Jul 25
Autismus Schwangerschaft Antidepressiva

Erhöhtes Risiko bei Antidepressiva-Einnahme der Mutter während der Schwangerschaft (Bildquelle: Fotolia)

Schon seit vielen Jahren wird ein Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen (besonders Depressionen) von M√ľttern und der Wahrscheinlichkeit derer Kinder, an Autismus zu erkranken, vermutet. Nun scheint eine im British Medical Journal ver√∂ffentlichte Studie der Universit√§t Bristol diese Vermutung – wenn auch auf andere Weise – zu erh√§rten.

So scheint der Konsum von Antidepressiva w√§hrend der Schwangerschaft zumindest teilweise mit dem sp√§teren Auftreten von Autismus bei Kindern zusammenzuh√§ngen. Kinder, deren M√ľtter w√§hrend der Schwangerschaft zu Antidepressiva greifen, tragen den gefundenen Zahlen zufolge ein h√∂heres Autismus-Risiko als Kinder, deren psychisch erkrankten M√ľtter auf diese medikament√∂se Intervention verzichten. Dieses Risiko ist – dieser Studie zufolge – allerdings nur leicht erh√∂ht.

In der Studie wurden 250.000 zwischen vier und 17 Jahre alte schwedische Kinder und Jugendliche, unter denen sich mehr als 5.000 Menschen mit Autismus befanden, untersucht. Ihre M√ľtter waren entweder psychisch unbelastet oder von Depression betroffen, manche der letzteren nahmen Antidepressiva ein oder verzichteten auf Medikamente. Die Kinder der M√ľtter, welche w√§hrend ihrer Schwangerschaft Antidepressiva einnahmen, waren sp√§ter zu 4,1% von Autismus betroffen, jene von M√ľttern, die keine entsprechenden Medikamente einnahmen, nur zu 2,9%.
Demnach brachten mehr als 95% der M√ľtter, die Antidepressiva einnahmen, keine autistischen Kinder zur Welt.

Bemerkenswert ist allerdings, dass andere Studien mit √§hnlichen Fragestellungen teils deutlich h√∂here Wahrscheinlichkeiten f√ľr Autismus-Entwicklung der Kinder ergaben (bis zu einer Verdopplung des Risikos bei der Einnahme von SSRI’s, selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, w√§hrend des 2. und 3. Trimesters der Schwangerschaft im Zuge einer Studie der Unversit√§t von Montreal 2015 (p=145.000), teils auch gar keinen Zusammenhang fanden (z.B. 2015).

Aus den zur Verf√ľgung stehenden Forschungsergebnissen ist nach Meinung des Autors somit keine generelle Warnung hinsichtlich der Einnahme von Antidepressiva abzuleiten: ist also eine unterst√ľtzende Einnahme von Antidepressiva rechtzufertigen (z.B. bei erheblich belastenden und trotz regelm√§√üiger Psychotherapie nur wenig ver√§nderlichen Depressionsformen), sollte diese durchaus auch w√§hrend der Schwangerschaft fortgesetzt werden – sofern sich die damit verbundene hormonelle Umstellung nicht ohnedies bereits positiv auf die Depression auswirkt!

Dec 18

Dies ist ein “Sammeleintrag” √§hnlich meinen Blog-Eintr√§gen zu den Themen “Partnersuche“, “Suizid” oder “Autismus“, in denen ich Forschungsergebnisse zum pers√∂nlichen, gesellschaftlichen oder sozialversicherungsm√§√üigen Gewinn durch Psychotherapie sammle. Falls Ihnen einschl√§gige Studien bekannt sind, die hier noch nicht gelistet sind, f√ľge ich sie nach einer kurzen E-Mail gerne hinzu.

