May 03

Von der „European Society for the Study of Tourette Syndrome“ (ESSTS) wurden kürzlich Grundlagen für eine möglichst hochwertige Versorgung von Patienten mit sogenannten Tic-Störungen hinsichtlich der Diagnose, medikamentösen, psychotherapeutischen und in Einzelfällen auch neurochirurgischen Therapie definiert und in der Fachzeitschrift „European Child & Adolescent Psychiatry“ veröffentlicht.

Tics werden als spontane, nicht kontrollierbare Bewegungen und Lautäußerungen definiert, die in der schweren chronischen Form als Tourette-Syndrom bekannt sind. In der leichten Form treten Tics bei etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren auf und gehören damit zu den häufigsten psychisch-neurologischen Störungen. Bei jedem zehnten Betroffenen wird die Erkrankung chronisch. „Leichte Formen der Tic-Störung verschwinden innerhalb eines Jahres oft so schnell, wie sie gekommen sind“, berichtet einer der führenden Tourette-Forscher Deutschlands, Prof. Veit Rößner, aus dem Alltag. Häufig denken Eltern bei einer solchen Störung ihrer Knider jedoch an eine Störung des Nervensystems und nicht die enge Verbindung zu den vielen begleitenden psychischen Problemen.

Den Leitlinien zufolge reicht es gerade bei der leichten Form von Tics meist aus, die Patienten dazu anzuleiten, wie sie mit der Störung umgehen können. Ein Therapiebaustein sind Entspannungsverfahren, da die Tics oft in Stresssituationen auftauchen, wobei emotionale Belastungen verstärkend wirken können. Falls die Betroffenen sehr unter den Tics leiden, ihre schulischen Leistungen sinken oder ihr soziales Umfeld negativ reagiert, empfiehlt die Leitlinie Psychotherapie oder Medikamente sowie in schwersten Fällen des Tourette-Syndroms als neurochirurgische Therapie die Tiefenhirnstimulation. Der psychotherapeutische Ansatz nutzt den Umstand, dass viele Betroffene den sich anbahnenden Tic spüren. Mit diesem Wissen lässt sich dieser mit einer zuvor eingeübten motorischen Gegenantwort abblocken.

In der ärztlichen Praxis werden Medikamente allerdings häufiger eingesetzt als psychotherapeutische Verfahren, zudem ist in Deutschland bei Kindern mit Tic-Störungen nur Haloperidol als Medikament zugelassen, ein sehr schweres Psychopharmakum, dessen Nebenwirkungen wie beispielsweise Sprach- und Schluckprobleme die Erlebnisfähigkeit und Emotionalität einschränken. Ein Ziel der Therapie-Standards ist es somit auch, modernere Wirkstoffe wie etwa Tiaprid für Kinder und Jugendlichen zuzulassen, der wissenschaftliche Nachweis seiner Wirksamkeit steht allerdings noch aus.

(Quelle: European Child & Adolescent Psychiatry Volume 20, Number 4, 153-154 (doi: 10.1007/s00787-011-0165-5); Image src:blogcurioso.com)

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01.09.19