene Fälle, in denen mindestens zwei unterschiedliche Antidepressiva nicht die erwünschte Wirkung brachten”. Die herausgebenden Ärzte merken an, dass sich eine verbesserte Therapie auch volkswirtschaftlich auszahlen würde: “Der teuerste Weg ist, nicht zu behandeln, der zweitteuerste, eine schlechte Behandlung und die drittteuerste Möglichkeit: eine gute Behandlung.”
Die Leitlinien der ÖGPB schlagen nun vor, “zunächst die Dosis des verschriebenen Medikaments zu erhöhen, und, wenn damit kein Erfolg zu verzeichnen ist, ein zweites Antidepressivum gleichzeitig zu verabreichen”. Als nächsten Schritt sollen die Ärzte “Zusatzbehandlungen mit anderen Medikamenten oder Therapieformen wie Psychotherapie, Schlafentzug und Elektrokrampftherapie versuchen”. Einfach ein anderes Antidepressivum mit unterschiedlicher Wirkungsweise zu probieren sei laut Studien nur in wenigen Fällen erfolgreich.
Zusammengefasst also: Ärzte werden weiterhin dazu angehalten, bei einem doch in erster Linke psychischen Leidenskomplex mal bis auf weiteres ausschließlich Tabletten zu verschreiben, dann noch mehr Tabletten, und dann…
Das ist zweifellos eine sehr positive Nachricht für die Pharmaindustrie, aber sicherlich nicht der im Untertitel behauptete “state of the art” (Stand der Heilkunst) nach alldem, was man heute über die Ursachen und Zusammenhänge der Depressionserkrankung und ihrer Therapiemöglichkeiten weiß. Erst als dritter Schritt nämlich wird Psychotherapie genannt – und zwar in einem Atemzug mit Elektrokrampftherapie?! Da stehen einem schon ein wenig die Haare zu Berge, und die Herren und Frauen Mediziner, die hinter derartigen “Leitlinien” stehen, müssen sich nicht nur fragen lassen, inwieweit ihre Empfehlungen dem aktuellen Forschungsstand entsprechen sondern zum anderen auch, in welchen Interessen sie mit derartigen Empfehlungen eigentlich agieren. Kein besonders gutes Licht wirft in diesem Zusammenhang auch auf die Leitlinien, dass diese mit keinem einzigen Wort beispielsweise die Fragen der Compliance, also der Nebenwirkungen von Antidepressiva und damit verbundenen Akzeptanzproblemen bei PatientInnen erwähnen.
Bereits in einer Meta-Studie aus dem Jahre 1999 (!), welche die Effizienz rein medikamenten-basierter Therapiemaßnahmen mit dem Einsatz von Psychotherapie (in diesem Fall der Verhaltenstherapie, da mit dieser Methode spezifische Untersuchungsgegenstände am leichtesten abgrenzbar sind) vergleicht, kam zum folgenden Ergebnis:
“Cognitive behavior therapy has fared as well as antidepressant medication with severely depressed outpatients in four major comparisons. Until findings emerge from current or future comparative trials, antidepressant medication should not be considered, on the basis of empirical evidence, to be superior to cognitive behavior therapy for the acute treatment of severely depressed outpatients.”
Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich darüber hinaus sagen, dass mir bisher noch kein sogenannter “therapieresistenter” Patient begegnet ist. Nur Glück? Oder könnte es daran liegen, dass Psychotherapie in aller Regel eben sehr effektiv in der Depressionsbehandlung sein kann? Sofern sich Menschen auf eine Psychotherapie einlassen und diese eine gewisse Zeit lang durchziehen, konnten in jedem Fall zumindest immer merkbare Verbesserungen des Zustandsbildes erreicht und Strategien für einen besseren Umgang mit besonders schwierigen Depressionsphasen erarbeitet werden. Die Erfolge lagen vielleicht zum Teil auch daran, dass ich um mein Fachgebiet keine mentalen Schutzmauern errichte: im Fall von schweren oder sogenannten “chronischen” Depressionen nämlich halte ich vorübergehende Medikation bis zu einer Verbesserung des Zustandsbildes zur Stabilisierung und Etablierung einer guten Basis für die therapeutische Arbeit für durchaus sinnvoll. Oberstes Ziel ist, den hilfesuchenden Menschen zu helfen, und da sollte kein professioneller Behandlungsansatz von Beginn an ausgeschlossen werden.