  • Rund 20% der Kinder und Jugendlichen in Europa leiden an psychischen Erkrankungen, die einschr√§nkend wirken und daher als krankheitswertig und behandlungsbed√ľrftig zu bezeichnen sind (WHO 2005). Man darf auf Basis des heute verf√ľgbaren Wissens √ľber √Ątiologie, therapeutische Beeinflussbarkeit und den Verlauf psychischer St√∂rungen jedoch davon ausgehen, dass der Gro√üteil dieser psychischen St√∂rungen erfolgreich psychotherapeutisch behandelbar w√§re (Mattejat F (2004): Perspektiven einer entwicklungsorientierten Psychotherapie. In: Lehmkuhl U, Lehmkuhl G (Hrsg). Fr√ľhe psychische St√∂rungen und ihre Behandlung. Vandenhoeck & Ruprecht, G√∂ttingen; Schmidt MH (2004) Verlauf psychischer St√∂rungen bei Kindern und Jugendlichen. Deutsches √Ąrzteblat 101: 38)
  • 1 Euro f√ľr Therapie = 4 Euro “Gewinn”: jeder Euro, der in die Behandlung von Depression und Angstst√∂rungen flie√üt, stehen 4 Euro “Gewinn” durch die Aufrechterhaltung der Erwerbsf√§higkeit und Vermeidung von Folgekosten (von Arbeitsplatzverlust √ľber physiologische Erkrankungen, Gewalt, Drogenmi√übrauch etc.) gegen√ľber. In der Lancet-Studie (04/2016) wurden unter “Therapie” alle Ma√ünahmen von ausschlie√ülich medikament√∂ser Behandlung √ľber psychosoziale Ma√ünahmen bis Psychotherapie zusammengefa√üt.
  • Fr√ľhe Psychotherapie wirkt im “Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology” publizierten Studien zufolge besser als Medikamente f√ľr Kinder, die an ADHS leiden (Details, Studie 1, Studie 2).
  • Die meisten psychischen St√∂rungen sind wiederkehrend und chronifizieren, wenn sie unbehandelt bleiben (Baltesberger C., Grawe K (2001): Psychotherapie unter gesundheits√∂konomischem Aspekt. Zeitschrift f√ľr Klinische Psychologie und Psychotherapie 30 (1): 10-21, Hogrefe-Verlag, G√∂ttingen). Margraf fasst die epidemiologischen Daten v.a. der Angstst√∂rungen und Depressionen mit den Kostendaten in Deutschland und der Schweiz so zusammen: “Statt fr√ľh, ambulant und kosteng√ľnstig werden psychische St√∂rungen sp√§t, station√§r und teuer behandelt.”
  • Die Nicht-Durchf√ľhrung bzw. Nicht-Miteinschlie√üung von Psychotherapie im Versorgungssystem kommt teuer: den Milliardenkosten (gesch√§tzt 2,8 Mrd. Euro laut Arbeiterkammer (Juli 2008), die¬†in √Ėsterreich durch psychische St√∂rungen j√§hrlich verursacht werden, stehen Aufwendungen f√ľr Psychotherapie von rund 45 (!) Millionen Euro gegen√ľber.
  • Laut Hauptverband der Sozialversicherungstr√§ger sind die Verschreibungen f√ľr Antidepressiva f√ľr die Alterstruppe von 5-19 Jahren allein vom Jahr 2006 bis 2007 um 11.461 gestiegen, auch im Bereich der Anxiolytika (Angst-Medikamente) war in dieser Altersgruppe ein Anstieg innerhalb nur eines Jahres um 1.916 Verschreibungen zu verzeichnen. Eine psychotherapeutische Behandlung w√ľrde in vielen dieser F√§lle nicht nur eine Alternative zur rein psychopharmakologischen Behandlung darstellen, sondern sie w√§re, da in der Psychotherapie grundlegend an der Problemanalyse, -bew√§ltigung und Verbesserung der Entwicklungsbedingungen gearbeitet wird, auch aus ethischen Gesichtspunkten vorzuziehen. Auch ein “Immunisierungseffekt” gegen psychische St√∂rungen gelingt in aller Regel deutlich besser √ľber Psychotherapie denn √ľber die symptombezogene Einnahme von Medikamenten.

Falls Sie evt. relevante Studienergebnisse √ľber den Nutzen von Psychotherapie fanden, die hier noch nicht angef√ľhrt sind, w√§re es im Sinne der allgemeinen N√ľtzlichkeit dieses Artikel nett, wenn Sie auf diese im Kommentarbereich hinweisen k√∂nnten. Danke!

 

Dec 17

Hyperhidrose kann eine schwere Belastung f√ľr die Betroffenen darstellen (Bild: dermnetz)

Nach einer Studie in der Dezember-Ausgabe des Journal of the American Academy of Dermatology ist Hyperhidrosis bzw. Hyperhidrose (HH), also das verstärkte Schwitzen, mit einer erhöhten Prävalenz von Angst und Depression verbunden.

Wirklich wahr! Nun, diese Erkenntnis best√§tigt etwas, das in der Psychotherapie der diesbez√ľglichen St√∂rung schon seit jeher die g√§ngige Arbeitshypothese darstellt: das Schwitzen der Hyperhydrose-Betroffenen ist in aller Regel ein Zeichen chronischer (nicht immer bewu√üter) Stress-Spannung. Angst und psychische Spannung aber erzeugen √ľber das sympathische (im Gegensatz zum parasympathischen) System eine erh√∂hte Produktion der Schwei√üdr√ľsen. Die Hyperhidrose-Betroffenen leiden im Alltag oder spezifischen (z.B. sozialen) Situationen also unter erh√∂hten Angst- und Stressgef√ľhlen, h√§ufig leiden die Betroffenen dar√ľber hinaus auch an einer depressiven Symptomatik.

In der Studie untersuchten Dr. R. Bahar von der Universität von British Columbia in Vancouver, Canada, und Kollegen die Prävalenz von Angst und Depression bei Patienten mit oder ohne Hyperhidrose. Insgesamt wurden 2.017 Dermatologie-Patienten mit standardisierten psychologischen Testfragebögen auf Depression und Angst hin getestet.

