Jan 16
Hellinger bei Aufstellung

Hellinger bei Aufstellung*

Zuf√§llig bin ich k√ľrzlich auf Videos gesto√üen, die Sequenzen aus einem sog. “Aufstellungs-Seminar” von Bert Hellinger und seiner Frau zeigen, das diese in Russland durchf√ľhrten (soweit mir bekannt, im Jahre 2009). Im folgenden Abschnitt arbeitet Frau Hellinger mit einer Mutter und ihrer Tochter:

Was man hier sieht, entspricht allerdings in keiner Weise dem heute √ľblichen (psycho-)therapeutischen Handeln. Selbst in direktiven und provokativen Therapieans√§tzen respektieren Psychotherapeuten die Grenzen ihrer KlientInnen und versuchen einf√ľhlend herauszuh√∂ren, was diese ben√∂tigen! Sie passen ihr eigenes Handeln wie auch die Methodik ihres Vorgehens den Bed√ľrfnissen jener Menschen an, die in aller Regel seelisch verletzt sind und eine sichere Atmosph√§re ben√∂tigen. Was hier passiert, ist aber, wie unschwer zu erkennen ist, wiederholt und z.T. massiv grenz√ľberschreitend – und man fragt sich unweigerlich, wof√ľr das, das Hellinger insistierend von den Frauen fordert, denn eigentlich genau gut sein soll. Es ist schmerzvoll, mitanzusehen, wie sich beide innerlich winden, und was danach kommt und dann von Herrn und Frau Hellinger zu h√∂ren ist, macht mich regelrecht fassungslos.
Die rigoros eingeforderte Unterwerfung einer (von Hellinger axiomatisch vorgegebenen) Hierarchie gegen√ľber wird dann noch weiter auf die Spitze getrieben, als er nicht einmal w√§hrend der Nachbesprechung duldet, dass in der angespannten Atmosph√§re eine Frau mit ihrer Sitznachbarin zu tuscheln beginnt – statt vielleicht zu fragen, ob sie eine Frage oder etwas beizutragen hat, verweist er sie sogleich des Raumes und subsumiert danach l√§chelnd: “Jetzt sieht sie, wer hier der Gro√üe ist.”
In der systemischen Therapie sagen wir ja sogar: “Der Klient ist der ‘Chef’!” Wir unterstellen also, da√ü unsere KlientInnen in aller Regel sehr gut sp√ľren, wo ihre Grenzen liegen, es braucht also kein “Pushen” des Therapeuten, um Verbesserungen zu erzielen. Somit ist es doppelt schwer auszuhalten, dass Hellinger’s “Familienstellen” dennoch h√§ufig mit “Systemischen Strukturaufstellungen” verwechselt wird. Dieser Blog-Beitrag soll mit bei der Aufkl√§rung dar√ľber helfen, dass trotz der √§hnlich klingenden Begriffe beide Ans√§tze keineswegs dasselbe “beinhalten”.

Der zweite Ausschnitt schl√§gt in eine Kerbe, die leider ebenfalls zu Hellinger und seinem Weltbild geh√∂rt: jene, die Mitgef√ľhl mit den Opfern von Auschwitz und Wut den T√§tern gegen√ľber empfinden, selbst als T√§ter, und Auschwitz als “g√∂ttlichen Ort, heiligen Platz” zu bezeichnen, d√ľrfte sich f√ľr die meisten jener, die w√§hrend des 2. Weltkriegs Familienmitglieder verloren haben, wohl wie ein Schlag ins Gesicht anf√ľhlen. Terror, Genozid und andere grausame Verbrechen, die Menschen einander antun, sind also von einer sog. “h√∂heren Ebene” aus betrachtet gerechtfertigt, da sie Frieden und Entwicklung zur Folge haben? Friede und Entwicklung folgen vielleicht einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach Kriegen, vielleicht kann eine gewisse Form von “Reifung” Gewalttaten folgen – aber stehen sie deshalb auch in kausalem Zusammenhang? Warum sollte man sich √ľberhaupt mit Verhandlungen oder sonstigen Anstrengungen, L√∂sungen und Verbesserungen auf konstruktive Art zu erreichen aufhalten, wenn man damit die eigentliche L√∂sung, n√§mlich “Frieden durch Krieg” (und zahllose Tote und Verletzte) ja nur aufhielte? Selbst wenn man einen rein entwicklungshistorischen Standpunkt einnimmt, sind diese √Ąu√üerungen Hellingers (die immerhin die Grundlage seines Tuns mitdefinieren) in all ihren Konsequenzen an K√§lte wohl nur schwer zu untertreffen – haben aber nichts mit einer am Menschen, seiner Gesundheit und einer auch an einem gesunden sozialen Miteinander orientierten Psychotherapie zu tun. Diese n√§mlich ist h√§ufig genug mit den Folgen von Kriegen und Gewalt (und sei es “nur” psychischer Gewalt) konfrontiert und dann in aller Regel bem√ľht, die betroffenen Menschen dort in ihrem Schmerz und ihren erlittenen Verletzungen abzuholen, wo sie sind und eine neue Perspektive zu entwickeln – statt ihnen zu suggerieren, es h√§tte wohl so sein m√ľssen, und die “Rangordnungen” w√§ren nun einmal ebenso wie die damit verbundenen Folgen “anzunehmen”.

