Sep 18

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Politische Einstellungen basieren auf freien Entscheidungen und jeder sollte die Freiheit haben, zu seinen √úberzeugungen zu stehen – das stellt einen Grundpfeiler der westlichen Demokratien dar. Doch j√ľngste Untersuchungen zeigen, dass diese Freiheit tats√§chlich vielleicht nicht so gro√ü ist, wie wir das bisher annahmen, da viele dieser Einstellungen im Hirn “fest verdrahtet” und z.T. auch genetisch pr√§determiniert sein d√ľrften – und dass die politische Einstellung dar√ľber hinaus auch R√ľckschl√ľsse auf spezifische, strukturelle Pers√∂nlichkeitsanteile zul√§sst.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Gehirne von Menschen mit konservativen Ansichten h√§ufig eine gr√∂√üere Amygdala (ein mandelf√∂rmiger Bereich im Zentrum des Gehirns) haben – ein Hirnbereich, der h√§ufig mit “primitiven” Reflexemotionen wie Angst und Emotionen assoziiert ist. Dar√ľber hinaus haben sie h√§ufig auch eine kleineres sog. anteriores Cingulum, eine Region im vorderen Hirnbereich, die wichtig f√ľr die Entwicklung von Mut und Optimismus ist und bei St√∂rungen mit Depressionen und neurotischen Verhaltensmustern in Verbindung gebracht wird.

Gelingt es, diese Ergebnisse wissenschaftlich abzusichern, k√∂nnten sie eine medizinische Erkl√§rung daf√ľr bieten, warum konservative W√§hler eher empf√§nglich f√ľr terroristische Bedrohungen sind als zum Beispiel Liberale. Und es w√ľrde dabei helfen, zu erkl√§ren, warum die Konservative eher auf der Grundlage von Worst-Case-Szenarien planen m√∂chten, w√§hrend die Liberalen eher zu rosigen Aussichten neigen.

Geraint Rees, Leiter des UCL Institute of Cognitive Neuroscience in London, wurde urspr√ľnglich halb im Scherz eingeladen, f√ľr eine Episode der “BBC 4 Today” Show die Unterschiede zwischen liberalen und konservativen K√∂pfen zu studieren. Nach dem Studium von 90 UCL-Studenten und zwei britischen Parlamentariern konnte der Neurologe, einigerma√üen schockiert, eine klare Korrelation zwischen der Gr√∂√üe der erw√§hnten Hirnregionen und politischen Ansichten entdecken. Er warnt jedoch, dass es auf der Basis des bisherigen Standes der Untersuchungen, bei denen nur die Gehirne von Erwachsenen untersucht wurden, noch keine M√∂glichkeit g√§be, zu sagen, was zuerst da war – die hirnorganischen Unterschiede oder die politischen Meinungen. Doch es scheint nicht weit gegriffen, dass die politischen Grundeinstellungen einer Person bald schon durch Gehirn-Scans – oder auch DNA-Tests ermittelt werden k√∂nnten.

Denn Untersuchungen an den Universit√§ten University of California, Harvard and UC-San Diego zeigten, dass eine Variante des Neurotransmitters DRD4 Menschen scheinbar zu liberalen Einstellungen pr√§disponiert, jedoch nur, wenn sie auch ein aktives soziales Leben als Jugendliche hatten. Tr√§ger des “liberalen Gens” haben auch eher den Wunsch, neue Dinge auszuprobieren sowie weitere, gemeinhin mit liberalen Einstellungen verbundene Pers√∂nlichkeitsmerkmale.

Sind Rassisten dumm?

Damit aber noch nicht genug. Weitere Untersuchungsergebnisse lassen vermuten, dass ein niedriger IQ (Intelligenzquotient) eine der Ursachen f√ľr rassistische Vorurteile und sozial-konservative politische Einstellungen sein k√∂nnte. Die zugrundeliegende im Jahre 2012 ver√∂ffentlichte Studie, (durchgef√ľhrt von der Brock University in Ontario und geleitet von Gordon Hodson) besagt, dass Kinder mit vergleichsweise geringerer Intelligenz im Erwachsenenalter eher konservative √úberzeugungen und Vorurteile entwickeln als Kinder mit vergleichsweise h√∂herer Intelligenz. Erkl√§rt wird dies damit, dass diese Menschen mehr Angst vor Ver√§nderungen haben. Sie streben also nach dem Gef√ľhl von Sicherheit – konservative Ideologien aber beinhalten mehr Struktur, bef√ľrworten gesellschaftliche “Ordnung” und f√∂rdern hierarchische Systeme. All dies und ihr Widerstand gegen√ľber gesellschaftlichen Ver√§nderungen macht es f√ľr Konservative ebenfalls leichter, mit einer komplizierten und komplexen Welt umzugehen. Gleichzeitig f√∂rdern solche Grundeinstellungen aber auch Vorurteile.

Hudson warnt jedoch, in den aktuellen Stand der Untersuchungen allzu viel hineinzuinterpretieren: zum einen ist das Konzept der IQ-Tests unter Psychologen nicht gerade unumstritten, zum anderen ist die Entwicklung von Vorurteilen zu komplex, um einfach nur mit Unterschieden der Intelligenz erklärt zu werden.
Lediglich der Zusammenhang, dass auf Menschen, die stärker zu Angst vor Veränderungen neigen, reaktionäre Positionen positiv und anziehend wirken, sei als abgesichert zu betrachten.

Allerdings kommen auch andere Forscher zu vergleichbaren Ergebnissen. So betrug gem√§√ü einer im Jahre 2010 von Satoshi Kanazawa auf Basis der IQ-Ergebnisse aus der “Add Health”-Umfrage analysierten Ergebnisse der Durchschnitts-IQ von Erwachsenen, die sich als “sehr liberal” beschrieben, 106 Punkte, w√§hrend solche, die sich als “sehr konservativ” bezeichneten, durchschnittlich nur 95 IQ-Punkte erreichten.
Eine weitere Studie von L. Stankov aus dem Jahre 2009 wiederum stellte fest, dass unter Studenten an US-Universit√§ten konservative Grundeinstellungen negativ mit SAT (“Scholastic Aptitude Test”, ein standardisierter Test f√ľr die Aufnahme an US-Colleges)-Scores, dem Wortschatz und Analogietest-Ergebnissen korrelierten. Eine noch gr√∂√üere Korrelation wurde hierbei allerdings hinsichtlich wirtschaftlicher Unterschiede gefunden.

