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Mrz 13

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Anorexie und Bulimie sind in der Bevölkerung zwar stark verbreitet und schwere Erkrankungen, werden aber aus Scham und Angst vor Stigmatisierung auch heute noch von den Betroffenen lange Zeit verschwiegen.

Wie Johann Kinzl von der Klinischen Abteilung für Psychosomatische Medizin der Universitätsklinik für Psychiatrie der Medizinischen Universität Innsbruck am Freitag anlässlich des Ernährungskongresses in Wien referierte, suchen Betroffene meist viel zu spät – durchschnittlich erst nach fünf Jahren – professionelle Hilfe. “Selbst dann kommen die Patienten zumeist nicht aus eigenem Antrieb, sondern werden von ihren verzweifelten Eltern oder anderen Angehörigen in die Klinik geschleppt”, berichtet der Arzt. Nur ganz wenige von ihnen hätten eine “positive Motivation”, ihrer Krankheit zu begegnen, nämlich jene, die sich von ihr nicht weiter einschränken lassen wollen. “Meist verleugnen die Betroffenen ganz einfach ihr Problem – so lange, bis es manchmal zu spät ist”.

Hinsichtlich der zeitgerechten Diagnose sind Allgemeinmediziner, Internisten, Gynäkologen, Psychotherapeuten, Psychologen aber auch Schulärzte gleichermaßen gefragt. Das Bewußtsein bezüglich der Erkrankungen nehme zwar zu, nach wie vor sei jedoch manches verbesserungswürdig. “Es ist ganz einfach wichtig, dass jegliche Essstörung so früh wie möglich diagnostiziert wird, um mögliche negative körperliche und psychische Folgen zu verhindern”, so der Arzt. Genauso spielen Diätologen beim Aufspüren der Krankheit sowie bei der Therapie eine wichtige und unterstützende Rolle. Unterstützung ist im Regelfall zudem durch Psychotherapie notwendig, um das “Grundproblem” der Erkrankung aufzuspüren.

Die Liste der Folgen von Essstörungen ist lang und beunruhigend: Den Betroffenen ist ständig kalt (Untertemperatur), sie haben niedrigen Blutdruck oder Amenorrhoen (Ausbleiben der Menstruation) – im schlimmsten Fall kann dies zur Infertilität führen. Die Patienten haben zudem ein erhöhtes Risiko von Knochenabbau (Osteoporose), verbunden mit einer verstärkten Neigung zu Knochenbrüchen. Durch das ständige Erbrechen ist der Elektrolythaushalt gestört, die Speiseröhre erhält Risse und es kommt zu Zahnproblemen wie Karies. Genauso wird mit der Zeit die Hirnleistung immer schlechter. Betroffene fühlen sich zudem häufig antriebs- und freudlos, unterliegen Stimmungsschwankungen und Libidoverlust.

Weiterführende Links:

Artikel Essstörungen (Bulimie, Anorexie etc.)

Selbsttest auf Vorhandensein einer Essstörung

(Quelle: Der Standard 13.03.2010)

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Mrz 13

Seit Jahrzehnten besteht ein wissenschaftlicher Disput darüber, ob Zusammenhänge zwischen der psychischen Verfassung von Menschen und dem Verlauf von Krebserkrankungen existieren.

Wie nun eine Studie von Medizinern an der amerikanischen Mayo-Clinic mit rund 530 Lungenkrebs-Patienten zeigte, kann eine optimistische Lebenseinstellung möglicherweise die Prognose von Krebspatienten verbessern.

Studien-Teilnehmer mit einer optimistischen Grundhaltung (diese wurde bereits durchschnittlich 18 Jahre vor der Erkrankung erhoben, die Compliance der Patienten oder die Lebenseinstellung während der Erkrankung wurde also nicht analysiert) lebten nach der Diagnose des Lungenkarzinoms im Mittel noch rund 19 Monate, bei den negativ eingestellten Personen waren es lediglich 13 Monate. Bei der Auswertung berücksichtigten die Forscher wichtige Faktoren wie Alter, Geschlecht, Krebsstadium oder Art der Therapie.