Ich hatte von Bert Hellinger schon seit l√§ngerer Zeit nichts mehr geh√∂rt, und war doch ein wenig erstaunt, da√ü er nun auch in anderen L√§ndern aktiv ist – zu alldem auch in einem davon, in dem Obrigkeitsh√∂rigkeit in weiten Teilen der Bev√∂lkerung auch heute noch tief verwurzelt ist. Ich bezweifle, dass seine in diesem Seminar get√§tigten Aussagen im heutigen Deutschland protestlos hingenommen worden w√§ren. Selbst mu√üte ich den Abspielvorgang √∂fters unterbrechen, weil mir beim Zusehen das Herz weh tat und ich erst mal wieder meine Gedanken sortieren mu√üte. Lange habe ich √ľberlegt, ob ich diesen Videos hier √ľberhaupt eine “Plattform” geben oder sie nicht nur im KollegInnenkreis teilen sollte, aber immerhin dienen weite Teile meiner Website der Aufkl√§rung und dem Bem√ľhen, die konstruktiven und hilfreichen Aspekte humanistisch orientierter und professionell ausge√ľbter Psychotherapie zu vermitteln. Ein Beispiel f√ľr etwas zu bringen, das therapeutischen Anspruch zwar erhebt, dabei aber Menschen verletzt (ja z.T. retraumatisieren kann) und von oben herab belehrt statt “mit den Menschen” zu gehen und ihnen zuzuh√∂ren, kann im Sinne eines Kontrasts hoffentlich ebenfalls Orientierungshilfe bieten.

Zuletzt m√∂chte ich gerade angesichts des von Hellinger f√ľr seine Methode verwendeten Begriffs der “Aufstellungen” darauf hinweisen, da√ü Systemaufstellungen – professionell durchgef√ľhrt und begleitet – auch v√∂llig ohne direktive Eingriffe und “Belehrungen” a’la Hellinger – starke und positive Wirkungen haben k√∂nnen. Sie sind methodisch eine Weiterentwicklung der sog. Skulpturarbeit, und wurden auch ihrerseits bis heute stetig weiterentwickelt. Nicht nur in Bezug auf Einzelpersonen, Familien und Gruppen werden sie bew√§hrt eingesetzt, sondern auch in Firmen, sozialen Einrichtungen, im Rahmen von Supervision, Coaching und Beratung sowie im Zuge der Einzeltherapie (z.B. mittels des sog. “Familienbretts”) sind sie anwendbar. Einen √úberblick k√∂nnen Sie sich in meinem einschl√§gigen Info-Artikel (siehe untenstehender Link) verschaffen. Um nicht nur zu vermitteln, wie es nicht ablaufen sollte, finden Sie hier eine Vorstellung an verf√ľgbaren, fachlich anerkannten und in ihrer Wirksamkeit nahezu durchwegs gut beforschten Therapiemethoden.

Weiterf√ľhrende Informationen:

Bild: martinbuchholz.com

Dec 01

Einem Essener Psychotherapeuten wurde Berufsverbot erteilt, da er im Jahre 2008 mit einer Langzeitklientin intim geworden war. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen bestätigte nun dieses Urteil und wies die Berufung des Therapeuten ab.

Und ich finde das auch ganz gut so. Wie widrig die Umst√§nde auch sein m√∂gen, wie manipulativ sich auch manche Abl√§ufe in Psychotherapien mitunter gestalten: ein(e) Psychotherapeut(in) sollte in jeder Situation “Herr(in) der Lage” bleiben, das Vertrauensverh√§ltnis muss funktions- und tragf√§hig bleiben.

Referenzen:
https://plus.google.com/107937498049518094865/posts/YiBR4JNx1yS
http://www.derwesten.de/staedte/essen/laut-richterurteil-ist-sex-mit-patientin-absolut-tabu-id6123061.html

(Bildquelle: treatment4addiction.com)

May 19

Image: makenwords.blogspot.com

Einer der weniger bekannten Aspekte von Psychotherapie ist die Verschwiegenheitspflicht. Diese Regelung (die √ľbrigens keinen absolut bindenden Part im den meisten L√§ndern Asiens darstellt, in westlichen L√§ndern jedoch i.d.R. sehr strikt gehandhabt wird) sagt grunds√§tzlich aus, dass alles, was ein Klient im Kontext einer Psychotherapie von sich gibt, zwischen dem Therapeuten und dem Klienten zu bleiben hat. In √Ėsterreich ist es Psychotherapeuten nicht einmal erlaubt, Ehepartner √ľber eine Diagnose zu informieren oder dar√ľber, ob der Partner eine Sitzung wahrnahm oder nicht. Klienten k√∂nnen ihre Therapeuten zwar von der Verschwiegenheitspflicht befreien, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Vor Gericht d√ľrfen Psychotherapeuten ebenfalls keine Details √ľber Therapiesitzungen offenbaren. Ausnahmen existieren lediglich bei Gefahr im Verzug. Bei Psychotherapie-Finanzierung √ľber Krankenkassen verlangen diese in √Ėsterreich und auch den meisten anderen europ√§ischen L√§ndern die Angabe einer Diagnose gem√§√ü ICD-10, viele TherapeutInnen jedoch w√§hlen zur Vermeidung von Stigmatisierung und aus datenschutzrechtlichen Bedenken beim Vorliegen mehrerer psychischer Belastungen meist “unverf√§nglichere” Diagnosen.

Wenn diese Regelung auch merkw√ľrdig klingen mag, so macht sie doch Sinn: sie garantiert einen sicheren Ort f√ľr Menschen, an dem sie vertrauensvoll ihre tiefsten Gef√ľhle und heikelsten Gedanken ausdr√ľcken k√∂nnen, ohne sich Sorgen machen zu m√ľssen, dass jemand je davon erfahren wird. In Zeiten, in denen unsere Privatheit scheibchenweise von Regierungen und auf elektronischem Wege genommen wird und die Gesellschaft sehr strikte Regeln √ľber “korrektes” Verhalten und Denken definiert hat, ist es wichtig, wenigstens einen Ort zu haben, an dem man seine intimsten Gedanken, Sorgen oder heiklen Schwierigkeiten aussprechen und sich sicher sein kann, dass sie die 4 W√§nde der Praxis nicht verlassen werden. Es kommt naturgem√§√ü h√§ufiger vor, dass mir M√§nner √ľber p√§dophile oder gewaltt√§tige Fantasien erz√§hlt haben oder Frauen √ľber Sex-Probleme oder Schwierigkeiten bei der Partnersuche – aber nur, wenn √ľber diese Gedanken offen gesprochen werden kann, ist ein sachlicher Zugang m√∂glich und eine Entwicklung von Strategien, wie mit ihnen am besten umzugehen ist.

