Jan 11

Tribut f√ľr die Todesopfer w√§hrend der Attacke auf “Charlie Hebdo” am Place de la R√©publique (Paris). Bild: Aurelien Meunier/Getty

Der Schock √ľber das Attentat in Paris sitzt tief – und trifft auf ein bereits seit Jahren tief sitzendes, aber immer noch weiter wachsendes Mi√ütrauen gegen√ľber der islamischen Religion selbst ebenso wie ihren Anh√§ngern. Schon 2012 etwa waren einer Emnid-Umfrage zufolge 53% von befragten nichtmuslimischen Deutschen der Meinung, der Islam sei sehr oder eher bedrohlich – 2014 waren es bereits 57%. Dass der Islam nicht in die westliche Welt passe, sagten letztes Jahr bereits 61%, 2012 waren es noch 52%. Auch als invasiv wird der Islam erlebt: laut einer Umfrage des Linzer Market-Instituts empfinden die H√§lfte der √Ėsterreicher den Islam als Gefahr f√ľr die √∂sterreichische Kultur, 45% meinen, dass der Islam schon jetzt zu viel Einfluss in √Ėsterreich habe.

Eine der Ursachen f√ľr diese Entwicklung k√∂nnte im wachsenden Anteil der muslimischen Bev√∂lkerung an der europ√§ischen Bev√∂lkerung und einem damit verbundenen, subjektiven Gef√ľhl von “Unterwanderung” liegen. Aus soziologischen Untersuchungen wei√ü man, das hief√ľr bei vielen Menschen schon scheinbar banale Gr√ľnde wie in kulturellen Unterschieden oder religi√∂sen Vorschriften begr√ľndete √Ąu√üerlichkeiten ausreichen (etwa die Art der Kleidung, man erinnere sich an die teils sogar gerichtlich ausgetragenen Konflikte z.B. rund um das Tragen von Niqabs/Hijabs/Burkas). Doch auch mangelnde Integration eingewanderter Muslime (z.B. schon auf grundlegendsten Ebenen wie z.B. des Erlernens der jeweiligen Landessprachen), insbesondere aber wohl die massive Expansion des sog. “Islamischen Staates” in Syrien und dem Irak verbunden mit per Bild- und Videoclips verbreiteten grausamen Massakern und Exekutionen durch die salafistischen Islamisten, all dies verst√§rkt das Gef√ľhl von “unheimlichen”, “gef√§hrlichen” Muslimen.

Bemerkenswert ist hinsichtlich der Statistik, dass Menschen, die keinen Kontakt mit Muslimen haben, diese mit 66% deutlich h√§ufiger als bedrohlich empfinden als jene mit Kontakten (43%). 71% der Menschen ohne Kontakte halten den Islam f√ľr nicht in die westliche Welt passend, bei den anderen sind es 42%; 29% ohne Kontakte wollen Muslime nicht mehr ins Land lassen, bei den anderen sind es 15%. Dennoch verbleibt auch bei Menschen, die Muslime kennen, ein relativ hoher Anteil von Ablehnung, wohl aufgrund des Umstandes, dass pers√∂nlich Bekannte nicht zuallererst √ľber ihren religi√∂sen Glauben wahrgenommen werden. Sind Vorurteile aber erst einmal verankert, dann haben positive Attribute es schwer, sich durchzusetzen. Aber wie kann man als Atheist, Christ oder als Angeh√∂riger anderer religi√∂ser Richtungen den Islam √ľberhaupt korrekt einsch√§tzen? Selbst unter den Muslimen gibt es solche, die die Position vertreten, der Koran als Grundpfeiler dieser Religion w√§re “wortw√∂rtlich zu nehmen”, w√§hrend andere auf die sog. Suren verweisen, welche gewisserma√üen “Aktualisierungen” der urspr√ľnglichen Schriften darstellen. Zudem wird in einer klassischen Koran-Interpretation aus dem 8. oder 9. Jahrhundert jeder Koranvers mit mehreren Interpretationen und sodann “..aber Gott wei√ü es besser.” abgeschlossen, also ausgedr√ľckt, dass man als Mensch die m√∂gliche Bedeutung des Verses wom√∂glich gar nicht verstehen k√∂nne. Aufgrund dieser Unklarheit ist es m√∂glich, dass einzelne Vertreter des Islam Lehrmeinungen anf√ľhren, denen zufolge etwa “Ungl√§ubige zu vernichten seien”, andere jedoch diese Interpretation entschieden ablehnen.

Wir als Angeh√∂rige eines stark christlich gepr√§gten Kulturkreises werden hierbei durchaus an die Schwierigkeit der Interpretation “hiesiger” heiliger Schriften erinnert. So ist ja beispielsweise auch in der Bibel nachzulesen, dass ein Kind get√∂tet werden soll, wenn es seine Eltern schimpft, oder dass Sex w√§hrend der Menstruation mit dem Tode zu bestrafen ist (Levitikus, Kapitel 20). Doch auch wenn es in unserer sogenannten “aufgekl√§rten Gesellschaft” immer noch viele strenggl√§ubige Christen gibt: nicht einmal die extremsten unter ihnen w√ľrden tats√§chlich solchen T√∂tungsaufrufen folgen (hoffe ich doch). Das ist beim Islam aufgrund seiner Verwurzelung in zum Teil auch heute noch sehr archaisch gepr√§gten Gesellschaften und seines impliziten Anspruches, auch politischen Einfluss auszu√ľben (Scharia), zumindest in Teilbereichen anders – aus diesen Gr√ľnden kann jedoch auch nicht, wie manche Islamtheoretiker argumentieren, einfach generalisierend behauptet werden, “der Islam an sich” sei eine friedliche, gewaltlose Religion – ebenso wie auch in der christlichen Religionsgeschichte sind auch in jener des des Islam Gewaltakte explizit religi√∂s begr√ľndet worden.

Photo src: AlJazeera.com

Ich m√∂chte mich hier jedoch nicht als Religionskenner oder Kulturhistoriker ausgeben – der bin ich nicht. Aus psychologischer Sicht und als jemand, der sich recht eingehend mit der Dynamik von Gewalt, Traumata etc. befa√üt hat, bef√ľrchte ich allerdings, dass eine weitere Ausweitung des Drucks gegen Muslime in unserer Gesellschaft keineswegs die gew√ľnschten Effekte haben, sondern nur zu einer noch st√§rkeren Isolierung der orthodox Gl√§ubigen f√ľhren d√ľrfte. Alle historischen Erfahrungen mit der Repression von Bev√∂lkerungsgruppen weisen in genau diese Richtung. Versteht man den Jihadismus als “Bewegung der [√∂konomischen, politischen] Verlierer”, kann man eigentlich gar nicht anders, als sich zu fragen, wie diesen Menschen wieder eine positive Perspektive erm√∂glicht werden kann. In Europa w√§re es essenziell, die Integration jenes Teiles unserer Gesellschaft, der der islamischen Richtung angeh√∂rt (und zu dem √ľbrigens auch “originale” Mitteleurop√§er z√§hlen!), wo immer es relevant sein k√∂nnte, voranzutreiben. Sicherlich gibt es auch Bereiche, in denen den Betreffenden Integration durchaus auch abverlangt werden kann. Ebenso wie sog. “Sekten” haben sich auch Religionen ultimativ der Staatsautorit√§t zu unterwerfen, unsere Gesellschaft und ihre Individuen sind vor Schaden zu bewahren. Diese Einstellung findet sich √ľbrigens auch in den muslimischen L√§ndern selbst, wo sich selbstverst√§ndlich auch Touristen oder westliche Expats weitestgehend in die jeweiligen landes- und kulturspezifischen Regeln und Normen einzuf√ľgen haben.