Zum Weiterlesen:
Depression – Mythen und Fakten
Selbsttest auf Depression
(Quellen: 13. Tagung der ÖGPB / Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie, 11/2011; Medications Versus Cognitive Behavior Therapy for Severely Depressed Outpatients: Mega-Analysis of Four Randomized Comparisons in: Robert J. DeRubeis, Ph.D.; Lois A. Gelfand, M.A.; Tony Z. Tang, M.A.; Anne D. Simons, Ph.D., Am J Psychiatry 1999;156:1007-1013.) {lang: 'de'}
Sep 30
Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewissermaßen eine Übersicht über die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.
Häufigkeit
Nach Schätzungen stirbt jährlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tatsächlich dürfte diese Zahl aber sogar noch deutlich höher liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen Ländern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid trägt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesfällen bei und ist die zehnthäufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, für das Daten verfügbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gefährdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine Änderung ergeben hat, und ältere Menschen, bei denen ein deutlicher Rückgang der Suizide zu beobachten ist.
 Trends in einigen OECD-Ländern, Bild: OECD
Zur Regionalität: innerhalb Europas liegen die Raten in den nördlichen Ländern generell etwas höher als in den südlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der täglichen Sonnenscheindauer schließen lässt. Dennoch können andere Länder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Großbritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller Todesfälle auf Selbsttötung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der die Suizidhäufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal gehäuftes Auftreten von Suiziden erklärt werden könnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” veröffentlicht.
Besonders deutlich sind die Suizidraten in jüngster Zeit in Südkorea angestiegen: nämlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbsttötungen von Männern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und beträgt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am höchsten. Die OECD führt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Auflösung der traditionellen Familienbindungen zurück. Ob das allerdings Südkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegenüber den anderen Ländern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zurückgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach Südkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine überdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und Österreich (12,6; 27/100000 bei Männern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegenüber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Großbritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den übrigen OECD-Ländern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier töten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.
Widersprüchliche Daten zur sog. Glücklichkeitsforschung förderte bemerkenswerterweise allerdings eine Studie zutage, die Zusammenhängen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen Ländern die Selbstmordrate trotz großer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabhängig von harten Wintern, religiösem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen Ländern (mehr):

Eine Erklärungsmöglichkeit für diesen vordergründigen Widerspruch könnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid stärker empfunden wird. Gesellt sich zum persönlichen Lebensunglück dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses verändern zu können, kann Suizid von bestimmten Persönlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.
Noch einige Details zu Österreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. Jährlich sterben in Österreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 wählten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamtösterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erwähnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Straßenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in Österreich immer weniger Autopsien durchgeführt werden, sinkt die Möglichkeite, Suizide von natürlichen Todesfällen zu unterscheiden. So zeigen sich in Ländern mit den höchsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn höhere Suizidraten als in Ländern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in Ländern, in denen Autopsieraten zurückgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken überhaupt trauen kann.
Weitere Gender-Details: in den Industrieländern beträgt das Geschlechterverhältnis bezüglich des Suizids etwa zwei bis vier (Männer) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische Länder zeigen ein kleineres Verhältnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als Männer durch Suizid.
Risikofaktoren für Suizid
Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:
- männliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 Männern, 5,2 bei Frauen)
- frühere Selbstverletzungen
- Homosexualität
- psychiatrische Störungen und/oder
- Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
- Erziehung
- Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
- Suiziddarstellungen in den Medien
- Rauchen
- Militärdienst (1)
Genetik und Neurobiologie
Autopsien von Suizidopfern ergaben Änderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit höherem Suizidrisiko verknüpft, das Risiko ist jedoch größer, wenn der niedrigere Spiegel über Diäten anstatt über Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herrühren könnte, dass Diät haltende Menschen ein höheres Risiko für psychische Probleme hätten. Bislang jedoch lägen hierfür keine bekräftigenden Hinweise vor. Familiäre Vorgeschichten mit Selbsttötungen verdoppeln zumindest das Risiko für Mädchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar dürftig ist, sind ein hohes Maß an aggressiven Verhaltensweisen wie auch Impulsivität mit einem erhöhten Suizidrisiko verknüpft. Suizidraten nehmen über die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf mütterlicher Seite auf.