“Der gefundene Überlebensvorteil einer optimistischen Haltung von sechs Monaten ist umso beeindruckender, wenn man berücksichtigt, dass die mittlere Lebenserwartung der untersuchten Patientengruppe unter einem Jahr liegt”, sagt Studienleiter Paul Novotny. Er betont im “Journal of Thoracic Oncology” deshalb, die Krebstherapie solle nicht nur auf rein medizinische Aspekte fokussieren, sondern auch die psychosoziale Situation eines Patienten berücksichtigen und behandeln.

Hinweis R.L.Fellner: die Studie zeigt nur eine Korrelation, nicht aber einen kausalen Zusammenhang auf, dies sei ergänzend erwähnt. Im Abstract der Studie (siehe Quellenverweis unten) wird auf die Notwendigkeit weiterer Forschung in diesem Bereich hingewiesen – eine, wie ich meine, sehr treffende Einschätzung, zumal die Lebenseinstellung der Studie zufolge in etwa denselben Einfluß haben dürfte wie die äußerst kostenintensiven Chemotherapien. .

(Quelle: Journal of Thoracic Oncology Mar 2010, Vol 5 – Issue 3, pp 326-332; doi: 10.1097/JTO.0b013e3181ce70e8: A Pessimistic Explanatory Style Is Prognostic for Poor Lung Cancer Survival [Link])

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Feb 27

Neues aus der beliebten Forschungsreihe “was machen Menschen mit höherem IQ eigentlich anders als solche mit vergleichsweise niedrigerem?”

Sie rauchen nicht [1], sind eher nicht religiös [2], gehen nachts später schlafen und stehen dafür am Morgen später auf (ebd.). Bei intelligenten Männern bestünde darüber hinaus auch eine Vorliebe für sexuelle Monogamie (ebd.), was vielleicht mit der rascheren Anpassung intelligenter Menschen an neue Werte und Lebensstile erklärt werden könne.

Da seit Jahren alle paar Monate neue Studien rund um mögliche Zusammenhänge zwischen Intelligenz und anderen Daten aus der Psychologie, Verhaltensforschung, Soziologie, Medizin u.dgl. erscheinen (merke: eine Koinzidenz bedeutet nicht unbedingt auch eine Korrelation;-) ), werde ich diesen Blog-Eintrag laufend mit den neuesten “Erkenntnisen” zu diesem Thema ergänzen.

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Feb 27

Psychische und physische Gewalt in Partnerschaften nimmt in den meisten westlichen Industrieländern zu, wobei in wissenschaftlichen Kreisen Unsicherheit darüber besteht, ob diese Zuwächse nicht auch damit ganz wesentlich zusammenhängen, daß die diesbezügliche Tabusierung in der Gesellschaft abnimmt, vorkommende Gewalt also nicht mehr totgeschwiegen wird.
Doch auch die reinen Fakten sind schockierend genug: so sind alleine im Jahre 2008 in Frankreich 147 Frauen durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen. Unter der Annahme, daß körperlicher Gewalt psychische Gewalt vorausgeht, die Möglichkeit der Bestrafung dieser also vielleicht auch physische Gewalt verhindern könne, wurde im französischen Parlament diese Woche nun “psychische Gewalt in Paarbeziehungen” als Straftat eingeführt. Unter den Unterstützern fanden sich nicht nur die Abgeordneten der Regierungspartei UMP, sondern auch die Sozialisten. Für psychische Gewalt sind demnach zukünftig Strafen bis zu 3 Jahren Gefängnis und Geldstrafen bis zu € 75.000,- vorgesehen, sowie die erzwungene Trennung des Paares und die Intensivierung der Überwachung durch elektronische Fußfesseln für die TäterInnen.