Hinsichtlich gef√ľrchteter Attent√§ter m√∂chte ich auf die Arbeiten von Arno Gruen verweisen, der nachwies, wie Gewaltneigungen in sozialen Systemen wie etwa den Familien weitergegeben werden. Zum einen k√∂nnen Gewalterfahrungen und Repression offenbar selbst bei sp√§ter gegen die Gewaltsysteme Revoltierenden zu neuen Formen der Gewaltaus√ľbung f√ľhren. Die Unterdr√ľckten bleiben – gerade auch bei Hassgef√ľhlen den Beherrschenden gegen√ľber – mit diesen identifiziert, haben aber den Kontakt zu ihren Gef√ľhlen und zu ihrer Kernidentit√§t verloren. Derartig emotional gest√∂rte Menschen agieren h√§ufig mit Gewalt gegen das, was sie (zumindest subjektiv) als gewaltt√§tig erlebt haben.

Immerhin aber haben sie tats√§chlich, real oder subjektiv erlebt, Gewalt erfahren. Attent√§ter sind jedoch keineswegs immer nur “Betroffene”. Von Soziopathen etwa wei√ü man, dass sie h√§ufig unbewu√üt nach M√∂glichkeiten suchen, den enormen emotionalen Druck, unter dem sie stehen, durch Zerst√∂rung zu entladen. Eine solches legitimierende Ideologie entwickelt dann f√ľr sie in weiterer Folge ganz von selbst Faszination, ist aber gewisserma√üen nur ein Vehikel f√ľr die eigentlich gesuchte Gewalterfahrung. So liegt etwa bei den f√ľr viele erstaunlich hoch wirkenden Zahlen westlicher Ausl√§nder, welche in den fernen Osten “pilgern” (pun intended), um dort am Krieg teilzunehmen und “Ungl√§ubige zu vernichten”, aus psychologischer Sicht die Vermutung nahe, dass sich ihnen der radikale Islamismus schlicht als M√∂glichkeit anbot, anderen Menschen Schmerz zuzuf√ľgen oder sich gar in der archaischen Erfahrung, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, vor einer Kamera oder zumindest ebenso radikalen “Glaubensbr√ľdern” zu inszenieren und selbst zu erleben – und zwar ohne Konsequenzen bef√ľrchten zu m√ľssen. Der Islam wird damit f√ľr derartige, in ihrer Pers√∂nlichkeit und Humanit√§t schwerst gest√∂rte Menschen zu einer Projektionsfl√§che und von ihnen instrumentalisiert, um sich auszuagieren.

Von derartigen Entwicklungen und Instrumentalisierungen werden sich sowohl verantwortungsvolle westliche Politiker, als auch islamische Theoretiker und Prediger explizit abgrenzen m√ľssen: erstere, indem sie der Bev√∂lkerung gegen√ľber differenzieren – weder als Relativierer auftreten, noch im Teich der beunruhigten Teile der Bev√∂lkerung nach billigen (langfristig aber teuer zu bezahlenden) W√§hlerstimmen fischen. Islamische Schl√ľsselpers√∂nlichkeiten wiederum m√ľ√üten klar kommunizieren, dass in ihren Reihen kein Platz f√ľr Gewaltt√§ter ist. Und zwar nach innen ebenso wie nach au√üen.

Der “Shift” unserer Gesellschaft in Richtung zunehmender religi√∂ser Pluralit√§t und kultureller Vielfalt bringt erh√∂hten Dialogbedarf mit sich. Wollen wir den inneren Zusammenhalt und die Integrit√§t unserer kulturellen Werte gerade in jenen Zeiten st√§rken, in denen einfache Wahrheiten und Zuschreibungen nicht mehr greifen und einzelne Gruppierungen gezielt destruktive Absichten verfolgen, ben√∂tigt es umso mehr Anstrengungen, diese Kluften zu schlie√üen und durch gezielten Dialog zu √ľberbr√ľcken.

Quellen:

 

Oct 05
Foto: Time

Foto: Time

Aufmerksame VerfolgerInnen der Tagesnachrichten werden dieser Tage vielleicht erstaunt die Neuigkeit aus Kalifornien vernommen haben, dass sexuelle Akte von StudentInnen der dortigen Universit√§ten zuk√ľnftig “bewilligungspflichtig” sein werden. Das dieser Tage vom kalifornischen Senat bewilligte Gesetz “Bill 967” wird Universit√§ten verpflichten, entsprechende Standards (wie auch Beratung und andere prophylaktische Ma√ünahmen) zur Verhinderung sexuellen Missbrauches zu implementieren, wenn sie zuk√ľnftig noch staatliche F√∂rderung erhalten wollen. Lebt es sich denn in kalifornischen Universit√§ten so gef√§hrlich? Offenbar ja: beinahe jede 5. Studentin wurde dort angeblich bereits einmal Opfer “sexuellen Missbrauches”. Die Apostrophierung ist bewu√üt gew√§hlt, denn in einem Staat, der beabsichtigt, sexuelle Handlungen als strafbar zu definieren, sofern sie nicht davor und w√§hrend dessen mehrmals explizit – verbal oder schriftlich – als erw√ľnscht bezeichnet werden, scheint die Grenze des Erlaubten sehr eng gesteckt.

“Passive” Zustimmung wird also zuk√ľnftig nicht ausreichen, damit sich StudentInnen auf legale Weise sinnlichen Freuden hingeben k√∂nnen, diese allein w√§re zuk√ľnftig als Missbrauch wertbar. Vielmehr wird w√§hrend erotischer oder sexueller Aktivit√§ten, damit verbundener Positions√§nderungen, “Steigerungsstufen” und dergleichen die Zustimmung mehrmals “enthusiastisch” (Nova Scotia Student Group) wiederholt werden m√ľssen (“(only) yes means yes!”), da anf√§ngliches Einverst√§ndnis zu einem sp√§teren Zeitpunkt ja auch Ablehnung weichen kann. Dies ist nat√ľrlich v√∂llig richtig – aber w√ľrde jemand, der – etwa, weil er Gewaltt√§ter oder stark betrunken ist – diese Regelungen denn auch befolgen? W√ľrde die Anzahl seiner Taten abnehmen? Sehr wahrscheinlich nicht. An amerikanischen Universit√§ten existieren auch Regelungen, denen zufolge Alkoholkonsum erst ab dem 21. Lebensjahr erlaubt ist, dennoch sind gerade die US-Campuses f√ľr den dort herrschenden, z.T. massiven Alkoholmissbrauch bekannt. Tats√§chlich zeigen zahlreiche Studien, dass Missbrauch in aller Regel keineswegs eine Folge “mi√üverst√§ndlicher Signale” w√§hrend zwischenmenschlichen Kontakten ist, sondern T√§terInnen vielmehr ganz bewusst die Grenzen ihrer Opfer ignorieren. Somit wird das Gesetz aber weder Missbrauchsopfern helfen noch die Missbrauchszahlen senken – entgegen dem etwas naiven Glauben, ein Gesetz w√ľrde alleine durch seine Existenz die Gesellschaft ver√§ndern, w√ľrden T√§terInnen im Fall des Falles vermutlich einfach auch bez√ľglich der expliziten Zustimmung l√ľgen und behaupten, das Opfer h√§tte “eindeutig” dem Akt zugestimmt…

Aus gendersensibler Perspektive wird dem weiblichen Geschlecht und dem Ziel einer Nivellierung der geschlechtsspezifischen Machtgef√§lle zudem h√∂chst wahrscheinlich wieder einmal ein B√§rendienst erwiesen: die Annahme etwa, dass unter Einfluss von Alkohol keine legitime Zustimmung zu sexuellen Handlungen m√∂glich ist, entpuppt sich bei n√§herem Hinsehen als Doppelmoral. M√§nner werden als potenzielle Vergewaltiger betrachtet, und Frauen als ihre hilflosen Opfer (oder, um aktuellere Termini zu verwenden, “√úberlebende”). Wenn sich zwei junge Menschen betrinken und dann Sex haben, ist der Mann f√ľr sein Verhalten verantwortlich, sie aber nicht f√ľr ihres. Sogar wenn sie “ja” sagt, muss er ihr im Interesse seiner eigenen Sicherheit im Zweifel unterstellen, dies nicht autonom entscheiden zu k√∂nnen. Wie weitgehend bekannt sein d√ľrfte, ist “betrunkener Sex” nat√ľrlich so gut wie immer mit Handlungen verbunden, die man “in n√ľchternem Zustand so sicher nicht getan h√§tte”. Doch w√§hrend fr√ľher eine junge Frau eine solche Nacht als Lernerfahrung verbucht und dann wieder den Blick nach vorne gerichtet¬†h√§tte, vermittelt man ihr heute, dass es sich dabei um ein zerst√∂rerisches Trauma handelt, f√ľr das sie keine Verantwortung tr√§gt.