Das Vorkommen von Angst wurde bei 21.3% und Depressionen bei 27.2% der Hyperhidrose-Patienten vorgefunden, verglichen mit 7.5% und 9.7% bei Patienten ohne Hyperhidrose (beide p<0,001). Positive Korrelationen wurden f√ľr Hyperhydrose-Intensit√§t und Angst- und Depressions-Vorkommen gefunden. In der multivarianten Analyse war die Hyperhidrose-assoziierte Zunahme des Vorkommens von Angstsymptomen und Depression unabh√§ngig von demographischen Faktoren und bereits vorhandenen Hauterkrankungen.

“Sowohl einzelvariante als auch multivariable Analysen zeigten eine signifikante Assoziation zwischen Hyperhidrose und dem Vorliegen von Angst- und Depressionssymptomen je nach Intensit√§t der Hyperhidrose-Symptomatik”, schreiben die Autoren.

Quelle: Prevalence of anxiety and depression in patients with or without hyperhidrosis (HH) in: Journal of the American Academy of Dermatology , Volume 75 , Issue 6 , 1126 – 1130

Dec 16
Reizmagen- und Reizdarm-Syndrom können das Leben zur Qual machen (Bildquelle: findhomeremedies.com)

Reizmagen- und Reizdarm-Syndrom können das Leben zur Qual machen (Bildquelle: findhomeremedies.com)

Weltweit leiden etwa 1 von 10 Erwachsenen unter der häufig schmerzhaften und schwächenden Erkrankung namens Reizdarmsyndrom (engl.: irritable bowel syndrome / IBS), eine Erkrankung, welche nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Gesundheitskassen enorm belastet: in den USA schätzungsweise mit 1 Mrd. US-Dollar pro Jahr.

Eine Meta-Analyse, welche im Dezember 2015 in der Zeitschrift Clinical Gastroenterology and Hepatology ver√∂ffentlicht wurde, hat nun festgestellt, dass die positiven Auswirkungen von Psychotherapie langanhaltend sind (in der Analyse der Ergebnisse von insgesamt 41 klinischen Studien aus einer Reihe von verschiedenen L√§ndern mit mehr als 2.200 Patienten konnte hierbei ein Zeitraum von bis zu 12 Monaten gepr√ľft werden). Schon fr√ľhere Studien stellten fest, dass Psychotherapie mindestens genauso wirksam wie Medikamente bei der Verringerung der Symptomatik dieser gastrointestinalen St√∂rung ist.

“Unsere Studie ist die erste, die langfristige Auswirkungen betrachtet hat”, sagte einer der Autoren, Lynn S. Walker, Professor f√ľr P√§diatrie am Vanderbilt University Medical Center. “Wir haben festgestellt, dass der moderate Nutzen, den Psychotherapie kurzfristig vermittelt, langfristig anh√§lt.” Dies ist von Bedeutung, da das Reizdarmsyndrom eine chronische, intermittierende Erkrankung ist, f√ľr die es keine gute medizinische Behandlung gibt.
Sie ist durch chronische Bauchschmerzen, Unwohlsein, Bl√§hungen, Durchfall oder Verstopfung gekennzeichnet und als St√∂rung der “Gehirn-Darm-Achse” klassifiziert. F√ľr sie ist heute keine medizinische Heilung verf√ľgbar, es gibt jedoch Behandlungen zur Linderung der Symptome wie di√§tetische Anpassungen, Medikamente und psychotherapeutische Interventionen.

“Westliche Medizin betrachtet den Geist als getrennt vom K√∂rper, das Reizdarmsyndrom ist jedoch ein perfektes Beispiel daf√ľr, wie die beiden miteinander verbunden sind”, sagte einer der Mitautoren K. Laird. “Denn Magen-Darm-Symptome k√∂nnen √ľber Stress und Angst die Intensit√§t der Symptome erh√∂hen: dies ist ein Teufelskreis, den psychotherapeutische Behandlung zu durchbrechen unterst√ľtzen kann.

In einer separaten Studie untersuchten die Psychologen der Vanderbilt University verschiedene psychotherapeutische Methoden hinsichtlich ihrer Verbesserung der F√§higkeit der Reizdarmsyndrom-Patienten, an t√§glichen Aktivit√§ten teilzunehmen. Sie fanden zum einen, dass Psychotherapie bessere Erfolge zeitigte als andere Verfahren. Als besonders effektiv erwiesen sich hierbei konfrontative Verfahren (wie sie z.B. in der Verhaltenstherapie und der Systemischen Psychotherapie bzw. Kurzzeittherapie eingesetzt werden), bei denen die Betroffenen mit unangenehmen Situationen konfrontiert bzw. diesen ausgesetzt werden. Schlie√ülich sollen bei fortschreitendem therapeutischem Behandlungserfolg auch wieder lange Autofahrten, das Essen in Restaurants und Besuche von Orten, an denen nicht jederzeit Toiletten verf√ľgbar sind, m√∂glich sein.

“Die Bewertung der t√§glichen Funktion ist wichtig, weil sie zwischen jemandem unterscheidet, der k√∂rperliche Symptome erlebt, sich aber voll und ganz f√ľr Arbeit, Schule und soziale Aktivit√§ten engagieren kann – und jemand, der das nicht kann”, sagte K. Laird, die Hauptautorin der Studie “Comparative efficacy of psychological therapies for improving mental health and daily functioning in irritable bowel syndrome”, welche im November 2016 ver√∂ffentlicht wurde.