Was die praktische Exekutierbarkeit des neuen Gesetzes angeht, dürften sich in vielen Einzelfällen jedoch Probleme auftun: etwa, wie psychische Gewalt vor Gericht zu beweisen sei, wie sie sich überhaupt genau definiert und von Beleidigungen, Demütigungen, verletzenden Verhaltensweisen etc. unterscheidet, die bei Streitigkeiten in der Ehe oder in Partnerschaften ja fast immer geschehen. Im Diskurs rund um das Gesetz wurde denn auch von KritikerInnen des Entwurfs angeführt, daß namhafte französische Schriftsteller, Maler usw. heute angesichts dessen, was über ihre Beziehungsvergangenheit bekannt wäre, wohl langjährige Gefängnisinsassen wären. Männerorganisationen dagegen dürften die neuen Regelungen freuen, wird doch von diesen oft die psychische Gewalt von Frauen in Partnerschaften bemängelt, gegen die jedoch keinerlei rechtliche Handhabe bestünde.

Anmerkung R.L.Fellner:
Kulturkritisch könnte man anmerken, daß die seit einigen Jahren beobachtbaren Bestrebungen vieler westlicher Staaten, selbst die Emotionen ihrer BürgerInnen zu kontrollieren und die Überschreitung von -im Grunde recht eng gesetzten- künstlichen Grenzen sogleich als krankhaft oder strafbar zu definieren, bedenklich stimmen; speziell dann, wenn in der Bevölkerung ein Gefühl aufkommen sollte, daß gewohnheitsmäßig mit zweierlei Maß gemessen wird (z.B. Bonizahlungen an Finanzmanager bei gleichzeitiger Massenenteignung kleiner Kapitalanleger, straflos bleibende Waffenschiebereien von Politikerinnen-Ehegatten, Freunderlwirtschaft zwischen Wirtschaftselite und Politik, ohne Konsequenzen bleibender Machtmißbrauch von Politikern etc.). So könnte etwa der in Großbritannien kürzlich ebenfalls in der Gesetzgebung verankerte Begriff des sog. ‘Antisozialen Verhaltens’ (Antisocial Behaviour, ASBO) alleine was die dortigen Verfehlungen einzelner PolitikerInnen während der letzten 10 Jahre betrifft, durchaus auch für diese angewendet werden – wird es aber nicht.

(Quelle: Franz. Staatsekretariat für Familie und Solidarität)

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Feb 26

Wie eine kürzlich veröffentlichte Langzeitstudie zeigte, dürfte eine Verbindung zwischen mäßig schwerer, persistierender und unbehandelter Depression und dem Diabetes-Risiko bei älteren Personen bestehen.

Über 4.800 Frauen und Männer im Alter von über 55 Jahren wurden im Instituto Aragonés de Ciencias de la Salud in Zaragoza, Spanien, untersucht, darüber hinaus wurden auch Follow-up Untersuchungen nach 2,5 und 5 Jahren durchgeführt. Die Resultate wiesen darauf hin, daß das Risiko der Entwicklung eines Diabetes bei depressiven Studienteilnehmern signifikant höher war als bei nicht-depressiven Probanden. Diese Assoziation blieb auch nach einem Ausschluß diverser Diabetes-Risikofaktoren signifikant (p=0,04). Die Diabetes-Inzidenz-Rate lag bei depressiven Personen bei 20 pro 1.000 Personen-Jahren, verglichen mit 12 pro 1.000 Personen-Jahren bei nicht-depressiven Studienteilnehmern. Für Personen mit mäßig schwerer, persistierender und nichtbehandelter Depression wurden Diabetes-Hazard-Ratios von 1,66, 2,09 und 1,83 errechnet. Eine Therapie mit Antidepressiva hatte keine signifikanten Auswirkungen auf das Diabetes-Risiko.

Als Schlußfolgerung der Studie gaben die Wissenschafter an, daß eine klinisch signifikante Depression bei älteren Personen mit einer insgesamt 65%-igen Steigerung des Diabetes-Risikos assoziiert ist. Das Ergebnis bestätigt damit den Trend anderer Studien, die Depression als wichtigen Faktor für eine Reihe teils schwerer Folgeerkrankungen auch auf physiologischer Ebene mitverantwortlich machen.