Ist ein derartiges Gesetz – unabh√§ngig von den dahinterstehenden positiven Intentionen! – √ľberhaupt sinnvoll und ausreichend lebensnah? Es definiert Sex in den meisten “erwachsenen” Paarbeziehungen n√§mlich ab sofort als Vergewaltigung, weil selten mehr als nur nonverbale Signale (wenn √ľberhaupt) abgegeben werden d√ľrften, wenn mit sexuellen Handlungen begonnen wird. Ideologische √úberlegungen und surreale √Ąngste scheinen Vorrang vor realen Fakten zu haben, wenn reale aber doch seltene Gefahren als “Welle der Gewalt” oder die Gesellschaft gar als “rape society”1 verzerrt dargestellt und dann auf dieser Grundlage drastische Gesetze beschlossen werden, welche massiv in die sozialen Beziehungen eingreifen. Frauen werden hierbei infantilisiert und hilflos dargestellt, ja ihnen unter bestimmten Umst√§nden sogar die F√§higkeit zu bewussten Handlungen abgesprochen, w√§hrend M√§nner das “gef√§hrliche” Geschlecht und potenzielle Vergewaltiger seien, vor denen die jungen, per definitionem hilflosen Frauen gesch√ľtzt werden m√ľssen. Tats√§chlich weisen US-Anw√§lte auf Konflikte zwischen dem neuen Gesetz und den B√ľrgerrechten hin, welche Partnerschaft als sch√ľtzenswerten Bereich definieren, in den sich der Gesetzgeber nicht einzumischen hat2.

Interessanterweise existieren √§hnliche Regelungen auf freiwilliger Basis bereits seit etwa 1 Jahr an den Universit√§ten von Texas, Yale und einigen Campuses der State University of New York. Dort wird von einer h√∂heren “Bewu√ütheit” hinsichtlich des Themas sexuellen Mi√übrauches berichtet (was auch immer das konkret bedeuten mag), die Zahlen gemeldeter √úbergriffe selbst seien aber unver√§ndert, “mehr Forschung” sei n√∂tig. Sollte diese aber nicht vor der Einrichtung von Gesetzen stehen, die massiv in das Privatleben von B√ľrgerInnen eingreifen?

Zum Weiterlesen:
‚ÄĘ ‚ÄúNo Means No‚ÄĚ Isn‚Äôt Enough. We Need Affirmative Consent Laws to Curb Sexual Assault. (1)
‚ÄĘ California activists seek to redefine quiet, consensual sex as rape through Senate Bill 967 (2)
California Lawmakers Pass ‘Affirmative Consent’ Sexual Assault Bill
‘Affirmative Consent’ Is Bad for Women
‚ÄĘ New California Law Could Require Students To Sign A Form For Consensual Sex
‚ÄĘ The Legal Definition of Consensual Sex is Likely to Change in California: What It Means

Sep 06

Nun befasste sich mein letzter Blog-Artikel mit Fragen der “Gleichberechtigung” zwischen M√§nnern und Frauen, diesmal scheint es ein kritischer Artikel zur Gender-Forschung zu werden: sp√§testens jetzt werden sich die ersten kritischen Leser/innen fragen: ist der Fellner etwa ein Frauenfeind?

Weit gefehlt, ganz ehrlich!

Source: tiaraandglasses By: Lego

Und doch war mir die Gender-Forschung immer schon einigerma√üen suspekt: die meisten Argumente heutiger Feministinnen fand ich zumeist weder besonders fundiert, noch deckten sie sich mit meiner eigenen Erfahrungswelt. Doch der Konstruktivist in mir ist ein duldsamer Gesell und kann gut mit der Idee leben, dass meine eigene Erfahrungswelt ja auch keinen Beweis daf√ľr darstellen muss, dass die Theorien der Gender-Forscherinnen und Feministinnen unberechtigt seien – oder nicht zumindest f√ľr bestimmte Gesellschaftsgruppen relevant w√§ren. Zudem gibt es speziell in den von Frauen dominierten Sozialwissenschaften etwas, das man sich als Mann so gar nicht leisten kann: das Grundaxiom der Geschlechter”gleichheit” (h√§ufig auch jenes eines immer noch existierenden Chancenungleichgewichts zu Ungunsten westlicher Frauen) in Frage zu stellen.

Nun ist einer, der es sich offenbar leisten kann, n√§mlich der norwegische Komiker (!) aber auch Soziologe Harald Eia, einer dieser merkw√ľrdigen Unstimmigkeiten, die sich wie rote F√§den durch die speziell in den westlichen OECD-Staaten bereits langj√§hrig sogar aus Steuergeldern gef√∂rderten Gender-Studien ziehen, mal ganz genau nachgegangen: n√§mlich der, dass in einem Land wie Norwegen – dem sogar die UN zuschreibt, seit Jahren weltweit zu den Vorzeigestaaten hinsichtlich des “Gender-Gap” zu geh√∂ren (also nahezu identische berufliche und bildungsm√§√üige Startpositionen f√ľr Frauen und M√§nner zu erm√∂glichen) – auch heute noch anteilsm√§√üig nahezu gleich viele Frauen klassische Frauenberufe ergreifen, und M√§nner in klassischen M√§nnerberufen zu finden sind … obwohl doch nach all den f√ľr Gleichstellungs- und F√∂rderungsma√ünahmen investierten Milliarden eigentlich das exakte Gegenteil oder doch zumindest kleine “positive” (= mehr Bauarbeiterinnen, M√ľllentsorgerinnen, aber nat√ľrlich auch Ingenieurinnen) Ver√§nderungen zu erwarten sein sollten?

Das Beklemmende ist vielmehr, dass offenbar sogar ein gegenteiliger Effekt auszumachen ist: der Anteil an Ingenieurinnen und Computerfachfrauen ist in den westlichen, “gender-bewu√üten” Industriestaaten anteilsm√§√üig sogar geringer als in den meisten anderen. Wie das m√∂glich ist, soll Ihnen jedoch am besten Herr Eia selbst erkl√§ren – seine aus einer mehrteiligen Serie zusammengefasste Kurzdoku (38 Minuten, norwegischer OT mit englischen Untertiteln) ist wirklich sehenswert und informiert Sie nebenbei √ľber einige interessante Details aus der aktuellen Humanforschung. Ihre Ausstrahlung im staatlichen TV im Jahre 2011 war √ľbrigens wesentlich an der Entstehung einer intensiven und kritischen √∂ffentlichen Diskussion in Norwegen beteiligt, deren vorl√§ufiger H√∂hepunkt eine Schlie√üung des “Nordic Gender Institutes” und die Beendigung der “Wissenschaft” der sog. “Gender Studies” darstellte. Die f√ľr Gender-Studies budgetierten Mittel von 56 Millionen Euro (!) wurden vom Parlament nicht bewilligt und konnten f√ľr andere gesellschaftliche Projekte eingesetzt werden.