Berufsgruppen
Suizidraten sind unter Nichtbeschäftigten höher als bei Berufstätigen. Höhere Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verknüpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.
Unter den Berufstätigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erhöhtes Risiko: praktische Ärzte haben in den meisten Ländern ein hohes Risiko, wobei jedoch Ärztinnen generell das höchste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den Ärzten gelten Anästhesisten als besonders gefährdet, denn für viele Suizide werden betäubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere Zahnärzte, Apotheker, Tierärzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).
Sexualität, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit
Suizidraten liegen in den meisten Ländern unter den älteren Menschen am höchsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der jüngeren Bevölkerung gestiegen, insbesondere bei Männern. Suizide werden am häufigsten im Frühling verübt, auch da besonders unter Männern. Im Frühling oder Frühsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erhöhtes Suizidrisiko. Amerikaner europäischer Herkunft haben höhere Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls höhere Suizidraten, möglicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und stärkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal höher als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der Sexualität an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.
Suizidmethoden
Ganz generell bevorzugen Männer eher gewalttätige Mittel der Selbsttötung (zum Beispiel durch Hängen oder Erschießen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die Erklärung für den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen Männern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig erfolgen. Verschiedene Bevölkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in Südasien verbrennen sich Frauen üblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden könnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat führt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am höchsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den ländlichen Gebieten vieler Entwicklungsländer ist das Verschlucken von Pestiziden die häufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte Verfügbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.
Komorbiditäten und Zusammenhänge mit psychischen Störungen
Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbsttötungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst töten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer Störung litten. Depressionen erhöhen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose häufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt überhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische Unterstützung. Das heißt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine adäquate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbsttötung bei Depressionskranken beinhalten frühere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer Störung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am höchsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und körperdysmorphe Störung (KDS) erhöhen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erklärt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergrößernden Operationen zunimmt.
Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. Überraschenderweise weisen Menschen mit erhöhtem Body-Mass-Index BMI ein zwar stärkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent Rückgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter Körperoberfläche beim BMI). Die Gründe hierfür sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.
Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen körperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch über die Kindheit hinweg, die gesamte Bevölkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, möglicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erhöhtem Risiko, und Suizidhäufungen können in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren fügen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die über suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bevölkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen können.”
Jüngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, daß Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren können. Dazu konnten Sie hier im Blog schon früher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich höher als bei Älteren oder unter dem Tag “Suizid“.
(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)
Suizid und SVV (Selbstverletzung)
Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen dafür liegen häufig in den traumatisierenden Erlebnissen im frühen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe Plastizität auf und ist durch äußere Einflüsse sehr veränderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren für spätere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzufügen. Das Ausdrücken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.
Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstmörder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund für die immer früher auftretenden Depressionen nennen Experten die frühere Pubertät und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es für Jugendliche viel leichter, eine Krise zu überwinden.
(Quelle: Der Standard, 06/2004)
Wie können Suizide verhindert werden?
Der Anspruch, Suizide verhindern zu können, wäre ein schwierig zu erfüllender, da eine große Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tatsächlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien könnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bevölkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbsttötungsgedanken und –plänen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschlägige Ausbildung und Vorgangsweise von Ärzten wichtig: Studien aus den nordeuropäischen Ländern belegen einen Rückgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen Allgemeinärzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.
In Fällen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Maßnahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und Überwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Außerdem müssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verknüpften psychiatrischen Störung eingeleitet werden.
Auch eine Veränderung des allgemeinen Zugangs zu gefährlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die Einführung von Sicherheitsgittern auf Brücken und verstärkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer können die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, könnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, daß Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden würden, ihr Ziel umzusetzen, mag überrascht sein, daß z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbsttötungen drastisch zurückgingen, während z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit höchste Suizidrate und konnte diese durch Präventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.
Und weil im Internet neben Selbstmordforen Ratschläge und Hinweise für das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung Südkoreas (das jüngst den weltweit stärksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mußte, siehe oben) zur Prävention u.a. auch Internet-Sperren einführen. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen über Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen werden, dass die Polizei die persönlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen über Selbstmord gelöscht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.