Die Verschwiegenheitspflicht allein ist ein guter Grund, warum jemand, der einen Psychotherapeuten aufsucht, nicht als “schwach” oder “verr√ľckt” zu gelten hat. Allein, um die M√∂glichkeit zu nutzen, einmal alle Aspekte eines Problems offen auszusprechen, sich neutrales Feedback zu holen und vielleicht auch an einer Verbesserung der Situation zu arbeiten, kann Grund genug sein. Wenn Sie nicht sicher sind, wie Ihr Psychotherapeut oder Berater es mit der Verschwiegenheitsregel h√§lt, fragen Sie einfach. Es ist ein Zeichen der Seriosit√§t, wenn Sie darauf eine geradlinige Antwort erhalten.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bild-Quelle: martinspi.com)

Mar 18

(Bild: R.L.Fellner)

Wieder mal regte mich ein Beitrag aus dem Diskussionsforum meiner Website an, √ľber ganz bestimmte Aspekte meiner eigenen Rolle als Therapeut zu reflektieren. Eine Diskussionsteilnehmerin fragte sich nach ihren Erfahrungen in ihrer Psychotherapie, inwieweit Patienten ihren Therapeuten denn auch pers√∂nlich wichtig sind, und wieviel emotionales Engagement tats√§chlich besteht – bzw. ob dieses √ľberhaupt echt sei?

Nat√ľrlich ist es nicht m√∂glich, eine derartige Frage generalisierend zu beantworten. Genauso, wie jeder Mensch anderes ‘gedrahtet’ ist, sind es (nat√ľrlich) auch TherapeutInnen! Die daf√ľr erforderliche Ausbildung ver√§ndert ja nicht die Pers√∂nlichkeitsstruktur, sondern schafft nur eine wissensm√§√üige Grundlage und zielt darauf ab, dass trotz aller pers√∂nlichen “Macken” Professionalit√§t in der therapeutischen Arbeit m√∂glich ist. Was oft, aber nat√ľrlich nicht immer gelingt.

Pers√∂nlich habe ich im Laufe meiner Ausbildung und T√§tigkeit entsprechend auch die volle Bandbreite kennengelernt: von √ľberemotionalen, kaum abgrenzungsf√§higen Therapeutinnen, die im Leben nichts anderes haben als “die Praxis” bis hin zu √§u√üerst k√ľhlen und m.M. nach kaum empathief√§higen Therapeuten. Und ganz vielen, die irgendwo dazwischen liegen. Von solchen, die ihre Klienten vor allem als “Kunden” sehen bis zu solchen, die anf√§llig sind f√ľr emotionale √úbergriffe (in beide Richtungen). Und vielen, die aber gerade in der Praxis dann durchaus so agieren, wie ich das bei TherapeutInnen f√ľr erforderlich halte. Und nat√ľrlich gibt es auch “professionelle Freundlichkeit”, “professionelle N√§he”. Diese sollte sich von herk√∂mmlicher Freundlichkeit, N√§he und emotionaler Beteiligung meiner Ansicht nach dadurch unterscheiden, dass im Kopf gewisserma√üen eine h√∂here (professionelle) Instanz dar√ľber “wacht”, ob das, was zwischen beiden Personen abl√§uft, noch heilsam ist, und nicht wom√∂glich das, was da zwischenmenschlich m√∂glich w√§re, letztendlich f√ľr mehr Komplikationen oder Verwicklungen sorgen w√ľrde.

Ganz pers√∂nlich geht es mir so, dass ich leidenschaftlich gerne mit Menschen arbeite, und mich im Prinzip auf jeden freue, der zur n√§chsten Stunde kommt, um mit meiner ‘guidance’ ein weiteres St√ľck seines pers√∂nlichen Wegs zur√ľckzulegen. Manche KlientInnen sind aber durchaus “herausfordernder” im Sinne von “schwieriger” als andere. Das hei√üt aber nicht, dass ich mich deshalb √ľber sie weniger freue, sondern es steigert nur etwas meinen Blutdruck ūüėČ – √§hnlich wie an einer schwierigen Stelle eines Bergaufstieges.

Auch wenn ich mich pers√∂nlich (wovon viel mit der systemischen Therapiemethode zu tun hat) nicht in allzu tiefe pers√∂nliche Verbindungen mit Klienten einlasse, so “lebe” ich doch mit allen mit und bin √§u√üerst interessiert, wie es ihnen so ergeht … und wie es nach der Therapie weiterging in ihrem Leben. Insofern ist mit Abschieden tats√§chlich h√§ufig auch ein gewisser Schmerz verbunden. Allerdings kann ich recht gut akzeptieren, dass ich halt von Beginn an nur vor√ľbergehender Wegbegleiter war. Ich “ben√∂tige” meine KlientInnen nicht als Freunde oder Bezugspersonen, und bin eigentlich √ľberzeugt davon, dass das f√ľr diese l√§ngerfristig auch ganz gesund ist – auch wenn es manchmal nat√ľrlich wichtig und gut ist, wenn ich in bestimmten Lebenssituationen auch mal als bester Freund zur Verf√ľgung stehen kann.

Jan 14
(Foto: Psychotherapie in Thailand bei R. L. Fellner)

(Photo: R.L.Fellner)

Ich bin an meiner psychischen Belastungsgrenze! Aber was tun: mir Medikamente verschreiben lassen oder einen Therapeuten besuchen?