(Quelle: MedScape Medical News, 18 Feb 2010)

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Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enthält im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensstörungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschließlich psychischer und Verhaltensstörungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verfügen aber nicht nur über diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun für diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: für neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entwürfe zur Veröffentlichung freigegeben, die endgültigen Fassungen werden dann für beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschläge für den neuen DSM-V veröffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden müssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal überarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was über die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt für heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “Väter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, daß die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen Türen stattfinden, selbst ihm habe man einschlägige Auskünfte verwehrt. Sein Nachfolger für das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Außerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Beflügelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universität, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die große Bedeutung solcher Diagnosemöglichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, hätten sich diese Erwartungen aber nicht erfüllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverlässig feststellen ließen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Persönlichkeitszüge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche Änderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalität der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise fünf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgeprägt sind. Solcherart soll dem häufigen Umstand besser gerecht werden, daß viele Patienten nicht nur an einer einzelnen Störung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch könnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgestört und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz könnte auch dazu führen, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert für eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon für eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den Ärzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, löst aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Darüber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingeführt, die ebenfalls für Diskussionsstoff sorgen dürften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die frühe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das könne zu einer verfrühten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unnötigen Stigmatisierung führen, Befürworter dagegen meinen, diesen Menschen damit früher helfen zu könenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualitätsstörung) ist für Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den Wünschen Transsexueller dürfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentitätsstörung) geben.

Statt der bisher zwölf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch fünf Persönlichkeitsstörungen geben, nämlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische Störung. Damit würde auch das früher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere für Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gefühlsregulationsstörung mit schlechter Stimmung” zu übersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gefühlsausbrüche und negativer Stimmungszustände charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll künftig von den “Störungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings würde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger für eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Veränderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abhängigkeit wurde vollständig durch diejenige von Störungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumstörung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabhängigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abhängigkeit, sondern von substanzbezogenen Störungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollstörungen fällt. Ein Pendant für Internetsucht wurde zwar diskutiert, man möchte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn genügend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan für viele Forschungsprojekte den Ton angibt, könnte alternative Lösungsmöglichkeiten ins Abseits drängen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen dürfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige Rätsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gelöst werden.” (tp)

(Quellen und Auszüge aus: tp, Science 02/2010)

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Feb 17

Im Jahre 2008 wurden laut dem “Verein Vertretungsnetz für Sachwalterschaft, Patientenanwaltschaft, Bewohnervertretung” 20.000 Personen gegen ihren Willen zumindest für kurze Zeit in geschlossene psychiatrische Abteilungen gebracht – also etwa ein Viertel aller stationär behandelten psychisch Kranken.

Bisher musste diese Maßnahme mit zwei Gutachten gerichtlich beeideter Sachverständiger (Psychiatern) begründet werden, das soll nun jedoch anders werden: das Justizministerium plant eine Novelle zum “Unterbringungs- und Heimaufenthaltsgesetz”, die nur mehr ein psychiatrisches Gutachten als Grundlage für die Einweisung vorsieht – es sei denn, der Patient, sein Rechtsvertreter oder ein Angehöriger verlangen dezidiert ein zweites Gutachten. Die offizielle Begründung für diese Maßnahme: Wenn ein Patient “auf die Psychiatrie” komme, müssten alle Beteiligten schnell handeln. Und dies scheitere oft daran, dass es vor allem am Wochenende, an Feiertagen oder nachts zu wenige Psychiater gebe. Aller Voraussicht nach wird der Justizausschuss die Novelle am 17. Februar mit den Stimmen von SPÖ und ÖVP beschließen – trotz der zum Teil massiven Bedenken und Einsprüche von Experten, die das Vier-Augen-Prinzip bei einer solch drastischen Maßnahme für unumgänglich halten.