Provokant formuliert: k√∂nnte der britische Philosoph John Stuart Mill mit seinem Ausspruch “Conservatives are not necessarily stupid, but most stupid people are conservatives” gar nicht so unrecht gehabt haben?

(Quellen: [1]; [2]; [3]; [4]; 5: Larry Stankov (2009-05) in: “Conservatism and cognitive ability“. Intelligence 37 (3): 294‚Äď304. doi:10.1016/j.intell.2008.12.007; 6: Satoshi Kanazawa (2010): “Why Liberals and Atheists Are More Intelligent“. Social Psychology Quarterly. doi:10.1177/0190272510361602.)

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Sep 16

Synaptische Verbindungen im Gehirn einer Autismus-Maus (Foto: Stephane Baudouin @ Universität Basel)

Autisten leiden an einer tiefgreifenden Entwicklungsst√∂rung des Gehirns, die sich in der fr√ľhen Kindheit auspr√§gt. Forschende am Biozentrum der Universit√§t Basel haben nun eine spezifische Fehlfunktion in neuronalen Schaltkreisen identifiziert, die durch eine autistische St√∂rung hervorgerufen wird. Im Fachjournal ¬ęScience¬Ľ berichten sie zudem √ľber ihren Erfolg, diese neuronalen Ver√§nderungen wieder r√ľckg√§ngig machen zu k√∂nnen. Die Resultate sind ein wichtiger Schritt in Richtung medikament√∂ser Therapie von Autismus.

Sch√§tzungsweise ein Prozent aller Kinder entwickeln eine autistische St√∂rung. Patienten fallen h√§ufig durch ein gest√∂rtes Sozialverhalten, strenge Verhaltensmuster und eine eingeschr√§nkte Sprachentwicklung auf. Autismus ist eine angeborene Entwicklungsst√∂rung des Gehirns, die sich schon im fr√ľhen Kindesalter bemerkbar macht. Ein zentraler Risikofaktor f√ľr die Entstehung dieser Krankheit sind zahlreiche Mutationen in √ľber 300 Genen unter anderem im Gen Neuroligin-3, welches zur Bildung von Synapsen, den Kontaktstellen zwischen Nervenzellen, beitr√§gt.

Verlust von Neuroligin-3 st√∂rt die neuronale Signal√ľbertragung

M√§use, denen das Gen f√ľr Neuroligin-3 fehlt, entwickeln Verhaltensmuster, die wichtige Aspekte von Autismus widerspiegeln. In Zusammenarbeit mit Roche konnten nun die Forschungsgruppen der Professoren Peter Scheiffele und Kaspar Vogt vom Biozentrum bei diesen Modellm√§usen erstmalig einen Defekt in der synaptische Signal√ľbertragung identifizieren, welcher die Funktion und Plastizit√§t neuronaler Schaltkreise st√∂rt. Diese negativen Auswirkungen gehen mit der verst√§rkten Produktion eines spezifischen neuronalen Glutamat-Rezeptors einher, der die Signal√ľbertragung zwischen Neuronen moduliert. Ein Zuviel dieses Rezeptors verhindert die Anpassung der synaptischen Signal√ľbertragung bei Lernprozessen und st√∂rt damit langfristig die Entwicklung und Funktion des Gehirns.

Von herausragender Bedeutung ist die Erkenntnis, dass die gest√∂rte Entwicklung der neuronalen Schaltkreise im Gehirn reversibel ist. Denn nachdem die Forschenden die Bildung von Neuroligin-3 in den M√§usen wieder angeschaltet hatten, drosselten die Nervenzellen die Produktion des Glutamat-Rezeptors auf ein normales Niveau und die f√ľr Autismus typischen strukturellen Defekte im Gehirn verschwanden. Daher k√∂nnten diese Glutamat-Rezeptoren ein geeigneter pharmakologischer Angriffspunkt sein, um die Entwicklungsst√∂rung Autismus aufzuhalten oder sogar r√ľckg√§ngig zu machen.

Zukunftsvision: Medikament zur Behandlung von Autismus

Autismus ist gegenw√§rtig nicht heilbar. Derzeit k√∂nnen nur die Symptome der Erkrankung durch p√§dagogische und therapeutische Methoden gelindert werden. Einen neuen therapeutischen Weg zeigen indes die Ergebnisse dieser Studie auf. In einem von der Europ√§ischen Union gef√∂rderten Projekt (EU-AIMS) arbeiten die beiden Forschungsgruppen vom Biozentrum gemeinsam mit Roche und anderen Partnern aus der Industrie an der Entwicklung von therapeutischen Glutamat-Rezeptorantagonisten mit dem Ziel, Autismus k√ľnftig einmal bei Kindern und Erwachsenen erfolgreich zu behandeln.

Quellen:
Originalbeitrag: Baudouin S. J., Gaudias J., Gerharz S., Hatstatt L., Zhou K., Punnakkal P., Tanaka K. F., Spooren W., Hen R., De Zeeuw C.I., Vogt K., Scheiffele K.: “Shared Synaptic Pathophysiology in Syndromic and Non-syndromic Rodent Models of Autism” in: Science; Published online September 13 (2012) | doi: 10.1126/science.1224159

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Jan 17

Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum Psychotherapie “funktioniert” und dass viele unserer kleinen und gr√∂√üeren Schw√§chen st√§rker ver√§nderbar sind, als wir das zu hoffen wagten.

Eine der faszinierendsten Forschungsbereiche der Neurobiologie ist jene zur so genannten “Neuroplastizit√§t” oder “neuronalen Plastizit√§t“. Darunter versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abh√§ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu ver√§ndern. Je nach betrachtetem System spricht man auch von synaptischer Plastizit√§t oder kortikaler Plastizit√§t. Die Grundlagen f√ľr diese Entdeckung der Anpassungsf√§higkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.

Forscher an der Universit√§t Z√ľrich wiesen beispielsweise nach, dass sich bei jemandem, der nach einem rechten Oberarmbruch nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische Ver√§nderungen in bestimmten Hirngebieten zeigen: die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergr√∂√üern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung kompensieren. Auch die Feinmotorik der kompensierenden Hand verbessert sich deutlich.