Was mir pers√∂nlich bei der Kurz-Doku ein wenig kalte Schauer √ľber den R√ľcken laufen lie√ü, war die “Esoterik”-√§hnliche Argumentation der f√ľhrenden norwegischen Gender-“WissenschafterInnen” w√§hrend der Interviews, die beklemmend an die ideologische Einbunkerungs-Taktik so mancher Vertreter von Gro√üreligionen und Sekten erinnerte. Mit wissenschaftlicher Evidenz und professionell, z.T. weltweit durchgef√ľhrten Gro√üstudien konfrontiert, wurden mit leerem Blick ideologische Positionen schlicht weiter wiederholt.

Es mag gut sein, dass damit in der “Century of Declines” auch der Feminismus bzw. die Gender-“Wissenschaften” bereits ihren “peak point” (H√∂hepunkt) √ľberschritten haben. Wohlgemerkt : beide waren von enormer gesellschaftlicher Bedeutung, und niemand, der aus dieser Epoche etwas gelernt hat, wird ausser Frage stellen, wie wichtig die Befreiung der Frau aus ihrem einstmals engen sozialen und famili√§ren Korsett war, oder welche Verantwortung wir als Eltern tragen, wenn es darum geht, unseren Kindern (oder als Verantwortungstr√§ger in Firmen: den Mitarbeiter/Innen) gleiche Entwicklungs- und berufliche Chancen zu erm√∂glichen. Ebenso scheint weitere Forschung in der Medizin und Psychologie nicht nur als sinnvoll, sondern im Sinne einer Steigerung der Behandlungseffizienz auch notwendig zu sein.
Hinterfragen könnten wir allerdings die Sinnhaftigkeit und Berechtigung etwa von Pflichtquoten oder die neuerliche Bevorteiligung eines biologischen Geschlechts, diesmal ganz gezielt und aus rein ideologischen Motiven.
Irgendwann sind im Verlauf gesellschaftlicher Befreiungsbewegungen wichtige Entwicklungsschritte getan, Lektionen gelernt, legislative √Ąnderungen vollzogen – “gesunde” Staaten sollten dann daraus die Konsequenzen ziehen, so manches faktisch obsolet gewordene Institut zusperren und die freiwerdenden finanziellen Mittel anderen wichtigen sozialen Projekten zuflie√üen lassen. Und von denen gibt es ja gerade in Zeiten der europ√§ischen Depression immer mehr.

Ach ja, und der n√§chste Artikel ist, das kann ich schon jetzt versprechen, wieder einem ganz anderen Thema gewidmet. ūüėČ

Weiterf√ľhrende Links: https://en.wikipedia.org/wiki/Global_Gender_Gap_Report
Do Women Earn Less Than Men? (Video, Prof. Steven Horwitz)

Aug 15

Bald wieder im Trend?
(Bildquelle: ohfercute.blogspot.co.at)

Vor wenigen Tagen erreichte mich die Interview-Anfrage einer Tageszeitung, die einen bereits in mehreren westlichen Ländern durch Meinungsforschungsinstitute ausgemachten möglichen Gegentrend zu klassischen feministischen Rollenidealen thematisiert. In der Folge ein Auszug aus diesem Interview.

“Eine brandneue Studie des Marktforschungsinstituts ‚ÄěSpectra‚Äú liesse sich so interpretieren, dass M√§nner und Frauen wieder vermehrt die alten Rollenbilder (Frau zu Hause bei den Kindern, Mann arbeitet) leben und sich daf√ľr aussprechen (beispielsweise meinen 56 Prozent, ‚Äědass der Beruf der Hausfrau genauso erf√ľllend wie jede andere berufliche T√§tigkeit auch‚Äú ist und 54 Prozent, dass sie es ‚Äěim Grunde richtig finden, dass sich die Frauen um den Haushalt und die Kinder k√ľmmern, und die M√§nner das Geld verdienen”).

Bemerken Sie als Paartherapeut Рzumindest ansatzweise Рeinen ähnlichen Trend in diese Richtung?

“Ich kann diesen Trend aus dem “Mikrokosmos” meiner Praxis nicht best√§tigen, was aber nicht unbedingt heisst, dass er nicht existiert: denn Ver√§nderungen im Wertesystem manifestieren sich mitunter erst Jahre sp√§ter in konkreten Beziehungskrisen.”

Wenden sich vielleicht auch Paare an Sie, die Probleme damit haben,¬† dass die Frau zu Hause bei den Kindern bleiben m√∂chte, der Mann aber¬† w√ľnscht, dass sie etwas zum Haushaltsbudget beisteuert?

“Also, dass M√§nner von Frauen fordern, Geld zu verdienen statt die Kinder zu betreuen, h√§tte ich w√§hrend all meiner Berufsjahre noch nicht erlebt. ūüėČ

Tats√§chlich sind Konflikte um dieses Thema h√§ufig in ernsthaften finanziellen N√∂ten der Familien begr√ľndet. Die Versorgung der Kinder ist n√§mlich gerade in Zeiten erh√∂hten wirtschaftlichen Drucks keineswegs immer nur eine Frage von “Lifestyle” oder Rollenidealen, sondern ganz h√§ufig geht es schlicht um die Frage: welche Art der Kinderbetreuung erlaubt uns finanziell gr√∂√üere Spielr√§ume? Das gilt ganz besonders auch f√ľr die Betreuung durch die V√§ter.”

Könnte es auch sein, dass wieder mehr Männer Probleme mit der Emanzipation der Frauen haben?
Gibt es hier altersspezifische Unterschiede:¬† √Ąltere M√§nner wollen Emanzipation weniger wahrhaben – oder gibt es das auch bei J√ľngeren?
Hadern Partnerinnen tendenziell damit, zu wenig unabhängig zu sein, oder ist es auch umgekehrt: sehnen sie sich nach mehr *Geborgenheit* und *Familienleben*?

“Ich zweifle zunehmend, dass Verallgemeinerungen wie diese heute noch ad√§quat sind – wenn sie das √ľberhaupt jemals waren.

Abseits von idealistischen gesellschaftlichen Grundsatzdiskussionen stellt sich auf individueller und ganz pers√∂nlicher Ebene ja immer die Frage: wie f√ľhle¬†ich mich am wohlsten?

Da haben w√§hrend der letzten 40 Jahre Frauen wie auch M√§nner, was die Rollenaufteilung in Partnerschaften und Familien betrifft, viele neue Modelle – teils mit gro√üem Mut – ausprobiert. Doch ein erheblicher Anteil jener Frauen, die sich voll und ganz der eigenen Karriere verschreiben, leidet irgendwann an √úberlastung oder Sinnkrisen, speziell dann, wenn den Karrierepl√§nen Partnerschaften oder Kinderw√ľnsche zum Opfer fielen. Was wir momentan zu erleben scheinen, ist insofern vielleicht eine nat√ľrliche “Gegen-Pendelbewegung” zu all den teils schwierig zu erf√ľllenden impliziten Forderungen des Feminismus an die Frauen selbst. Diese suchen nun innerhalb der errungenen Freir√§ume nach besserer pers√∂nlicher Balance. Vielleicht ist es also gar nicht R√ľckschritt, sondern vielmehr Normalisierung?