Die meisten Menschen entscheiden sich zun√§chst f√ľr den ersten Weg. Die meisten Psychopharmaka (so hei√üen die Arzneimittel, die auf die Psyche des Menschen symptomatisch einwirken) sind heute unkompliziert in der Apotheke um’s Eck zu bekommen, und den Rest verschreiben die meisten Psychiater bereits nach einem 5-min√ľtigen Gespr√§ch. Man kann es hiermit also angenehmerweise vermeiden, sich √ľber seine “schwachen Punkte” mit jemandem austauschen zu m√ľssen, sondern darf darauf hoffen, dass uns der unangenehme “Gast” in Form von √Ąngsten, Depressionen, Zwangsgedanken etc. in K√ľrze wieder verl√§√üt. Diese Vorgangsweise folgt der Vorstellung des Menschen als Apparat: dreht man (pharmakologisch) am rechten Schr√§ubchen, l√§uft das Uhrwerk wieder.

Psychologen und Psychotherapeuten haben mit dieser Vorstellung naturgem√§√ü Probleme, denn sie reduziert den Menschen nicht nur auf die Funktion einer “Denk- und Verdauungsmaschine”, sondern ignoriert auch die wichtigen anderen beiden S√§ulen des humanistischen Menschenbildes: Geist (unsere rational-/intellektuellen M√∂glichkeiten, Probleme zu bew√§ltigen) und Seele (die Vorstellung, dass psychische Probleme konkrete Ursachen haben, die wir l√∂sen oder beheben sollten).

Aus diesen zwei recht gegens√§tzlichen Sichtweisen heraus hat sich eine moderne psychotherapeutische Vorgangsweise etabliert, die sich in den meisten aller psychischen Notlagen gut bew√§hrt: bei Psychosen, schwerwiegenden psychischen Erkrankungen und akuten Problemen dominiert zun√§chst einmal der pharmakologische Ansatz. Arzneimittel sollen helfen, die psychische Lage soweit zu stabilisieren, dass Patienten f√ľr Psychotherapie und andere Therapieformen √ľberhaupt erst aufnahmef√§hig werden. Bei herk√∂mmlichen psychischen St√∂rungen wird in der Regel Psychotherapie angewandt, fallweise kann aber auch hier w√§hrend der ersten Behandlungsmonate pharmakologische Unterst√ľtzung hilfreich sein. Von rein pharmakologischen Therapien ohne jede begleitende Psychotherapie ist man zu Beginn des 21. Jahrhunderts f√ľr die meisten Beschwerdebilder eher abgekommen. Im konkreten Fall sollte im Interesse des bestm√∂glichen Therapieansatzes die Diagnose und Einsch√§tzung der korrekten Vorgangsweise ein ausgebildeter Psychiater, Psychologe oder Psychotherapeut vornehmen.
Von Selbstdiagnosen und besonders auch der Selbstbehandlung mit Psychopharmaka ist aufgrund derer potentiellen Nebenwirkungen unbedingt abzuraten.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011)

Jul 31

Psychiater, Psychologe oder Psychotherapeut?
Der Dschungel der Berufsbezeichnungen.

Wer Beratung sucht, persönliche Probleme oder Probleme in der Partnerschaft hat, stößt unweigerlich auf die Frage: an wen wende ich mich da am besten? Vor 100 Jahren ging man entweder zum Priester oder einem Psychiater. Heute jedoch ist die Spezialisierung dank intensivster Forschung stark vorangeschritten und es ist sinnvoll, sich an den jeweils kompetentesten Ansprechpartner zu wenden.

Psychiater und Neurologen: sie sind ausgebildete Mediziner und spezialisiert auf die Diagnose und vorwiegend pharmakologische (medikamentöse) Behandlung schwerster psychischer Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen und Psychosen (wie Schizophrenie u.a.) sowie neurologischer Erkrankungen (Störungen des Nervensystems).
Psychologen: haben psychische Prozesse und Strukturen studiert. Klinische Psychologen sind auf Diagnostik, Beratung, psychologische Begleitung von psychisch und somatisch Kranken sowie Trainings spezialisiert. F√ľr die Aus√ľbung von Psychotherapie ist in den meisten L√§ndern jedoch eine Zusatzqualifikation erforderlich.

Coaches, Berater: diese Berufsbezeichnungen sind nicht gesch√ľtzt, weshalb ein un√ľberschaubarer Wildwuchs an Anbietern, gr√∂√ütenteils ohne qualifizierte Ausbildung, existiert. ‚ÄěVor Gebrauch‚Äú sollte man sich daher eine Meinung √ľber die Seriosit√§t des Anbieters bilden.
Psychotherapeuten: f√ľr ihr Fachgebiet, die therapeutische Behandlung psychischer St√∂rungen und Belastungen, haben sie sich einer mehrj√§hrigen, sehr intensiven Ausbildung zu unterziehen. Psychotherapeutische Einsatzgebiete sind z.B. auch die Paartherapie und Sexualtherapie. Psychotherapien finden in 1-2-w√∂chentlichen Sitzungen von ca. 50 Minuten statt.

Bei Problemen, die nicht besonders belasten und erst kurz andauern, ist in der Regel eine Beratung ausreichend. Dauern diese bereits l√§nger an oder treten sie immer wieder auf, ist der Besuch eines qualifizierten Psychotherapeuten anzuraten sowie im Sinne einer langfristigen Verbesserung die Therapie zumindest einige Monate lang durchzuziehen. Bei schweren psychischen Erkrankungen sollte man einen Psychiater zwecks korrekter Diagnostik und medikament√∂ser St√ľtzung konsultieren, erg√§nzend wird heute auch bei psychiatrischen Erkrankungen weltweit Psychotherapie st√ľtzend und f√∂rdernd eingesetzt. Hier besteht in Thailand noch gro√üer Nachholbedarf.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image source: cs10032.vk.me)

Jul 28

Psychotherapie – wer braucht denn sowas?!” Das dr√ľckt in etwa der Blick von manchen “gestandenen Pers√∂nlichkeiten” aus, wenn die Rede auf Psychotherapie (wie auch Psychiatrie und psychologische Beratung) kommt. Psychotherapie hat immer noch ein zweifelhaftes Image – Leute, die so etwas ben√∂tigen, m√ľssten Versager sein, oder Menschen, die ihr Leben nicht im Griff haben.