Andere einfache, aber in ihren Resultaten erstaunliche Tests best√§tigen, dass schon die blo√üe Vorstellung Hirnreale vergr√∂√üern l√§sst: Der Hirnforscher Pascual-Leone etwa lie√ü Freiwillige ein simples Klavierst√ľck √ľben und untersuchte anschlie√üend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher f√ľr die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergr√∂√üerte sich. In gewissem Sinne stimmt also der bei Lehrern beliebte Vergleich mit dem Gehirn als Muskel: werden bestimmte Areale durch steten Gebrauch st√§rker genutzt, entwickeln sich diese offenbar st√§rker – unsere F√§higkeiten und die speicherbare Information nehmen zu.

In einem anderen Experiment sollten sich Versuchspersonen nur im Geiste vorstellen, das Klavierst√ľck zu spielen. Die erstaunliche Erkenntnis: hier ver√§nderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tats√§chlich √úbenden. Allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings k√∂nnen also offenbar physiologische Ver√§nderungen des Gehirns durch Ver√§nderungen der beteiligten neuronalen Schaltkreise bewirkt werden.
Verbl√ľffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, der von Geburt an blind ist. Trotzdem ist er f√§hig, realistische Bilder von Geb√§uden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt. Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist der zugeordnete Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden: allein durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder.

Die blosse Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes, und wir kennen √§hnliche Effekte auch aus der Psychotherapie. Bei dieser werden letzlich in der therapeutischen Praxis neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte “ausprobiert” – und k√∂nnen zunehmend auch im Leben “draussen” umgesetzt werden. St√ľck f√ľr St√ľck werden alte und hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt, die uns zufriedener, selbstsicherer und hinsichtlich der Erreichung unserer ganz pers√∂nlichen Ziele und Bed√ľrfnisse “erfolgreicher” machen. Dies erkl√§rt, warum Psychotherapie sogar bei schweren psychischen Erkrankungen und neurologischen St√∂rungen unterst√ľtzende Effekte erzielen kann.

In der Meditation erfahrenen Buddhisten ist all dies ohnehin nicht neu: ist man imstande, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, k√∂nnen auch negative Gedanken gezielt √ľberwunden werden k√∂nnen. Werden jene Gedanken √ľberwunden, die einen bestimmten psychischen Leidenszustand hervorrufen, kann √ľber die Funktion der Neuroplastizit√§t eine physiologische √Ąnderung jener Schaltkreise im Gehirn bewirkt werden, die diese negativen Gedanken laufend hervorriefen. Was also in der Psychotherapie durch externe und professionelle Begleitung erreicht wird, erreichen buddhistische M√∂nche durch jahrelange Meditationspraxis auch alleine.

Dokumentiert sind heilende Effekte der Neuroplastizität auch nach Schlaganfällen, in der Schmerzbehandlung, beim Autismus, bei Lähmungserscheinungen, Lernschwierigkeiten, bei Phantomschmerzen und vielen mehr (viele davon sind im unten erwähnten Video und in der Literaturliste detailliert vorgestellt). Die Neuroplastizität scheint ein Evolutionsfaktor zu sein, mittels dessen sich Menschen den Anforderungen der Umwelt sukzessive anpassen können.

Link-Tipps:
Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie von Hilarion G. Petzold (Hrsg.) und Johanna Sieper (Hrsg.)
Neustart im Kopf von Norman Doidge
Neue Gedanken – Neues Gehirn von Sharon Begley
weitere B√ľcher zum Thema Neurobiologie

Videos:
Neustart im Kopf РTV-Dokumentation; der kanadische Psychiater und Psychoanalytiker Norman Doidge schildert sehr anschaulich die Erforschung der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns.
NeuroplasticityTraumata, Kultureinfl√ľsse, aber auch Jonglieren ver√§ndert das Gehirn
Norman Doidge – The Brain that Changes – (Vortrag; am Rande: √ľber Psychoanalyse als erster Ansatz, das Denken gezielt zu ver√§ndern)

(Quellen: N. Langer et.al, Effects of limb immobilization on brain plasticity in: Neurology, Jan 17, 2012; Image sources: psychofonie.ch, persoenlichkeits-blog.de)
Hinweis: dieser Blog-Eintrag wird laufend aktualisiert; Erstveröffentlichung: 08/2010; letztes Update: 18.12.2015
Images: Mihalov

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Dec 08

Bild: Wikimedia Commons LicenseJugendliche, die misshandelt oder vernachl√§ssigt wurden, haben weniger graue Substanz (das sind jene Gebiete des Zentralnervensystems, die vorwiegend aus Nervenzellk√∂rpern bestehen) in bestimmten Bereichen des Gehirns als junge Menschen, die diese Erfahrungen nicht machen mu√üten, wie eine Studie der Yale School of Medicine zeigt. Das Ausma√ü des ‘Schadens’ richtet sich u.a. auch danach, ob es sich um Jungen oder M√§dchen handelt, ob Mi√übrauch oder Vernachl√§ssigung vorlag und ob die Erfahrungen k√∂rperlicher oder emotionaler Natur waren. Die Ergebnisse (p=42) wurden in der Dezember-Ausgabe der Archives of Pediatric Adolescent Medicine ver√∂ffentlicht.

Die Ver√§nderungen konnten bei allen Adoleszenten beobachtet werden, obwohl sie an keinen diagnostizierbaren psychiatrischen St√∂rungen litten. “Wir haben es mit Jugendlichen zu tun, die keine diagnostizierbare Krankheit haben, bei denen sich aber immer noch physische Beweise f√ľr Misshandlungen zeigen”, sagte der leitende Autor der Studie H. Blumberg, Associate Professor in der Abteilung f√ľr Psychiatrie und Diagnostische Radiologie. “Dies k√∂nnte helfen, Schwierigkeiten mit schulischen Leistungen zu erkl√§ren oder eine Steigerung ihrer Anf√§lligkeit f√ľr Depressionen und Verhaltensst√∂rungen.”

In präfrontalen Bereichen zeigte sich die Verringerung der grauen Substanz, egal ob der Jugendliche körperlich misshandelt oder emotional vernachlässigt worden war. In anderen Bereichen des Gehirns hing die Reduktion von der Art der Misshandlungserfahrungen ab. So wurde zum Beispiel emotionale Vernachlässigung mit einer Abnahme der Bereiche, die unsere Emotionen regulieren, verbunden.

Die Forscher stellten auch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Weise, in der die graue Substanz abnahm, fest. Bei Jungen zeigte sich eher eine Reduktion in Bereichen des Gehirns, die mit der Impulskontrolle oder Drogenmissbrauch assoziiert sind. Bei Mädchen schien sich die Reduktion auf Bereiche des Gehirns zu konzentrieren, die mit Depression in Verbindung gebracht werden.