Dass Frauen heute die M√∂glichkeit haben, so gut wie jeden Beruf zu ergreifen und darin auch Karriere zu machen, impliziert keineswegs, dass dies f√ľr alle auch ein Lebensziel darstellt. Freiheit bedeut auch, Optionen zu haben – und zwar in alle Richtungen. Es w√§re tragisch, wenn nun Feministinnen die (heute im Unterschied zu fr√ľher in der Regel frei gew√§hlten) Lebensentw√ľrfe anderer Frauen als minderwertig diskriminieren und sie von Neuem in ideologische Korsette zw√§ngen w√ľrden.”

Wie ist der Trend generell: Steigt die Bereitschaft der Paare, Hilfe von einem Therapeuten zu suchen?

“Ich habe tats√§chlich das Gef√ľhl, dass dies so ist, und das freut mich als l√∂sungsorientierter Therapeut nat√ľrlich sehr. Fr√ľher musste ich zu Paaren h√§ufig sagen: “schade, dass Sie nicht bereits fr√ľher kamen!”, heute oft “sch√∂n, dass Sie zu einem so fr√ľhen Zeitpunkt Beratung einholen!” Viele Paare anerkennen heute, dass selbst dann, wenn sie selbst nicht mehr weiter wissen, eine neutrale, einschl√§gig geschulte Fachperson i.d.R. mehr M√∂glichkeiten hat, destruktive Kommunikationsmuster zu erkennen und dabei zu unterst√ľtzen, diese effektiv zu √ľberwinden.”

(Wiener Blatt, 08/2012)

Mar 14

("Old Love" by PrincessMemi @ Deviantart)

Der Fr√ľhling naht: alles beginnt wieder zu bl√ľhen, und auch viele von uns merken, wie die “Lebenss√§fte” wieder verst√§rkt zu flie√üen beginnen. Der Fr√ľhling gilt traditionell als Zeit des Verliebens, der Romantik. Doch wie geht es den √§lteren Menschen, wie erleben sie diese Zeit? Hat sich bei ihnen das Thema “Liebe” erledigt oder handelt es sich vielleicht mehr um ein gesellschaftliches Tabu, sich ein ernsthaftes “Verlieben” oder gar sexuelle Beziehungen bei √§lteren Menschen gar nicht mehr zu erwarten oder abzuwerten?

Der Wiener Psychotherapeut und Paartherapeut Richard L. Fellner f√ľhrte zu diesem Thema ein Gespr√§ch mit einem Redakteur der Zeitschrift “Ges√ľnder Leben“.

GL: “Sind Schmetterlinge im Bauch unabh√§ngig vom Alter?”

rlf: “Zum Verlieben ist man nie zu alt! Und w√§re es nicht auch traurig, wenn ab einem bestimmten Alter niemand mehr die Chance h√§tte, bei uns auch nur das geringste Kribbelgef√ľhl in der Brust zu erzeugen..?

GL: “Was ist das Geheimnis wahrer Liebe?”

rlf: “Diese Frage lie√üe ich lieber “Julia” oder “Romeo” beantworten! ūüėČ

Aus paartherapeutischer Sicht gibt es daf√ľr kein Universalrezept. Vielmehr wissen wir heute, dass das Gef√ľhl von “Liebe” sowohl historisch als auch kulturell immer schon sehr grossen Wandlungen unterworfen war und bis heute ist. Unser “ideales Liebes-Modell” von heute wird also vermutlich nicht auch das von morgen sein, und in unterschiedlichen Kulturen werden von Partnern mitunter h√∂chst unterschiedlichste Qualit√§ten erwartet. Was aber die meisten “Liebes-Ideen” vereint, ist a) die Bedeutung der Kompatibilit√§t (Vereinbarkeit) der jeweiligen Bed√ľrfnisse und Erwartungen der Partner, dass b) diese Bed√ľrfnisse und Erwartungen von beiden kommuniziert werden k√∂nnen und – das ist ebenfalls ganz wesentlich – c) dass diese in ihrer Umwelt lebbar sind.
Selbst in unserer vordergr√ľndig toleranten Gesellschaft gibt es ja ganz bestimmte Kriterien, an denen die “Qualit√§t” von Beziehungen gemessen wird, und mitunter kann es dazu kommen, dass Partnerschaften letztendlich vor allem daran zerbrechen, weil sie von Freunden und Bekannten nicht respektiert werden. Und schon wieder k√∂nnten “Romeo & Julia” mitdiskutieren ‚Ķ”

GL: “In wieweit erlebt man eine Beziehung als 20j√§hriger anders als als 50/60j√§hriger?”

rlf: “J√ľngere Menschen werfen sich meist mit ihrer gesamten Pers√∂nlichkeit in ihre Partnerschaften. Eine Beziehungskrise wird dann rasch auch zu einer regelrechten Lebenskrise. √Ąltere Menschen dagegen verf√ľgen bereits √ľber mehr Beziehungserfahrung, sind zudem meist in der Lage, auftretende Probleme in einem gr√∂√üeren und damit auch gelasseneren Kontext zu sehen.
Es kann ihnen dadurch allerdings auch schwerer fallen, zu vertrauen, oder den “Schmetterlingen im Bauch” Flugfreiheit zu geben.

GL: “Stimmt es, dass Verliebt-Sein und Liebe nicht dasselbe ist?”

rlf: “Wissenschaftlich betrachtet handelt es sich dabei schlicht um unterschiedliche hormonelle Stadien. Am Beginn einer Beziehung gibt es hormonelle “peaks”, intensivste Gl√ľcksgef√ľhle, der Partner wird dann h√§ufig idealisiert gesehen. Von “Liebe” w√ľrde ich dagegen insbesondere dann sprechen, wenn bei einer Beziehung eine gewisse “Selbstlosigkeit” der Partner zu beobachten ist, und “Partnerschaft” nicht nur der Arbeitstitel ist, sondern echten Teamgeist und Kooperation ausdr√ľckt.
Wenn man sich also auch mal selbst hintanstellt und bereit ist, Kompromisse einzugehen oder sogar eigene Bed√ľrfnisse eine gewisse Zeit lang im Interesse des Partners unterzuordnen, das ist Liebe: ein langfristiges Fundament, bei dem einer f√ľr den anderen sorgt und f√ľr ihn da ist. Wo versucht wird, mit Krisen umzugehen und diese aufzul√∂sen, statt gleich das Weite zu suchen, “weil mir das nicht mehr gut tut“.

Das letztere Modell entspricht eher einer konsumorientierten Sicht von Beziehung, in der man sich bedient und genie√üt – aber weiterzieht, wenn der Genuss auszubleiben droht oder sich gar in ein Unwohlgef√ľhl verkehrt. Damit, also eigentlich mit dem heute bei uns im Westen dominierenden Beziehungsmodell verglichen, sind etwa die traditionellen (bei uns aber h√§ufig abgewerteten) afrikanischen oder asiatischen Beziehungsmodelle, in denen es mehr um Versorgung und Stabilit√§t geht, aber die Partnerschaften deutlich weniger mit emotionalen Bed√ľrfnissen aller Art aufgeladen sind, deutlich tragf√§higer und krisenresistenter. Meine T√§tigkeit in Asien und mit bikulturellen Paaren war in dieser Hinsicht sehr lehrreich und denk-erweiternd f√ľr mich.

GL: “Was sind die h√§ufigsten Fehler, die junge, aber auch √§ltere Paare machen?”

rlf: “1) Kommunizieren Sie! Wenn Probleme und Unannehmlichkeiten im Beziehungsleben st√§ndig nur verdr√§ngt werden, ist ein “dickes Ende” meist unausweichlich. Es ist¬† wichtig, dass Ihr Partner, Ihre Partnerin weiss, woran er/sie mit Ihnen ist, was Sie brauchen, um sich wohlzuf√ľhlen, und was Sie st√∂rt.