Quellen: [1, 2]

Dec 07
Photo: Reset.me

Photo: Reset.me

Die Nahrungs- und Arzneimittel-Behörde FDA in den USA könnte bis zum Jahr 2021 die chemische Substanz MDMA als Arzneimittel zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen legalisieren, wenn der Nachweis positiver Wirkungen unter kontrollierter Dosierung in Kombination mit Psychotherapie gelingt.

Die FDA hat damit gr√ľnes Licht f√ľr die sog. “Phase 3” der Versuche mit MDMA gegeben, die abschlie√üende Phase der Validierung, die erforderlich ist, um der Partydroge den Status einer im staatlichen Gesundheitssystem anerkannten Arzneimittels zu verleihen.

Die Behandlung beinhaltet die insgesamt 3-malige Verabreichung der Droge (1x pro Monat) erg√§nzt durch w√∂chentliche Psychotherapie-Sitzungen. Fr√ľhere Studien rund um die Substanz, welche derzeit von der DEA (Drug Enforcement Administration) gemeinsam mit Heroin und LSD in der Drogenkategorie 1 enthalten ist, zeigten ermutigende Ergebnisse f√ľr Patienten mit hartn√§ckigen Formen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen (PTBS). “Wir haben signifikante Hinweise darauf, dass sich MDMA in der unterst√ľtzenden Behandlung von PTSD als wirksam erweist,” sagte Brad Burge von der Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS), einer gemeinn√ľtzigen Organisation in Santa Cruz, Kalifornien, die sich bem√ľht, MDMA medikamenten-Status zu verleihen: “Dass die FDA nun die Einleitung der Phase 3 bewilligte, ist ein starker Hinweis darauf, dass die Beh√∂rde dies genauso sieht”.

Etwa 50% der in “Phase 3” eingereichten Medikamente versagen. Passiert dies mit MDMA bei der Verwendung in der Therapie von PTBS-Patienten jedoch nicht, k√∂nnte die Substanz bereits im Jahre 2021 zur Verwendung eingereicht werden. Das Medikament w√§re dann nicht auf Verschreibung f√ľr die Patienten zu Hause (√§hnlich wie Marihuana in vielen US-Bundesstaaten) verf√ľgbar, sondern gem√§√ü dem Design der Studien w√ľrde es von ausgebildeten Psychotherapeuten in lizenzierten Zentren verwaltet und verabreicht werden. “Die Menschen kommen in eine Klinik, erhalten eine MDMA-Pille vom Arzt und nehmen sie sofort f√ľr ihre Therapiesitzung. Sie nehmen die Pille nicht nach Hause”, so Burge.

MDMA ist per se nicht mit der Partydroge Ecstasy oder “Molly” vergleichbar. “Weniger als die H√§lfte der auf der Stra√üe erh√§ltlichen Ecstasy- oder Molly-Pillen enth√§lt √ľberhaupt MDMA, sondern in der Regel sch√§dliche Ersatzstoffe”, erkl√§rt Burge. Das bedeute aber im Umkehrschlu√ü nicht, dass MDMA ungef√§hrlich sei. Die Droge kann unter bestimmten Bedingungen zu √úberhitzungssymptomen und Organversagen f√ľhren. Die MDMA-Pillen, die Patienten w√§hrend der Versuche verabreicht werden, haben pharmazeutische Qualit√§t mit einer festgelegten Dosis des Wirkstoffs und werden f√ľr die Versuchsreihe in Nordengland hergestellt.

Apr 15

Störungen aus dem Autismus-Spektrum werden in ihrer Komplexität bis heute nur unzureichend verstanden.

Dies ist ein “Sammeleintrag” √§hnlich meinen Blog-Eintr√§gen zu den Themen “Partnersuche” oder “Suizid“, in dem ich Forschungsergebnisse zum Autismus-Spektrum (davon insbesondere auch dem Asperger-Syndrom) zusammentrage. Falls Ihnen einschl√§gige Studien bekannt sind, die hier noch nicht gelistet sind, f√ľge ich sie nach einer kurzen E-Mail gerne hinzu.

ASD (Autism Spectrum Disorder) ist der Name f√ľr eine bestimmte Gruppe von Verhaltens- und Entwicklungsst√∂rungen, die das Sozialverhalten und die Kommunikation der Betroffenen beeinflussen. Sie werden durch seltene genetische Varianten verursacht, die beeinflussen, wie das Gehirn w√§chst und sich entwickelt. Gerade im psychotherapeutischen Bereich stigmatisiert man Menschen heute nur mehr ungern verallgemeinernd als “Autisten”, sondern verortet sie eher in ihrer individuellen Auspr√§gung auf dem gesamten, breit gelagerten Spektrum dieser St√∂rungssymptomatik.

Zur Einleitung m√∂chte ich einige h√§ufige Grundannahmen sowie den tats√§chlichen therapeutischen Wissensstand zum Thema Autismus anf√ľhren. Sie basieren auf einem Interview mit Dr. Peter Szatmari, einem der f√ľhrenden Autismus-Forscher in Kanada.