Blumberg betonte, dasss diese bei Jugendlichen gefundenen Defizite, nicht von Dauer sein m√ľssen.

“Wir haben festgestellt, dass insbesondere das Gehirn von Jugendlichen ein hohes Ma√ü an Plastizit√§t aufweist” (Neuroplastizit√§t, Anmerkung R.L.Fellner), sagte sie. “Das kann bedeutend sein, um Wege zu finden, Folgen von Misshandlungen zu verhindern und den Jugendlichen, die diese Erfahrung machen mu√üten, effizient zu helfen.”

Mehr zu diesen Themen:
Neuroplastizität
Missbrauch

(Quellen: YaleNews; E. E. Edmiston, F. Wang, C. M. Mazure, J. Guiney, R. Sinha, L. C. Mayes, H. P. Blumberg. Corticostriatal-Limbic Gray Matter Morphology in Adolescents With Self-reported Exposure to Childhood Maltreatment. Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine, 2011; 165 (12): 1069 DOI: 10.1001/archpediatrics.2011.565)

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Sep 30

Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewisserma√üen eine √úbersicht √ľber die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.

Häufigkeit

Nach Sch√§tzungen stirbt j√§hrlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tats√§chlich d√ľrfte diese Zahl aber sogar noch deutlich h√∂her liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen L√§ndern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid tr√§gt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesf√§llen bei und ist die zehnth√§ufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, f√ľr das Daten verf√ľgbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gef√§hrdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine √Ąnderung ergeben hat, und √§ltere Menschen, bei denen ein deutlicher R√ľckgang der Suizide zu beobachten ist.

Trends in einigen OECD-Ländern, Bild: OECD

Zur Regionalit√§t: innerhalb Europas liegen die Raten in den n√∂rdlichen L√§ndern generell etwas h√∂her als in den s√ľdlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der t√§glichen Sonnenscheindauer schlie√üen l√§sst. Dennoch k√∂nnen andere L√§nder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Gro√übritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller Todesf√§lle auf Selbstt√∂tung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der¬†die Suizidh√§ufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal geh√§uftes Auftreten von Suiziden erkl√§rt werden k√∂nnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” ver√∂ffentlicht.

Besonders deutlich sind die Suizidraten in j√ľngster Zeit in S√ľdkorea angestiegen: n√§mlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbstt√∂tungen von M√§nnern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und betr√§gt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am h√∂chsten. Die OECD f√ľhrt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Aufl√∂sung der traditionellen Familienbindungen zur√ľck. Ob das allerdings S√ľdkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegen√ľber den anderen L√§ndern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zur√ľckgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach S√ľdkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine √ľberdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und √Ėsterreich (12,6; 27/100000 bei M√§nnern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegen√ľber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Gro√übritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den √ľbrigen OECD-L√§ndern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier t√∂ten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.

Widerspr√ľchliche Daten zur sog. Gl√ľcklichkeitsforschung f√∂rderte bemerkenswerterweise allerdings eine¬†Studie zutage, die Zusammenh√§ngen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen L√§ndern die Selbstmordrate trotz gro√üer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabh√§ngig von harten Wintern, religi√∂sem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen L√§ndern (mehr):

Eine Erkl√§rungsm√∂glichkeit f√ľr diesen vordergr√ľndigen Widerspruch k√∂nnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid st√§rker empfunden wird. Gesellt sich zum pers√∂nlichen Lebensungl√ľck dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses ver√§ndern zu k√∂nnen, kann Suizid von bestimmten Pers√∂nlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.

Noch einige Details zu √Ėsterreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. J√§hrlich sterben in √Ėsterreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 w√§hlten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamt√∂sterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erw√§hnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Stra√üenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in √Ėsterreich immer weniger Autopsien durchgef√ľhrt werden, sinkt die M√∂glichkeite, Suizide von nat√ľrlichen Todesf√§llen zu unterscheiden. So zeigen sich in L√§ndern mit den h√∂chsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn h√∂here Suizidraten als in L√§ndern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in L√§ndern, in denen Autopsieraten zur√ľckgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken √ľberhaupt trauen kann.

Weitere Gender-Details: in den Industriel√§ndern betr√§gt das Geschlechterverh√§ltnis bez√ľglich des Suizids etwa zwei bis vier (M√§nner) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische L√§nder zeigen ein kleineres Verh√§ltnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als M√§nner durch Suizid.

Risikofaktoren f√ľr Suizid

Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:

  • m√§nnliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 M√§nnern, 5,2 bei Frauen)
  • fr√ľhere Selbstverletzungen
  • Homosexualit√§t
  • psychiatrische St√∂rungen und/oder
  • Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
  • Erziehung
  • Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
  • Suiziddarstellungen in den Medien
  • Rauchen
  • Milit√§rdienst (1)

Genetik und Neurobiologie

Autopsien von Suizidopfern ergaben √Ąnderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit h√∂herem Suizidrisiko verkn√ľpft, das Risiko ist jedoch gr√∂√üer, wenn der niedrigere Spiegel √ľber Di√§ten anstatt √ľber Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herr√ľhren k√∂nnte, dass Di√§t haltende Menschen ein h√∂heres Risiko f√ľr psychische Probleme h√§tten. Bislang jedoch l√§gen hierf√ľr keine bekr√§ftigenden Hinweise vor. Famili√§re Vorgeschichten mit Selbstt√∂tungen verdoppeln zumindest das Risiko f√ľr M√§dchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar d√ľrftig ist, sind ein hohes Ma√ü an aggressiven Verhaltensweisen wie auch Impulsivit√§t mit einem erh√∂hten Suizidrisiko verkn√ľpft. Suizidraten nehmen √ľber die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf m√ľtterlicher Seite auf.

Berufsgruppen

Suizidraten sind unter Nichtbesch√§ftigten h√∂her als bei Berufst√§tigen. H√∂here Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verkn√ľpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.

Unter den Berufst√§tigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erh√∂htes Risiko: praktische √Ąrzte haben in den meisten L√§ndern ein hohes Risiko, wobei jedoch √Ąrztinnen generell das h√∂chste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den √Ąrzten gelten An√§sthesisten als besonders gef√§hrdet, denn f√ľr viele Suizide werden bet√§ubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere Zahn√§rzte, Apotheker, Tier√§rzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).

