Seltsamer Traum mit Therapeut

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Psychotherapie (von der es ja eine Vielzahl von Methoden gibt) gesammelt? Dieses Forum dient zum Austausch über die diversen Psychotherapieformen sowie Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Therapie.
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Sternchen987
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Seltsamer Traum mit Therapeut

Beitrag Mo., 20.09.2021, 11:10

Hallo,
einige erinnern sich vielleicht noch an meinen Beitrag bzgl Grenzüberschreitung in der Therapie. Ich habe ein Thema, welches mir erneut keine Ruhe lässt und hoffe ihr könnt mir da weiter helfen. Ich bin gerade ziemlich verwirrt und weiß nicht, in welche Schublade ich das einsortieren soll.

Ich habe von meinem Thera geträumt. In erster Linie nichts besonderes, denn ich denke das ist normal, wenn die Therapie intensiver wird und es kam bisher auch schon einige Male vor, aber diesmal war es anders...

Zu meinem Traum: Ich saß in seinem Zimmer in der Praxis und wunderte mich schon, dass er seine Einrichtung geändert hat, andere Stühle usw. Er bemerkte, dass ich innerlich total aufgewühlt bin und nicht zur Ruhe komme, wobei er mir helfen wollte. Er rückte seinen Stuhl näher zu meinem und begann mit rhythmischen Bewegungen seinen Stuhl hin und her zu wippen (Kennt ihr diese Gartenstühle, mit denen man sich auch umlegen kann? Solche waren das). Allein das Wahrnehmen dieser rhythmischen Bewegungen fuhr mich so enorm herunter, dass auch ich mich zurück lehnte und die Augen schloss, was meinem Thera nicht unbemerkt blieb. Er fragte mich, wie ich mich fühle und ich antwortete, dass ich (wie er es richtig wahrnahm) gerade runterfahre. In diesem Moment spürte ich, wie er seinen Kopf auf meinen Brustkorb legte und mich einfach fest hielt. Mir seine Wärme schenkte und ich mich so wahnsinnig wohl fühlte, ich kann es nicht beschreiben.

Ich habe zwar geschlafen, aber ich habe diese Wärme so intensiv wahrgenommen, mich und meinen Körper gespürt, ich wollte das es nie endet. Es war ganz seltsam. Im wirklichen Leben würde ich sowas nie zulassen und schon gar nicht von meinem Thera. Aber mir geht das nicht aus dem Kopf. Was ist das?
Ich lebe in einer langjährigen Beziehung mit meinem Freund, aber dieses warme und wohlwollende Gefühl, es war so schön..
Zählt sowas schon zur Übertragung? Oder nicht? Ich bin wirklich verwirrt und kann das nicht einordnen. Natürlich sollte ich das mit meinem Thera besprechen, aber das ist für mich gerade nicht vorstellbar. Zu groß wäre mein Scharm..
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doch ich frag' mich, wann komm' ich an?!

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R.L.Fellner
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Beitrag Di., 21.09.2021, 06:12

Liebe Sternchen,

da Ihnen bislang noch niemand geantwortet hat: mitunter verbindet unser Gehirn in den Träumen einzelne Elemente unserer bisherigen Erfahrungen (z.B. das "Sehen" Ihres Therapeuten, oder Ihre Anwesenheit in seiner Praxis) mit emotionalen Erfahrungen oder Bedürfnissen, nicht selten auch solchen, die wir mal kurz bewusst oder unbewusst im Kopf "durchgespielt" haben. Im Traum können diese Ideen dann "barrierefrei" ;-) weiter verarbeitet und durchgespielt werden.

Ihr Traum beinhaltet ja das Element des Entspannens, sich "innerlich Zurücklehnens", und der Hingabe - was sich dann später auch in der Möglichkeit des Entspannens auf dem Brustkorb des Therapeuten und des wunderschönen Geborgenheitsgefühls in einer sicheren Atmosphäre ausdrückte.

Dies bedeutet nicht, dass Sie ernsthaft erwägen würden, dies auch in der Realität zu tun - aber vielleicht drückt es ja ein entsprechendes Bedürfnis oder schlicht eine entsprechende Erfahrung aus, an die sich etwas in Ihnen erinnert und als Fantasie im Rahmen des sicheren therapeutischen Kontexts durchspielt?