MYTHOS: “Es gibt immer mehr Autisten.”

FAKT: Die Pr√§valenz von Menschen, die mit St√∂rungen aus dem Autismus-Spektrum diagnostiziert wurden, nahm seit Mitte der 1980er-Jahre etwa um das Zehnfache zu – vermutlich jedoch vor allem deshalb, weil sich seither die diagnostischen Kriterien ver√§nderten, und auch ein st√§rkeres Wissen im medizinischen und therapeutischen Bereich √ľber die Erscheinungsformen von Autismus-St√∂rungen in unterschiedlichen Altersstufen existiert. Es gibt keine Hinweise auf Umweltfaktoren, die f√ľr den Anstieg der H√§ufigkeit verantwortlich sein k√∂nnten (siehe auch: http://www.heise.de/tp/news/USA-Starker-Anstieg-von-Autismus-bei-Kindern-2006864.html )

MYTHOS: “Impfungen verursachen Autismus.”

FAKT: Es gilt heute als absolut gesichert, dass Autismus nicht durch Impfstoffe verursacht wird. Die erste und bislang einzige “wissenschaftliche” Studie, die zu diesem Thema ver√∂ffentlicht wurde, wurde widerlegt. Die darin getroffene Behauptung wurde als betr√ľgerisch erkannt und wird z.T. juristisch verfolgt. In einigen Regionen wurden dennoch jene Wirkstoffe, die angeblich Autismus h√§tten verursachen sollen, aus den Impfstoffen entfernt, was aber die Zahlen der Autismus-Diagnosen nicht beeinflu√üte.
Einen PT-Blog-Eintrag zu diesem Thema finden Sie auch hier: https://www.psychotherapiepraxis.at/pt-blog/autismus-impfschaeden/ .

MYTHOS: “Erziehungsfehler sind der Grund f√ľr St√∂rungen aus dem Autismus-Spektrum.”

FAKT: Dieser Mythos stammt aus qualitativ sehr schlechten Forschungsans√§tzen der 1950er-Jahre (z.B. Bruno Bettelheim), wurde aber bereits in den 1960er-Jahren weitgehend widerlegt. Es gibt absolut keinen Beweis daf√ľr, dass schlechte Erziehung oder schlechte Eltern-Kind-Beziehungen Autismus verursachen. ASD wird durch genetische Faktoren verursacht, m√∂glicherweise mit Umweltfaktoren in utero kombiniert.

MYTHOS: “Nur Jungen k√∂nnen Autismus haben.”

FAKT: Das Geschlechterverh√§ltnis bei dieser Art von St√∂rung ist in etwa 4 Jungen zu 1 M√§dchen. M√§dchen k√∂nnen ebenso wie Jungen an ASD erkranken, sind aber h√§ufig st√§rker betroffen als diese. Das k√∂nnte an der teils unterschiedlichen Symptomatik liegen, welche die korrekte Diagnose h√§ufig verz√∂gert. Wegen dieser Schwankungen sollten die diagnostischen Kriterien f√ľr M√§dchen angepasst werden.

MYTHOS: “ASD kann mit einer Di√§t oder andere alternativen Behandlungen geheilt werden.”

FAKT: Ob Autismus “geheilt” werden kann oder nicht, ist umstritten – es gilt jedoch als gesichert, dass Kinder mit ASD bessere Fortschritte erzielen k√∂nnen, wenn sie z.B. fr√ľher und intensiver F√∂rderungsma√ünahmen erfahren.

MYTHOS: “Menschen mit ASD haben verk√ľmmerte Gef√ľhle und kn√ľpfen nicht gerne Kontakte.”

FAKT: Menschen mit Autismus-Spektrum-St√∂rungen f√ľhlen sehr wohl Emotionen und m√∂chten auch Kontakte kn√ľpfen, aber ihre Kommunikation und der Ausdruck ihrer Gef√ľhle ist untypisch und wird in seiner Art von anderen h√§ufig als schwierig empfunden. Auch ist der Kontaktwunsch h√§ufig nicht so intensiv wie bei regul√§r entwickelten Kindern und Erwachsenen.

MYTHOS: “Autismus verleiht den Betroffenen spezielle F√§higkeiten oder macht sie genial.”

FAKT: Diese Vorstellung stammt aus √§lteren Forschungen, die suggerierten, da√ü viele Autismus-Betroffene trotz stark reduzierten Sprachausdrucks oder kognitiver Behinderungen ein fantastisches Ged√§chtnis oder z.B. ein √ľberdurchschnittliches Zeichen- oder Rechentalent h√§tten. F√ľr eine kleine Minderheit von Autismus-Spektrum-St√∂rung-Betroffenen stimmt das, aber w√§re treffender, diese F√§higkeiten als starke Teilleistungsst√§rken zu sehen, statt sie als “Genialit√§t” zu bezeichnen. Die Definition eines Genies erfordert einen IQ von √ľber 120, der bei Autismus-Betroffenen leider weitaus weniger wahrscheinlich ist als in der Durchschnittsbev√∂lkerung.