Sexualität, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit

Suizidraten liegen in den meisten L√§ndern unter den √§lteren Menschen am h√∂chsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der j√ľngeren Bev√∂lkerung gestiegen, insbesondere bei M√§nnern. Suizide werden am h√§ufigsten im Fr√ľhling ver√ľbt, auch da besonders unter M√§nnern. Im Fr√ľhling oder Fr√ľhsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erh√∂htes Suizidrisiko. Amerikaner europ√§ischer Herkunft haben h√∂here Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls h√∂here Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und st√§rkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal h√∂her als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der Sexualit√§t an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.

Suizidmethoden

Ganz generell bevorzugen M√§nner eher gewaltt√§tige Mittel der Selbstt√∂tung (zum Beispiel durch H√§ngen oder Erschie√üen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die Erkl√§rung f√ľr den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen M√§nnern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich h√§ufig erfolgen. Verschiedene Bev√∂lkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in S√ľdasien verbrennen sich Frauen √ľblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden k√∂nnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat f√ľhrt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am h√∂chsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den l√§ndlichen Gebieten vieler Entwicklungsl√§nder ist das Verschlucken von Pestiziden die h√§ufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte Verf√ľgbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.

Komorbiditäten und Zusammenhänge mit psychischen Störungen

Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbstt√∂tungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst t√∂ten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer St√∂rung litten. Depressionen erh√∂hen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose h√§ufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt √ľberhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische Unterst√ľtzung. Das hei√üt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine ad√§quate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbstt√∂tung bei Depressionskranken beinhalten fr√ľhere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer St√∂rung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am h√∂chsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit√§tsst√∂rung (ADHS) und k√∂rperdysmorphe St√∂rung (KDS) erh√∂hen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erkl√§rt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergr√∂√üernden Operationen zunimmt.

Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. √úberraschenderweise weisen Menschen mit erh√∂htem Body-Mass-Index BMI ein zwar st√§rkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent R√ľckgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter K√∂rperoberfl√§che beim BMI). Die Gr√ľnde hierf√ľr sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.

Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen k√∂rperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch √ľber die Kindheit hinweg, die gesamte Bev√∂lkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erh√∂htem Risiko, und Suizidh√§ufungen k√∂nnen in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren f√ľgen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die √ľber suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bev√∂lkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen k√∂nnen.”

J√ľngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, da√ü Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren k√∂nnen. Dazu konnten Sie hier im Blog schon fr√ľher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich h√∂her als bei √Ąlteren oder unter dem Tag “Suizid“.

(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)

Suizid und SVV (Selbstverletzung)

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen daf√ľr liegen h√§ufig in den traumatisierenden Erlebnissen im fr√ľhen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe Plastizit√§t auf und ist durch √§u√üere Einfl√ľsse sehr ver√§nderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachl√§ssigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren f√ľr sp√§tere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzuf√ľgen. Das Ausdr√ľcken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstm√∂rder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund f√ľr die immer fr√ľher auftretenden Depressionen nennen Experten die fr√ľhere Pubert√§t und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es f√ľr Jugendliche viel leichter, eine Krise zu √ľberwinden.

(Quelle: Der Standard, 06/2004)

Wie können Suizide verhindert werden?

Der Anspruch, Suizide verhindern zu k√∂nnen, w√§re ein schwierig zu erf√ľllender, da eine gro√üe Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tats√§chlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien k√∂nnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bev√∂lkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbstt√∂tungsgedanken und ‚Äďpl√§nen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschl√§gige Ausbildung und Vorgangsweise von √Ąrzten wichtig: Studien aus den nordeurop√§ischen L√§ndern belegen einen R√ľckgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen Allgemein√§rzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

In F√§llen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Ma√ünahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und √úberwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Au√üerdem m√ľssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verkn√ľpften psychiatrischen St√∂rung eingeleitet werden.

Auch eine Ver√§nderung des allgemeinen Zugangs zu gef√§hrlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die Einf√ľhrung von Sicherheitsgittern auf Br√ľcken und verst√§rkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den l√§ndlichen Gebieten der Entwicklungsl√§nder k√∂nnen die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, k√∂nnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, da√ü Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden w√ľrden, ihr Ziel umzusetzen, mag √ľberrascht sein, da√ü z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbstt√∂tungen drastisch zur√ľckgingen, w√§hrend z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit h√∂chste Suizidrate und konnte diese durch Pr√§ventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.

Und weil im Internet neben Selbstmordforen Ratschl√§ge und Hinweise f√ľr das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung S√ľdkoreas (das j√ľngst den weltweit st√§rksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mu√üte, siehe oben) zur Pr√§vention u.a. auch Internet-Sperren einf√ľhren. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen √ľber Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage daf√ľr geschaffen werden, dass die Polizei die pers√∂nlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen √ľber Selbstmord gel√∂scht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.

Die Herausforderungen, Suizide in den Entwicklungsl√§ndern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den Industriel√§ndern erfolgt, die h√∂chste Suizidrate jedoch in den Entwicklungsl√§ndern zu finden ist. Auch wird von einschl√§gig Forschenden auch eine j√ľngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten l√§sst, dass das Risiko f√ľr Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit St√∂rungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.

Angeh√∂rige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht pl√∂tzlich zur√ľckzieht, gedr√ľckt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “Pr√§suizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen dar√ľber zu sprechen. Dennoch sind die M√∂glichkeiten der Angeh√∂rigen h√§ufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von au√üen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich √ľberfordert f√ľhlt oder das Gef√ľhl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu k√∂nnen.

Behandlung von Depression

Dass psychologische Betreuung in vielen F√§llen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erh√§rteter Fakten dargelegt, dass einige psychische St√∂rungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen St√∂rungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben f√ľhren und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben k√∂nnen. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen k√∂nnen mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausf√ľhrlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfa√üt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.

(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.11.2013

Noch mehr Informationen:

Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Präsuizidales Syndrom Рerkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-√úberlebenden
Aktuelle Statistiken der OECD (Stand 2013)

weitere Blog-Einträge zum Thema Suizid

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Sep 22

Auch wenn die schlimmsten Bef√ľrchtungen √ľber die psychologischen Folgen des 9/11-Attentats in New York nicht eintrafen, so litt doch eine gesch√§tzte 1/2 Mio der Einwohner an Symptomen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen (PTBS). Unter den Zehntausenden, die den Ereignissen direkt ausgesetzt waren, befanden sich 1.700 schwangere Frauen, von welchen einige ebenfalls an PTBS-Sypmtome entwickelten. Wie sich zeigte, wurden diese Symptome zum Teil auf deren Kinder √ľbertragen, wie Rachel Yahuda, Professorin der Psychiatrie und Neurologie an der Traumatic Stress Studies Division im Mount Sinai Medical Centre, New York, ver√∂ffentlichte.