Ich halte es für gar nicht so bedeutsam, wie dieser Vorgang in Bezug auf Ihren Traum zu nennen ist, sondern würde ihn schlicht als Hinweis darauf interpretieren, dass Sie sich offenbar gut aufgehoben fühlen. Sie "müssen" damit nun nichts Spezielles tun, und es beinhaltet aus meiner Sicht auch keinerlei Relevanz für Ihre eigentliche Partnerschaft. Wenn Sie allerdings das Gefühl haben sollten (aktuell oder an einem Punkt in der Zukunft), dass Sie Ihrem Therapeuten gegenüber auch im realen Leben deutlich mehr Nähe und Hingezogenheit empfinden als man dies einem "Wegbegleiter" oder "Coach" gegenüber tun würde, wäre es sicherlich eine gute Idee, das im Rahmen der Therapie anzusprechen.

Freundliche Grüße und alles Gute!
R.L.Fellner

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Paulchen_22
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Beitrag Di., 21.09.2021, 10:03

Hallo Sternchen,

ich hatte in einer intensiven Phase der Therapie einen ähnlichen Traum:
Ich saß bei meinem Thera und es war noch ein zweiter Thera dabei, dem er meine ganze Geschichte in meinem Beisein erzählt hat. Das fand ich einerseits spannend, wie er über mich in der dritten Person sprach, andererseits hat es mich traurig gemacht, weil es irgendwie alles so hoffnungslos war.
Ich bin dann im Traum aufgestanden und habe aus dem Fenster geschaut. Er hat sich hinter mich gestellt, seine Hand auf meine Schulter gelegt, und gesagt "Ich bin bei Ihnen." Die Hand hat eine unglaubliche Wärme abgestrahlt auf meine Schulter und den ganzen Körper und das war so tröstlich, dass mich das mehrere Wochen "getragen" hat.

Ich habe ihm nie von diesem Traum erzählt. Für mich war es einfach ein Zeichen, dass ich auf dem richtigen Weg mit ihm bin und ihm vertrauen kann. Diese oder eine ähnliche Situation hat es nie zwischen uns gegeben, aber eben andere "nicht-körperliche" Momente, in denen wir uns sehr nah waren.

Ich träume relativ viel und immer sehr plastisch und verarbeite meine Erlebnisse sehr intensiv im Traum. Mittlerweile hinterfrage ich das einfach nicht mehr, sondern - wie in diesem Fall - genieße es einfach, dass es mir ein gutes Gefühl gibt.

LG
Paulchen

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kaputt
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Beitrag Di., 21.09.2021, 10:18

Kenne auch solche Träume. Allerdings hätte ich mich nie getraut mit dem Thera darüber zu sprechen. Obwohl es wahrscheinlich gut gewesen wäre, an die Bedürfnisse zu kommen wo sich die Abhängigkeit dran aufhängt. Naja nun ist es zu spät

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Sternchen987
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Beitrag Di., 21.09.2021, 13:50

Hallo und vielen Dank für die Antworten!

In der Zwischenzeit dachte ich mir auch, dass mir mein Unterbewusstsein mitteilen möchte, wie wichtig mir der Thera geworden ist. Vielleicht war mir das bisher in dieser Deutlichkeit nicht bewusst und dennoch verwirrt es mich.

Mit etwas Abstand merke ich, dass ich mich nach dieser Wärme und Geborgenheit sehne, da ich sie in dieser Form nie erlebt habe. Wenn ich in einem Traum dieses Gefühl schon so stark wahrnehme, was passiert dann erst mit mir, wenn das im realen Leben so wäre? Also mir ist bewusst, dass sich die Situation so nie abspielen wird, dennoch habe ich hier immer wieder mal davon gelesen, dass der Thera in schwierigen Situationen mit Einverständnis Kontakt durch bsw Hand halten hergestellt hat 😞
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Paulchen_22
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Beitrag Di., 21.09.2021, 14:27

Hallo Sternchen,

ich all den Jahren hat mein Thera mich außer die Hand geben zur Begrüßung und Abschied (vor Corona) nicht berührt und auch wenn es sich im Traum wirklich fantastisch angefühlt hat, hätte ich es auch nicht gewollt.