2) Lassen Sie es auch mal gut sein! Wer glaubt, alles ausdiskutieren zu m√ľssen, oder irgendwann den Partner endlich so zurechtformen zu k√∂nnen, dass er f√ľr einen keine Ecken und Kanten mehr hat, f√ľr den wird die Beziehung nicht nur zu einer Art “Zweitjob”, sondern fr√ľher oder sp√§ter geht wohl auch die Freude an ihr – oder am Partner – verloren.

3) Sch√ľtzen Sie Ihre Partnerschaft vor anderen! Jeder darf die “ideale Beziehung” f√ľr sich selbst definieren, doch fordern Sie diesen Respekt durchaus auch f√ľr Ihre eigene Partnerschaft ein. Diese muss in erster Linie n√§mlich nicht den Anspr√ľchen der anderen gen√ľgen, sondern vor allem Ihren eigenen und jenen Ihres Partners/Ihrer Partnerin.

(Das Interview erschien in der Ausgabe 04/2012 der Zeitschrift)

Oct 02

Welchen Eindruck die Medien und zahlreiche Politiker uns auch immer vermitteln wollen: ausge√ľbte Gewalt – sei es V√∂lkermord, Kriegsverbrechen, Menschenopfer, Folter, Sklaverei oder Mord – hat in der Geschichte in allen beobachteten Dimensionen und sowohl in Richtung ethnischer Minderheiten, Frauen, Kindern und Tieren deutlich abgenommen. Das zeigte eine auf der EDGE Master Class 2011 vorgestellte Studie von Harvard-Professor Steven Pinker.

Doch was sind die Gr√ľnde, die hinter dieser in Teilbereichen sogar √§u√üerst starken Abnahme von Gewalt stehen? Pinker f√ľhrt daf√ľr eine sukzessive Zunahme von Vernunft (‘escalator of reason‘) im Verlauf der Menschheitsgeschichte an. Die Zunahme von Alphabetisierung, Bildung, und die Intensivierung des √∂ffentlichen Diskurses ermutigt Menschen, abstrakter und universeller zu denken, was unweigerlich eine Verringerung der Gewalt zur Folge hat. Wenn sich die Engstirnigkeit und Kurzsichtigkeit von Menschen reduziert, wird es schwieriger, st√§ndig die eigenen Interessen anderen gegen√ľber durchzusetzen. Eine Zunahme von Vernunft f√ľhrt dazu, dass eine auf Tribalismus, Autorit√§t und Puritanismus beruhende Moral zunehmend durch eine auf Fairness und universellen Regeln basierende Moral ersetzt wird. Au√üerdem werden Menschen ermutigt, den hohen Preis und die letztendliche Nutzlosigkeit der Kreisl√§ufe von Gewalt zu erkennen – und Gewalt eher als eigenst√§ndiges Problem denn als einen zu gewinnenden Wettbewerb zu sehen.

Diverse intellektuelle F√§higkeiten, abzulesen √ľber Me√üinstrumente wie etwa IQ-Tests, haben seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts messbar und regelm√§√üig (ca. 3 IQ-Punkte pro Dekade, “Flynn-Effekt”) zugenommen. Ein steigender IQ ist jedoch auch ein Indikator f√ľr ansteigende Abstrahierungsf√§higkeiten. Menschen (und zwar sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene), die √ľber eine h√∂here Bildung und gemessene Intelligenz verf√ľgen, begehen weniger gewaltt√§tige Verbrechen, kooperieren mehr, denken liberaler, und sind weniger anf√§llig f√ľr rassistische, sexistische, fremdenfeindliche, homophobe Einstellungen und sie sind empf√§nglicher f√ľr demokratische Grundprinzipien.

Doch wir können nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass diese Entwicklung anhält. Eine Reduktion der Investitionen in Bildung und ein Abbau bzw. eine Aushöhlung demokratischer Institutionen und Grundprinzipien gefährden die Grundpfeiler, auf denen die Abnahme gesellschaftlicher und individueller Gewalt ruht.

(Quelle: A History of Violence, Edge Master Class 2011, Steven Pinker [9.27.11]

Vortragsvideo (engl.; 1:26h Рlädt vor Anzeige etwas länger):

Jun 25

“Man f√ľhlt zwar keine physischen Schmerzen, trotzdem kann das Leid viel gr√∂√üer sein.” Dass Gewalt im Internet nicht weniger schlimm ist als reale, war eine der Kernaussagen von Carmel Vaismans Referat “Don‚Äôt Feed The Trolls. Countering The Discourse Patterns of Online Harassments”. Die israelische Kommunikationswissenschafterin sprach auf Einladung der Universit√§t Wien √ľber Mobbing, Beschimpfungen und Erniedrigungen als Ph√§nomen in Foren und Online-Medien und stellte ein¬† Stufenmodell virtuellen Fehlverhaltens vor.

Als mildeste Ebene bezeichnete sie das auf die Monty-Python-Wortsch√∂pfung “Spam” zur√ľckgehende Wiederholen informationsleerer bis -armer Inhalte. √úber Flaming ‚Äď polemische Kommentare, die immerhin noch einen Bezug zum Diskussionsthema haben ‚Äď f√ľhrt die Leiter zum bekannteren Trolling: Trolle sind Menschen, die Aufmerksamkeit erregen und Chaos stiften wollen, meist nicht argumentativ in Debatten eingreifen, sondern blo√ü einen K√∂der werfen, um Vertreter verschiedener Weltanschauungen gegeneinander aufzuhetzen.

Als weitaus schlimmere Grenz√ľbertretung wertet Vaisman Stalking. Wiederholte unerw√ľnschte Kontaktaufnahme kann wie auch offline als penetrantes Nachstellen empfunden werden: “Wenn es jemanden gibt, der Blogposts immer als erster kommentiert, in Facebook unter jedes Update zuerst auf ‘Like’ klickt und immer den ersten Retweet versendet, dann ist das zwar nicht verboten, f√ľr die Betroffenen aber h√∂chst unangenehm, weil sie st√§ndig das Gef√ľhl haben, jemand beobachtet in Echtzeit jeden Schritt, den sie virtuell setzen.” Auf der vorletzten Stufe platzierte Vaisman Cyberbullying ‚Äď die systematische Verleumdung einer Person oder Gruppe, die sogar schlimmer sein kann als ihr Pendant im Real Life: “Das Mobbing am Schulhof oder im B√ľro h√∂rt mit der Schlussglocke oder dem Feierabend auf, diverse Hassgruppen auf Facebook sind aber rund um die Uhr erreichbar und auch f√ľr jedermann au√üerhalb von Schule oder Arbeit einsehbar.”

Als Kapitalverbrechen im Internet bezeichnet Vaisman schlie√ülich die “virtuelle Vergewaltigung“. Der Begriff “Vergewaltigung” als Sch√§digung der Person sei laut der Sozialwissenschafterin durchaus auch hier angebracht, “denn wir leben nicht nur offline, sondern auch online und die Online-Pers√∂nlichkeit besteht nicht neben, sondern als Teil unserer Pers√∂nlichkeit. Wenn nun jemand ein gef√§lschtes Profil von jemandem erstellt oder das richtige hackt, dort Telefonnummern, rufsch√§digende Bilder oder wahre oder falsche Aussagen √ľber die sexuelle Ausrichtung oder Meinungen des Betroffenen ver√∂ffentlicht, dann ist das ein Missbrauch der Pers√∂nlichkeit, die tiefe Spuren hinterl√§sst. In letzter Zeit haben solche Aktionen nicht nur zu vermehrten Anzeigen, sondern sogar zu Selbstmorden gef√ľhrt.” Hier w√ľrde laut Vaisman am deutlichsten sichtbar, welch zweischneidiges Schwert die “Macht zu ver√∂ffentlichen” ist. W√§hrend fr√ľher Professionisten f√ľr die publizierten Inhalte einstehen mussten, habe es heute jeder Achtj√§hrige in der Hand, vor einer qualifizierten √Ėffentlichkeit eine Verleumdungskampagne gegen seinen Lehrer zu starten.