Die Herausforderungen, Suizide in den Entwicklungsländern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den Industrieländern erfolgt, die höchste Suizidrate jedoch in den Entwicklungsländern zu finden ist. Auch wird von einschlägig Forschenden auch eine jüngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten lässt, dass das Risiko für Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit Störungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.
Angehörige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht plötzlich zurückzieht, gedrückt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “Präsuizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen darüber zu sprechen. Dennoch sind die Möglichkeiten der Angehörigen häufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von außen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich überfordert fühlt oder das Gefühl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu können.
Behandlung von Depression
Dass psychologische Betreuung in vielen Fällen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erhärteter Fakten dargelegt, dass einige psychische Störungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen Störungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben führen und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben können. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen können mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausführlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfaßt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.
(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.03.2013
Noch mehr Informationen:
Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Präsuizidales Syndrom – erkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-Überlebenden
weitere Blog-Einträge zum Thema Suizid {lang: 'de'}
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Jul 23
“Schönheitschirurgen” und die Kosmetikindustrie leben davon (und Kritiker behaupten, sie tun ihr Bestes, um es zu fördern): das “Dorian-Gray-Syndrom” beschreibt ein Phänomen, bei dem Menschen regelrecht zwanghaft kosmetische Produkte kaufen und medizinische Prozeduren auf sich zu nehmen – im Versuch, ihre Jugend zu erhalten. Oscar Wilde griff in seinem berühmten Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” sehr eindrücklich das psychologische Dilemma der Betroffenen auf, nicht altern und seelisch reifen zu wollen. Der Protagonist des Romans wurde in Folge zum Namensgeber für das einschlägige Verhaltensbild.
Während das Syndrom als solches zwar noch nicht in die medizinischen Diagnoseschlüssel aufgenommen wurde, zeigen viele Patienten, die daran leiden, jedoch klar diagnostizierbare Elemente sogenannter Körperbildstörungen (mit starken Sorgen rund um – mitunter nur von ihnen selbst – wahrgenommene Defekte ihrer körperlichen Erscheinungsbildes), narzißtische Persönlichkeitselemente (etwa ein Gefühl der Überlegenheit anderen gegenüber oder starke Beschäftigung mit sich selbst), sowie Zeichen verzögerter psychischer Reifung (Maturation) in bestimmten Teilbereichen ihrer Persönlichkeit. In ihrer Sorge um ihr äußeres Erscheinungsbild und ihrer Schwierigkeit, ihr körperliches Altern zu akzeptieren, sind DGS-PatientInnen häufig intensive Benutzer (oder Mißbraucher) von Haarwuchs- und Diätprodukten, Stimmungsaufhellern und Potenzmitteln, oft sind sie Mitglieder in Fitneßclubs und häufig auch wiederholt Patienten für kosmetische Operationen (Laser-Korrekturen, Botox-Injektionen oder andere ästhetische Eingriffe).
Falls Sie jemanden kennen, der Anzeichen des Dorian-Gray-Syndroms zeigt, dürften Ihnen vielleicht auch depressive Tendenzen auffallen, die sich – wenn sie unbehandelt bleiben – selbstschädigend auswirken können: etwa wenn der oder die Betroffene versucht, das negative Selbstbild durch den Gebrauch von Medikamenten, Drogen oder wiederholten Operationen zu unterdrücken. Wer aber hätte das Recht, das jeweilige Verhalten als “schädlich” zu bezeichnen? Für manche Menschen wäre es wohl inakzeptabel, ihr Leben ständig nach derartigen Zwangsgedanken auszurichten, andere dagegen verändern lieber ihren Körper, als ihre Psyche zu hinterfragen.