Neben dem Berufsverband der Psychologen haben sich auch die Kinder- und Jugendanwaltschaften, der ÖGB sowie diverse Patientenvertretungs-Organisationen gegen den Wegfall der Zweituntersuchung ausgesprochen. Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Hilfe für Angehörige und Freunde psychisch Erkrankter sowie die Salzburger und die Wiener Landesregierung fordern zusätzliche Bestimmungen.

Diese habe man erfüllt, argumentiert SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim im Gespräch mit der österr. Zeitung Der Standard: “Patienten, die das wünschen, können ja ein zweites Gutachten verlangen.” Grünen-Justizsprecher Albert Steinhauser hält dies für eine “maximal theoretische Möglichkeit”. Steinhauser: “Welcher Patient weiß das schon oder ist in einer Ausnahmesituation in der Lage, sein Recht durchzusetzen?” Die Grünen werden daher im Ausschuss diesen Passus des Gesetzes ablehnen – die Novelle insgesamt aber befürworten, da sie eine Evaluierung der neuen Regelung durchsetzen konnten. Dies sei deshalb wichtig, “weil wir nicht wollen, dass wir dahin kommen, dass wieder mehr Menschen, die sich auffällig benehmen, auf der Psychiatrie landen” (Steinhauser).

Hinweis R.L.Fellner: die Gesetzesnovelle ist aus meiner Sicht bedenklich, auch ich selbst halte das Vier-Augen-Prinzip sowohl für sinnvoll als auch notwendig. Sollte es im Grunde um Einsparungsmaßnahmen gehen, dann würde hier meiner Ansicht nach am falschen Fleck – nämlich bei den Bürgerrechten – gespart. Wenn angeblich Psychiater nicht erreichbar sind, könnten auch PsychologInnen und PsychotherapeutInnen in die Begutachtung einbezogen werden – diese sind für derartige Begutachtungen ausreichend qualifiziert und vor allem auch bundesweit in einer deutlich größeren Anzahl verfügbar als Fachärzte.

(Quellen: Der Standard, Unterbringungsgesetz aktuell)

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Feb 16

Bisher war kaum bekannt, welchen psychischen Risiken Prostituierte ausgesetzt sind. Eine Forschergruppe der Universität Zürich um den Psychiater W. Rössler hat nun in einer weltweit einmaligen Studie rund 200 Prostituierte in Zürich befragt, etwa 5% der in Zürich registrierten Prostituierten. “Um ein möglichst repräsentatives Bild der Situation von Prostituierten zu erhalten, kontaktierten wir die Frauen unterschiedlicher Nationalitäten in Bars, Bordellen, Studios, Begleitdiensten und auf der Strasse”, erklärte der Psychiater. Die Befragten waren zwischen 18 und 63 Jahre alt, die Mehrheit war in der Schweiz geboren, zwei Drittel besassen einen Schweizer Pass.

Die kürzlich in der renommierten Wissenschaftszeitschrift “Acta Psychiatrica Scandinavica” veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass circa die Hälfte der Befragten psychische Störungen während des letzten Jahres aufwiesen. “30 Prozent erfüllten die Kriterien für eine Depression, 34 Prozent die Kriterien für eine Angststörung”, fasst Rössler die Studie zusammen. In der Gesamtbevölkerung hingegen weisen nur 12 Prozent der Frauen psychische Störungen während eines Jahres auf, davon rund 6 Prozent Depressionen und 9 Prozent Angststörungen.

Besondere Risikofaktoren für psychische Störungen sind einerseits Gewalterfahrungen im und ausserhalb des Milieus sowie die speziellen Arbeitsbedingungen und die Nationalität. Schweizer Frauen, die ihre Dienste auf der Strasse anbieten, sind besonders gefährdet; ebenso Frauen aus Asien oder Südamerika, die in Bars oder Studios arbeiten. Von diesen wiesen bis zu 90 Prozent psychische Störungen auf. “Es hat sich aber auch gezeigt”, so Rössler, “dass soziale Unterstützung das Risiko für psychische Störungen reduziert.”