Doch ein Blick √ľber den Tellerrand zeigt: in fortschrittlichen und selbstkritischen, konkurrenzt√ľchtigen Gesellschaften sind Ans√§tze wie Psychotherapie, Coaching oder Beratung in schwierigen Lebenslagen akzeptiert. Prominente reden offen dar√ľber, in Psychotherapien mehr √ľber sich gelernt zu haben, und Manager berichten dar√ľber, da√ü sie sich im Coaching regelm√§√üig neue Impulse f√ľr ihren herausfordernden Job suchen.

M√∂glich wird dieser Schritt dann, wenn sich jemand eingesteht, da√ü man sich selbst nun einmal nur sehr beschr√§nkt helfen und ‚Äěberaten‚Äú kann. Wir gehen an unsere eigenen Probleme immer wieder in einer ganz bestimmten Weise heran – und wenn uns diese Strategien nicht mehr weiterhelfen, kommen wir nicht mehr vom Fleck oder steuern vielleicht sogar auf eine Katastrophe zu. Beratung und Therapie verschaffen in erster Linie neutrales, unvoreingenommenes Feedback von au√üen – und im Idealfall findet sich da jemand, der einen tats√§chlich zu neuen Perspektiven einladen kann, mit denen Herausforderungen einfacher bew√§ltigt werden k√∂nnen.
In diesem Sinne wird die Nutzung von Coaching oder Therapie zu einem Zeichen von Voraussicht und Intelligenz: hier h√§lt jemand sich selbst und seine Lebenszeit f√ľr so wertvoll, um sich nicht mehr als n√∂tig von diversen Schwierigkeiten im privaten oder beruflichen Alltag belasten lassen zu wollen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Bild-Quelle: psychotherapybrownbag.com)

Mar 30

Und wieder ist es passiert: die Serie an aufgeflogenen F√§llen von P√§dophilie w√§hrend der letzten Wochen erschien wie ein Stich ins Wespennest, unweigerlich ertappte man sich bei der Frage: “..und was ist da alles noch nicht aufgedeckt?” Einzelne Theologen sehen sich veranla√üt, vor einer Gleichstellung von Z√∂libat mit P√§dophilie bzw. Ephebophilie zu warnen, w√§hrend andere zum Schrecken ihrer Kollegen einen direkten Zusammenhang zwischen beiden orten.

Einmal mehr scheint sich auch ein Konnex zwischen Berufen, in denen Erwachsene tagt√§glich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und sexuellen √úbergriffen auf diese zu zeigen. Wen das √ľberrascht oder schockiert, der mu√ü sich entgegenhalten lassen, da√ü wir seit Darwin, sp√§testens aber Freud eigentlich wissen sollten, da√ü wir Menschen – trotz eines enorm entwickelten Gro√ühirnes – immer noch sehr stark sexuell gesteuerte Wesen sind. Und auch wenn sich die Gendermedizin dem heute nicht mehr so generalisierend anschlie√üen w√ľrde: Abraham H. Maslow sah den Sexualtrieb neben Trinken, Essen und Schlafen als gleichrangig auf einer Stufe seiner “Bed√ľrfnispyramide” stehend, und auch zahlreiche Studien – etwa √ľber die Partnerwahl von Menschen – best√§tigen, da√ü uns sexuelle Antriebe in unserem allt√§glichen Tun wohl deutlich st√§rker steuern als sich dies viele von uns eingestehen m√∂gen. Ebenso, wie es Teil der (nicht immer nur charmanten) Realit√§t ist, da√ü an den allermeisten Arbeitspl√§tzen mitunter auch mal sexuelle Rituale und Signale ausgetauscht werden, mu√ü damit gerechnet werden, da√ü derartige Spannungsfelder zumindest gelegentlich auch in jenen Berufen existieren, in denen Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Eine tragf√§hige und vor allem konstante bewu√üte Abgrenzung ist in diesen Berufen auch deshalb schwierig, da unser Unbewu√ütes das letztendlich ja k√ľnstlich definierte “Schutzalter” (in den meisten L√§ndern liegt diese Grenze zwischen 14 und 18 Jahren) kaum verarbeiten kann: gerade in jenen L√§ndern, in denen es vergleichsweise sp√§t endet, wirken die laut Gesetz noch sch√ľtzenswerten Jugendlichen k√∂rperlich h√§ufig bereits “erwachsen”, zumeist agieren sie auch erwachsen, und nicht selten sind sie seit Jahren bereits auch sexuell aktiv – den “primitiven Es’s” der Umwelt wird sexuelle Reife signalisiert.
Wie ist aber mit der Problematik umzugehen, da√ü trotz dieser Umst√§nde Jugendliche und insbesondere Kinder vor sexueller Ausbeutung (hier beziehe ich mich auf das bewu√üte Ausnutzen der emotionalen Unreife von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene mit der Absicht, sexuelle Ziele zu erreichen), vor vorzeitiger sexueller Initiation (hier beziehe ich mich auf erste sexuelle Erfahrungen in einem Stadium der k√∂rperlichen und psychischen Reifung, in dem ein Sexualakt mit einer anderen Person¬† k√∂rperliche oder psychische Sch√§den nach sich ziehen kann) und nicht zuletzt vor einem k√∂rperlichen und emotionalen √úbergriff – der Verletzung der Schutzbed√ľrftigkeit und grunds√§tzlichster Elemente der Professionalit√§t in einem p√§dagogischen, √§rztlichen oder anderen vergleichbaren Umfeld mit “Machtgef√§lle” – gesch√ľtzt werden m√ľssten?