Was läßt sich gegebenenfalls tun? Bei manchen Betroffenen stellt sich eine Persönlichkeitsstörung als eigentliche Ursache für die Körperbildstörung heraus, bei anderen ist es ein Mangel an Selbstwertgefühl. Während zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen unterschiedliche Maßnahmen (häufig eine Kombination aus Psychopharmaka und Psychotherapie) erforderlich sind, kann das Selbstwertgefühl sehr effizient mit Methoden aus der Psychotherapie alleine verbessert werden. Dies erfordert nicht unbedingt jahrelange “Gespräche” – klare und auch dauerhafte Verbesserungen sind in der Regel schon nach einigen Monaten regelmäßiger Sitzungen möglich. Diese haben unter anderem das Ziel, hinsichtlich der körperlichen Veränderungen, die unser Leben mit sich bringt, selbstsicherer und gelassener zu werden.
(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011) {lang: 'de'}
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Tags: Alter, Antidepressiva, Depression, Dorian Gray Syndrom, Dysmorphophobie, Fitnesssucht, Impotenz, Narzissmus, Persönlichkeitsstörungen, Schönheitschirurgie, Suizid, Viagra, Zwangsgedanken
Jul 01
Rund acht Prozent aller Europäer nahmen im vergangenen Jahr Medikamente gegen Depressionen. Besonders stark betroffen ist die Altersgruppe von 45 bis 54 Jahren, wie eine aktuelle Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) aufzeigte, die auf der Befragung von 30.000 Europäern in 27 Ländern beruht.
Der britische Ökonom Andrew Oswald, der am IZA in Bonn forscht und die Studie mitverfasst hat, hält den Befund für alarmierend: “Gemessen an Wohlstand und Sicherheit ging es den Europäern nie besser als heute. Dass trotzdem so viele Menschen mit Chemie nachhelfen müssen, um glücklich zu sein, sollte uns zu denken geben.”
Am häufigsten greifen die Portugiesen zu Antidepressiva (16 Prozent), am seltensten die Griechen (3 Prozent). In Deutschland (5 Prozent) liegt der Verbrauch überraschenderweise unter dem EU-Durchschnitt, obwohl die Deutschen bei der Lebenszufriedenheit im unteren Mittelfeld rangieren.
Was für alle Staaten gleichermaßen zutrifft: Im mittleren Alter leiden die Menschen besonders häufig unter Depressionen. Das deckt sich mit Studien zur Lebenszufriedenheit, die bei Endvierzigern am geringsten ist. Warum es zu diesem Knick kommt, ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend belegt.
(Quelle: MedAustria) {lang: 'de'}
Mai 13
Eine Kombination von zwei Antidepressiva resultiert in keiner Beschleunigung der Genesung.
Dies ist das Ergebnis der CO-MED-Studie, für die Wissenschafter an 15 medizinischen Zentren in den USA insgesamt 665 Patienten zwischen 18 und 75 Jahren untersucht haben.
„Ärzte sollten Patienten mit Major Depression nicht vorschnell Kombinationen aus antidepressiven Medikamenten als Erstlinientherapie verschreiben“, so Dr. Madhukar H. Trivedi, Psychiatrieprofessor am UT Southwestern Medical Center. „Die medizinischen Implikationen sind eindeutig – die zusätzlichen Kosten und die Belastung durch zwei Medikamente sind es bei einem ersten Behandlungsschritt nicht wert.“
Die Wissenschafter bildeten drei Behandlungsgruppen: Escitalopram plus Placebo, Escitalopram plus Buprobion und Venlafaxin plus Mirtazapin. Die Studie lief von März 2008 bis Februar 2009.
Nach zwölf Behandlungswochen waren die Remissions- und Responseraten in den drei Gruppen gleich – bei circa 39 Prozent kam es zur Remission und bei circa 52 Prozent zu einer Response.
Nach sieben Behandlungsmonaten waren die Remissions- und Responseraten in den drei Gruppen immer noch gleich, allerdings zeigten sich in der dritten Gruppe (Venlafaxin plus Mirtazapin) mehr Nebenwirkungen.
