Covid-19: die psychischen Folgen

Platzangst; Bildquelle: MedicalNewsToday.com

Angst und Isolationsgefühle: ein neuer Problemkomplex seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie

Am Beginn der Corona-Krise richtete sich die Aufmerksamkeit der Medien und der Politik vor allem auf medizinische und politische Entscheidungen. Doch je länger die Pandemie weltweit andauert und je drastischer die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in manchen Ländern werden, desto mehr treten nun auch die psychischen Folgen dieser Ausnahmesituation in den Vordergrund.

Angstzustände & Schlafstörungen

So gut wie in jedem Land, in dem die Todeszahlen – direkt oder indirekt bedingt durch den Covid19-Virus – eine gewisse Zahl überschritten, begannen Politiker während der letzten Wochen und Monate, die Bewegungsfreiheit der Bürger schrittweise einzuschränken – teilweise in drastischen Ausmaßen, wie zeitbegrenzten oder gar dauerhaften Ausgangssperren, die häufig sogar polizeilich oder militärisch überwacht und bei Zuwiderhandeln mit heftigen Strafen belegt werden. Daneben verlegten zahlreiche Firmen und Ämter die Tätigkeit dafür in Frage kommender Mitarbeiter in deren kurzerhand als solche deklarierten “Home Offices” – mit bisher noch unklarer Dauer, und verbunden mit zahlreichen Herausforderungen (wie Kinderbetreuung, ‘Home schooling’, Platzproblemen, technischen Umstellungen usw.), die dafür zu lösen waren und bis auf weiteres sind.

Wie aber wirken sich all diese Veränderungen und Umstellungen auf die Psyche der Betroffenen aus?

In China bestehen diesbezüglich bereits Erfahrungen, und diese wurden vor kurzem publiziert. In Wuhan etwa wurden bereits im Januar 11 Millionen Menschen isoliert, im allein im Monat Februar erfolgten 2.144 Hotline-Anrufe bei einem (1) bestimmten psychologischen Dienste, die ausgewertet wurden. Knapp die Hälfte der Anrufer klagte über Angstzustände, gefolgt von Schlafproblemen, somatoformen Symptomen, depressiven Symptomen und anderen emotionalen Zuständen wie Einsamkeit, Müdigkeit und Unruhe. Auch körperliche Beschwerden wie Herzklopfen, Atemnot oder Engegefühl in der Brust wurden beschrieben – bei diesen kann es sich um psychosomatische Folgesymptome des emotionalen Stresses handeln.

Die Telefonseelsorge in Deutschland verzeichnet dieser Tage einen ähnlichen Trend: Die Anrufe haben sich seit dem Beginn der Corona-Krise im Schnitt verdoppelt, an einzelnen Tagen rufen etwa 10-mal so viele Personen an.

Risikogruppen besonders gefährdet

Bei den Menschen, die die Telefonseelsorge nutzten, standen größtenteils noch ganz praktische Probleme im Vordergrund: etwa die Organisation eines Krankenhausaufenthalts oder finanzielle Auswirkungen der Krise. Doch speziell Personen mit psychischen Vorerkrankungen dürften während der nächsten Monate ganz besonderen Belastungen ausgesetzt sein. Ihre Resilienz ist zumeist geringer als jene psychisch “gesunder” Personen, und viele der Betroffenen neigen dazu, die problematischen Aspekte von Veränderungen besonders stark wahrzunehmen, Positives dagegen gar nicht oder nur in weitaus geringerem Ausmaß. Besonders schwierig ist die Situation, wenn der Aufenthalt in einer Tagesklinik, Reha-Einrichtung, Werkstatt oder Wohngruppe abgebrochen werden muss oder durch die Ausgangssperre tägliche Routinen nicht mehr eingehalten werden können. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang auch die enormen psychischen Belastungen für die “Helfer” selbst – medizinisches Personal und andere im Gesundheitssektor Beschäftigte, aber auch Angehörige der Erkrankten.

Online-Beratung als neue Ressource

Zahlreiche Versicherungsträger und Experten empfehlen daher, die zahlreichen, zur Verfügung stehenden Angebote von “Video-Sprechstunden” bzw. Online-Beratung wahrzunehmen. Bis vor der Krise handelte es sich dabei um eine Nische im Bereich der psychologischen und therapeutischen Unterstützung, heute jedoch ist es die beste Alternative zu persönlichen Gespräch, das durch die Anfahrtswege nicht nur potenzielle Infektionsrisiken birgt, sondern nicht selten sind die Anfahrtswege auch schwierig nutzbar (wenn etwa öffentliche Verkehrsmittel eingestellt oder reduziert wurden).
Aus diesem Grund hat der deutsche GKV-Spitzenverband die bislang geltenden Begrenzungsregelungen vorerst bis zum 31. Mai 2020 aufgehoben, ähnliche Regelungen gelten auch in Österreich und der Schweiz: bis auf Widerruf kann Psychotherapie bzw. Online-Beratung auch anstelle von persönlichen Sitzungen wahrgenommen und auch so wie persönliche Sitzungen abgerechnet werden – auch dann, wenn Klienten zuvor noch nicht bei ihnen in Behandlung waren. In Deutschland muss bei psychologischen Psychotherapeuten weiterhin zumindest 1 persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt vorausgegangen sein.

Zum Weiterlesen:

– “Psychisch Kranke sind übersehene Risikogruppe” (Der Standard, 26.03.2020)
Leitfaden der Deutschen Depressionshilfe

Hinweis: bitte klären Sie in Ihrem eigenen Interesse die aktuelle Situation mit Ihrer Versicherung und/oder Ihrem/r Therapeuten/Therapeutin. Die Regelungen ändern sich derzeit regional ständig, sodass dieser Blog-Artikel u.U. zum Zeitpunkt, wenn Sie ihn lesen, nicht mehr aktuell sein könnte.
Bildquelle: medicalnewstoday.com

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Richard L. Fellner, DSP, MSc.

Psychotherapeut, Hypnotherapeut, Sexualtherapeut, Paartherapeut



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10.07.20