Ich bin davon √ľberzeugt, da√ü mit s√§mtlichen Ans√§tzen, in denen von Menschen verlangt wird, ihren Sexualtrieb zu negieren oder gar abzuschalten, dieser Konflikt nicht zu l√∂sen, und der Kampf gegen den Mi√übrauch im institutionellen Kontext nicht zu gewinnen ist. Unsere inneren Konflikte und die Versuchungen des Lebens lassen sich nicht l√∂sen, indem wir sie ausblenden oder negieren. Und die – zumindest gelegentlich – bei allen von uns aufkommenden Impulse k√∂rperlicher Lust lassen sich nicht besser kontrollieren, indem wir sie “wegdefinieren”: indem wir etwa sagen, da√ü “wir unsere Sexualit√§t Gott schenkten” , wenn das an die Oberfl√§che dringende sogleich wegzensiert wird oder wenn √ľber sexuelle Gedanken nicht einmal gesprochen werden kann, da dies sofort mit entr√ľsteten und funkelnden Blicken bestraft w√ľrde (etwas, das besonders h√§ufig im – von Frauen dominierten – p√§dagogischen Bereich beobachtbar ist).
Konsequenterweise prognostiziere ich auch, da√ü solange Institutionen existieren, in denen Sexualit√§t per definitionem nicht gelebt werden darf, sexuelle √úbergriffe auch weiterhin stattfinden werden – trotz aller, sicherlich gut gemeinter, Absichtsbekundungen der jeweiligen “Chefs”. Solange ein Z√∂libat existiert, werden sich die sexuellen Triebkr√§fte – Geister, die zumindest gelegentlich ihren Weg auch in das beste Kloster finden – unweigerlich auf jene richten, die greifbar sind und bei denen ein gewisses (alters- oder hierarchisch bedingtes) Machtgef√§lle die Hoffnung zul√§√üt, da√ü nichts davon je bekannt werden wird. Ganz unabh√§ngig von einem ebenfalls existierenden Kreis an Menschen, die sich ganz bewu√üt in Bereichen und Institutionen niederlassen, in denen Opfer verf√ľgbar sind. Und will man wirklich ehrlich sein, kann man auch die Anziehungskraft nicht verleugnen, welche Institutionen, in denen ein vor herk√∂mmlichen Anspr√ľchen an ein “gegl√ľcktes Leben” freier Raum existiert (wie etwa dem, eine sexuelle Beziehung zu einer erwachsenen Frau zu unterhalten) auf manche Menschen haben m√ľssen. Man kann davon ausgehen, da√ü religi√∂se Institutionen deshalb eine gewisse Sogwirkung auf homosexuelle M√§nner und Frauen aus√ľben, ebenso auf Menschen, die entweder eine eigene Mi√übrauchsvergangenheit haben und deshalb einst ein vor Sexualit√§t gesch√ľtztes Umfeld suchten, aber auch solche, die Mi√übrauchserfahrungen autorit√§rer Art machten und massive Selbstwertprobleme haben. Wer sich aber selbst als schwach erlebt oder tats√§chlich eine schwache Pers√∂nlichkeit ist, in dem w√§chst leicht der Wunsch, auch einmal der St√§rkere zu sein und dieses Gef√ľhl in einer Weise auszuleben, in der er existierende Machtgef√§lle ausn√ľtzt. Noch einmal: all dies sind gr√∂√ütenteils v√∂llig unbewu√üt ablaufende Prozesse und Emotionen, die gerade im Dunkel von Denkverboten und Tabus gut gedeihen.

Insofern scheint mir zus√§tzlich auch ein offenerer und weniger tabubestimmter Umgang mit Sexualit√§t in den Institutionen, ja in der Gesellschaft an sich notwendig. Auch erotische Gef√ľhle zwischen “Erwachsenen” und “Kindern” (die Anf√ľhrungszeichen sollen die Schwierigkeiten der Grenzziehung unterstreichen) m√ľssen sowohl in Berufen, in denen es “Helfer” und “Anvertraute” gibt, als auch in unserer Gesellschaft, artikulierbar werden. Es mu√ü dar√ľber gesprochen werden k√∂nnen, ohne, da√ü man sich “verd√§chtig” macht und einen die Berufslaufbahn gef√§hrdenden Schlag mit der moralischen Keule riskiert. Denn erst wenn Menschen √ľber ihre Gef√ľhle ohne Einschr√§nkung sprechen k√∂nnen und es keine der menschlichen Lebensrealit√§t widersprechenden Dogmen mehr gibt, ist es m√∂glich, sich √ľber potenziell destruktive Gedanken offen auszutauschen. Erst dann kann man das, was einem auf der Seele liegt, ans Tageslicht lassen, wird man es wagen, sich Hilfe und St√§rkung zu suchen. Ein Ja zum Menschen – das sich viele Religionen gerne auf die Fahne schreiben – das mu√ü auch das Ja zu seiner Sexualit√§t einschlie√üen!

(Lesetipp zu den K√§mpfen zwischen “√úber-Ich”, dem bewu√üten “Ich” und dem “Es”: Sigmund Freud, “Das Ich und das Es“; Photo: Shutterstock)

Dec 30

Im Psychotherapie – Diskussionsforum meiner Website verwies ein Diskussionsteilnehmer k√ľrzlich auf ein Interview auf kath.net, in dem der Autor Manfred L√ľtz (welcher auch Facharzt f√ľr Nervenheilkunde, Psychiatrie und Psychotherapie ist) mit folgenden Aussagen zitiert wird:

“Seelsorge ist viel mehr als Psychotherapie! Sie ist eine existenzielle Beziehung zwischen zwei Menschen. Dagegen ist die Beziehung zwischen Therapeut und Patient eine zweckgerichtete Beziehung auf Zeit f√ľr Geld. Doch den Sinn des Lebens gibt es nicht auf Zeit f√ľr Geld.

L√ľtz: [Der Seelsorger] darf von sich erz√§hlen und er darf sagen: “Ich bete f√ľr dich, vertrau auf Jesus Christus!” ‚Äď er darf also √ľber die wirklich wichtigen Dinge reden.

kath.net: Sie d√ľrfen das nicht?