(Quellen: Medical Net News, May 2011, MedAustria, neuro-online) {lang: 'de'}
Mai 03
Arzneimittel über das Internet zu bestellen, ist heute einfach, und selbst die meisten Apotheken verkaufen in Asien ohne jegliche Rückfrage Medikamente, die im Westen verschreibungspflichtig wären. Besonders beliebt in den Online-Katalogen: Amphetamine, Potenzmittel und Antidepressiva. Doch die “Selbstmedikation” ist gefährlich: speziell von Amphetaminen wie Ritalin (Methylphenidat), die leistungssteigernd und konzentrationsfördernd wirken, werden unter dem steigenden Druck der Leistungsgesellschaft immer mehr Menschen abhängig und müssen sich Monate oder Jahre später an spezialisierte Kliniken oder Psychotherapeuten wenden. Einer Studie amerikanischer Kinderärzte zufolge stieg in den letzten acht Jahren die Anzahl der “dopenden” Studierenden um 75 Prozent an. Häufig werden die Medikamente zudem falsch eingesetzt, da die Ursache etwa der Konzentrationsstörungen oder Erektionsprobleme ganz woanders liegen als dort, wo das Medikament ansetzt. Erektile Dysfunktion etwa hat bei Männern unter 55 Jahren zumeist rein psychische Ursachen. Durch Gewöhnungseffekte kommt es dann bei der gewohnheitsmäßigen Einnahme schließlich häufig zu Überdosierungen und einer erhöhten Anfälligkeit für krankmachende Nebeneffekte. Irgendwann behandeln die Nutzer nur noch das Entzugssyndrom (bei Potenzmitteln ist das häufig die Unsicherheit, Sex ohne das Medikament auszuüben) – sie verspüren keine deutliche Wirkung mehr, können das Medikament aber auch nicht absetzen und geraten damit in einen Teufelskreis. Erschwerend kommt die oftmalige Mehrfachabhängigkeit dazu: etwa die Einnahme von Amphetaminen während des Tags, und dann am Abend die Einnahme von Alkohol und/oder Tranquilizern bzw. Schlafmitteln.
Zeichen beginnender psychischer Abhängigkeit von Arzneimitteln können Gefühle von Unsicherheit oder Angst sein, wenn auf die Einnahme verzichtet wird, oder wenn im Laufe der Zeit die Dosis gesteigert wird, die Wirkung des Medikaments jedoch gleich bleibt oder sogar geringer wird oder ganz ausbleibt. Ebenso ein Alarmsignal ist, wenn dem Organismus ohne ärztliche Diagnose und Verschreibung im Laufe der Jahre immer mehr Substanzen zugeführt werden (hierzu gehören auch Nahrungssubstitutionsmittel, Injektionen mit Hormonen, Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Nasentropfen usw.). Zumeist wird Medikamentenabhängigkeit erst sehr spät eingestanden, wenn bereits Erkrankungen der Organe vorliegen oder Unfälle (z.B. durch Konzentrationsmangel) auftreten. Für den psychischen Entzug ist eine Kombination von Psychotherapie und Selbsthilfegruppen sehr effektiv, immer ist aber eine ärztliche Abklärung auf etwaige körperliche Schäden dringend anzuraten.
In Österreich sind nach Angaben des API-Instituts ca. 350.000 Menschen alkoholkrank, ca. 130.000 sind von Medikamenten, knapp 30.000 von illegalen Drogen abhängig.
In den USA wird einer Untersuchung der University Michigan von 2010 zufolge bei fast einer Million Kindern fälschlicherweise das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsyndroms (ADHS) diagnostiziert. Davon betroffen sind vor allem die jüngeren Kinder einer Jahrgangsstufe in Kindergarten oder Schule.
(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011) {lang: 'de'}
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Tags: Abhängigkeit, ADHS, Amphetamine, Antidepressiva, Cialis, Erektile Dysfunktion, Erektionsstörungen, Hormone, Impotenz, Konzentration, Metamphetamin, Neurobiologie, Psychopharmaka, Ritalin, Schlaflosigkeit, Schlafmittel, Schlafstörungen, Tranquilizer
Jan 16
Dass gerade bei Psychopharmaka oder anderen psychoaktiven Medikamenten auch viele negative Auswirkungen auf das Verhalten zu vermuten sind, liegt auf der Hand. Dass ihre Einnahme Aggressionen auslösen kann, ist etwa bei Antidepressiva wie Prozac oder Ritalin bekannt. Systematisch untersucht auf ihre Auswirkung auf Gewalt wurden Medikamente und Medikamentengruppen aber noch nicht
Nun haben US-Wissenschaftler vom Institute for Safe Medication Practices in einer Studie, die im Open Access Journal PLoS One erschienen ist, Daten der für Medikamente zuständigen Behörde FDA ausgewertet und bei 31 Medikamenten von insgesamt 484 untersuchten Medikamenten festgestellt, dass sie ungewöhnlich oft mit Berichten von Gewalt gegen andere verbunden sind. Das bedeutet zwar nicht, dass diese Medikamente direkt Gewalt verursachen, es könnte jedoch einen Zusammenhang geben.