MYTHOS: “Autistische Kinder sollten in speziellen Programmen gezielt gef√∂rdert werden.”

FAKT: Kinder mit ASD profitieren von Interaktionen mit alterstypisch entwickelten Kindern, weil dies ihre sozialen und kommunikativen F√§higkeiten verbessert und ihre eigenen wiederholenden Spielmuster reduziert. Die Behandlungsempfehlung ist heute, Kinder nach M√∂glichkeit im Bildungs-Mainstream zu halten und sie nur unter au√üergew√∂hnlichen Umst√§nden und f√ľr kurze Zeitr√§ume aus diesen herauszuziehen. Kinder mit Autismus-St√∂rungen ben√∂tigen allerdings besondere Bildungspl√§ne, die ihre Behinderung ber√ľcksichtigen.

MYTHOS: “Man sollte versuchen, wiederholende Verhaltensmuster autistischer Kinder zu stoppen.”

FAKT: Wichtig ist es, die Funktion dieser Verhaltensmuster zu verstehen. Diese kann z.B. im √úberwinden von Langeweile bestehen, aber auch Stress oder ein Spielbed√ľrfnis ausdr√ľcken. Ziel der Behandlung ist in diesem Bereich, das sich wiederholende Verhalten in Richtung eines mehr entwicklungsf√∂rderlichen und typischen Spiels zu √§ndern. Es geht also um die Ver√§nderung der Ursachen der Verhaltensmuster statt darum, lediglich das gezeigte Verhalten zu ver√§ndern.

MYTHOS: “Kinder mit Autismus k√∂nnen nicht selbst√§ndige Erwachsene werden.”

FAKT: Die Bandbreite der Entwicklungsm√∂glichkeiten f√ľr Kinder mit Asperger-Syndrom ist enorm. Viele Kinder mit Autismus-Spektrum-St√∂rungen k√∂nnen als Erwachsene unabh√§ngig leben, arbeiten, enge Freundschaften entwickeln, auch romantische Beziehungen. Es ist zwar wahrscheinlich, dass die meisten Erwachsenen mit derartigen St√∂rungen immer irgendeine Art von Unterst√ľtzung ben√∂tigen, doch kann dies oft in gr√∂√üeren Abst√§nden erfolgen (z.B. regelm√§√üige Psychotherapie in ambulantem Rahmen). Viele Autisten dagegen ben√∂tigen spezielle Vollzeitbetreuung, aber auch hier gibt es die gesamte Bandbreite vom klinischen Kontext bis zu Services, wie sie in jeder gr√∂√üeren Stadt zur Verf√ľgung stehen (z.B. betreutes Wohnen, Integrations-Arbeitspl√§tze etc.).

Noch einige weitere Fakten zum Thema Autismus:

  • Empathie-Defizit k√∂nnte Trugschluss sein: Autisten sind m√∂glicherweise im Umgang mit negativen Gef√ľhlen anderer schlichtweg √ľberfordert und schotten sich daher ab (Presseartikel, Studie “From shared to distinct self‚Äďother representations in empathy: evidence from neurotypical function and socio-cognitive disorders”)
  • Die neuronalen St√∂rungen von Autisten k√∂nnten reversibel sein: https://www.psychotherapiepraxis.at/pt-blog/neuronale-stoerung-autismus/
  • Studien zur Geburtsreihenfolge, dem Alter der Eltern und dem sich dadurch offenbar √§ndernden Autismus-Risiko: https://www.psychotherapiepraxis.at/pt-blog/autismus-risiko-ursachen/
  • Autisten scheinen besseres Sehverm√∂gen aufzuweisen: https://www.psychotherapiepraxis.at/pt-blog/autismus-sehschaerfe/

Quellen: Debunking Autism Myths, 11/2015
Image sources: sciencebasedmedicine.org (brain)

Jan 05

Was ist der Unterschied zwischen dem St√∂rungsbild der Depression und “schlechter Stimmung” bzw. “Traurigkeit”? Diese h√§ufig gestellte Frage ist mitunter schwierig zu beantworten, und tats√§chlich kann es alles andere als einfach sein, zu unterscheiden, ob es sich bei verschiedenen Zeichen von Niedergeschlagenheit oder etwa auch k√∂rperlichen Symptomen nicht tats√§chlich im Grunde um eine Depression handeln k√∂nnte.

Um diesbez√ľglich etwas Licht ins Dunkel zu bringen (vielleicht sogar in metaphorischem Sinne), m√∂chte ich Sie einladen, den auf meiner Website verf√ľgbaren Online-Test auf Depression durchzuf√ľhren, oder sehen Sie sich das untenstehende kurze Video mit ersten Informationen zu dieser Thematik an. Gerne k√∂nnen Sie weiter unten auch Ihre Erfahrungen und Beobachtungen anbringen – vielleicht k√∂nnen diese anderen weiterhelfen, die sich selbst √§hnliche Fragen stellen.