Warum aber gehen die Menschen in Kommentaren, Foren und Facebook derart grob miteinander um? Der erste Gedanke f√ľhrte Vaisman zur Annahme, dass die vermeintliche Anonymit√§t daf√ľr verantwortlich sein k√∂nnte. Doch in den letzten Jahren zeigte das Klarnamensystem auf Facebook, dass viele Menschen auch unter Angabe ihrer vollen Identit√§t vor Hassbekundungen nicht zur√ľckschrecken. Vaismans finale These fu√üt in einer technischen und gleichzeitig biologischen Begr√ľndung: der Mittelbarkeit des Mediums. Weil wir uns nicht pers√∂nlich gegen√ľberstehen, sondern alleine vor dem Computer sitzen, falle eine Barriere, die laut Vaisman auch bei Skype zu sp√ľren ist: Man sieht sich zwar von Angesicht zu Angesicht und kann Gestik und Mimik des Gegen√ľbers einsch√§tzen, trotzdem fehle online immer eine gewisse Authentizit√§t zur pers√∂nlichen Kommunikation. So w√ľrden manche User mit vollem Namen andere diffamieren, selbst wenn sie ihnen am n√§chsten Tag im B√ľro begegnen ‚Äď und sich dort nicht trauen w√ľrden, die Beleidigungen pers√∂nlich zu wiederholen. Dieser Graben w√ľrde laut Vaisman auch die Reaktionen auf die Absichten eines 19-J√§hrigen erkl√§ren, der 2008 √ľber ein bekanntes Streaming-Portal seinen Selbstmord ank√ľndigte und vor laufender Webcam vollzog: W√§hrend die meisten, wenn sie pers√∂nlich Zeuge eines Suizidversuchs w√§ren, die Polizei anrufen w√ľrden, sahen im Internet 1.500 Menschen zu, von denen nicht wenige den jungen Mann aufforderten, den Schlussstrich unter sein Leben zu setzen.

(Quelle: Der Standard v. 24.06.2011; Image src:PsychologyToday.com)

May 21
Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg

Jesse Eisenberg als ‘Mark Zuckerberg’

Wie immer einigerma√üen versp√§tet, was die aktuellen “hast-du-schon/warst-du-schon?”-Trends betrifft, kam ich k√ľrzlich dann doch endlich dazu, mir den Film “The Social Network” anzusehen, der bekanntlich die Entstehungsgeschichte von “Facebook” rund um seinen Entwickler Mark Zuckerberg darstellt. Zuckerberg wird im Film von Jesse Eisenberg als brillanter Harvard-Student dargestellt, der jedoch sozial ungeschickt und r√ľcksichtslos agiert und schlie√ülich, als Facebook rasant zu wachsen beginnt, von ehemaligen Freunden und Mitstudenten mit dem Vorwurf verklagt wird, er habe ihre Ideen gestohlen und sie um ihre rechtm√§√üigen Anteile betrogen. Sp√§ter werden auf Anraten der Anw√§lte Vergleiche geschlossen und dutzende Millionen Dollar an Abfindungen gezahlt –¬†dennoch ist Zuckerberg heute der weltweit j√ľngste Milliard√§r.

Auch wenn nat√ľrlich keinerlei Sicherheit dar√ľber besteht, ob die dargestellten Pers√∂nlichkeitscharakteristika Zuckerbergs und Situationen authentisch dargestellt wurden, beklemmt am Film doch die k√ľhle Atmosphere und scheinbare Emotionslosigkeit, die einige der Hauptdarsteller ausstrahlen. Wie in den meisten Hollywood-Filmen geht es auch in “The Social Network” um Freundschaft und Liebe – doch bereits w√§hrend der ersten Minuten sagt Zuckerberg’s Freundin Erica ihm im Zuge ihrer Trennung, dass er mit M√§dchen wohl immer Probleme haben werde … und zwar nicht, weil er ein “Sonderling” (was auch immer das bedeuten mag, es ist allerdings ein Begriff, der f√ľr “Aspies” h√§ufig verwendet wird), sondern weil er ein “Arschloch” sei. Sie bezieht sich dabei auf seine v√∂llige Au√üerachtlassung ihrer Gef√ľhle, als er Details aus ihrer Beziehung in seinem Blog ver√∂ffentlicht und andere Vorf√§lle.

Im Verlauf des Filmes kann man sich eines Gef√ľhls von Absurdit√§t nicht erwehren, wie komplex und dysfunktional die realen sozialen Netzwerke einiger der Akteure doch sind, und wie diese mit dem Anspruch der Software, Freundschaftsbeziehungen abzubilden und ultimativ zu verst√§rken, kontrastieren. Enge Bezugspersonen werden durch schroffe, kalte “Sager” verletzt und verst√∂rt, Freundschaften zerbrechen am Au√üerachtlassen jeglicher emotionaler Konsequenzen, wenn abstrakte Ideen oder gesch√§ftliche Ziele verfolgt werden. Der Hauptakteur Zuckerberg wird als hochintelligenter Computer-“Nerd” mit 1600 SAT-Scores dargestellt, welcher am laufenden Band selbst den ihm nahestehendsten Personen verbale und emotionale Ohrfeigen verabreicht.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

Der Film bietet viele Indizien darauf, dass die Hauptperson an einer St√∂rung aus dem Autismus-Spektrum (am ehesten wohl dem sog. Asperger-Syndrom) leidet. Dieser Eindruck wurde, wie man einschl√§gigen Websites entnehmen kann, √ľbrigens auch den √ľberwiegend meisten “Aspies” (Asperger-Syndrom-Betroffenen) geteilt. Aspies zeichnen sich h√§ufig durch hohes Talent, was spezifische F√§higkeiten betrifft, aus (meist sind sie in technischen oder k√ľnstlerischen Berufen t√§tig und dort auch sehr erfolgreich), jedoch auch durch Unbeholfenheit, ja an “Tollpatschigkeit” erinnernde fehlende soziale und emotionale Fertigkeiten.

Die Frage, die ich mir bereits beim Verfassen meines ersten Artikels zum Asperger-Syndrom (siehe Link) stellte, ist, inwieweit sich unsere moderne westliche Gesellschaft – entweder versacht durch die sog. “Neuen Medien” oder diese unsere sich ver√§ndernde Gesellschaft reflektierend und darstellend – nicht graduell dem autistischen Spektrum ann√§hert. Eine zunehmende Zahl von Menschen verf√ľgt √ľber hunderte, ja tausende Freunde auf “Facebook” oder “StudiVZ”, aber wie viele authentische Freundschaftsbeziehungen existieren im realen Leben? Auch wenn man sich virtuell manchen Menschen (oder besser: dem, was man hinter ihren “Nicks” vermutet) “nahe” f√ľhlen kann – wie w√ľrde es einem ergehen, wenn man diese im wirklichen Leben tr√§fe … und w√ľrde man dies √ľberhaupt anstreben? Unsere “Smartphones”, iPads und Blackberrys versprechen, die Distanz zu anderen Menschen abzubauen und Kommunikation “einfacher” zu gestalten – aber erh√∂hen sie in elementaren Bereichen menschlicher Beziehungen nicht die reale Distanz und machen hinsichtlich unserer realen sozialen Beziehungen bei zu h√§ufiger Nutzung “unbeholfener”? Wie wirkt sich unser modernes Kommunikationsverhalten unter Ber√ľcksichtigung der Erkenntnisse √ľber Neuroplastizit√§t auf unser Gehirn aus? Trainieren wir unseren pr√§frontalen Kortex auf Kosten jener Gehirnregionen, die unsere sozialen Beziehungen und emotionalen F√§higkeit steuern? Vielleicht ist es ja (auch) damit zu erkl√§ren, dass wir immer h√§ufiger von Kindern und Jugendlichen lesen, die scheinbar emotionslos anderen Mitsch√ľlern Gewalt antun oder diese mobben, oder dass Kontaktst√∂rungen neben Depressionen zur Gruppe zur am st√§rksten zunehmenden Gruppe psychischer St√∂rungen dieses Jahrhunderts geh√∂rt.