31 der in einem Zeitraum von 69 Monaten insgesamt 464 evaluierten Medikamente waren mit 79 Prozent der Gewaltfälle verbunden, darunter 11 Antidepressiva, 3 Medikamente zur Behandlung des Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS/ADHD), 5 Beruhigungsmittel und Vareniclin, das als Nikotinentwöhnungsmittel dient. Dessen Wirkstoff wird unter dem Namen Champix vertrieben, zahlreiche Nebenwirkungen sind bekannt, darunter auch Suizidalität und Aggressivität, die FDA hat deshalb für diese Substanz einen Warnhinweis veröffentlicht. Vareniclin ist auch nach dieser Studie höchst bedenklich und steht an der Spitze. Ein Fünftel der Berichte über Gewalt ist mit diesem Wirkstoff verbunden, damit ist die Neigung zur Gewalt um das 18-Fache höher als bei den anderen Medikamenten. Bupropion (in Deutschland gehandelt als Elontril), bei dem es eine geringe Verbindung zur Gewalt gibt, wird zwar auch zur Raucherentwöhnung eingesetzt, ist aber vor allem ein Antidepressivum.
Verbindungen zur Gewalt gibt es bei allen Antidepressiva, allen voran bei Fluoxetin (Prozac) mit einer mehr als zehnmal so hohen Wahrscheinlichkeit, an dritter Stelle liegt Paroxetin. Bei allen Antidepressiva ist eine Verbindung zur Gewalt 8,4-fach wahrscheinlicher als bei allen anderen psychoaktiven Medikamenten. Eine hohe Wahrscheinlichkeit liegt auch bei Amphetaminen wie Atomexitin (Strattera) und Methylphenidat (Ritalin) vor, die zur Behandlung von ADHD verwendet werden und ein 9- bzw. 3,4-fach höheres Risiko der Verbindung zur Gewalt aufweisen. Von den psychoaktiven Medikamenten wären noch die Schlafmittel Triazolam (Halcion) mit einem 8,7-fach und Zolpidem mit einem 6,7-fach erhöhten Risiko zu nennen. Unter den nicht-psychoaktiven Medikamenten fiel Mefloquin (Lariam), das zur Prophylaxe und Behandlung von Malaria dient, mit einem 9,5-fachen Risiko auf.
(Quelle mit weiteren Linkverweisen zu Studien, Tabellen etc.: “Medikamente und Gewalt” in telepolis 12.01.2011) {lang: 'de'}
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Tags: ADHS, ADS, Aggression, Antidepressiva, Bupropion, Champix, Elontril, Gewalt, Halcion, Lariam, Mefloquin, Prozac, Psychopharmaka, Ritalin, Strattera, Triazolam, Vereniclin
Nov 01
In den letzten 30 Jahren gab es einen Rückgang der Zahl der Suizide in Deutschland von 18.000 auf ca. 9.400, mit dem stärksten Rückgang in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung.
Einer der wichtigsten Gründe für diesen sensationellen Rückgang dürfte die bessere Versorgung depressiv Erkrankter sowie eine bessere Früherkennung des Krankheitsbildes sein. Aber trotz dieser Fortschritte werden auch heute nur weniger als 10% der ca. 4 Millionen depressiv Erkrankten in Deutschland optimal behandelt, schätzen Experten. „Dies ist ein nicht tolerierbarer Zustand, da Depressionen schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankungen sind und wirksame Behandlungen (..) zur Verfügung stehen“, sagte Prof. Dr. U. Hegerl, Direktor Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Leipzig, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Sprecher der Deutschen Bündnisse gegen Depression in einem Interview in Berlin.