Hier bei dieser Gelegenheit noch ein sch√∂ner √úberblick √ľber den aktuellen Forschungsstand zur Depression und verf√ľgbaren Therapie-Ans√§tzen:

Oct 24

Arno Gruen (Foto: SRF, 2015)

Ein gro√üer Versteher der menschlichen Psyche ist von uns gegangen – der Psychoanalytiker und Psychologe Arno Gruen (*1923 in Berlin) ist am 20.10.2015 in Z√ľrich verstorben. Im Alter von 13 Jahren emigrierte Gruen’s j√ľdische Familie in die USA, wo er sp√§ter Psychologie studierte und ab 1954 die psychologische Abteilung der ersten therapeutischen Kinderklinik in Harlem leitete. 1958 er√∂ffnete er eine psychoanalytische Praxis in New York und promovierte beim Freud-Sch√ľler Theodor Reik. Sp√§ter folgten Professuren in Neurologie und Psychologie. Seit 1979 lebte und praktizierte Arno Gruen wieder in der Schweiz, unterhielt aber nach wie vor viele Verbindungen in die USA.

Unter dem Eindruck der Geschehnisse in den Konzentrationslagern und der Dynamiken des Faschismus entwickelte Gruen ein tiefes Verst√§ndnis f√ľr die Funktionsmechanismen von Autorit√§t, Gewalt, Fremdenhass, menschlicher Destruktivit√§t und Angst, widmete sich aber auch aktuellen gesellschaftspolitischen Themen wie etwa dem islamistischen Terrorismus. Er verfa√üte in ihrer Tiefe au√üergew√∂hnliche Werke, die einen neuen Blick besonders auf die geknechtete menschliche Psyche, die sich h√§ufig unter einer gef√ľhlskalten oder aalglatten Erscheinung verbirgt, er√∂ffnet hat. Mit Gruen geht ein ganz feiner, unaufdringlicher Beobachter der menschlichen Psyche verloren, der mich als praktizierender Therapeut in meinem Tun und meinem eigenen Verst√§ndnis der Triebkr√§fte des Menschseins, der Empathie, den Abgr√ľnden der Gewalt und des Extremismus stark beeinflu√üt hat. Ich hatte vor einigen Jahren brieflichen Kontakt mit Gruen, in dem mich seine Bescheidenheit und sein Bem√ľhen, “da zu sein” und auch da wieder seine Beobachtungsgabe und Einsichtsf√§higkeit beeindruckte. Er war kein “Belehrer”, der sich im Glanz der √Ėffentlichkeit und der Medien sonnte, sondern ein leiser Nachdenker und einf√ľhlsamer Zuh√∂rer, dessen Intensit√§t und Tiefe sich oft erst in dem, was seine Sprache transportierte, erschlo√ü.

Das vorerst letzte Buch “Wider die kalte Vernunft”, einer Kritik der abstrakten Rationalisierung, wird voraussichtlich in wenigen Monaten erscheinen.

Interviews und empfehlenswerte Literatur:

Interview mit Arno Gruen in “Sternstunde Kultur”, 06/2015

 

Oct 20

Ein gefundenes Fressen f√ľr die Medien war die k√ľrzliche Freigabe von Flibanserin (vertrieben als “Addyi”) in den USA, ein neu entwickeltes Medikament, das die Lust von Frauen auf Sex steigern soll. Im Unterschied zu Viagra wirkt Flibanserin allerdings weniger auf k√∂rperlicher, sondern vielmehr auf neurologischer Ebene: eigentlich handelt es sich bei dem Medikament um ein Antidepressivum, das den Serotonin-Spiegel (welcher lusthemmend wirkt) absenkt, und die Konzentration der Gl√ľckshormone Dopamin und Noradrenalin anhebt (was sich libidosteigernd auswirken kann). Insofern ist auch der ‘modus operandi’ der Einnahme wie bei AD’s: die Pille mu√ü t√§glich eingenommen werden, egal, ob Sex geplant ist oder nicht. Und frau mu√ü mit Nebenwirkungen rechnen, wie sie auch bei der Einnahme von Antidepressiva auftreten k√∂nnen, etwa Schlafst√∂rungen, Schwindel, √úbelkeit, Schl√§frigkeit, Angstsymptomen. Gef√§hrlich soll die Einnahme gar in Verbindung mit Alkoholkonsum sein – was gerade bei einem solchen Arzneimittel einigerma√üen ironisch anmutet.

Zugelassen wurde das Mittel f√ľr Frauen vor der Menopause, welche an einem Mangel an sexuellem Verlangen leiden. Hief√ľr wurden, wohl aus Marketing-Gr√ľnden, sogar zwei neue Krankheitsbegriffe geschaffen: “Hypoactive Sexual Desire Disorder” (HSDD) und “Female Sexual Dysfunction” (FSD) und prompt Studien pr√§sentiert, denen zufolge bis zu 25% der Frauen an dieser “St√∂rung” leiden sollen. All dies, obwohl ja Libidomangel bereits sowohl im Diagnoseverzeichnis ICD-10 als auch dem DSM definiert ist. Laut der zulassenden FDA soll das Medikament nur verschrieben werden, wenn der Lustmangel nicht durch die aktuellen Lebensumst√§nde bedingt ist, also z.B. durch Schwangerschaft, Stillphase, Krankheiten, Medikamenteneinnahme oder Probleme in der Partnerschaft. Man braucht jedoch kein gro√üer Skeptiker zu sein, um zu bezweifeln, dass besonders in der USA die wenigsten √Ąrzte z√∂gern werden, ihren Patientinnen Antidepressiva dieser speziellen Art zu verschreiben.