Er betont, dass vor allem die Rahmenbedingungen der Sexarbeiterinnen verbessert werden müssen: “Sichere Arbeitsbedingungen sind ebenso wichtig wie soziale Hilfen für diese Frauen, die allein im Raum Zürich jährlich bis zu 2,8 Millionen Kontakte mit Freiern haben.”
Aus therapeutischer Sicht möchte ich anmerken, daß die soziale Stigmatisierung von Prostituierten sowie die soziale Isolation, in der insbesondere viele sich prostituierende Immigrantinnen erster und zweiter Generation leben, sicherlich ebenfalls einen erheblichen Anteil an der Prävalenz psychischer Störungen unter Prostituierten haben. Würden Prostituierte als Dienstleisterinnen anerkannt, legalisiert und vor allem auch von staatlicher Seite mit “moralisch einwandfreien” Berufen gleichberechtigt behandelt (z.B. hinsichtlich Sozialversicherung etc.), würde dies mit Sicherheit nicht ohne positive Auswirkung für die Szene insgesamt, besonders aber für die individuellen Schicksale der Sex-Arbeiterinnen bleiben.

(Quellen: MedAustira, Acta Psychiatrica Scandinavica, 2010: 1-10 (doi: 10.1111/j.1600-0447.2009.01533.x )

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Feb 16

Bei Frauen, die selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) einnehmen, kann der Milchfluss nach der Geburt verspätet einsetzen. Dies ist das Resultat einer Studie, die in der Februar-Ausgabe des Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism erscheint. Zuvor hatten Studien an der Universität von Cincinnati gezeigt, dass Serotonin an der Regulation der Laktation in der Milchdrüse beteiligt ist. Es lag deshalb nahe, den Einfluss von SSRI auf die Milchdrüse zu prüfen, und es wurden Versuchsreihen mit genetisch modifizierten Mäusen und an 431 postpartalen Frauen durchgeführt.

Bei den mit SSRI behandelten Frauen setzte der Milchfluss im Schnitt 85,8 Stunden nach der Geburt ein, bei den unbehandelten Müttern dauerte es dagegen 69,1 Stunden. Im Allgemeinen ist der verzögerte Milcheinschuss mit einer Latenz von über 72 Stunden nach der Geburt definiert. Diese Erkenntnisse sind nicht alarmierend, zeigen aber doch, daß SSRI’s auch physiologische Querwirkungen in bisher unerwarteten Bereichen haben.

(Quelle: Medical News Today, 27 Jan 2010)

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Feb 16

Der Lancet hat einen umstrittenen Artikel zurückgerufen, in dem ein Zusammenhang zwischen Autismus und Schutzimpfungen gegen Masern, Mumps und Röteln nahegelegt wurde. Es hätte sich gezeigt, dass mehrere Teile der Studie inkorrekt seien, teilte das Fachjournal in London mit. Die 1998 veröffentlichte Arbeit werde daher vollständig zurückgezogen. Die Mehrzahl der Autoren hatte sich bereits vor fünf Jahren von den Schlussfolgerungen der Studie distanziert, welche von Impfgegnern immer wieder als wissenschaftliches Indiz für ihre eigenen Thesen herangezogen wurde.

Die britische Arbeit hatte bei zwölf Kindern einen Zusammenhang zwischen Darmentzündungen und Entwicklungsstörungen wie Autismus untersucht. Dabei wurde ein Zusammenhang mit der Dreifachimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) nahegelegt. Keine nachfolgende Studie konnte einen solchen Zusammenhang nachvollziehen, dennoch sank in der Folge die Impfbereitschaft in Großbritannien und in anderen Ländern teils stark. Für das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Masern in Europa auszurotten, bedeutete dies einen herben Rückschlag. Masern sind – vor allem in Entwicklungsländern – eine der führenden Todesursachen bei kleinen Kindern.

(Quellen: APA, Blog v Brian Deer, Lancet)

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