L√ľtz: Nein!

kath.net: Warum nicht?

L√ľtz: Weil dann die Gefahr besteht, dass ich einen Menschen manipuliere. Wenn ich einem Menschen mit den Methoden der Wissenschaft aus der Depression geholfen habe, dann habe ich f√ľr ihn nat√ľrlich eine hohe Autorit√§t.
Und wenn ich diese Autorit√§t dazu missbrauche, diesem Menschen den Glauben aufzun√∂tigen, dann trete ich ihm zu nahe. Die Glaubensentscheidung ist eine freie Entscheidung. Es ist mir wichtig, dass es an unserem Krankenhaus gute Seelsorger gibt, die die Patienten existenziell begleiten. Und wer eine schwere psychische Krise √ľberwunden hat, der stellt sich oft tiefere Fragen als die oberfl√§chlich pl√§tschernden unheilbar Normalen.

Provozierend gesagt: Der Seelsorger kann echt sein, w√§hrend ich als Therapeut letztlich k√ľnstlich bin, da ich in der Therapie methodisch mit Menschen rede.”

Ich habe das Interview auch abseits der zitierten Textpassagen gelesen, und so interessant manche der dort vertretenen Gedanken zu lesen waren, so unbehaglich f√ľhlte ich mich beim Lesen anderer – u.a. bei den oben zitierten, speziell auch was seine (immerhin als prominenter Facharzt ge√§u√üerten) hemds√§rmeligen “Krankheits”-Definitionen sowie sein Verst√§ndnis von “Echtheit” (was auch immer er in diesem Kontext damit meinen mag) im Feld psychosozialer Beratung und Therapie betrifft. Zumindest f√ľr mich m√∂chte ich bittesch√∂n in Anspruch nehmen, ebenfalls “echt” zu sein, wenn ich mit Klientinnen und Klienten spreche. Zur in Nebens√§tzen mitvermittelten Botschaft, da√ü kirchliche Instutionen ohne Gegenleistung (gewisserma√üen selbstlos) agieren w√ľrden und nur am “ewigen” Wohl ihrer Klientel interessiert w√§ren, kann bei mit der aktuellen und historischen Kirchengeschichte auch nur halbwegs Vertrauten nur Stirnrunzeln erzeugen.

Bild: Canisius.at

Zur Fragestellung selbst: ich halte es f√ľr gut und wichtig, wenn gerade Menschen in einer Krisensituation wissen, was sie in einem Beratungs- oder Therapiekontext erwarten k√∂nnen.
Seelsorger, M√∂nche usw. k√∂nnen beraterisch √§u√üerst gut ausgebildete und einf√ľhlsame sowie hinsichtlich des Einflusses ihrer jeweiligen Religion sehr neutrale Helfer sein – das Problem ist lediglich, da√ü einem als Hilfesuchender das “package“, das ihn bei der jeweiligen Person erwartet, zun√§chst einmal ja unbekannt ist, wenn man sich ihr in einer extrem heiklen und verwundbaren Lebenslage anvertraut.
Bei Psychotherapie dagegen ist es so, daß das Setting und viele Grenzziehungen methodisch und gesetzlich recht klar abgesteckt sind Рi.d.R. weiß man als Klient also, was einen dort erwartet.
Unr√ľhmliche Ausnahmen (Seelsorger, die letztlich mehr oder weniger subtil indoktrinieren, oder aufgrund eigener psychischer Schw√§chen √ľbergriffige Therapeuten) gibt es in beiden Bereichen.

Nun wage ich zu behaupten, da√ü bei den √ľberwiegend meisten psychischen St√∂rungen und Erkrankungen (im Sinne des ICD-10) Psychotherapie allein “durchaus gut” ūüėČ weiterhelfen kann – f√ľr den entsprechenden seelischen Heilungsprozess ist also keinerlei religi√∂ser Glaube erforderlich (was Psychotherapie f√ľr Religionen √ľbrigens immer schon zu einer nat√ľrlichen und potenziell gef√§hrlichen Konkurrenz machte). Auf das lt. L√ľtz “wirklich Wichtige” (wof√ľr? und f√ľr wen?), n√§mlich das zitierte “Ich bete f√ľr dich, vertrau auf Jesus Christus!” kann man insofern verzichten – solang es “nur” um psychische Heilung und Gesundung geht.

Anders verh√§lt es sich, wenn man spirituellen (religi√∂sen) Beistand auf der Basis der eigenen spirituellen (religi√∂sen) Grund√ľberzeugungen sucht oder schlicht Zuspruch, menschliche W√§rme. Da kann Seelsorge, wie ich meine, Gro√ües leisten – etwas, auf das Menschen, die dasselbe im Grunde in einer Therapie suchen, verzichten m√ľssen (und davon dann mitunter, wie man ja auch hier im Psychotherapie-Forum immer wieder lesen kann, entt√§uscht sind). Der Seelsorger kann es sich aufgrund seiner weitgehend frei durch ihn selbst interpretierbaren Rolle leisten, Hilfesuchenden emotional und vielleicht auch k√∂rperlich sehr nahe zu kommen, ihnen auch nahezu Beliebiges z.B. √ľber den Nutzen von Gebeten an Jesus Christus oder Schutzheilige zu erz√§hlen – teils also auf eine Weise zu agieren, die f√ľr einen professionellen Psychotherapeuten einer Verletzung der Berufspflichten gleichk√§me. Aus demselben Grunde sind mir, wie ich nicht m√ľde werde, zu betonen, umgekehrt auch PsychotherapeutInnen suspekt, die die anerkannte Heilmethode Psychotherapie in der Praxis freiz√ľgigst (und unn√∂tigerweise!) mit Esoterik oder Religion vermanschen.