Die konkrete Wirkung des Medikaments ist fragw√ľrdig: im Vergleich mit Placebos hatten Frauen, die Flibanserin/Addyi einnahmen, gerade einmal 1/2-1x h√§ufiger Sex.

Insofern wirft die Freigabe des Arzneimittels unweigerlich Fragen auf: mu√ü denn in einer funktionierenden Partnerschaft tats√§chlich ein Partner Medikamente einnehmen, nur weil beide unterschiedlich oft Lust versp√ľren? Und wenn es denn schon sein mu√ü, warum gerade mit einem Medikament behandeln, das offenbar nicht nur kaum wirkt, sondern auch die bescheidene Wirksamkeit mit dem Risiko signifikanter Nebenwirkungen erkauft?

Tats√§chlich wies nun eine neue an der MedUni Wien durchgef√ľhrte Studie nach, dass Placebos sich als zumindest ebenso wirksam f√ľr die sexuelle Libido der Frau erweisen wie beide aktuell verf√ľgbaren “Behandlungsmethoden” mittels Flibanserin oder Oxytocin. Die Studienleiterin, M. Bayerle-Edereine, erkl√§rt sich dies mit der intensiveren und offeneren Kommunikation der Paare als Begleiterscheinung der Studie, und sagt zudem: “Sexuelle Probleme sind h√§ufiger durch laufenden Stress verursacht als durch M√§ngel im weiblichen Hormonhaushalt.” Auch wenn das eine das andere nicht ausschlie√üt, und auch hormonelle St√∂rungen durchaus stre√übedingt sein k√∂nnen, kann ich aus der Arbeit mit Paaren dennoch best√§tigen, dass das Grundelement erfolgreicher Sexualtherapie zun√§chst in der Beseitigung der H√ľrden zu einer erf√ľllenden Sexualit√§t besteht. Insofern sind zun√§chst einmal m√∂gliche Ursachen zu erkunden und zu behandeln, statt gleich zu den erstbesten Medikamenten zu greifen, die versprechen, die Probleme auf “technische” Weise zu beseitigen.

Weiterf√ľhrende Artikel zum Thema:
Moynihan, Ray: “The making of a disease: female sexual dysfunction“, BMJ 2003; 326:45 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.326.7379.45, 2003
Moynihan, Ray: “Merging of marketing and medical science: female sexual dysfunction“, BMJ 2010; 341:c5050 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.c5050, 2010
Dana A. Muin et al.: “Effect of long-term intranasal oxytocin on sexual dysfunction in premenopausal and postmenopausal women: a randomized trial”, in: Fertility and Sterility (2015). DOI: 10.1016/j.fertnstert.2015.06.010
Image source: http://www.yypharm.com/

Sep 27

(Image: dw.com)

Der Flugzeugabsturz am 24. M√§rz 2015 hat die Welt√∂ffentlichkeit schockiert – denn er wurde durch den Piloten, der sich (wie sich nachher herausstellte) aufgrund von schweren Depressionen in √§rztlicher Behandlung befand, gezielt herbeigef√ľhrt. 150 Menschen kamen dabei ums Leben.

Wie sich nun herausstellt, k√∂nnte der Grund f√ľr den psychischen Ausnahmezustand, in dem sich der Pilot befand, in seiner Nutzung von Antidepressiva gelegen haben. Bestimmte Arzneimittelgruppen, insbesondere jene der sogenannten SSRI’s (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), Antidepressiva wie Prozac und Paxil, Antipsychotika, Benzodiazepine wie Valium, Anti-Raucher- und Anti-Asthma-Medikamente, Antihistaminika oder auch solche mit stimulierender Wirkung wie Ritalin k√∂nnen nachweislich Suizide oder T√∂tungsdelikte ausl√∂sen. Sie sind auf der Website des Psychiaters aufgelistet (siehe untenstehender Link).

Das Risiko daf√ľr, dass es zu derart massiven Handlungen kommt, ist grunds√§tzlich gering – sollte aber auch nicht v√∂llig negiert werden. Und es unterstreicht, wie wichtig die erg√§nzende psychotherapeutische Begleitung von Menschen, die etwa unter Depressionen oder Angstst√∂rungen leiden, ist: nicht nur werden durch sie wichtige Bew√§ltigungsstrategien erlernt, nebenbei entsteht durch das Vertrauensverh√§ltnis Klient/in – Therapeut/in auch eine Verbindung, die schwierigste Phasen √ľberwinden helfen kann, sowie eine Eingriffsm√∂glichkeit der Therapeuten, wenn diese merken, dass ihre Klienten etwa in ein pr√§suizidales Syndrom abgleiten.

Zum Weiterlesen:

ÔĽŅ31.01.20