Ausgangspunkt waren Messungen des Stresshormons Cortisol an Speichelproben betroffener schwangerer Frauen. Dieser Level war bei Frauen, die keine Symptome von PTSD aufwiesen, signifikant niedriger als bei den anderen. Die Kinder der Frauen zeigten sp√§ter √§hnliche Unterschiede bei den Messungen, wobei die Unterschiede dann am gr√∂√üten waren, wenn die M√ľtter sich im letzten Schwangerschaftsdrittel befanden. Diese Unterschiede zeigten sich auch bei Messungen der Stre√ükompensation – auch hier fand man h√∂here Belastungen der Kinder, deren M√ľtter den traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt waren und PTBS-Symptome entwickelten, und auch hier zeigten sich die st√§rksten Symptome bei den Kindern, deren M√ľtter diese w√§hrend dem letzten Schwangerschaftsabschnitt erlebten. Doch wie ist dies m√∂glich?

Forschungsergebnisse der letzten 10 Jahre legen nahe, dass derartige Effekte vermutlich auf epigenetischen Mechanismen beruhen. Epigenetik ist das Studium der erblichen Veränderungen in der Genaktivität, die nicht aufgrund von Veränderungen in der DNA-Sequenz erfolgen. Die Epigenetik zeigt, wie Gene mit Umweltfaktoren interagieren, und wird mit vielen Veränderungen der Hirnfunktionen in Verbindung gebracht.

Eine wichtige Studie in diesem aufstrebenden Gebiet, ver√∂ffentlicht im Jahr 2004, zeigte, dass die Qualit√§t der Brutpflege von Ratten erheblich das Verhalten der Spr√∂√ülinge im Erwachsenenalter beeinflu√üt. Rattenjungen, die von ihrer M√ľtter w√§hrend der ersten Woche des Lebens regelm√§√üig umsorgt und geleckt wurden, konnten im sp√§teren Leben besser mit Stresssituationen und angstmachenden Situationen umgehen als Junge, zu denen wenig oder kein Kontakt aufgenommen wurde. Diese Ergebnisse selbst w√§ren nicht so neu, doch man fand bei weiteren Untersuchungen heraus, dass diese Effekte durch epigenetische Mechanismen, die Ausdruck des Glucocorticoid-Rezeptors, die eine zentrale Rolle bei der Reaktion des K√∂rpers auf Stress ver√§ndern vermittelt werden, verursacht wurden. Die Analyse der Gehirne von 1 Woche alten Jungen offenbarte Unterschiede in der DNA-Methylierung (einem Prozess, bei dem die DNA chemisch modifiziert wird). Methylierung beinhaltet das Andocken kleiner, Methyl-Gruppen’ benannte Molek√ľle, welche aus einem Kohlenstoffatom und drei Wasserstoffatomen bestehen, auf bestimmte Abschnitte in die DNA-Sequenz eines Gens.

Welpen, die ein hohes Ma√ü an Pflege und lecken erhielten, zeigten h√∂here Methylierung in jenen Regionen der DNA, die die Aktivit√§t des Glukokortikoid-Gens regulieren, die wenig beh√ľteten dagegen eine deutlich geringere, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die F√§higkeit zur Stressverarbeitung. Auch Yehuda und ihre Kollegen stellten 16 unterschiedliche Gene fest, die bei den M√ľttern mit PTSD-Symtpomen. Einige dieser Gene regulieren die Funktion der Glucocorticoid-Rezeptoren und zwei – FKBP5 und STAT5b – hemmen direkt ihre Aktivit√§t. Bei Personen mit PTSD ist die Aktivit√§t dieser Gene reduziert, was die hone Glukokortikoid-Rezeptor-Aktivit√§t bei dieser St√∂rung erkl√§ren k√∂nnte. √Ąhnliche Effekte wurden seither auch bei Mi√übrauchs-Opfern, Kriegsveteranen und Opfern des Nazi-Holocaust festgestellt.

Hohe Cortisol-Level stehen offenbar in direktem Zusammenhang mit dem Risiko, an Folgeerscheinungen traumatischer Erfahrungen zu erkranken, und die Ver√§nderungen in den betreffenden genetischen Markern samt ihren Konsequenzen f√ľr die Stre√übew√§ltigung sind scheinbar in der Lage, auf Folgegenerationen √ľbertragen zu werden. Diese epigenetischen Faktoren k√∂nnten im Zusammenhang mit genetischen Variationen erkl√§ren, warum manche Menschen leichter an PTSD-Folgen erkranken als andere.

In der tierexperimentellen Studie wurden die epigenetischen Modifikationen und die damit verbundenen √Ąnderungen an den Glucocorticoid-Rezeptoren im Hippocampus, beobachtet – einer Hirnregion, die f√ľr Lernen und Ged√§chtnis zust√§ndig ist. Epigenetische Marker k√∂nnten demnach bei der Bildung von traumatischen Erinnerungen dauerhaft angelegt werden. Letzten Monat berichteten Forscher von der University of Pennsylvania, dass epigenetische Marker durch zwei Generationen von M√§usen √ľbertragen werden k√∂nnen, was darauf hindeutet, dass Kinder, die den Alptraum des World Trade Center-Angriffes noch in der Geb√§rmutter von ihren M√ľttern ‘erbten,’ sie wiederum an ihre eigenen Kinder weitergeben k√∂nnten.