Die Thematik halte ich f√ľr insgesamt sehr spannend – und f√ľr wichtig, da ich absolut von der Wichtigkeit klarer Rahmenbedingungen √ľberzeugt bin. Unter den folgenden zwei Links finden sich weitere √úberlegungen und Analysen zur Thematik – dieser Text befa√üt sich mit Spiritualisierungstrends in der Psychotherapie und Therapeutisierungstrends in der christlichen Seelsorge, U. Rauchfleischs’ Buch “Wer sorgt f√ľr die Seele?: Grenzg√§nge zwischen Psychotherapie und Seelsorge” befa√üt sich mit den Problemen und Fragestellungen, die ich oben angerissen habe, jedoch naturgem√§√ü noch weitaus genauer, und versucht abzurei√üen, wie ein konstruktives Miteinander von Psychotherapie und Seelsorge aussehen kann.

In diesem Fall pers√∂nlich das “Therapeutenk√§ppi” tragend kann ich nur sagen, da√ü ich die Auseinandersetzung mit spirituellen Fragestellungen im Leben f√ľr √§u√üerst bereichernd und wichtig halte – insofern haben diese nat√ľrlich auch (ebenso wie z.B. Fragen der Sexualit√§t) Raum in einer Psychotherapie zu bekommen, sofern TherapeutIn und KlientIn sich wohl damit f√ľhlen, sich mit diesem Bereich gemeinsam dialogisch auseinanderzusetzen! Allerdings ist mir daf√ľr der Arbeitstitel “Spiritualit√§t” wichtig – welchen religi√∂sen √úberzeugungen jemand nahesteht (oder nicht) ist f√ľr mich da eigentlich zweitrangig, solange der Rahmen f√ľr das Gespr√§ch offen und der Therapeut neutral genug ist (nur dann oder andererseits bei sehr √§hnlichen religi√∂sen Grund√ľberzeugungen hielte ich es f√ľr vertretbar, sich diesen in einer Therapie zu widmen). Das ist gleichzeitig auch noch ein weiterer klarer Unterschied zur Seelsorge, die ja letztendlich immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Religion des Anbieters stattfindet – ob dies der jeweilige Seelsorger, Rabbi, M√∂nch oder Imam sich selbst oder den sich ihm Anvertrauenden eingestehen mag oder nicht…

(Das zitierte Interview zum Nachlesen: “Das B√∂se ist Therapeuten nicht zug√§nglich“, in: kath.net, 12/2009; Bildquellen: GoYellow.de, Canisius.at)

Oct 13

Photo src: verslavingsblog.nl

Zur Vermeidung von “schiefer Optik”, wenn nicht gar von Korruptionsvorw√ľrfen, mit dem Ziel unbedingter Achtung der Interessen der Kranken und strengster Schweigepflicht bei gleichzeitiger M√∂glichkeit zur Zusammenarbeit von Behandlern in Teams – die √Ėsterreichische Gesellschaft f√ľr Psychiatrie und Psychotherapie hat vor kurzem einen von einem Expertengremium formulierten “Verhaltenskodex f√ľr Psychiater” verabschiedet.

Selbstbestimmungsrecht des Kranken

F√ľr die Patienten mit psychischen Leiden, die oft der Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt sind, ganz wichtig: “Jede psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung hat – wie alle medizinischen Interventionen – unter Wahrung der Menschenw√ľrde und unter Achtung der Pers√∂nlichkeit, des Willens und der Rechte der Patienten zu erfolgen. Das Selbstbestimmungsrecht des Kranken ist zu w√ľrdigen. Psychiater achten das Recht ihrer Patienten, den Arzt frei zu w√§hlen oder zu wechseln.”

Schweigepflicht

Besonders streng ist die Schweigepflicht formuliert: “Psychiater haben √ľber all das, was sie w√§hrend ihrer √§rztlichen bzw. psychotherapeutischen T√§tigkeit erfahren, auch √ľber den Tode des Patienten hinaus, zu schweigen, abgesehen von gesetzlich vorgesehenen Ausnahmen.” Auf der anderen Seite soll das nicht die Zusammenarbeit von Psychiatern und Psychotherapeuten und anderen √Ąrzten untereinander behindern: “Wenn mehrere Psychiater und Psychotherapeuten bzw. ein interdisziplin√§res Team den Patienten behandeln, so sind sie untereinander von der Verschwiegenheitspflicht insofern befreit, als das Einverst√§ndnis der Patienten vorliegt oder berechtigterweise angenommen werden kann.”

Einsicht in Krankenakten

Nat√ľrlich hat der Patient ein Recht auf seine Daten: “Psychiater haben Patienten auf deren Verlangen grunds√§tzlich in sie betreffende Krankengeschichten Einsicht zu gew√§hren und gegen Kostenersatz Kopien anzufertigen.”

Verbindungen zur Pharmaindustrie

Schlie√ülich sind in dem von Christoph Stupp√§ck (MedUni Salzburg), Hartmann Hinterhuber (MedUni Innsbruck), Michael Lehofer (Landesnervenklinik Graz) und Helmuth Ofner (Juridische Fakult√§t Uni Wien) formulierten Verhaltenskodex auch die Verbindungen zur Pharmaindustrie geregelt: Jede “Pharmastudie” muss einer Ethikkommission vorgelegt werden, f√ľr Leistungen an die Industrie d√ľrfen Honorare “die Grenze der Angemessenheit nicht √ľbersteigen”. Der Dienstgeber muss √ľber solche Vertr√§ge Bescheid wissen. Bei Fortbildungsveranstaltungen ist der Sponsor offen zu legen. Kongresseinladungen d√ľrfen nur mit einem angemessenen Kostenersatz verbunden sein. Werbegeschenke d√ľrfen bestenfalls angenommen werden, wenn ihr Wert geringf√ľgig ist.

Hinweis R.L.Fellner: F√ľr den Berufsstand der Psychotherapeuten existiert in √Ėsterreich seit 1990 das Psychotherapiegesetz (PThG), seit 2002 sind auch umfassende und detaillierte Ethik-Richtlinien festgelegt.

(Quelle: Der Standard, 10/2008)

ÔĽŅ25.06.19