Und aus eigener Erfahrung kann ich auch sagen, dass es im Traum wirklich ganz anders ist als in Realität. Mein Partner ist durchaus sehr "kuschel-affin" und wir haben (auch) eine körperliche, zärtliche Beziehung miteinander. Das ist mir sehr wichtig, ABER es ist etwas ganz anderes als im Traum - einfach weil im Traum nur ich mit meinen Vorstellungen im Mittelpunkt stehe, in Realität aber immer jemand anderes mit eigenen Bedürfnissen dabei ist. Das ist weder besser noch schlechter, aber eben einfach anders.
Ich wünsche Dir, dass Du diesen Unterscheid bald erleben darfst :hugs:

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Pianolullaby
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Beitrag Di., 21.09.2021, 16:32

Sollte es ein guter Therapeut sein, wird es in Real niemals so weit kommen, und wenn es kommen würde, wäre es total unprofessionell und übergriffig
Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum

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Sternchen987
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Beitrag Di., 21.09.2021, 21:52

Guten Abend,
Ich meinte ja auch nicht, dass das im realen Leben so detailliert statt finden könnte. Oder ich mir das im wirklichen Leben genau so wünschen würde, ne. Aber wie ich schon schrieb, ich habe schon oft gelesen, dass der Thera in verschiedenen Situationen dem Patienten "die Hand gehalten" hat oder neben dem Patienten saß oder wie auch immer.

Mir hat die Vorstellung wie ich damit umgehen könnte wirklich Angst bereitet, weil das in diesem Traum so... schön und ungewohnt war. Leider kannte ich das bisher so noch nicht..
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peppermint patty
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Beitrag Mi., 22.09.2021, 17:40

Ich habe in der Therapie des Öfteren Hand halten und Umarmungen erlebt, und kann nur sagen, dass es ganz sicher nicht soo wunderbar ist, wie in deinem Traum.
Das ist mMn eine große Illusion zu glauben, nur weil in diesem Fall der/die/das Therapeut umarmt oder berührt, die ganz große Geborgenheit oder Wärme ausbricht. Natürlich ist es ein schönes Gefühl, wie es eben bei Menschen ist, die man sehr mag, aber es ist nicht so unglaublich toll, wie manche erhoffen.
Das ist ja das tolle an Träumen, sie sind so gefühlsintensiv und damit etwas irreal, gerade weil es Träume sind.
Ich denke viel wichtiger ist, dass die Beziehung stimmt und eben auch trägt. Körperkontakt ist nur ein möglicher Bestandteil von Nähe, wenn es „innig in der Beziehung ist“ können dies auch Worte erreichen. Manchmal sogar noch intensiver…

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Solage
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Beitrag Mi., 22.09.2021, 19:47

Ich hatte Körperkontakt in der ehemaligen Therapie und das war sehr verstörend für mich und überhaupt nicht beruhigend.
Sexualisierend und letztlich tatsächlich übergriffig.
Meine Folgetherapeut würde so etwas niemals tun, weil sich da nicht Kind und Mama/Papa berühren, sondern zwei erwachsene Menschen. Das ist ganz anders.

Der Traum von Geborgenheit ist eben nur ein Traum.
Ein Wunsch, der sich im Traum zeigt.

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Fairness
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Beitrag Mi., 22.09.2021, 19:54

Sternchen, eine weitere Interpretation der Träume, zu den bereits erwähnten, ist manchmal auch, dass die Menschen in dem Traum Anteile eines selbst repräsentieren. Und mein Gedanke war, dass du vielleicht etwas aus eurer therapeutischen Beziehung verinnerlicht hast und dementsprechend war dein Therapeut, die Repräsentanz, für welche sich dein Unbewusstes im Traum entschieden hat... und am Ende, sind das deine Träume, diese Geborgenheit hast du dir selbst gegeben,.. sie kam aus dir heraus. 🌺

Ich fände es schade, das schöne Gefühl im Nachgang, auf einen konkreten Menschen zu fixieren. Dein Therapeut hat mit deinem Traum in Wirklichkeit, eher weniger zu tun. Die Phantasie solcher erfüllten Sehnsucht ist bestimmt schön, jedoch sie führt einen auch ein wenig von eigenem aktiv gestaltetem Leben weg, finde ich... indem man ihr Gefühle, Gedanken, Energie schenkt. Das kann dann auch eine mögliche Äußerung der Angst sein.
Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist Gestern, der andere Morgen. Dies bedeutet, dass heute der richtige Tag zum Lieben, Glauben und in erster Linie zum Leben ist. Dalai Lama