(Quellen: The Guardian 11.09.2011 (also:Image source);
Yehuda, R et al (2005): Transgenerational Effects of Posttraumatic Stress Disorder in Babies of Mothers Exposed to the World Trade Center Attacks during Pregnancy. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, DOI: 10.1210/jc.2005-0550;
Yehuda, R et al (2009): Gene Expression Patterns Associated with Posttraumatic Stress Disorder Following Exposure to the World Trade Center Attacks. Biological Psychiatry, DOI: 10.1016/j.biopsych.2009.02.03;
Sarapas, C et al (2011): Genetic markers for PTSD risk and resilience among survivors of the World Trade Center attacks. Disease Markers, DOI: 10.3233/DMA20110764

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May 03

Arzneimittel √ľber das Internet zu bestellen, ist heute einfach, und selbst die meisten Apotheken verkaufen in Asien ohne jegliche R√ľckfrage Medikamente, die im Westen verschreibungspflichtig w√§ren. Besonders beliebt in den Online-Katalogen: Amphetamine, Potenzmittel und Antidepressiva. Doch die “Selbstmedikation” ist gef√§hrlich: speziell von Amphetaminen wie Ritalin (Methylphenidat), die leistungssteigernd und konzentrationsf√∂rdernd wirken, werden unter dem steigenden Druck der Leistungsgesellschaft immer mehr Menschen abh√§ngig und m√ľssen sich Monate oder Jahre sp√§ter an spezialisierte Kliniken oder Psychotherapeuten wenden. Einer Studie amerikanischer Kinder√§rzte zufolge stieg in den letzten acht Jahren die Anzahl der “dopenden” Studierenden um 75 Prozent an. H√§ufig werden die Medikamente zudem falsch eingesetzt, da die Ursache etwa der Konzentrationsst√∂rungen oder Erektionsprobleme ganz woanders liegen als dort, wo das Medikament ansetzt. Erektile Dysfunktion etwa hat bei M√§nnern unter 55 Jahren zumeist rein psychische Ursachen. Durch Gew√∂hnungseffekte kommt es dann bei der gewohnheitsm√§√üigen Einnahme schlie√ülich h√§ufig zu √úberdosierungen und einer erh√∂hten Anf√§lligkeit f√ľr krankmachende Nebeneffekte. Irgendwann behandeln die Nutzer nur noch das Entzugssyndrom (bei Potenzmitteln ist das h√§ufig die Unsicherheit, Sex ohne das Medikament auszu√ľben) – sie versp√ľren keine deutliche Wirkung mehr, k√∂nnen das Medikament aber auch nicht absetzen und geraten damit in einen Teufelskreis. Erschwerend kommt die oftmalige Mehrfachabh√§ngigkeit dazu: etwa die Einnahme von Amphetaminen w√§hrend des Tags, und dann am Abend die Einnahme von Alkohol und/oder Tranquilizern bzw. Schlafmitteln.

Zeichen beginnender psychischer Abh√§ngigkeit von Arzneimitteln k√∂nnen Gef√ľhle von Unsicherheit oder Angst sein, wenn auf die Einnahme verzichtet wird, oder wenn im Laufe der Zeit die Dosis gesteigert wird, die Wirkung des Medikaments jedoch gleich bleibt oder sogar geringer wird oder ganz ausbleibt. Ebenso ein Alarmsignal ist, wenn dem Organismus ohne √§rztliche Diagnose und Verschreibung im Laufe der Jahre immer mehr Substanzen zugef√ľhrt werden (hierzu geh√∂ren auch Nahrungssubstitutionsmittel, Injektionen mit Hormonen, Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Nasentropfen usw.). Zumeist wird Medikamentenabh√§ngigkeit erst sehr sp√§t eingestanden, wenn bereits Erkrankungen der Organe vorliegen oder Unf√§lle (z.B. durch Konzentrationsmangel) auftreten. F√ľr den psychischen Entzug ist eine Kombination von Psychotherapie und Selbsthilfegruppen sehr effektiv, immer ist aber eine √§rztliche Abkl√§rung auf etwaige k√∂rperliche Sch√§den dringend anzuraten.

In √Ėsterreich sind nach Angaben des API-Instituts ca. 350.000 Menschen alkoholkrank, ca. 130.000 sind von Medikamenten, knapp 30.000 von illegalen Drogen abh√§ngig.
In den USA wird einer Untersuchung der University Michigan von 2010 zufolge bei fast einer Million Kindern f√§lschlicherweise das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit√§tsyndroms (ADHS) diagnostiziert. Davon betroffen sind vor allem die j√ľngeren Kinder einer Jahrgangsstufe in Kindergarten oder Schule.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:vth.biz)

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May 03

Von der ‚ÄěEuropean Society for the Study of Tourette Syndrome‚Äú (ESSTS) wurden k√ľrzlich Grundlagen f√ľr eine m√∂glichst hochwertige Versorgung von Patienten mit sogenannten Tic-St√∂rungen hinsichtlich der Diagnose, medikament√∂sen, psychotherapeutischen und in Einzelf√§llen auch neurochirurgischen Therapie definiert und in der Fachzeitschrift ‚ÄěEuropean Child & Adolescent Psychiatry‚Äú ver√∂ffentlicht.

Tics werden als spontane, nicht kontrollierbare Bewegungen und Laut√§u√üerungen definiert, die in der schweren chronischen Form als Tourette-Syndrom bekannt sind. In der leichten Form treten Tics bei etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren auf und geh√∂ren damit zu den h√§ufigsten psychisch-neurologischen St√∂rungen. Bei jedem zehnten Betroffenen wird die Erkrankung chronisch. ‚ÄěLeichte Formen der Tic-St√∂rung verschwinden innerhalb eines Jahres oft so schnell, wie sie gekommen sind‚Äú, berichtet einer der f√ľhrenden Tourette-Forscher Deutschlands, Prof. Veit R√∂√üner, aus dem Alltag. H√§ufig denken Eltern bei einer solchen St√∂rung ihrer Knider jedoch an eine St√∂rung des Nervensystems und nicht die enge Verbindung zu den vielen begleitenden psychischen Problemen.

Den Leitlinien zufolge reicht es gerade bei der leichten Form von Tics meist aus, die Patienten dazu anzuleiten, wie sie mit der St√∂rung umgehen k√∂nnen. Ein Therapiebaustein sind Entspannungsverfahren, da die Tics oft in Stresssituationen auftauchen, wobei emotionale Belastungen verst√§rkend wirken k√∂nnen. Falls die Betroffenen sehr unter den Tics leiden, ihre schulischen Leistungen sinken oder ihr soziales Umfeld negativ reagiert, empfiehlt die Leitlinie Psychotherapie oder Medikamente sowie in schwersten F√§llen des Tourette-Syndroms als neurochirurgische Therapie die Tiefenhirnstimulation. Der psychotherapeutische Ansatz nutzt den Umstand, dass viele Betroffene den sich anbahnenden Tic sp√ľren. Mit diesem Wissen l√§sst sich dieser mit einer zuvor einge√ľbten motorischen Gegenantwort abblocken.