Zu den Gründen für die schwierige zeitgerechte Diagnose und Therapie zählen unter anderem auch die Depressionssymptome selbst wie Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle und Erschöpfung, die es den Betroffenen erschweren, sich professionelle Hilfe zu holen und empfohlene Behandlungen konsequent mitzugehen. Außerdem wissen häufig weder die Betroffenen selbst noch die Ärzte (!) nicht um die adäquaten Behandlungsmöglichkeiten. Mit Psychotherapie und dem Einsatz von Antidepressiva kann bei über 90 Prozent der Betroffenen die Depression zum Abklingen gebracht oder ihnen zumindest deutlich geholfen werden. Immer noch glauben 80 Prozent der Bevölkerung, dass Antidepressiva süchtig machen oder die Persönlichkeit verändern. Dies ist jedoch nicht der Fall.
Psychotherapeutische Behandlungsangebote gehören heute zum Standard der therapeutischen Arbeit mit depressiv kranken Menschen.
In die neue, Ende 2009 verabschiedete deutsche S3/NV-Leitlinie für die Behandlung der unipolaren Depression ging Psychotherapie umfänglich ein. „Erstmals wurde damit auch für schwer und schwerst depressiv Kranke Psychotherapie, in Kombination mit Medikation, als Standard benannt“, sagte Prof. Dr. Manfred Wolfersdorf, Sprecher Arbeitskreis Depressionsstationen D/CH und Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Bayreuth, anlässlich des 7. Europäischen Depressionstages im Oktober 2010. Depressive Störungen gehören zu den häufigsten Beratungsanlässen und Erkrankungen in der Versorgung. Für Patienten besteht vor allem hinsichtlich einer abgestuften und vernetzten Versorgung zwischen haus-, fachärztlicher und psychotherapeutischer Behandlung und bei der Indikation für ambulante oder stationäre Behandlungsmaßnahmen Optimierungsbedarf. Mit der neuen Leitlinie kommt man dieser Optimierung näher.
Ziele der Leitlinie sind unter anderem, Depression besser zu erkennen und Diagnostik und Behandlung von Depressionen in Deutschland zu optimieren. Ebenso sollen spezifische Empfehlungen zur Abstimmung und Koordination der Versorgung aller beteiligten Fachdisziplinen gegeben werden. Die Leitlinie gibt dabei keine Richtlinien vor, sondern Empfehlungen, wie zum Beispiel nach aktuellem Wissenschaftsstand und nach den Kriterien der Evidenzbasierten Medizin am sinnvollsten vorzugehen ist. „In der Praxis gibt die Leitlinie Anhaltspunkte, wie die Hauptsymptomatiken von Depressionen und die Begleitsymptome leichter erkennbar werden,“ sagte Prof. Manfred Wolfersdorf.
Ebenso sei ein Screening zur Früherkennung von Depressionen in der Leitlinie beinhaltet. Hiermit kann man zum Beispiel bei Patienten, die einer Hochrisikogruppe angehören (z.B. aufgrund früherer depressiver Störungen oder komorbider somatischer Erkrankungen) Maßnahmen zur Früherkennung von Depressionen bereits bei Kontakten in der Hausarztversorgung und in Allgemeinkrankenhäusern einsetzen. Für ein Screening geeignete Instrumente sind der WHO-5-Fragebogen zum Wohlbefinden, der Gesundheitsfragebogen für Patienten (PHQ-D) sowie die Allgemeine Depressionsskala (ADS). Eine weitere Möglichkeit der schnellen Erfassung einer möglichen depressiven Störung ist der so genannte „Zwei-Fragen-Test“:
1. Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig bedrückt oder hoffnungslos?
2. Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?
Werden beide Fragen mit „Ja“ beantwortet, ist die klinische Erfassung der formalen Diagnosekriterien erforderlich, da nur durch die explizite Erhebung aller relevanten Haupt- und Nebensymptome eine adäquate Diagnosestellung nach ICD-10 möglich ist. Dies geschieht in aller Regel über eine fundierte Exploration.
(Quellen: MedAustria; Hegerl et.al., “Sustainable effects on suicidality were found for the Nuremberg alliance against depression” in: European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience Vol 260, Nr 5, 401-406, DOI: 10.1007/s00406-009-0088-z)
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Einen Screening-Selbsttest auf Depression finden Sie ebenfalls auf dieser Website (Link klicken). {lang: 'de'}
10.04.13
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