Lesetipps:

(Hinweis: einige Gedanken dieses Artikels wurden aus dem gleichnamigen Film-Review von Norman Holland aufgegriffen; Image src:psychologytoday.com)

Mar 16

Die Medienberichte √ľber das Erdbeben in Japan wurden bereits nach wenigen Tagen von der atomaren Katastrophe, die sich in Fukushima ereignete, √ľberlagert. Nahezu jeder, der die Bilder im TV oder Zeitungen sah, wird betroffen gewesen sein … mich pers√∂nlich erinnerten sie an die im japanischen Hiroshima-Museum gezeigten Katastrophen-Bilder: menschenleere Strassen, Ruinen, Rauchwolken. Strassenpolizisten sind in weisse Strahlenschutzanz√ľge gekleidet und tragen Atemschutzmasken. Mindestens eine halbe Million Menschen mu√ü aus der Strahlenzone evakuiert werden.

Was in der Psyche vieler Japaner vorgeht, die nun bereits das zweite Mal innerhalb von knapp 70 Jahren auf ihrer Inselgruppe eine atomare Katastrophe -neben Tschernobyl- unerreichten Ausma√ües erleben, ist kaum vorzustellen. Japan hat die Atomenergie in eine Kraft des Friedens, des wirtschaftlichen Gedeihens verwandelt – das ist eine der gro√üen Nachkriegsleistungen Japans, real und symbolisch. Doch wieder hat sich das “Atom” in eine Gei√üel des Volkes verwandelt, und das, obwohl die japanischen Kernkraftwerke zu den “sichersten” der Welt geh√∂ren.

Dieses Trauma wegzustecken, wird nicht m√∂glich sein – wiederholt sich eine Schockerfahrung, fallen auch bei der stabilsten Psyche die letzten Barrieren. Oberfl√§chlich betrachtet reagieren die meisten Japaner zwar gefasst wie immer – man kann aber davon ausgehen, dass die Katastrophe massive Konsequenzen haben wird. Selbst eine Abkehr von der Atomenergie ist unter solchen Umst√§nden denkbar, obwohl Japan heute 20% seines Energiebedarfs damit deckt. Doch in Fukushima bekam die Menschheit (ein weiteres Mal) ihre Grenzen vorgef√ľhrt – es ist zu hoffen, dass die Karthasis des Traumas ultimativ in massiver Forschung nach alternativen Energiegewinnungstechniken m√ľndet. Japan k√∂nnte auch daf√ľr eine Keimzelle sein, √§hnlich, wie Traumapatienten aus einer erfolgreichen Therapie h√§ufig kr√§ftiger und kreativer hervorgehen als sie das vor dem tragischen Ereignis waren.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:Augsburger Allgemeine)

Jun 21

Die Tage der Menschheit sind gez√§hlt. Zumindest, wenn der australische Mikrobiologe Frank Fenner recht beh√§lt. “Der Homo sapiens wird aussterben, vielleicht innerhalb von 100 Jahren”, prognostiziert er in der Zeitung “The Australian”.

Der 95-j√§hrige Fenner hat in Australien den Status eines Nationalhelden. Mit Hilfe des Myxoma-Virus gelang es ihm in den 1950er Jahren, die damalige Kaninchenplage auf dem f√ľnften Kontinent in den Griff zu bekommen. In den 1960er Jahren war er f√ľhrend an der Ausrottung der Pocken beteiligt. Heute setzt sich der Gr√ľnder der Fenner School of Environment and Society in Canberra f√ľr den Klimaschutz und f√ľr einen nachhaltigen Lebensstil der Weltbev√∂lkerung ein.

Fenner kommt zu dem d√ľsteren Schluss, dass sich die Menschheit binnen drei Generationen quasi selbst ausrotten werde. Die Gr√ľnde seien “Bev√∂lkerungsexplosion und unkontrollierter Konsum”. Zwar werde etwas gegen den Klimawandel unternommen, zu viel w√ľrde jedoch auf die lange Bank geschoben. Das “Anthropoz√§n” ‚Äď das Zeitalter, in dem menschliche Aktivit√§t das Klima beeinflusst ‚Äď sei vergleichbar mit globalen Katastrophen wie Eiszeiten oder Kometeneinschl√§gen. Der Menschheit drohe dasselbe Schicksal wie seinerzeit den Bewohnern der Osterinseln, warnt Fenner. Die Eingeborenen hatten durch die r√ľcksichtslose Abholzung der W√§lder ihre einst bl√ľhende Insel in eine √Ėdnis verwandelt.

Ein realistisches Szenario? Nur teilweise, findet Nick Barton, Professor f√ľr Evolutionbiologie am Institute of Technology in Maria Gugging. Er sieht keine Gefahren f√ľr die gesamte Menschheit, aber Gefahren f√ľr Zivilisationen. “Das Alarmierende ist, dass der technologische Wandel ‚Äď und damit der Einfluss der Menschen auf das Klima ‚Äď weitaus schneller stattfindet als die Evolution. Das war noch nie da und es ist unm√∂glich, die Folgen abzusch√§tzen”, sagt Barton. Er f√ľgt hinzu: “Kaum eine Zivilisation hat je mehr als ein paar 1000 Jahre √ľberlebt und viele sind daran zu Grunde gegangen, dass sie ihre Umwelt √ľberm√§√üig ausgebeutet haben.”

Kommentar R.L.Fellner:

Die Angst vor der Apokalypse geh√∂rt zu den Angstformen, die uns Menschen – soweit wir es zur√ľckverfolgen k√∂nnen – bereits begleiten, solange es uns gibt. Ob der Ausl√∂ser in einem Eingreifen himmlischer M√§chte (mit darauffolgender “Abrechnung” der Bilanz unseres Lebens) besteht, in einer Invasion Au√üerirdischer, einem Meteoreinschlag, einer Umweltkatastrophe oder einer bestimmten Datumskombination: es gibt gen√ľgend potenzielle Ausl√∂ser im Verlauf eines Menschenlebens, anhand derer uns Unheilverk√ľnder an die etwaige M√∂glichkeit eines so genannten “Weltuntergangs” (meist ist damit aber “nur” das Aussterben der menschlichen Gattung gemeint) erinnern.
Bei der Angst vor der Apokalypse wird die Angst vor dem Ende der eigenen Existenz gewisserma√üen auf die Menschheit als Ganzes √ľbertragen – und macht die Idee vom Ende unserer eigenen Existenz noch schmerzvoller: wenn wir nicht mehr sind, aber auch das von uns “Hinterlassene” letztendlich keinen “Sinn” macht, worin besteht dann unsere Rolle in den Geschichtsb√ľchern des Kosmos √ľberhaupt – stellen wir uns am Ende wirklich nur als das “Schluckauf der Mutter Natur” heraus, als das der Mensch in Karikaturen gelegentlich dargestellt wird?

(Quelle und z.T. kritische Repliken anderer Forscher: Wiener Zeitung 22.06.2010; Bildquelle: hqdesktop.net/apocalypse-wallpaper-24838/)

ÔĽŅ01.09.19