In der √§rztlichen Praxis werden Medikamente allerdings h√§ufiger eingesetzt als psychotherapeutische Verfahren, zudem ist in Deutschland bei Kindern mit Tic-St√∂rungen nur Haloperidol als Medikament zugelassen, ein sehr schweres Psychopharmakum, dessen Nebenwirkungen wie beispielsweise Sprach- und Schluckprobleme die Erlebnisf√§higkeit und Emotionalit√§t einschr√§nken. Ein Ziel der Therapie-Standards ist es somit auch, modernere Wirkstoffe wie etwa Tiaprid f√ľr Kinder und Jugendlichen zuzulassen, der wissenschaftliche Nachweis seiner Wirksamkeit steht allerdings noch aus.

(Quelle: European Child & Adolescent Psychiatry Volume 20, Number 4, 153-154 (doi: 10.1007/s00787-011-0165-5); Image src:blogcurioso.com)

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Jun 13

Schon Stunden nach der Gabe von Antipsychotika zeigen sich rasch reversible Ver√§nderungen des striatalen (s. Striatum) Volumens, wie eine Studie aus dem Zentralinstitut f√ľr Seelische Gesundheit in Mannheim und dem National Institute of Mental Health, Bethesda, USA, zeigte, welche k√ľrzlich in “Nature Neuroscience” ver√∂ffentlicht wurde.

Antipsychotika werden bei der Behandlung von Schizophrenie und anderen schweren seelischen Störungen eingesetzt und blockieren einen Rezeptor des Botenstoffs Dopamin im Gehirn. Sie verursachen oft sog. extrapyramidalmotorische Symptome (EPS) РRuhelosigkeit sowie unfreiwillige Bewegungen der Gliedmaßen und des Gesichts -, die bereits innerhalb von Minuten nach der Medikamenten-Einnahme einsetzen können.

Im Zuge der Studie fand man heraus, dass das Medikament Haloperidol bei jungen gesunden M√§nnern innerhalb von Stunden nach einer einzigen Gabe das Volumen der grauen Substanz des Gehirns in einer f√ľr die Motorik wichtigen Gehirnregion, dem Putamen, reduzierte. Dieser Volumenverlust war reversibel: innerhalb von 24 Stunden erreichte das Gehirnvolumen wieder sein normales Ma√ü. Eine so schnelle Ver√§nderung der Hirnstruktur war zuvor noch nie beobachtet worden, was nahelegt, dass Dopamin f√ľr plastische Ver√§nderungen des menschlichen Gehirns (Neuroplastizit√§t) wichtig ist.

Das internationale Forscherteam fand weiterhin, dass die Schwere von EPS bei gesunden Probanden stark mit dem Ausma√ü an Gehirnvolumenreduktion korrelierte. Der Zeitverlauf der motorischen St√∂rung spiegelt deutlich die raschen Ver√§nderungen der Gehirnstruktur und der Konnektivit√§t wieder. Diese Studie legt nahe, dass kurzfristige strukturelle Hirnver√§nderungen f√ľr einige der Nebenwirkungen von Antipsychotika beim Menschen verantwortlich sein k√∂nnen.

Anmerkung R.L.Fellner: offensichtlich d√ľrften aber sehr wohl auch chronische / dauerhafte Ver√§nderungen bei der Langzeitkonsumation von Antipsychotika bzw. Neuroleptika auftreten – wenn die Nebenwirkungen stets nur “kurzfristig strukturell” w√§ren, existierten extrapyramidalmotorische Symptome bei entsprechenden Patienten ja nicht…

(Quelle: Tost H, Braus DF, Hakimi S, Ruf M, Vollmert C, Hohn F, Meyer-Lindenberg A., “Acute D(2) receptor blockade induces rapid, reversible remodeling in human cortical-striatal circuits”, in: Nature Neuroscience 2010 Jun 6 [Epub ahead of print], PMID: 20526332; Image src:bonkersinstitute.org)

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Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enth√§lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensst√∂rungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschlie√ülich psychischer und Verhaltensst√∂rungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verf√ľgen aber nicht nur √ľber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunf√§higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun f√ľr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: f√ľr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entw√ľrfe zur Ver√∂ffentlichung freigegeben, die endg√ľltigen Fassungen werden dann f√ľr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschl√§ge f√ľr den neuen DSM-V ver√∂ffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden m√ľssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal √ľberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was √ľber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt f√ľr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “V√§ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, da√ü die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen T√ľren stattfinden, selbst ihm habe man einschl√§gige Ausk√ľnfte verwehrt. Sein Nachfolger f√ľr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Au√üerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Befl√ľgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universit√§t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die gro√üe Bedeutung solcher Diagnosem√∂glichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, h√§tten sich diese Erwartungen aber nicht erf√ľllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverl√§ssig feststellen lie√üen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Pers√∂nlichkeitsz√ľge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche √Ąnderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalit√§t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise f√ľnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgepr√§gt sind. Solcherart soll dem h√§ufigen Umstand besser gerecht werden, da√ü viele Patienten nicht nur an einer einzelnen St√∂rung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch k√∂nnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgest√∂rt und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz k√∂nnte auch dazu f√ľhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert f√ľr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon f√ľr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den √Ąrzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, l√∂st aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Dar√ľber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingef√ľhrt, die ebenfalls f√ľr Diskussionsstoff sorgen d√ľrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die fr√ľhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das k√∂nne zu einer verfr√ľhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unn√∂tigen Stigmatisierung f√ľhren, Bef√ľrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit fr√ľher helfen zu k√∂nenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualit√§tsst√∂rung) ist f√ľr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den W√ľnschen Transsexueller d√ľrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentit√§tsst√∂rung) geben.

Statt der bisher zw√∂lf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch f√ľnf Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen geben, n√§mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische St√∂rung. Damit w√ľrde auch das fr√ľher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere f√ľr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gef√ľhlsregulationsst√∂rung mit schlechter Stimmung” zu √ľbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gef√ľhlsausbr√ľche und negativer Stimmungszust√§nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll k√ľnftig von den “St√∂rungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings w√ľrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger f√ľr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Ver√§nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abh√§ngigkeit wurde vollst√§ndig durch diejenige von St√∂rungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumst√∂rung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabh√§ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abh√§ngigkeit, sondern von substanzbezogenen St√∂rungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollst√∂rungen f√§llt. Ein Pendant f√ľr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man m√∂chte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn gen√ľgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan f√ľr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, k√∂nnte alternative L√∂sungsm√∂glichkeiten ins Abseits dr√§ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsst√∂rungen d√ľrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige R√§tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gel√∂st werden.” (tp)

(Quellen und Ausz√ľge aus: tp, Science 02/2010)

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25.07.16